Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

GrosscurthGrosscurt, GrosskurtGroßcurth, Großkurth, Großkurt, Emma (Amalie Caroline Wilhelmine), verh. Forkel,Grosscurth-Forkel 

* 19. Jan. 1862 in Kassel, † 6. Mai 1935 ebd., Pianistin. Ihre Eltern waren Johanna Margarete Friederike Grosscurth geb. Rathmann (1839–1902) und der Amtsanwalt und Polizeisekretär Carl Martin Grosscurth (1829–1900). Mit ihren jüngeren Geschwistern Lina (1866–1935) und Hugo (1873–?) wuchs Emma Grosscurth in einem musikliebenden Umfeld auf. Ihren ersten Klavierunterricht erhielt sie von ihrem Vater, später lernte sie bei einer in Paris ausgebildeten Tante Anna und ab 1875 zusätzlich bei Kapellmeister Carl Reiss (1829–1908) vom Hoftheater Kassel. Über den Kasseler Kammermusiker Kogel, der mit dem Liszt-Schüler Eduard Reuss befreundet war, gelang es ihr, im Juni 1879 in Weimar Franz Liszt (1811–1886) vorzuspielen. Ihr Vortrag der Lisztschen Bearbeitung des Spinnerlieds aus Richard Wagners Oper Der Fliegende Holländer und des Rondos op. 16 von Frédéric Chopin wurde mit dem Kommentar „Nicht übel, bravo, aber zu ordentlich!“ (Tagebucheintrag vom 26. Juli 1933, Sophie Drinker Institut) gewürdigt und die Siebzehnjährige damit als Schülerin angenommen. Die Sommermonate 1879 bis 1883 verbrachte Emma Grosscurth in Weimar, wo sie von Carl Lachmund als „eine der besten Schülerinnen Liszts in der Weimarer Zeit“ (Lachmund, S. 301) bezeichnet wird. Aus ihren Briefen dieser Jahre geht hervor, dass Liszt mit ihr zufrieden war und dass ihr immenser Fleiß und ihre Bescheidenheit ihr auch im weiteren Kreis der Lisztianer Sympathien sicherten. In ihren Briefen und Erinnerungen beschreibt sie Liszt als liebenswürdigen und freundlichen Lehrer und bezeichnet sich auf einem Gedenkblatt von 1933 als „Franz Liszt’s dankbare Schülerin“ (http://www.rgrossmusicautograph.com/102-61.html). 1885 suchte sie gezielt auch den Unterricht von Hans von Bülow (1830–1894), dessen Co-Unterweisungen an der Seite Liszts sie bereits 1880 in Weimar als befruchtend erlebt hatte.

 

Die Liszt-Schülerinnen Emma und Lina Grosscurth.

 

Ihre Studien bei Liszt begann Emma Grosscurth vorwiegend mit Musik von Hans Bronsart von Schellendorf, Anton Rubinstein, Frédéric Chopin und Franz Liszt, erweiterte ihr Repertoire aber zielstrebig um Kompositionen von Joh. Seb. Bach, Ludwig van Beethoven, Robert Schumann und um Liszts Schubert-Berabeitungen. Außerdem setzte sie ihren Lehrer damit in Erstaunen, dass sie Chopins Etüde Des-Dur op. 25 Nr. 8 rückwärts spielte. Liszt ließ ihr das Kunststück durchgehen, verlangte aber, dass sie es aufschriebe (Briefe vom 27. u. 29. Apr. 1880, Sophie Drinker Institut). In ihren Konzerten bevorzugte Emma Grosscurth Solostücke von Joh Seb. Bach, Beethoven, Chopin, Liszt, Carl Maria von Weber und Hans von Bülow sowie Schubert- und Wagner-Bearbeitungen, Klavierkonzerte von Beethoven und Mendelssohn sowie Kammermusik (u. a. das Klavierquartett Es-Dur op. 47 von Robert Schumann).

