Jahresbericht 2016

 Dieser Bericht wird zur Abwechslung nicht mit Gartenbildern dekoriert, sondern mit unserem Institutskater Felix. Eigentlich gehört er zu den Mietern im 1. Obergeschoss, aber wie man sieht, ist er gern zu einem Nickerchen bei uns bereit, wenn tagsüber oben niemand zu Hause ist. Ansonsten macht er sich nützlich und hält in Haus und Garten die Mäuse in Schach. Die Vögel im Garten (Meisen, Rotkehlchen, Amseln, Zaunkönige, Buntspechte, Eichelhäher) sind so weit trainiert, dass sie ihn elegant umfliegen und die Terrasse mit dem Futterhäuschen als ihr Revier betrachten und eifrig nutzen.

 

 

Aus dem Jahr 2016 gibt es wieder, neben der wissenschaftlichen Arbeit, Einiges zu berichten. Eine traurige Nachricht erreichte uns Ende Juni: Thomas Beimel, der uns in der Gründungszeit des Sophie Drinker Instituts die Verwahrung des kompositorischen Nachlasses von Myriam Marbe vermittelte und Autor unserer Schriftenreihe war, starb am 29. Juni völlig unerwartet an Herzversagen. Er war Komponist, Bratscher, Mitbegründer des Improvisationsensembles Partita Radicale, Rundfunkautor, Initiator von Kooperationsprojekten mit Schulen sowie Stipendiat und Composer in Residence verschiedener Organisationen. Er hat das Institut oft besucht und sich bis zuletzt für eine vorbildliche Nachlassverwahrung seiner Kompositionslehrerin eingesetzt, vor allem auch für die Möglichkeit, ihre Werke auf unserer Internetseite einzusehen und kostenlos auszudrucken. Sein Freund Ulrich Land hat bei einer Gedenkfeier am 26. August einen sehr berührenden Nachruf vorgetragen, den man auf unserer Internetseite nachlesen kann.

 

Veranstaltungen

Am 5. April gab es im Institut ein spontan angesetztes wunderbares Konzert: Das Veits Quintett bereitete sich in Bremen auf eine CD-Einspielung vor und wollte das Programm einmal im Konzert spielen. Die ZuhörerInnen erlebten einen faszinierenden Abend mit virtuosen MusikerInnen - Sunghyun Cho (fl), Kyeong Ham (ob), Han Kim (klar), Ricardo Silva (hrn), Rie Koyama (fag) - und einem fulminanten Zusammenspiel. Die CD mit Bläserquintetten von Ravel, Francaix, Taffanel und Ibert ist ein paar Wochen später erschienen, kann im Internet probegehört und über jpc erstanden werden. Ein heißer Tipp für alle, die Bläserquintett mögen!  

 

Das Veits Quintet im Treppenhaus des Sophie Drinker Instituts

 

Am 17. Juni war Prof. Dr. Nina Noeske von der Hochschule für Musik und Theater Hamburg mit einem spannenden Vortrag zum Thema „Musik und Kitsch“ im Institut, der uns noch lange Diskussionsstoff bot. Am 16. September war wieder die Berliner Schauspielerin und Sängerin Evelin Förster bei uns zu Gast und trug zusammen mit dem Pianisten Ferdinand von Seebach ihr Programm „Ich bin eine Frau, die weiß was sie will“ vor. Wer Evelin Förster noch nicht kennt, kann sich einen Eindruck verschaffen mit Hilfe ihrer neuen CD – durch die Auswahl der Chansons, den exzellenten Vortrag und die Arrangements eine wirkliche Entdeckung!(Bestellung über www.evelin-foerster.de/bestellung).

 

 

Ein Vortrag von Prof. Dr. Christine Siegert (Beethoven-Archiv Bonn) über „Beethovens starke Frauen“, der auf unserer Homepage angekündigt war, musste auf Februar 2017 verschoben werden.

Auch der Gesangs-Meisterkurs von Rachel Bersier fand wieder zweimal in unseren Räumen statt (6. bis 10. April, 9. bis 13. Oktober).

