Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Brammer, (Ida) Mary, May, verh. Brammer-Afferni

* 1873 in Great Grimsby (Lincolnshire), Sterbedaten unbekannt, Violinistin und Violinlehrerin. Musikalisch geprägt von ihrem Elternhaus, erhielt sie mit sieben Jahren einen Studienplatz am Leipziger Konservatorium. In der Fachpresse erlangte sie bereits während ihrer achtjährigen Studienzeit einen beachtlichen Bekanntheitsgrad, der sich durch Konzerttourneen in einigen Städten des deutschsprachigen Raumes sowie in England und Schottland noch steigerte. Nach ihrer Eheschließung mit Ugo Afferni nahmen Auftritte deutlich ab, und ihre Karriere lässt sich bis auf Artikel aus den Jahren 1897 und 1898 nicht weiter verfolgen.

Mary Brammer war Einzelkind und entstammte einem wohlsituierten englisch-deutschen Haushalt. Sie genoss väterlicher- wie mütterlicherseits vielfältige musikalische Anregungen. Ihr Vater Edwin Brammer (1843–1888) wirkte als Organist und Musiklehrer, während ihre deutschstämmige Mutter Ida Brammer (1851–?) vermutlich Sängerin war. Begünstigt durch das musikalische Umfeld partizipierte Mary Brammer bereits in jungen Jahren mit solistischen Violindarbietungen an den Konzerten ihres Vaters. Ihre ersten nachweisbaren Auftritte erfolgten in den Jahren 1880 und 1882. Mit der Aufnahme am Leipziger Konservatorium 1880 rückte die Siebenjährige noch näher ins Blickfeld der musikalischen Fachpresse, die in England und Deutschland kontinuierlich über absolvierte Prüfungen und Auftritte berichtete.  Laut „Musikalischem Wochenblatt“ war sie in Leipzig Schülerin von Adolf Brodsky (1851–1929) (FritzschMW 1897, S. 188; 1899, S. 456). Das Studium erwies sich für Mary bereits zu Beginn als äußerst erfolgreich. Ein Jahr nach Studienbeginn trat sie in orchestraler Begleitung mit Josef Mayseders Variations brillantes in E-Dur auf, mit ambivalenten Presse-Reaktionen. Einerseits wurde sie als .„Wunderkind“ gefeiert (NZfM 1884, S. 197), andererseits wurde ihre Darbietung nüchtern als „noch nichts über ihr kindliches Alter Hinausgehendes“ (Signale 1884, S. 467) charakterisiert. Unabhängig von gelegentlich kritischen Tönen beurteilte die Presse Mary Brammer stets als talentierte Violinistin mit für die Zukunft ausbaufähigem Potenzial. Wiederholt finden sich Lobeshymnen auf ihre ausgereifte und respektable Technik und die Präzision in schwierigen Passagen, ihren breiten Bogenstrich und den vollen Ton. Formulierungen fassen dies in die im 19. Jahrhundert üblichen Kategorien: „Ihr ist eine männlich-energische Bogenführung zu eigen“ (NZfM 1892, S. 539). „Im Übrigen tat das ewig Weibliche dem Fiedelbogen wenig Ehre an“ (Signale 1892, S. 146).

