Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Robinson, Winifred

* 1866 oder 1867 in Boston/Lincolnshire, Sterbedaten unbekannt, Violinistin, Pianistin und Dirigentin. Sie war die Tochter des Geistlichen der Unitarian Church William Wynn Robinson (um 1833−1907) und seiner Frau Emma geb. Clepham (um 1842−?). Der britische Census aus dem Jahr 1871 führt mit Herbert Clepham Robinson einen Bruder der Musikerin an. 1881 finden sich dort mit Ethel, Kate M., Geo H., Mona und Percival Robinson fünf weitere Geschwister und 1891 mit Dorothy O. Robinson eine weitere Schwester. Dem British Census aus dem Jahr 1881 zufolge lebte Winifred Robinson zu dieser Zeit bereits in London.

Am 14. Mai 1877, im Alter von elf Jahren, wirkte die Geigerin erstmals in der Öffentlichkeit. Den Rahmen bildete ein von ihrem Vater initiiertes Wohltätigkeitskonzert in der Temperance Hall in Gainsborough. Die Mutter, Emma Robinson, lieferte Gesangsbeiträge und Winifred Robinson, so der „Lincoln, Rutland, and Stamford Mercury“, „executed some violin pieces very skillfully, especially the ‚Cuckoo solo.‘“ (18. Dez. 1877). Von 1880 an lassen sich weitere öffentliche Auftritte der Musikerin nachweisen, so am 21. Febr. des Jahres in der Birminghamer Town Hall. Für ihren Vortrag von Kammermusik von Franz Schubert sowie des Adagio und Rondo aus Pierre Rodes Violinkonzert Nr. 8 attestiert ein Rezensent der „Birmingham Daily Post“ der Geigerin „considerable executive skill“ (Birmingham Daily Post 24. Febr. 1880), die „Musical Times“ lobt „wonderful taste and ability“ (MusT 1880, S. 141).

Dem Lexikographen John Warriner zufolge studierte Winifred Robinson bereits im Alter von zehn Jahren Geige bei Prosper Sainton (1813−1890), einem Schüler von François-Antoine Habeneck, an der Londoner Royal Academy of Music. Zwischen 1882 und 1887 wirkte sie regelmäßig in den Students’ Orchestral Concerts, den Students’ Chamber Concerts sowie den „meetings of professors and students“ (MusW 1884, S. 437) mit.

Mit Werken vorwiegend klassisch-romantischer Prägung erarbeitete sie sich dabei ein umfangreiches Repertoire: Violinkonzerte von Spohr, Mendelssohn, Bruch, Joh. Seb. Bach und Alexander Mackenzie befinden sich ebenso unter den aufgeführten Kompositionen wie Kammermusik von Händel, Beethoven, Robert Schumann, Ludwig Maurer und Mendelssohn, außerdem Kammermusikwerke aus der Feder von KommilitonInnen und Solowerke von Wieniawski.

Mehrfach wurde Winifred Robinson an der Royal Academy of Music mit Preisen ausgezeichnet. Im Sommer 1882 erhielt sie eine Auszeichnung für ihr Violinspiel. Eine Silbermedaille, und damit die zu diesem Zeitpunkt höchste Prämierung an der RAM, sowie ein Preis für ihr Vom-Blatt-Singen wurden der Geigerin im Jahr 1884 verliehen. Im darauffolgenden Jahr setzte sie sich gegen neun Mitstreiter im Wettbewerb um den Kelsall Prize durch und gewann eine Violine.