 

Tagungen und Vorträge

MitarbeiterInnen des Instituts waren mit verschiedenen Themen unterwegs:

  • 8. März 2016, Volker Timmermann: Vortrag beim Symposium zu „Virtuosinnen“: „Geigerinnen im 18. und 19. Jahrhundert: Ein historischer Überblick“,Universität für Musik und darstellende Kunst Wien

  • 8. Mai 2016, Annkatrin Babbe: Vortrag bei der Arbeitstagung „Populares und Popularität in der Musik“: „Von Ort zu Ort. Reisende Damenkapellen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts“, Kloster Michaelstein

  • 8. Mai 2016, Volker Timmermann, Vortrag bei der Arbeitstagung „Populares und Popularität in der Musik“: „Reisende Musikerinnen aus den venezianischen Ospedali“, Kloster Michaelstein

  • 5. bis 11. Juni 2016, Freia Hoffmann: Forschungsaufenthalt in Strasbourg zur Vorbereitung des Konservatoriums-Projekts (s. u.).

  • 28. Juni 2016, Kadja Grönke: Vortrag bei der Ringvorlesung „Aspekte der Musikwissenschaft“ im Rahmen des Ersten Essener Wissenschaftssommers: „Hans Werner Henzes Ballettmusik Le fils de l'air ou L'enfant changé en jeune homme“, Folkwang Universität der Künste Essen

  • 1. Juli 2016, Kadja Grönke: Vortrag beim Symposium „Hans Henze“: „Erlkönigs Kinder. Variationen mit Thema zu Hans Werner Henzes Erlkönig. Orchesterfantasie über Goethes Gedicht und Schuberts Opus 1“, Hochschule für Künste Bremen

  • 14. August 2016, Freia Hoffmann: Vortrag beim Rheingau-Festival: „Komponistinnen der Romantik und des Fin de siècle. Von der Berufung zum Beruf“ (Fanny Hensel, Clara Schumann, Lili Boulanger). Schloss Johannisberg bei Geisenheim

  • 5. Oktober 2016, Volker Timmermann: Vortrag beim Fortepiano-Festival: „Clara Schumann und die Schwestern Milanollo – Vermarktungsstrategien und Starkonzepte im 19. Jahrhundert“, Musikhochschule Stuttgart

  • 9. Oktober 2016, Freia Hoffmann: Vortrag bei Fortepiano-Festival: „Clara Schumann − Stationen eines außergewöhnlichen Lebensweges“, mit Musikbeispielen und Bildern. Landesmuseum Stuttgart

  • 9. Oktober 2016, Freia Hoffmann: Gesprächskonzert mit der Pianistin Yuko Abe-Haueis „Clara und Robert Schumann – zwischen Liebe und Kunst“. Schlosskapelle Solitude, Stuttgart

  • 24. Oktober 2016, Freia Hoffmann mit Monika Holzbecher: Fortbildung zum Thema „Sexuelle Übergriffe“ an der Robert Schumann Hochschule Düsseldorf

  • 4. November 2016, Freia Hoffmann: Vortrag bei der Jahrestagung des Landesverbandes Hessen des VdM (Verband deutscher Musikschulen): „Deine Schülerinnen sind doch alle in dichverliebt‘. Wünschenswerte Nähe und notwendige Distanz imMusikunterricht“. Vortrag Oberorke/Hessen

 

Publikationen

Was unsere Publikationstätigkeit anbelangt, ist in erster Linie mit Freude und Erleichterung auf den endlich erschienenen Aufsatzband

„Musikerinnen und ihre Netzwerke im 19. Jahrhundert“, hrsg. von Annkatrin Babbe und Volker Timmermann (Band 12 unserer Schriftenreihe, Oldenburg 2016), 26,80 €

 zu verweisen. Seit Juni ist das Buch auf dem Markt; enthalten sind Beiträge von Annkatrin Babbe, Katharina Deserno, Raymond Dittrich, Christine Fornoff, Karl Traugott Goldbach, Kadja Grönke, Freia Hoffmann, Irène Minder-Jeanneret, Claudia Schweitzer, Monika Tibbe, Volker Timmermann und Susanne Wosnitzka.

Der folgende Band der Schriftenreihe ist − aus großer Begeisterung über Volker Timmermanns Budapester Entdeckung − etwas schneller entstanden und gedruckt worden, durch die Mitwirkung der InstitutsmitarbeiterInnen aber nicht weniger sorgfältig geprüft:

„So ein glänzendes Elend ist der Künstlerstand!“ Aus dem Tagebuch der Violoncellistin Rosa Suck. Wien 1859 und Paris 1866, Hrsg. von Freia Hoffmann und Volker Timmermann (Band 13, Oldenburg 2017), 21,80 €