Eine Meldung in der „Neuen Zeitschrift für Musik“ aus dem Jahre 1888 liest sich fast wie ein Meilenstein in der Geschichte des Violinspiels von Frauen: „In der zweiten Conservatoriumsprüfung […] bereitete das erste Auftreten eines Damenstreichquartetts der Hörerschaft die freudigste Ueberraschung. Frl. Mary Brammer aus Grimsby, Bessie Doyle aus Sidney, Annie Norledge aus Newark, Hilda Gottesleben aus Denver entwickelten in Mozart’s Andante und Menuett (aus dem Dmoll-Quartett) eine so schöne Sicherheit und ungetrübte Reinheit im Zusammenspiel bei ungemein edler Tongebung und warmblütiger Vortragsweise, daß man nur wünschen darf, diese Corporation möchte so lange als thunlich bestehen bleiben und der Pflege der Kammermusik nach wie vor ihre dafür ausgesprochenen Talente widmen: ein  w e i b l i c h e s  Quartett von solcher Trefflichkeit hatte das Conservatorium noch nie früher aufzuweisen, es spricht ein bedeutendes Wort zum Ruhme der jetzigen Verfassung. Auch das von 18  V i o l i n i s t i n n e n  (unter Anführung der drei obengenannten Damen und unter Orgelbegleitung von Frl. Marie Klamroth aus Moskau) unisono gespielte Bach’sche ‚Air‘ zeichnete sich aus durch vornehme Gleichheit des Tones und wohlabgewogene Schattirung; den Leiter dieser Ensemblestudien, Hrn. Prof. Hermann, darf man aufrichtig zu einem solchen prachtvollen Ergebniß beglückwünschen“ (NZfM 1888, S. 90f.). Beim Leiter des Ensembles handelte es sich wohl um Friedrich Hermann (1828–1907), Geiger im Gewandhausorchester und seit 1847 auch Lehrer am Konservatorium. Weniger schmeichelhaft für die deutsche Entwicklung war, dass es sich bei den Mitgliedern des Streichquartetts ausschließlich um englischsprachige Studentinnen handelte, was die englische Presse voller Stolz hervorhob.

1889 und 1890 musizierte Mary Brammer in einem weiteren Quartett in fester Besetzung mit Hugo Hamann, Carl Weber und Georg Wille. Sie spielten 1889 den Variationssatz aus  Schuberts Streichquartett Nr. 14 d-Moll D 810  Der Tod und das Mädchen (D 810) und 1890 Beethovens Streichquartett Nr. 15 a-Moll. op. 132. Die Geigerin musizierte auch in anderen kammermusikalischen Formationen. So spielte sie 1893 im Gewandhaus mit Carl Reinecke dessen Fantasie op. 160 für Klavier und Violine und, zusammen mit dem Violoncellisten Georg Wille, Reineckes Serenade op. 126 Nr. 2 für Klaviertrio. Ihrer letzten Prüfung am 25. März 1890 folgte im Apr. eine Konzertreise nach Edinburgh. „Of travelling artists who have visited us last month the most notable are Mr. Johannes Wolff and Miss Brammer. […] Miss May Brammer […], aged sixteen, has all the qualities and possibilities, which entrepreneurs claim for her. Her technique is marvellous if a little stiff, and her unaffected and serious manner on the platform is as charming as it is unusual in a prodigy (MusT 1890, S. 291f.). Die Stellungnahme des Rezensenten zur Bühnenperformance der Geigerin ähnelt anderen Kritiken, die Mary Brammers musikalische Seriosität trotz ihrer Jugend und ihre gleichzeitige Unbefangenheit sowie Grazie als ungewöhnlich hervorheben.

