Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Pilz, Susanne (Luise Emilie), verh. Rée, Rée-Pilz

* 19. Juli 1862 in Prag, † 22. Febr. 1937 Wien, Pianistin, Klavierlehrerin und Sängerin. Die Tochter der Sängerin Luise Bergauer-Pilz und des Augenarztes Dr. Josef Pilz wurde im Gesang von ihrer Mutter und am Klavier in den Prager Musikschulen von Henriette Höger und Johann Nepomuk Czabaun (Jan Čaboun, 1839–1902) sowie privat von Jan Ludevít Procházka (1837–1888) ausgebildet.

Erste Auftritte von Susanne Rée sind in Prag in der Wintersaison 1878/79 belegt, und anlässlich eines Wohltätigkeitskonzertes am 2. März 1879 wird die 16-Jährige in der „Neuen Zeitschrift für Musik“ bereits lobend erwähnt: „Die begabte Tochter der Bergauer hielt sich in Schumann’s Andante und Variationen für zwei Claviere [mit Sophie Dittrich] so virtuos, daß man an einen Unterschied zwischen der Novizin und Meisterin glücklicher Weise kaum gemahnt wurde“ (NZfM 1879, S. 175).

Anfang der 1880er Jahre siedelte die Familie nach Wien über, wo Susanne Unterricht bei Louis (Lajos) Thern (1848–1920) erhielt. Dies sollte für ihre spätere Karriere bedeutsam werden: Louis und Willy (Vilmos) Thern waren die ersten, die europaweit Bewunderung erregten mit dem Spiel auf zwei Klavieren. So fanden erste Auftritte von Susanne Pilz in Wien bereits mit einschlägigem Programm statt, der Fantasie über ungarische Volksmelodien Searle 123 von Liszt und dem Presto aus dem 2. Klavierkonzert op. 22 von Saint-Saëns, jeweils in Bearbeitungen für zwei Pianoforte gemeinsam mit Louis Thern vorgetragen. Zunächst jedoch sammelte Susanne Pilz 1887/88 Konzerterfahrung bei einer Tournee mit dem Österreichischen Damenquartett von Fanny und Marie Tschampa, die u. a. nach Prag, Chemnitz, Jena und Düsseldorf führte. Ihr Repertoire bestand aus Solokompositionen von Bach-Tausig, Schumann, Liszt und Robert Fischhof.

Ende 1888 wirkte die Musikerin erstmals in einem Konzert des schottischen Pianisten und Komponisten Louis Rée (1861–1939) mit, der an den Konservatorien in Genf und Stuttgart ausgebildet worden war und 1885 Wien aufgesucht hatte, um Unterricht bei Theodor Leschetizky (Klavier) und Robert Fuchs (Komposition) zu nehmen. Zur Aufführung kamen „Tonsätze durchweg eigener Mache“ (NZfM 1889, S. 34), was dem Komponisten eine harsche Kritik in der „Neuen Zeitschrift für Musik“ eintrug. Susanne Pilz spielte mit dem Komponisten dessen Variationen und Fuge über ein Originalthema für zwei Klaviere op. 14. Das Zusammentreffen der Pianistin mit Louis Rée begründete jedoch nicht nur eine lebenslange Ehe (Heirat 1889), sondern auch eine gemeinsame Karriere als Solisten auf zwei Klavieren, „beide den Therns in reizender Harmonie von Auffassung und Technik durchaus ebenbürtig“ (Niemann, S. 222).

Reisen führten von 1890 bis 1893 nach Stuttgart, Hamburg, Leipzig, Berlin, Prag und Dresden, eine weitere Tournee führte 1899 nach Berlin und Leipzig. Das Zusammenspiel des Ehepaares wurde überall in hymnischen Formulierungen gewürdigt: „Der sensationelle Erfolg stand vollkommen im Einklange mit den außerordentlichen Leistungen dieser in ihrer Art einzigen, ungetheilten und untheilbaren Künstlerzweieinigkeit“ (NZfM 1893, S. 44). „Hier scheinen die zwei Flügel ein einziger geworden zu sein, ein einziger von wuchtiger Kraft und glänzender Fülle des Tons“ (NZfM 1893, S. 139). „Zwei Herzen und Ein Schlag, zwei Seelen und Ein Gedanke. Der volle Zauber, den die Vorträge des Ehepaars Rée auf den Hörer üben, beruht auf der innigsten Harmonie zweier reichbegabter Seelen und folgeweise auf exactester Einheitlichkeit und Ausgeglichenheit; in den Darbietungen dieser zweipersönlichen Kunstindividualität – dieses einigen Individuums in zwei Erscheinungen – klingt und singt es vollkräftig, orchestral, und wieder zart, duftig, blühend, da durchdringt Alles der lebenspendende Hauch des glücklichsten Musiktemperaments, feurig und anfeuernd“ (NZfM 1893, S. 445).

