Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Lea, Annie

* 1868 in Northampton, † nach 1903, Ort unbekannt, Pianistin und Klavierlehrerin. Annie Lea war das jüngste von fünf Kindern von Charles (1825−?) und Ann Lea (1828−?). Sie erhielt ihre erste pianistische Ausbildung von Brook Sampson (1848−1920). Seit 1885 ist sie in Northampton öffentlich aufgetreten. Am 5. Okt. des Jahres spielte sie dort innerhalb eines Konzerts ihres Lehrers. Ende 1885 oder Anfang 1886 reiste Annie Lea nach Deutschland. In Frankfurt a. M. begann sie ein Klavierstudium am Hoch’schen Konservatorium bei → Florence Rothschild verh. Bassermann. Zum Studienjahr 1887/1888 wechselte sie in die Klavierklasse von Clara Schumann und studierte 1888/1889 Kontrapunkt bei Iwan Knorr (1853−1916). 1890 beendete Annie Lea ihr Studium in Frankfurt und kehrte nach England zurück. Im Juni befand sie sich in Cheltenham und wirkte dort in einem Konzert des Ladies’ College in der Great Hall mit. Zusammen mit Olga Neruda, die ebenfalls am Hoch’schen Konservatorium bei Clara Schumann studiert hatte, trug sie Saint-Saëns’ Variationen über ein Thema von Beethoven für zwei Klaviere op. 35 vor. 1891 folgten weitere Auftritte in Cheltenham. Vermittelt wurden sie über den Londoner Konzert- und Theateragenten Narciso Vert. Im Mai 1891 schreibt der „Musical Standard“: „An opportunity has recently been afforded of hearing a young lady who has just returned to England after four years’ study with Madame Clara Schumann, Miss Annie Lea, the daughter of Mr. C. Lea, a gentleman resident in Northampton. The programme played on the occasion referred to included works by Beethoven, Schumann, Chopin, Henselt, Rubinstein, and other classical writers for the pianoforte; and while Miss Lea’s technique may without exaggeration be described as admirable, she possesses a refined and highly cultivated artistic temperament, and plays with the taste and feeling of a genuine artist“ (Musical Standard 1891 I, S. 389).

Ende des Jahres 1891 debütierte die Künstlerin in London. Vert hatte für den 19. Nov. 1891 ein Kammerkonzert in der Princes’ Hall organisiert, in dem Annie Lea zusammen mit der Violinistin Frances Ashton aufgetreten ist. Für ihren solistischen Beitrag wählte die Pianistin Nummern aus Robert Schumanns Carnaval op. 9 sowie Anton Rubinsteins Staccato-Etüde C-Dur op. 23 Nr. 2. Die „Musical Times“ kommentiert: „She seemed a trifle nervous in commencing Schumann’s Carnaval, but speedily warmed to her work and gave an excellent performance, noteworthy for intelligence as well as good manipulation“ (MusT 1891, S. 726). Ähnlich äußert sich ein Korrespondent des „Musical Standard“. Er bezeichnet Annie Lea als „a highly gifted young performer, her style being sound, artistic, and conscientious, and she also possesses great natural abilities“ (Musical Standard 1891 II, S. 431). In der Zeitung „Daily News“ wird dane­ben auf den Einfluss Clara Schumanns hingewiesen: „From that distinguished teacher Miss Lea, it will hardly be necessary to state, has acquired a sound and conscientious style, which, being allied with great natural ability and considerable intelligence promises well for her future“ (Daily News 20. Nov. 1891).

Entgegen der Annahme einiger Rezensenten blieb eine Konzertkarriere aus. In den 1890er Jahren ließ sich Annie Lea in Gloucester nieder und erteilte dort seit spätestens 1897 Klavierunterricht. Noch 1903 war sie als Klavierlehrerin tätig. Belege für Konzerte nach 1891 liegen dagegen nicht vor.

 

LITERATUR

Athenæum 1891 II, S. 731

Daily News [London] 20. Nov. 1891

The Era [London] 14. Nov. 1891

FritzschMW 1891, S. 283

The Graphic [London] 28. Nov. 1891

Jahresbericht des Dr. Hoch’schen Conservatoriums für alle Zweige der Tonkunst zu Frankfurt am Main 1885/1886, S. 6; 1886/1887, S. 6, 21, 27, 32; 1887/1888, S. 12, 20, 23, 25, 28, 31; 1888/1889, S. 6, 14, 16, 19; 1889/1890, S. 7, 17

Magazine of Music 1886, S. 174

The Minim 1897, S. 227, 251, 275; 1897, S. 3, 27, 55; 1898, S. 79, 111, 139, 163, 191, 215, 239

Musical Opinion and Music Trade Review 1885, S. 85, 118

Musical Standard 1890 II, S. 46; 1891 I, S. 389; 1891 II, S. 65, 431

MusT 1885, S. 681; 1890, S. 300; 1891, S. 726

MusW 1890, S. 557

The Times [London] 21. Nov. 1891

Heinrich Hanau, Dr. Hoch’s Conservatorium zu Frankfurt am Main. Festschrift zur Feier seines fünfundzwanzigjährigen Bestehens (1878−1903), Frankfurt a. M. 1903.

 

Annkatrin Babbe

 

 

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