Nachdem Emma Grosscurth bereits 1868 bei einem Kinderkonzert in Kassel mitgewirkt hatte, spielte sie bei ihrem ersten großen öffentlichen Auftreten am 2. Apr. 1875 im 6. Abonnementkonzert des Kasseler Hoftheaters Mozarts Klavierkonzert Nr. 23 A-Dur KV 488. Aufgrund der Darbietung desselben Werkes beim Kasseler akademischen Musikverein einige Wochen später stellte ihr ein Korrespondent der „Signale für die musikalische Welt“ eine erfolgreiche Zukunft als Pianistin in Aussicht. Am 7. Jan. 1881 empfing sie für ihre Darbietung von Werken Franz Liszts und Richard Wagners (Bearbeitung von Louis Brassin) in Marburg „ungeteilte Anerkennung für ihre vortrefflichen Leistungen“ (NZfM 1881, S. 88). In den folgenden Jahren konzertierte sie in verschiedenen Städten Deutschlands, wo sie zumeist mit positiver Kritik bedacht und für ihren „ebenso brillanten als gediegenen Vortrag“ (Musikalisches Centralblatt, S. 95) gelobt wurde. Bei ihrem Debüt im Leipziger Gewandhaus, wo sie ab 1884 mehrfach auftrat, wurden ihr „anmutiges und gefühlvolles Spiel“ (NZfM 1884, S. 451) und ihre „bedeutende technische Gewandtheit“ (Signale 1884, S. 836) gewürdigt; es findet sich jedoch auch eine Anmerkung zu „falschem Pathos“ (Signale 1884, S. 836) und hartem Anschlag sowie 1887 anlässlich ihres ersten Auftritts im Berliner Concerthaus (Leipziger Straße) Kritik an „auffallender Vorsicht“ und „Aengstlichkeit“ (Bock 1887, S. 13).

In der zweiten Hälfte der 1880er Jahre unternahm die Pianistin Tourneen mit dem Bariton Franz Krückl (1841–1899) und dem Tenor Werner Alberti (1860–1934) sowie der Violinistin Armah Senkrah (1864–1900), die sie auch ins Ausland führten (Österreich, Ungarn, Schweiz, Niederlande) und die in der nationalen wie internationalen Presse Beachtung fanden. Nach einem ihrer Leipziger Auftritte schenkte ihr der Klavierbauer Julius Blüthner einen Flügel, den sie 1917 aus Platzgründen weggeben und in der Inflationszeit schließlich verkaufen musste (Tagebucheintrag vom 20. Aug. 1933, Sophie Drinker Institut). In den 1880er Jahren war Emma Grosscurth im Kasseler Richard-Wagner-Verein aktiv und mit dem Vorstand befreundet. Die Künstlerin ist Widmungsträgerin des Präludiums op. 17 des Komponisten und Pianisten William H. Thaule, dessen Musik sie 1883 auch in einem Konzert interpretierte.

Am 11. Aug. 1888 heiratete Emma Grosscurth in Kassel den Coburger Juristen Johann Friedrich Albert Forkel (1859–1917), der von 1888 bis 1893 als Gerichtsassessor im Raum Kassel tätig war, zwischen 1894 und 1903 als Amtsrichter und Bürgermeister in Heide (Holstein) und von 1904 bis 1914 als Beigeordneter in Elberfeld wirkte. In dieser Zeit der ständigen Ortswechsel bekam Emma Grosscurth jeweils im Abstand von fünf Jahren vier Kinder: Waltraut Adolfine Johanna Anna Lina (1889–1983) in Melsungen, Friedrich Bernhard Carl (1894–1918) in Heide, Adolf Max Hermann Hugo (1899–1950) ebd. und Otto Wilhelm Hans Karl (1904–1969) in Elberfeld. 1914 kehrte die Familie Forkel nach Kassel zurück. 1917 starb Emma Grosscurths Mann, 1918 fiel ihr ältester Sohn als Kriegsfreiwilliger in Frankreich. Im Jahr 1922 erkrankte die Musikerin an Parkinson; in einem Brief vom 16. Aug. 1932 bezeichnet sie sich als „behinderte Mutter, um die sich einer ihrer Söhne liebevoll kümmere.

Ihr Mann unterstützte ihr künstlerisches Wirken, motivierte sie zu täglichem Üben und äußerte „den Wunsch, ich sollte ganz der Kunst weiterleben“ (Tagebucheintrag vom 20. Aug. 1933, Sophie Drinker Institut). Emma Grosscurth entschied sich aber nach eigener Darstellung bewusst für das Dasein als Ehefrau und Mutter und beschränkte ihr Klavierspiel fortan überwiegend auf den privaten Bereich. Obwohl Koerner explizit vermerkt: „Nach der Verheiratung blieb sie dem öffentlichen Konzertleben fern“ (Koerner, S. 286), sind nach der Eheschließung einige wenige öffentliche Auftritte nachweisbar. Im Nov. 1888 gab die Künstlerin noch zwei Wohltätigkeitskonzerte. Die Musikzeitschrift für Orgelbau, Orgel- und Harmoniumspiel „Urania“ berichtet weiterhin von einer Mitwirkung bei einem Konzert am 11. Nov. 1889 in Kassel, bei dem sie 32 Variationen über ein eigenes Thema c-Moll WoO 80 von Beethoven spielte. 1911 musizierte sie auf Wunsch ihres Mannes in einem Konzert in Köln mit Konzertmeister Saal eine Violinsonate von Brahms. In Melsungen und Heide gründete Emma Grosscurth darüber hinaus einen „Damenchor“ (Tagebucheintrag vom 20. Aug. 1933, Sophie Drinker Institut), konnte die Leitung aber aufgrund familiärer Verpflichtungen nicht dauerhaft weiterverfolgen.