Bevor Mary Brammer eine Konzertreise innerhalb des Deutschen Kaiserreichs startete, organisierte sie im Mai 1890 gemeinsam mit Elsa Zillmann und Emma Spiegelberg auf Eigeninitiative hin im Leipziger Blüthner-Saal eine Matinee, um das Ergebnis ihrer Studien zu präsentieren. Hier interpretierte sie Louis Spohrs 8. Violinkonzert und zum ersten Mal Henri Wieniawskis Fantaisie brillante sur Faust und erntete für diese Darbietung viel Anerkennung: „She played […] the very difficult Faust‘ phantasie with complete mastery of technical detail and absolute precision in the most difficult passages“ (zit. nach MusT 1890, S. 294). Im Sept. 1890 steuerte sie Zwickau an und bereiste im Herbst und Winter des darauf folgenden Jahres die Städte Halle a. d. Saale, Chemnitz und Berlin. Mary wirkte auf dieser Reise bei Kirchenkonzerten, Singakademien und bei einem Privatkonzert mit. Ihr Repertoire umfasste neben Wieniawskis Faust-Fantasie Werke von Beethoven, Spohr, Chopin, Zarzycki und Sarasate. Der Monat Jan. 1892 erwies sich als besonders produktiv in ihrer Karriere. Am 7. debütierte die Geigerin im Leipziger Gewandhaus mit Wieniawskis Violinkonzert Nr. 2 in d-Moll, was die Zeitschrift „Signale für die musikalische Welt“ verhalten kommentierte: „Wenn diese Leistungen auch noch nicht zur völligen Reife und Meisterhaftigkeit gediehen sind (und daher vielleicht nicht ganz gewandhauswürdig erscheinen dürften), so entfalteten sie doch Vorzüge genug, um die Applause […] vom Publikum […] zu rechtfertigen“ (Signale 1892, S. 55). Nach dem Debüt trat sie bereits am 9. Jan. in Magdeburg und am 21. Jan. in Zschopau auf. Hier bot Mary Brammer im Zweiten Symphoniekonzert ein umfangreiches Repertoire, bestehend aus Wieniawskis Violinkonzert Nr. 2, Mendelssohns Andante aus dem Violinkonzert e-Moll op. 64 und Sarasates Spanischem Tanz. Nach ihrer auswärtigen Konzerttätigkeit weilte sie erneut für längere Zeit in Leipzig, wo sie unter anderem 1893 mit Afferni und Barge musizierte. Die Gesamtheit der Pressekommentare zeichnet ein überwiegend positives Bild, wenn man von Formulierungen wie „Überhastung der Tempi“ (NZfM 1894, S. 17) oder dem Wunsch absieht „auch die technisch heiklen Passagen klarer und bestimmter auszugestalten“ (NZfM 1892, S. 241). Bemerkenswert ist insbesondere die Bandbreite ihres Repertoires, das neben den bereits erwähnten Komponisten Werke von Joh. Seb. Bach, Niels Wilhelm Gade, Josef Gabriel Rheinberger, Johan Svendsen, Edvard Grieg, Philipp Scharwenka, Julius Klengel, Théodore Fodoul, I. K. Hill, H. P. Sawyer, Gustav Adolf Merkel und Ugo Afferni umfasste.

Mary Brammer heiratete 1895 in Annaberg (Erzgebirge) den aus Italien stammenden, wie sie am Leipziger Konservatorium ausgebildeten Pianisten, Komponisten und Dirigenten Ugo Afferni (1871–1931). Im Winter 1896/97 trat sie im Duo mit ihrem Mann in Annaberg auf, laut Zander (1996, S. 389) übernahm sie dort gar den Konzertmeister-Posten im Orchester des Ehemannes. 1897 erhielt Ugo Afferni die Kapellmeisterstelle des gerade gegründeten Orchesters des Lübecker Vereins der Musikfreunde. Mary Afferni-Brammer spielte schon bei der Bewerbung ihres Mannes eine Rolle, indem sie bei dessen Probekonzert den Part der Solistin übernahm. Ugo Afferni wurde zu Beginn seiner Lübecker Zeit, wohl auch aufgrund seiner Nationalität, durchaus kritisch rezipiert. Als er für das zweite Symphoniekonzert der ersten Saison seine Frau als Solistin auswählte, traf auch dies nicht nur auf Gegenliebe. Sie habe, so die Kritik, „in Überschätzung der eigenen Kraft oder in Beschränktheit des Repertoires“ (zit. nach Bartels/Zschacke 1997, S. 16) Max Bruchs Violinkonzert Nr. 1 g-Moll gespielt. „Jetzt wurden bösartige Stimmen zitiert, die behauptet hatten, Afferni habe den Posten zum guten Teil seiner Frau wegen erhalten“ (Bartels/Zschake 1997, S. 16). Dass Mary Afferni-Brammer durchaus ein Argument für die Verpflichtung ihres Mannes in Lübeck gewesen sein mag, merkt auch das „Musikalische Wochenblatt“ an: „In ihm und seiner Gattin, der ausgezeichneten Violinisten [sic] Frau Afferni Brammer, […]gewinnt die alte Hansestadt jedenfalls gleich zwei treffliche künstlerische Kräfte, was wohl nicht ohne Einfluss auf die Wahl des Hrn. Afferni gewesen ist“ (FritzschMW 1897, S. 188).