Wer unsere Forschungsschwerpunkte verfolgt hat, wird den Seltenheitswert dieses Textes einschätzen können: Um die Mitte des 19. Jahrhunderts sind nur sehr wenige Violoncellistinnen nachgewiesen, und von Rosa Suck liegt noch dazu ein umfangreiches über neun Jahre geführtes Tagebuch vor. Für alle, die an kulturgeschichtlichen Fragen interessiert sind, ist der Band eine Fundgrube. Rosa Suck berichtet nicht nur über ihre Kontakte zu zahlreichen Komponisten, MusikerInnen und MäzenInnen ihrer Zeit, sondern gibt Einblicke in Reisebedingungen, Konzertorganisation, Pressewesen und die Salonkultur der 1850er und 1860er Jahre. Geboren als Tochter des deutschen Violoncellisten Leopold Suck, wuchs sie in Pest auf und trat auch, mit dem Segen des ungarischen Freiheitshelden Gyula Andrássy versehen, in Wien und Paris als eine Art Botschafterin ungarischer Kultur auf. Das Buch ist mit allen notwendigen Erläuterungen und einer Vielzahl von Illustrationen versehen.

Als Band 14 wird die Dissertation von Volker Timmermann erscheinen: „Wie ein Mann mit dem Kochlöffel“. Geigerinnen um 1800.

Für Band 15 ist eine Monographie über die Komponistin, Dirigentin, Pianistin und Musikschriftstellerin Mary Wurm (Autorin Monika Tibbe) vorgesehen.

Im April erschien im Fachmagazin für BlasmusikClarino“ ein Artikel unserer Mitarbeiterin Johanna Imm unter dem Titel „Nichts für zarte Finger. Drei Metallblasinstrumentenmacherinnen berichten von ihren Erfahrungen“.Der Text basiert auf den Ergebnissen einer Umfrage zur Situation von Metallblasinstrumentenbauerinnen, die Johanna im vorigen Jahr durchgeführt hatte. Die Ergebnisse der Umfrage sind auf unserer Homepage nachzulesen. Herzlichen Glückwunsch zur ersten Publikation!

 

Wie im vorigen Jahresbericht angekündigt, stellen wir zum Schluss unser neues Forschungsprojekt vor:

„Geschichte der deutschsprachigen Konservatorien im 19. Jahrhundert“

Dass eine solche Darstellung bis heute nicht vorliegt, hat seinen Grund einerseits in einer komplizierten Sachlage: Seit Beginn des 19. Jahrhunderts wurden in zunehmender Geschwindigkeit Ausbildungsinstitutionen gegründet, die versuchten, dem wachsenden quantitativen und qualitativen Bedarf des bürgerlichen Musiklebens gerecht zu werden. Die Begriffe „Musikschule“ und „Conservatorium“ waren keineswegs auf Institute beschränkt, die der professionellen Ausbildung dienten, und es ist in vielen Fällen unklar, welcher Fächerkanon angeboten wurde. 1899 gab es allein in Berlin 61 „Conservatorien“, dazu 32 „Musikinstitute“ und 5 „Musikschulen“. Andererseits ist die Geschichtsschreibung von professionellen Ausbildungsinstituten bis heute geprägt von Festschriften, die mehr auf die Würdigung der Bedeutung (Lehrkräfte, Absolventen) ausgerichtet sind als auf institutionengeschichtliche Informationen.

Das Desiderat einer umfassenden Darstellung, die auch Vergleiche erlaubt, ist uns bei der Arbeit am Instrumentalistinnenlexikon wiederholt bewusst geworden. Nirgendwo war Auskunft über die diesbezügliche Geschichte des Frauenstudiums zu erlangen − immerhin waren Konservatorien seit 1817 die einzigen Orte, wo junge Mädchen eine qualifizierte Berufsausbildung (wenigstens als Sängerinnen) erhalten konnten, fast 100 Jahre, bevor sich z. B. in Preußen auch Universitäten für Frauen öffneten (1908). Wenn wir vereinzelt auf Musikerinnen stießen, die an Konservatorien unterrichteten, war es also schwierig, dies in einen Gesamtkontext einzuordnen.

Unser Interesse geht aber inzwischen über die Gender-Thematik weit hinaus. Es sind spannende Fragen, die sich in diesem Projekt stellen: Welches waren die Motive für die Gründungen? Wer ergriff die Initiative − Bürger, Adlige, kommunale oder staatliche Institutionen? Wie wurde die Finanzierung geregelt? Bequemten sich Kommunen, Länder oder Staaten im Lauf des Jahrhunderts, die Nachwuchsausbildung für öffentliche Kultureinrichtungen selbst in die Hand zu nehmen? Wie versuchten Konservatorien, in das öffentliche Musikleben hineinzuwirken? Wie entwickelten sich Fächerspektren und Studieninhalte? Wie ist der Einfluss des Pariser Konservatoriums zu bewerten, welche regionalen Schulen entwickelten sich, und wie wirkten sie wiederum in andere Institutionen und Länder hinein?