Emmas Schwester Lina Grosscurth nahm, nach erstem Musikunterricht bei einer Verwandten (Marie Grosscurth), 1882 (passiv) und 1883, vielleicht auch länger, an Franz Liszts Weimarer Meisterkursen teil, lernte außerdem bei dem Liszt-Schüler Eduard Reuss (1851–1911), wurde 1908 zur fürstlich Lippischen Hofpianistin ernannt und wirkte bis zu ihrem Tod als Musiklehrerin in Kassel, wo sie sich auch als Mitbegründerin des „Reichsverbands Deutscher Tonkünstler und Musiklehrer“ und der „Musikgruppe des allgemeinen Deutschen Lehrerinnenvereins“ großer Wertschätzung erfreute. Sie blieb unverheiratet.

 

Emma Grosscurth, Anfang Mai 1935 (?),
die vermutlich letzte Photographie.

 

LITERATUR

Nachlass Emma Grosscurth (Briefe, Aufzeichnungen und Photographien aus dem Familienbesitz), Sophie Drinker Institut Bremen.

5 Briefe von Emma Grosscurth bzw. Emma Forkel an Carl von Lachmund vom 2. Febr. 1886, 15. Jan. 1923, 7. Nov. 1925, 29 Aug. 1927, 27. Sep. 1927, The Carl V. Lachmund Collection, JPB 92-1, Music Division, The New York Public Library, Astor, Lenox and Tilden Foundation, Box 1, Folder 49.

3 Briefe von Emma Forkel an Anna de Lagarde vom 16. Febr. 1892, 22. Febr. 1892, 16. Aug. 1894, Nachlass Paul de Lagarde, Cod. Ms. Lagarde 168: 115, Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen.

23 Briefe von Emma Forkel an Paul und Anna de Lagarde 1884-1885, 1887-1888, 1891, Nachlass Paul de Lagarde, Cod. Ms. Lagarde 150 : 363, Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen.

1 Brief von J. v. Gilsa an Emma Forkel vom 10. März 1920, Nachlass Ludwig Schemann, NL 12/3306, Universitätsbibliothek Freiburg i. Breisgau.

7 Briefe, 3 Briefkarten, 2 Postkarten, 1 Fragment von Emma Forkel an Ludwig Schemann 1883-1933, Nachlass Ludwig Schemann, NL 12/1822, Universitätsbibliothek Freiburg, Breisgau.

Bock 1875, S. 118; 1886, nach S. 368, nach S. 400; 1887, S. 13

Dagbladet. Tidning från Helsingfors [Helsinki] 19. Febr. 1888

FritzschMW 1883, S. 164; 1887, S. 24, 396

Musikalisches Centralblatt 1882, S. 69, 94, 95; 1884, S. 20, 361

NZfM 1881, S. 88, 529; 1882, S. 19, 127, 128; 1883, S. 559; 1884, 451; 1885, S. 488; 1887, S. 136, 162; 1888, S. 346

Signale 1875, S. 330, 484; 1881, S. 315; 1883, S. 380; 1884, S. 836; 1885, S. 226; 1887, S. 123, 265, 547; 1908, S. 1488

William Thaule, Praeludium für das Pianoforte. Op. 17. Fräulein Emma Grosskurth gewidmetBremen, Praeger & Meier, 1882.

Bernhard Koerner (Hrsg.), Genealogisches Handbuch bürgerlicher Familien, 119 Bde., Bd. 92, Görlitz 1936.

Carl Lachmund, Mein Leben mit Franz Liszt, Eschwege 1970.

Wilhelm Jerger (Hrsg.), Franz Liszts Klavierunterricht von 1884–1886, dargestellt an den Tagebuchaufzeichnungen von August Göllerich, Regensburg 1975.

Nicholas Marston, Schumann: Fantasie, Op. 1, Cambridge 1992.

Alan Walker, Franz Liszt, 3 Bde., Bd. 3: The Final Years1861–1886, New York 1996.

Franz Metz, Der Temeswarer Philharmonische Verein. Eine Chronik südosteuropäischer Musikgeschichte, 1850–1950, München 2005.

Alan Walker, Hans von Bülow. A Life and Times, Oxford 2009.

http://www.rgrossmusicautograph.com/102-61.html, Zugriff am 21.Dez.2012.

 

Bildnachweis

Die Liszt-Schülerinnen Emma und Lina Grosscurth. In: Lachmund, S. 33, Abb. 10.

Photographie Emma Grosscurth, Anfang 1935 (?), Sophie Drinker Institut

 

Wibke Gütay

 

© 2013 Freia Hoffmann