Schon für ihre Auftritte im Rahmen der Hochschulkonzerte erhielt Winifred Robinson enthusiastische Pressebesprechungen. Dies gilt ebenfalls für ihre Auftritte außerhalb der Hochschule. Sowohl in London als auch in weiteren englischen Städten (u. a. Lancaster, Wakefield, Bromley, Birmingham, Newport und Gainsborough) war sie bereits während ihrer Studienzeit zu hören. Wiederholt trat sie in den Vocal Academies der Altistin Charlotte Helen Sainton-Dolby, der Ehefrau ihres Lehrers, in der Londoner Steinway Hall auf. Über ihren ersten Auftritt in diesem Rahmen im Dez. 1883 ist in dem Londoner Blatt „The Era“ zu lesen: „This young lady […] has great talent, and her rendering of Wieniawski’s polonaise in A as a solo for the violin was a remarkable effort for so youthful a student. Miss Robinson will become a distinguished violinist we have little doubt. Already she has great command of the instrument“ (The Era 15. Dez. 1883). Ähnliche Prognosen finden sich in Besprechungen von Auftritten in Konzerten der Royal Academy of Music: „Though prophecy is proverbially unsafe, were we to foretell that Miss Winifred Robinson will bloom into an English Néruda the risk would trouble us very little. Exceptionally gifted, as beyond all question she is, her future should be bright with exceptional success“ (MusW 1885, S. 428). Die „Musical World“ hebt „purity of tone and grace of style“ (ebd. 1883, S. 796) hervor. Im „Leicester Journal“ liest man: „Her tone is pure, and execution perfect, whilst her good taste displays at once her natural ability and her sound training“ (zit. nach Musical Standard 1887 II, S. 406).

Ein erstes eigenes Konzert veranstaltete Winifred Robinson erst nach Abschluss ihres Studiums: Am 17. Apr. 1888 ließ sie sich mit dem Andante und Finale aus Mendelssohns Violinkonzert op. 64, Joh. Seb. Bachs Chaconne aus der Partita für Violine solo Nr. 2 d-Moll BWV 1004, der Romanze G-Dur op. 26 von Johan Svendsen, Gondoliera und Perpetuum mobile aus der Suite Nr. 3 für Violine und Klavier op. 34 von Franz Ries, außerdem mit Joachim Raffs Klaviertrio Nr. 1 c-Moll op. 102 und Griegs Violinsonate Nr. 1 F-Dur op. 8 in der Londoner Princes’ Hall hören. Die Mitwirkenden waren die Pianistin Fanny Davies, der Violoncellist Charles Harry Allen Gill und die Sängerin Eleanor Rees. Bis 1893 veranstaltete die Geigerin jährlich ein eigenes Konzert in der Princes’ Hall. Von 1894 an verlegte sie diese Veranstaltung in die Queens’ Hall. Wiederholt waren Fanny Davies und Charles Harry Allen Gill an den Konzerten beteiligt. Mehrfach wirkte auch Winifred Robinsons Schwester, die Geigerin Kate Robinson, mit, außerdem die Violinistin und Bratschistin → Cecilia Gates, die Cellistin Kate Ould sowie der Cellist William Edward Whithouse und der Geiger Gerald Walenn.

Im Übrigen war Winifred Robinson vorwiegend in Konzerten von KünstlerkollegInnen und Musikgesellschaften zu hören. Vornehmlich wirkte sie in London, aber auch in Ipswich (1888), Cheltenham (1890), Birmingham (1891), Rotherham (Wintersaison 1891/1892) und York (1894). Zudem unternahm sie zwei Konzertreisen nach Deutschland. Am 19. Okt. 1887 konzertierte die Geigerin in Braunschweig, woraufhin im „Musical Standard“ zu lesen war: „Miss Winifred Robinson, the gifted pupil of Mr. Sainton, at the Royal Academy of Music, is winning favour in Germany“ (Musical Standard 1887 II, S. 345). In der Wintersaison 1896/1897 reiste sie ein weiteres Mal nach Deutschland und ließ sich in dieser Zeit in Berlin hören.

