Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Roy, Gabrielle, Gabriele

Lebensdaten unbekannt, Violinistin und Bratschistin. Gabrielle Roy stammt vermutlich aus Frankreich. Zu ihren Lehrern zählte der belgische Violinist Hubert Léonard (1819–1890). In der Pariser Salle Herz trat die Musikerin am 25. Febr. 1880 erstmals vor die Öffentlichkeit. Unter den Mitwirkenden befanden sich Charles-Auguste de Bériot sowie der spanische Tenor Lorenzo Pagans. Die Zeitung „Le Ménestrel“ erachtet es als „un concert fort intéressant. Entre autres pièces, la jeune violoniste a exécuté un concerto de [Hubert] Léonard, qui lui a valu de chaleureux applaudissements“ („ein sehr interessantes Konzert. Die junge Violinistin spielte, neben anderen Stücken, ein Konzert von [Hubert] Léonard, wofür sie begeisterten Applaus erhielt“, Le Ménestrel 21. März 1880). Auch das deutsche Blatt „Signale für die musikalische Welt“ wurde auf das Debüt der Musikerin aufmerksam: „Eine junge Violinistin, Mlle. Gabrielle Roy, ist jüngst zu großem Beifall [sic] zum ersten Male vor die Öffentlichkeit getreten“ (Signale 1880, S. 357). Einige Monate später reiste Gabrielle Roy nach Deutschland. Am 25. Juni 1880 erfolgte ein Auftritt in Baden-Baden in einem Konzert des städtischen Orchesters mit einer Komposition von Joachim Raff. Wie der „Ménestrel“ berichtet, kehrte die Musikerin Ende 1880 bzw. Anfang 1881 nach Paris zurück. Erst zwei Jahre später ließ sie sich erneut in Deutschland hören. In einem Konzert der Weimarer Hofkapelle trug sie ein Violinkonzert in a-Moll von Giovanni Battista Viotti sowie das Andantino und Rondo Russe aus dem Konzert Nr. 2 h-Moll op. 32 von Bériot vor. „Technik und Vortrag“, so ein Rezensent der „Neuen Zeitschrift für Musik“, „befriedigten in ungewöhnlichem Maße“ (NZfM 1882, S. 105). Ebenfalls mit Bériots Rondo Russe wirkte die Musikerin im Laufe des Jahres in einem Wohltätigkeitskonzert in Baden-Baden mit und fand auch hierfür eine freundliche Aufnahme in der Presse. Das zuvor zitierte Blatt attestiert ihr „Virtuosität und warmen Ton“ (ebd., S. 568) und bewertet die Interpretation als „verständnisvoll und fein ausgearbeitet“ (ebd.).

Von 1883 an studierte Gabrielle Roy an der Königlichen Hochschule für Musik in Berlin Violine bei Joseph Joachim (1831–1907). Im Frühjahr des Jahres ließ sie sich in Frankfurt a. M. sowie in Darmstadt hören. In Frankfurt spielte sie im Philharmonischen Konzert Beethovens Romanze Nr. 2 F-Dur op. 50, eine Rêverie von Martin Marsick sowie Henryk Wieniawskis Polonaise Nr. 1 D-Dur op. 4. In Darmstadt enthielt das Programm Henri Vieuxtemps Ballade und Polonaise op. 38 sowie ein Trio von Robert Schumann. Der „Ménestrel“ findet ausschließlich lobende Worte: „Nous ne pouvons que la féliciter de la manière dont elle a interprété la romance: simplement, sans affectation et sans cette mièvrerie de son à laquelle se complaisent certains violonistes. Les deux autres soli: Rêverie de Marsick et Polonaise en ré de Wieniawski, nous ont donné occasion dadmirer le mécanisme très développé, ainsi que lélégance du jeu de la jeune artiste“ („Wir können ihr zu der Art und Weise, in der sie die Romanze interpretiert hat, nur gratulieren: schlicht, ohne Affektiertheit und ohne diese Geziertheit, in der sich einige Violinisten gefallenDie beiden anderen Soli: Rêverie von Marsick und Polonaise in D von Wieniawski, gaben uns die Möglichkeit, die weit entwickelte Technik sowie die Eleganz im Spiel der jungen Künstlerin zu bewundern“, Le Ménestrel 15. März 1883). Weit weniger Anerkennung fand Gabrielle Roy nach einem eigenen Konzert am 17. Apr. des Jahres im Berliner Hotel de Rome. Die „Signale für die musikalische Welt“ berichten von „im Ganzen recht erfreuliche[n] Proben ihrer bereits erlangten Fertigkeit“ (Signale 1883, S. 490), erachten aber „Vortrag und Auffassung […] als ziemlich unreif“ (ebd.). Auch die „Neue Berliner Musikzeitung“ äußert sich ablehnend. Dem Rezensenten zufolge besaß die Musikerin „nur wenig von dem, was zu einem öffentlichen Auftreten berechtigt. In dem ziemlich einfachen Viotti’schen Concertstück [Violinkonzert Nr. 24 h-Moll] war die Technik und vor allen Dingen die Reinheit anzuerkennen, aber schon in der Cadenz, welche Léonard dazu geschrieben hat und die zum Viotti passt, wie ein modernster Aufsatz zu einem Roccocomöbel, wurde Beides bedenklich. Die stetig abwärts steigende Sauberkeit, verbunden mit gänzlich poesie- und interesselosem Vortrage, machten die Ballade und Polonaise von Vieuxtemps in solcher Gestalt einfach unmöglich für den Concertsaal“ (Bock 1883, S. 133). Kaum besser war das Urteil nach einem weiteren Auftritt in Berlin im Konzert des Baritons Carl Bernhard: „Die Technik der jungen Dame ist noch heute so unzuverlässig wie damals, und der kleine, dabei meist noch unschöne Ton kommt über das Piano nicht hinaus“ (Bock 1884, S. 29).