Ugo Afferni etablierte sich indes in Lübeck zunehmend als Dirigent, während seine Frau dort eine Kammermusikreihe aufbaute. Rückblickend auf die vergangene Spielzeit schreibt das „Musikalische Wochenblatt“ 1899: „Frau May Afferni-Brammer […] ist meist nur als tüchtige Violinvirtuosin bekannt, hat sich aber, wie wir hören, als Kammermusikspielerin auch anderswo, speciell in Leipzig, einen guten Ruf erworben. Es hat zwar in Lübeck auch früher nicht an guter Kammermusik gefehlt, doch mussten die mitwirkenden Künstler überwiegend von auswärts herangezogen werden, während es Frau Afferni’s Anstrengungen gelungen ist, ein Quartett aus einheimischen Kräften zu bilden, das durch regelmässiges Zusammenspiel unter ihrer Leitung Tüchtiges zu leisten vermag“ (FritzschMW 1899, S. 456). In dieser Reihe bekamen die Lübecker anspruchsvolle Musik zu hören, auf dem Programm standen u. a. Werke von Beethoven, Mendelssohn, Rheinberger und Schumann. 1903/04 spielte sie mit ihrem Mann an drei Abenden sämtliche zehn Klavier-Violin-Sonaten Beethovens.

Anzeige für die Kammermusikserie Mary
Afferni-Brammers in Lübeck, Saison 1898/99.

1905 verließ das Paar Lübeck (Ugo Affernis Nachfolger dort wurde zunächst Hermann Abendroth, später Wilhelm Furtwängler); Afferni übernahm die Leitung des Wiesbadener Kurorchesters. Zwei Jahre später kehrten die Eheleute noch einmal in die Hansestadt zurück, um mit Violine und Klavier einen Kammermusikabend an alter Wirkungsstätte zu geben. Die „Lübeckischen Blätter“ loben das Künstlerpaar für Spieltechnik und Zusammenspiel sehr (Violinsonaten von Mozart, Beethoven, Richard Strauss). Dies ist der letzte derzeit bekannte Hinweis auf Mary Afferni-Brammer. Von ihrem Mann ist bekannt, dass er 1914 in seine Heimatstadt Florenz zurückkehrte.

 

LITERATUR

Bock 1891, S. 398, 417; 1894, S. 180

FritzschMW 1897, S. 22, 81, 188; 1899, S. 456

The Hull Packet and East Riding Times 28. Apr. 1882

Lübeckische Blätter 1898, S. 181f., 296; 1899, S. 47, 297, 638; 1907, S. 165

Magazine of Music Juni 1890, S. 118

The Monthly Musical Record Mai 1890, S. 111; Febr. 1892, S. 32

The Musical Herald 1890, S. 423

Musical News 1891, S. 802

Musical Opinion and Music Trade Review 1888, S. 265

The Musical Standard 1893 II, S. 289; 1894 I, S. 320; 1894 II, S. 470; 1895 I, S. 257

Die Musik 1906/07 II, S. 191, 315

MusT 1870, S. 343; 1880, S. 568f.; 1882, S. 499; 1890, S. 291f.294; 1897, S. 336

MusW 1888, S. 876

NZfM 1883, S. 10; 1884, S. 197; 1885, S. 245; 1888, S. 90f., 95, 154, 156, 512, 513; 1889, S. 113; 1890, S. 90, 101, 127, 151, 161, 439; 1891, S. 285, S. 437; 1892, S. 18, 58, 112f., 178, 241, 252, 539; 1893, S. 4127; 1894, S. 17, 168; 1898, S. 411

Signale 1884, S. 467; 1888, S. 291, 339; 1890, S. 418; 1891, S. 955; 1892, S. 55, 146, 188

Sylvina Zander, Zum Nähen wenig Lust, sonst ein gutes Kind… Mädchenerziehung und Frauenbildung in Lübeck (= Veröffentlichungen zur Geschichte der Hansestadt Lübeck Reihe B, 26), Lübeck 1996.

Karsten Bartels u. Günter Zschake, Variationen. 100 Jahre Orchester in der Hansestadt Lübeck 1897–1997, Lübeck 1997.

 

Internetquellen:

https://familysearch.org/pal:/MM9.1.2/1LHG-1KM/p_10301411956, Zugriff am 15. Aug. 2011

https://familysearch.org/pal:/MM9.1.2/1LHG-1KM/p_10301411957, Zugriff am 15. Aug. 2011

https://familysearch.org/pal:/MM9.1.2/1LHG-1KM/p_10301411958, Zugriff am 15. Aug. 2011

 

Bildnachweis

Lübeckische Blätter 1898, S. 518.

 

Dinessa Warkentin

 

© 2011 Freia Hoffmann