Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Friedrichs, Friederichs, Holst-Friedrichs, Friederike, geb. Holst, von Holst

* 1808 in London, † nach 1842 wahrscheinlich in London, Harfenistin und Pianistin. Nach Anfangsunterricht auf dem Klavier wurde sie von Nicolas Charles Bochsa (1789–1856, seit 1822 Lehrer an der Londoner Royal Academy of Music) zur Harfenistin ausgebildet. 1828 trat sie in London erstmals öffentlich auf. 1831 konzertierte sie in Berlin mit einem Harfenkonzert ihres Lehrers und bewies der „Allgemeinen musikalischen Zeitung" zufolge „grosse Fertigkeit und geschmackvolle Behandlung des Instruments“ (AmZ 1831, Sp. 278). 1832 heiratete sie und trat danach weiterhin auf, und zwar unter verschiedenen Namen wie Friedrichs, Holst-Friedrichs oder Friedrichs, geb. (von) Holst. Von 1834 bis 1836 konzertierte sie im deutschsprachigen Raum (Berlin, Dresden, Prag, Wien) und 1837 in Russland. Nach 1838 besuchte sie  Schilling zufolge Frankreich, Italien und Holland, trat aber auch in London wiederholt auf und erteilte dort Unterricht.

Nach ihrem Konzert in Dresden im Nov. 1835 schrieb der Korrespondent der „Allgemeinen musikalischen Zeitung": „Das Spiel von Mad. Friedrichs ist in allen Beziehungen vortrefflich zu nennen. Ihre Passagen sind meisterhaft abgerundet und rollen hin wie Perlen, ihr Triller ist, für die Harfe, sehr schön, so wie ihr Anstand. Wir haben hier noch nichts Aehnliches gehört; dabei ist Mad. Friedrichs eine höchst artige, bescheidene und liebenswürdige Künstlerin. Möchte sie nur auch einmal etwas anderes, als immer Bochsa hören lassen“ (AmZ 1835, Sp. 799). Dass in ihrem Repertoire Kompositionen ihres Lehrers überwogen, wird auch in anderen Konzertbesprechungen kritisch kommentiert. Sie integrierte aber auch Bearbeitungen englischer, irländischer und schottischer Melodien. Mehrfach ist belegt, dass sie in ihren Konzerten improvisierte. So spielte sie am 9. Jan. 1836 in Prag „eine freie Fantasie für die Pedal-Harfe, unstreitig die interessanteste Nummer des ganzen Concerts, da die Künstlerin sich hier ganz ihrer Eingebung überlassen konnte, und wenn gleich ihr artistischer Patriotismus auch hier manche Anklänge aus der geliebten Heimath mit herbeiführte, so war doch das Ganze so poetisch und musikalisch, dass die Concertgeberin wiederholt hervorgerufen wurde, und mit anspruchsloser Gefälligkeit ihre Phantasie noch verlängerte“ (AmZ 1836, Sp. 171).

Ihre Erfolge waren anscheinend auch Ergebnis geschlechtsspezifischer Erwartungen und Wahrnehmungsmuster. So zitiert die „Allgemeine musikalische Zeitung" in demselben Bericht die Überzeugung eines Hörers, dass Friederike Friedrichs „in Licht und Schatten, Kraft und Fülle, in Klarheit und Anmuth, Geschmack und Gefühl, wie in leichter und siegreicher Ueberwindung der ungeheuersten Schwierigkeiten, besonders aber in dem poetischen Zauber der Gemüthstiefe, alle Erwartungen, zu welchen ihr Ruf berechtigt, nicht allein erfüllt, sondern auf überraschende Weise Alles weit übertrifft, was wir auf diesem Instrumente – dem schönsten und passendsten für das schöne Geschlecht – gehört haben“ (AmZ 1836, Sp. 170). Der Kritiker der Prager „Bohemia" sah ebenfalls  seine geschlechtsspezifischen Wünsche an die „Concertantin" erfüllt: „Vom säuselnden Piano bis zum markigen Forte, vom Flageolet-Ton, welcher aus weiter Ferne zu klingen scheint, bis zur Illusion des Gesanges hat sie die Harfe vollkommen in ihrer Gewalt, und ihre kunstreichen Finger verwandeln das Schwierige in ein leichtes Spiel. Bei aller Ruhe, mit welcher sie ihren Vortrag überwacht, fehlt es ihr in feurigen und zarten Stellen keineswegs an Wärme und Innigkeit. Jene Ruhe ist es auch, welche Madame Friederichs (im Vorbeigehen gesagt, eine sehr angenehme Erscheinung) während des Vortrags vor jeder unweiblich heftigen, unschönen Bewegung der Arme und der Hände bewahrt" (Bohemia 12. Jan. 1836).

 

LITERATUR

AmZ 1831, Sp. 278; 1835, Sp. 28, 64, 798f.; 1836, Sp. 169ff., 245, 463

Bohemia [Prag] 1. u. 12. Jan. 1836

Castelli 1835, S. 7, 31, 207

Iris 1831, S. 48; 1834, S. 196; 1835, S. 208

NZfM 1834 I, S. 291; 1835 II, S. 168, 199; 1836 I, S. 112, 144

Schilling, Schla/Bern, Paul, Mendel

 

FH

 

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