Offenbar zog sich Gabrielle Roy für die nächsten Jahre aus dem öffentlichen Konzertleben zurück. Erst 1887 berichtet die Presse wieder über die Künstlerin, die nun als Bratschistin mit einem neugegründeten Streichquartett in Erscheinung trat, dem ausschließlich Absolventinnen der Berliner Musikhochschule angehörten: Neben ihr waren dies Marie Soldat (1. Violine), Agnes Tschetschulin (2. Violine) und Lucy Campbell (Violoncello). Die Konzertorganisation übernahm die Agentur Hermann Wolff. Am 23. Okt. 1887 ereignete sich in Halberstadt einer der ersten Auftritte des Ensembles, das mit seinen Vorträgen „an Tonfülle und namentlich auch an gediegener Auffassung nichts zu wünschen übrig ließ“ (Signale 1887, S. 1017). Auch in Neubrandenburg (26. Okt. 1887) überzeugten die Musikerinnen „mit sehr gut gelungenen Vorträgen“ (NZfM 1887, S. 566). Das Repertoire des Ensembles umfasste Streichquartette von Ludwig van Beethoven (Nr. 3 D-Dur op. 18 Nr. 3; Nr. 4 c-Moll op. 18 Nr. 4; Nr. 5 A-Dur op. 18 Nr. 5; Nr. 10 Es-Dur op. 74), Joseph Haydn (Nr. 32 C-Dur op. 33 Nr. 3 Vogelquartett) und Felix Mendelssohn (Nr. 1 Es-Dur op. 12).

Es folgten Konzerte des Quartetts in Berlin, Stettin (Frühjahr 1888), Danzig und Posen. 1888 unternahmen die Künstlerinnen eine Konzertreise durch Deutschland und konzertierten in diesem Rahmen in Frankfurt a. M. (4. Nov. 1888), Karlsruhe, Erfurt (Ende 1888), Wiesbaden (7. Dez. 1888), Coburg, Regensburg und Nürnberg. Nur kurze Zeit später löste sich das Ensemble auf. Die Ursache hierfür war vermutlich die Eheschließung Marie Soldats mit dem k. u. k. Polizeioberkommissar Wilhelm Röger. Die Musikerin übersiedelte mit Röger nach Wien und zog sich spätestens nach der Hochzeit für einige Zeit aus dem öffentlichen Konzertleben zurück.

Gabrielle Roy sorgte Anfang 1889 mit ihrer ehemaligen Quartettpartnerin Lucy Campbell für das instrumentale Rahmenprogramm bei vier Gesangsabenden in Berlin. Am 21. Okt. 1889 trat sie ebenfalls in der Hauptstadt in einem Konzert der Sängerin Adelina Herms auf. Ihre Mitwirkung in einem Konzert im Görlitzer Verein der Musikfreunde mit dem Adagio und Rondo aus Louis Spohrs Konzert Nr. 9 op. 55 und Vieuxtemps Ballade und Polonaise ist der derzeit letzte Beleg für ihre Konzerttätigkeit.

 

LITERATUR

Bock 1883, S. 133; 1884, S. 29; 1887, S. 206; 1888, S. 133, 304; 1889, S. 76, 353

Le Ménestrel 1880, 22. Febr., 21. März; 1881, 16. Jan.; 1883, 15. März

Monthly Musical Record 1887, Aug., S. 188

NZfM 1880, S. 298; 1882, S. 105, 474, 567f.; 1883, S. 7; 1887, S. 318, 566; 1888, S. 24; 1889, S. 11, 45; 1890, S. 268

Signale 1880, S. 357; 1881, S. 163; 1883, S. 490; 1884, S. 29, 141, 195; 1887, S. 602, 1017; 1890, S. 210, 456

A. Ehrlich [d. i. Albert Payne], Berühmte Geiger der Vergangenheit und Gegenwart, Leipzig 1893.

Henry Charles Lahee, Famous Violinists of To-day and Yesterday, Boston 1899.

Inka Prante, Die Schülerinnen Joseph Joachims, Wissenschaftliche Hausarbeit zur Ersten Staatsprüfung, unveröffentlicht, Universität der Künste Berlin 1999.

Barbara Kühnen, „Marie Soldat-Roeger (1863–1955)“, in: Die Geige war ihr Leben. Drei Geigerinnen im Portrait, hrsg. von Kay Dreyfus [u. a.] (= Frauentöne 4), Strasshof 2000, S. 13–98.

Philipp Albrecht, „‚Eine Amazonengruppe mit ästhetischem Programm‘“, in: Der „männliche“ und der „weibliche“ Beethoven. Bericht über den Internationalen musikwissenschaftlichen Kongress 31. Okt. bis 4. Nov. 2001 an der UdK Berlin, hrsg. von Cornelia Bartsch [u. a.], Bonn 2003, S. 415–428.

Inka Prante, „‚Warum sollten nicht auch Frauen in der Tonkunst excellieren können?‘. Joachim-Schülerinnen im Streichquartett“, in: Der „männliche“ und der „weibliche“ Beethoven. Bericht über den Internationalen musikwissenschaftlichen Kongress 31. Okt. bis 4. Nov. 2001 an der UdK Berlin, hrsg. von Cornelia Bartsch [u. a.], Bonn 2003, S. 399–414.

 

Annkatrin Babbe

 

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