Das Repertoire bestand in Konzerten von Joh. Seb. Bach (teilweise von Louis Rée für zwei Klaviere bearbeitet), Mozarts Sonaten D-Dur KV 448 und C-Dur KV 545 (zweites Klavier von Edvard Grieg), Clementis Sonaten in B-Dur opp. 1a und 12 Nr. 5, Webers Aufforderung zum Tanz op. 65 (Bearb. Louis Rée), Schumanns Variationen op. 46, Griegs Altnorwegische Romanze mit Variationen op. 51, Mendelssohns Allegro brillant op. 92, Liszts Don-Juan-und Norma-Fantasie Searle 656 und 655, Reineckes Impromptu über ein Thema aus Schumanns Manfred, Brahms’ Variationen über ein Thema von Haydn op. 56 b, Dvořáks Slawische Tänze e-Moll und As-Dur (Bearb. Louis Rée), Ignaz Brülls Duo op. 64, Eugenio Piranis Gavotte op. 34 Nr. 1 und Etude de Concert op. 51 (dem Ehepaar Rée gewidmet), Saint-Saëns’ Polonaise op. 77 und Variationen über ein Beethoven’sches Thema op. 31 Nr. 3, Cécile Chaminades Andante und Scherzettino op. 59, der Suite champêtre op. 21 von Louis Rée und Introduktion, Passacaglia und Fuge h-Moll op. 96 von Reger. Susanne Rée fügte den Programmen auch solistische Werke hinzu (Chopin, Liszt, Tschaikowsky, Leschetizky, Schütt, Rée), unter anderem spielte sie mehrmals mit Erfolg das Klavierkonzert d-Moll ihres Mannes.

Am 14. März 1910 präsentierte das Ehepaar im Wiener Großen Musikvereinssaal erstmalig das Konzert B-Dur für zwei Klaviere und Orchester von Louis Rée. Die gemeinsamen Auftritte wurden bis mindestens 1917 fortgesetzt. 1913 bis 1933 war Susanne Rée Klavierlehrerin am Neuen Wiener Konservatorium, wo auch ihr Mann von 1914 an Klavier und Komposition unterrichtete.

 

 

LITERATUR

Zwei Briefe von Susanne Rée an Edvard Grieg vom 31. Jan. 1895 und 13. März 1896, Offentlige Bibliotek Bergen, Grieg-Archiv

Bohemia [Prag], Beilage zu Nr. 10 vom 10. Jan. 1891

Bock 1887, S. 418 ; 1888, S. 473

FritzschMW 1888, S. 167

Der Merker 1910, Nr.2, S. IV; Nr. 3, S. VII, X; 1911, Nr. 2, S. IX, XI; 1918, Nr. 3, S. 604; 1919, Nr. 2, S. 419; 1920, Nr. 1, S. 167; 1921, Nr. 1, S. 109; Nr. 2, S. 171, 297f.

Monthly Journal 1903, S. 145

Neue Freie Presse [Wien] 16. Jan. 1891

NZfM 1879, S. 175; 1883, S. 204; 1884, S. 157; 1887, S. 556; 1888, S. 69; 1889, S. 34; 1890, S. 103f.; 1892, S. 136; 1893, S. 44, 65, 139, 445; 1893, S. 445; 1894, S. 106, S. 465f.; 1895, S. 56; 1896, S. 102; 1897, S. 103, 423; 1899, S.29, 59

Österreichische Musik- und Theaterzeitung Okt. 1891, S. 1–4

Signale 1887, S. 130; 1888, S. 61, 149; 1917, S. 389, 486

Wiener Almanach 1914, S. 288

DBE (Art. Rée, Louis)

Friedrich Jansa (Hrsg.), Deutsche Tonkünstler und Musiker in Wort und Bild, Leipzig 21911.

Walter Niemann, Meister des Klaviers. Die Pianisten der Gegenwart und der letzten Vergangenheit, Berlin 1919.

Erich H. Müller (Hrsg.), Deutsches Musiker-Lexikon, Dresden 1929.

Oscar Thomson u. Nicolas Slonimsky, The International Cyclopedia of Music and Musicians, New York 1958 (Art. Rée, Louis)

Bonnie u. Erling Lomnäs u. Dietmar Strauß: Auf der Suche nach der poetischen Zeit. Der Prager Davisbund, 2 Bde., Saarbrücken 1999.

 

Bildnachweis

Neue Musik-Zeitung 1892, S. 1

 

Freia Hoffmann

 

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