Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Rhode, Anna, AnnyAnnie (Rudolphine)

* 21. Juni 1875 in Meerane, Sterbedaten unbekannt, Violinistin. Eine erste musikalische Ausbildung erhielt Anna Rhode bei ihrem Vater, einem Obertelegraphen-Assistenten in Leipzig. Ebenda wurde die Musikerin zwei Jahre lang auf dem Klavier und der Geige von einem Herrn Wahls unterrichtet. Sie absolvierte außerdem ein Studium am Leipziger Konservatorium, wo sie zwischen dem 3. Okt. 1889 und dem 15. Juli 1897 eingeschrieben war. Während des Studiums trat die Musikerin in den öffentlichen (Prüfungs-)Konzerten der Einrichtung in Erscheinung. Hierin spielte sie u. a. Kompositionen von Louis Spohr (Violinkonzert Nr. 9 d-Moll op. 55), außerdem Kammermusik von Mozart (nicht näher definierte Streichquartette in G-Dur und d-Moll sowie ein Streichquintett in h-Moll) und Beethoven (Streichquartett Nr. 1 F-Dur op. 18 Nr. 1). Beachtung hierfür erfuhr sie nicht allein in der deutschen, sondern auch in der englischen Fachpresse. Über einen Auftritt am 22. Sept. 1893 ist im Londoner „Musical Standard“ zu lesen: „Among the students at the Conservatorium whom I am watching with interest is Fräulein Anna Rhode of this city. […] She led in Beethoven’s String Quartet (Op. 18, in F major) and, being ably supported by the Herren [Emil] Herrmann, [Bruno] Michaelis and [Hugo Eduard] Schlemüller, received special and well-earned ovation. At her present rate of progress she will make her mark“ (Musical Standard 1893 II, S. 270). Noch während des Studiums ließ sich Anna Rhode auch andernorts hören. In einem Wohltätigkeitskonzert in Zwickau spielte die Musikerin am 25. Febr. 1896 „das Violinconcert in D moll von Vieuxtemps [Nr. 4 op. 31] und je eine Composition v. Sarasate und Brahms, wobei ihr die respectable Technik, der kräftige Ton und die gefühlvolle Vortragsweise einen ehrenden Erfolg verschaffte“ (NZfM 1896, S. 408). Mit Louis Spohrs Violinkonzert Nr. 9 absolvierte die Geigerin 1897 eine ihrer letzten Prüfungen am Leipziger Konservatorium. In deutschen Fachblättern erfuhr sie hierfür großen Zuspruch. Dem Rezensenten der Zeitschrift „Signale für die musikalische Welt“ zufolge erwies sich Anna Rhode mit ihrem Vortrag als „eine Geigen-Begabung ausgesprochenster Art und [zeigte] eine bereits weit vorgeschrittene Ausbildung in technischer Beziehung, bei schöner Tongebung und wohlempfundener Ausdrucksweise (von welch letzterer besonders das Adagio des Concertes beredtes Zeugniß gab)“ (Signale 1897, S. 292). In der „Neuen Zeitschrift für Musik“ wird ihr Beitrag als „die beste Leistung der vierten Conservatoriumsprüfung“ bezeichnet. Weiter heißt es: „Hier begegnet uns in der That ein auserwähltes Talent, auf welches sich bedeutende Hoffnungen setzen lassen, sowohl auf ihre hervorragende technische Sicherheit hin, als vor Allem auf die Schönheit und Elasticität ihres Tones und die seelenvolle Art ihres Ausdrucks, vor Allem im Adagio“ (NZfM 1897, S. 219). Auch das Urteil ihres Lehrers fällt günstig aus. Er schreibt im Zeugnis vom 16. Juli 1897: „Frl. Rhode […] erreichte durch ihren steten Fleiß, sowie durch ihre vorzügliche Begabung für das Violinspiel […] eine hohe Stufe der Ausbildung. Sie spielte öfters in den Abendunterhaltungen […] und in der Hauptprüfung des Königl. Conservatoriums der Musik am 5. März 1897 brachte dieselbe das Conzert No. 9 v. Spohr mit grossem Erfolge zum Vortrag“ (Zeugnis vom 16. Juli 1897).

Für die Konzertlaufbahn nach dem Studium liegen kaum Belege vor. Die „Neue Musik-Zeitung“ gibt 1899 an, dass Anna Rhode in Leipzig wohnen und von dort aus diverse Konzertreisen unternehmen würde. Sie sei „nicht nur in Deutschland, sondern auch im Auslande mit vielem Erfolge öffentlich aufgetreten“ (NMZ 1899, S. 81) und wird hier als „beachtenswerte Erscheinung unter den geigenden Feen, deren Stern im Aufsteigen begriffen ist“ bzw. als eine „in noch sehr jugendlichem Alter stehende anmutige Geigerin, welche über einen schönen, vollen Ton und entwickelte Technik verfügt“ (ebd.), vorgestellt. Zwischen 1898 und 1900 sind zwei Auftritte in Berlin belegt. Ende 1898 bzw. Anfang 1899 konzertierte sie dort zusammen mit der Sängerin Mary Forrest. Die Besprechung in der „Neuen Zeitschrift für Musik“ fällt für die Geigerin vernichtend aus. Während die Sängerin allein lobende Erwähnung findet, heißt es über Anna Rhode: „Nur ihre Mitwirkung hätte sie [Mary Forrest] sorgfältiger wählen sollen. Was in aller Welt hat sie dazu bewogen, die noch in der Anfängerschaft steckende Violinistin Anna Rhode zu acceptiren? Zwar ist das Gesichtchen der jungen Geigerin allerliebst, desto unreiner und unfertiger waren ihre Vorträge“ (NZfM 1899, S. 16). Weitaus günstiger war der Eindruck eines Rezensenten der „Signale für die musikalische Welt“ nach einem Auftritt in der Singakademie mit dem Philharmonischen Orchester im Jahr 1900. In dem Vortrag von Louis Spohrs Violinkonzert Nr. 9 und Max Bruchs Konzert Nr. 1 g-Moll op. 26 zeigte die Musikerin, so heißt es dort, „erfreuliches technisches Geschick und eine schöne musikalische Begabung“ (Signale 1900, S. 887).

 

 

LITERATUR

Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ Leipzig, Bibliothek/Archiv, Eintrag in das Inskriptionsregister A I.1, 5252; Inskriptionsformular A I.2, 5252; Zeugnisse A I.3, 5252

FritzschMW 1893, S. 415

Musical Standard 1893 II, S. 270; 1894 I, S. 125f.; 1895 I, S. 197

Die Musik 1902/03 III, S. 227

NMZ 1899, S. 81

NZfM 1894, S. 69; 1896, S. 408; 1897, S. 219; 1899, S. 15f.

Die Redenden Künste 1897, S. 682

Signale 1895, S. 291; 1897, S. 292; 1900, S. 887; 1905, S. 483

 

Bildnachweis

NMZ 1899, S. 81

 

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