1892 berichten die Londoner „Daily News“ von einem Auftritt von „Miss Winifred Robinson’s quartet, consisting of two violins, viola and ’cello“ (Daily News 10. Juni 1892) in der Londoner East Gallery im Rahmen eines jährlichen Treffens der British and Foreign Unitarian Association. Um eine feste Kammermusikformation scheint es sich dabei nicht zu handeln. Ebenfalls mit einem Frauenstreichquartett ließ sich Winifred Robinson am 1. Juni 1895 in einem ihrer eigenen Konzerte hören. Mit Maud Turner (Violine), Edith Werge (Viola) und Kate Ould (Violoncello) spielte sie Mendelssohns Quartett Nr. 3 Es-Dur op. 44 und Dvořáks Klavierquintett Nr. 2 A-Dur op. 81. Dasselbe Streicherensemble wirkte auch im Nov. und Dez. 1895 in Konzerten der neugegründeten Ladies’ Concert Society, zu deren Mitinitiatorinnen Winifred Robinson zählte, mit. Mendelssohns Streichquartett Nr. 1 Es-Dur op. 12, Haydns Quartett G-Dur op. 76 (Erdödy-Quartette) Nr. 1, Johan Svendsens Quartett a-Moll op. 1 sowie ein Quartett von Mozart standen auf den Programmen. Über den Auftritt am 9. Nov. 1895 in der Bloomsbury Hall urteilt ein Rezensent der „Musical News“: „Miss Robinson proved a somewhat demonstrative leader, but was thoroughly happy in her performance of solos by Sainton“ (Musical News 1895 II, S. 411). Eine feste Kammermusikformation war auch dieses Streichquartett offenbar nicht. Im Juni 1896 war Winifred Robinson in einem Konzert der genannten Gesellschaft mit der Pianistin Emily Christie und Kate Ould in anderer Besetzung zu hören. Auch darüber hinaus lassen sich keine Auftritte mit einem festen Ladies’ Quartet belegen; wohl aber lässt sich die Tendenz beobachten, dass Winifred Robinson in dieser Zeit vor allem mit Musikerinnen konzertiert hat. Im Juni 1904 ist erneut die Rede von „Miss Winifred Robinson’s Quartet“ (Musical Standard 1904 I, S. 361), diesmal mit den Musikerinnen Amy Inglis, Sybil Maturin und Dorothy Densham. Fehlende weitere Konzerthinweise lassen vermuten, dass auch dies kein festes Ensemble war. Gleichzeitig verliert sich mit diesem Auftritt im Sommer 1904 die Spur von Winifred Robinson.

Nach dem Studium fielen die Rezensionen von Auftritten der Geigerin nicht mehr so günstig aus wie noch zu deren Studienzeiten. Die Kritiker äußern sich weit weniger enthusiastisch, Zukunftsprognosen werden gar korrigiert; so in der „Musical World“ nach einem Auftritt mit Alexander Mackenzies Violinkonzert cis-Moll op. 32: „Miss Robinson’s playing shows that she has been trained in a good school and displays intelligence; but she has still much to learn, and it is difficult at present to pronounce an opinion to whether she will ever attain a position as a performer of the first rank“ (MusW 1889, S. 166). Der „Musical Standard“ betont daneben das Entwicklungspotenzial der Geigerin: „With more experience she will doubtless obtain a tone of more equal value, a cleaner technique and a more commanding style; and will possibly develop in intensity of sentiment“ (Musical Standard 1894 II, S. 8). Insgesamt fallen die Besprechungen knapper aus und verharren zudem bei üblichen Floskeln, etwa wenn die „Musical Times“ der Geigerin lediglich „much skill“ (MusT 1896, S. 473) attestiert.

 

LITERATUR

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MusT 1880, S. 141; 1882, S. 447; 1883, S. 440; 1884, S. 22, 457f.; 1885, S. 94, 147, 266, 274f., 479; 1886, S. 226, 255, 292, 480, 719; 1887, S. 307; 1888, S. 281f.; 1889, S. 215f.; 1890, S. 229; 1891, S. 294, 341; 1894, S. 190, 193; 1896, S. 473; 1904, S. 21, 467

MusW 1879, S. 473; 1881, S. 511; 1883, S. 125, 399, 412, 747, 796; 1884, S. 148, 336, 431, 437, 532, 707, 765, 821; 1885, S. 119, 134, 181, 202, 273, 280, 305, 399, 428, 479, 676, 707, 754; 1886, S. 365, 430; 1887, S. 236f.; 1888, S. 275; 1889, S. 166, 369; 1890, S. 356, 557

Nestor. Fun 1889, S. 120

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Annkatrin Babbe

 

 

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