Das Problem der Orientierung in der unübersichtlichen Ausbildungslandschaft versuchen wir mit einer Auswahl der 17 wichtigsten Konservatorien zu lösen. Sie sollen in einem voraussichtlich dreibändigen Werk dargestellt werden, dessen Veröffentlichung uns der Olms Verlag in Hildesheim in Aussicht gestellt hat. Jede Institution, chronologisch nach Gründung sortiert, soll in einem Umfang von jeweils 40 bis 80 Seiten behandelt werden und zwar mit einem Kriterienkatalog, der eine vergleichende Darstellung und Beurteilung erlaubt. Die Reihenfolge wird chronologisch nach Gründungsjahr gewählt:

1. Prag, ab 1811 (Freia Hoffmann)

2. Wien, ab 1817−1848, ab 1851(Annkatrin Babbe)

3. Leipzig, ab 1843 (Kadja Grönke)

4. München, ab 1846–1865, ab 1867 (Jannis Wichmann)

5. Berlin: Stern’sches Konservatorium, ab 1850 (Freia Hoffmann)

6. Köln, ab 1850 (Volker Timmermann)

7. Strassburg, ab 1855 (Freia Hoffmann)

8. Dresden, ab 1856 (Freia Hoffmann)

9. Stuttgart, ab 1856 (Kadja Grönke)

10. Berlin: Königliche Hochschule, ab 1869 (Volker Timmermann)

11. Hamburg, ab 1873 (Freia Hoffmann)

12. Würzburg, ab 1875 (Jannis Wichmann)

13. Weimar, ab 1877 (Volker Timmermann)

14. Frankfurt:Hoch’sches Konservatorium, ab 1878 (Annkatrin Babbe)

15. Salzburg, ab 1880

16. Sondershausen, ab 1883 (Freia Hoffmann)

17. Karlsruhe, ab 1884 (Luisa Klaus)

 

An der Auswahl kann sich noch etwas ändern, sollte sich im Lauf der Bearbeitung die Frage nach der Bedeutung im Gesamt-Vergleich neu stellen. In Klammern steht der Name des Mitarbeiters bzw. der Mitarbeiterin, die die jeweilige Institution recherchiert und darstellt.Als Beispiel ist das Kapitel über das Konservatorium in Straßburg bereits fertig gestellt und zwar mit folgender Gliederung, die auch für die anderen Institutionen vorgesehen ist:

  • Allgemeiner Überblick
  • Finanzierung
  • Gebäude
  • Studienjahr
  • Studienbedingungen
  • Prüfungen
  • Anzahl, Herkunft und Fächerwahl der Studierenden
  • Studentinnen
  • Lehrkräfte
  • Nebenfächer
  • Schülerkonzerte
  • Studieninhalte
  • Regionale Besonderheiten
  • Bedeutung

 

Angeschlossen sind eine Tabelle der jeweils angebotenen Fächer und eine lexikalische Auflistung des Lehrpersonals.

Den drei Bänden wird voraussichtlich eine CD-Rom beigefügt, auf der größere Dateien Platz finden, wie die bereits angelegte ca. 300 Titel umfassende Bibliographie sowie Schülerlisten, soweit sie von uns erstellt werden können.

 

Kooperationen: Neben einigen deutschen Fachkollegen, die uns bereits ihre Unterstützung zugesagt haben, besteht eine Vereinbarung mit dem französischen Forschungsprojekt „Histoire de l’enseignement public de la musique en France au XIXesiècle“ unter der Leitung von Cécile Reynaud, Paris. Hier gibt es vor allem ein Interesse an Informationen, inwiefern das Pariser Konservatorium auf die deutsche Ausbildungslandschaft eingewirkt hat − eine Frage, die selbstverständlich auch die unsrige ist.

Mit einer Veröffentlichung rechnen wir nicht vor 2020.

 

Bleibt uns − auch Volker Timmermann, Kadja Grönke, Annkatrin Babbe, Jannis Wichmann, Luisa Klaus und Johanna Imm − nur, Ihnen einen erholsamen und ruhigen Jahreswechsel sowie ein munteres Jahr 2017 zu wünschen.

 

Ihre

Geschäftsführerin und Leiterin des Sophie Drinker Instituts           

Außer der Schleifmühle 28

28203 Bremen      

Tel. 0421/94 90 800

info@sophie-drinker-institut.de