Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Hauffe, Haufen, (Wilhelmine) Louise, Luise, verh. Breitkopf

* 2. Jan. 1836 in Düben/Sachsen, † 20. März 1882 in Leipzig, Pianistin und Klavierlehrerin. Aus den Kirchenbüchern der Evangelischen Kirchengemeinde St. Nikolai in Düben geht hervor, dass ihre Eltern Johanna Friederike geb. Meyer und der Musiker Johann Gottlieb Haufen waren und dass Louise eine vier Jahre jüngere Schwester Clara Bertha besaß. Louise Hauffe, wie sie sich spätestens seit 1850 nannte, studierte mit Unterbrechungen vom Frühjahr 1850 bis zum Frühjahr 1855 am Leipziger Konservatorium bei Ignaz Moscheles (1794–1870) und Ernst Ferdinand Wenzel (1808–1880) Klavier, bei Ernst Friedrich Richter (1808–1879) Musiktheorie, bei Ferdinand David (1810–1873) Ensemblespiel und bei Franz Brendel (1811–1868) Musikgeschichte.

Während ihres Studiums trat sie vor allem als Klavierbegleiterin in Erscheinung; u. a. musizierte sie am 18. Dez. 1853 mit dem neu berufenen Dozenten für Violoncello Friedrich Grützmacher Mendelssohns Sonate D-Dur op. 58. Ihr Debüt bei den Leipziger Gewandhaus-Konzerten, bei denen sie bis 1871 regelmäßiger Gast sein sollte, fand am 16. Nov. 1854 statt, als sie die Sängerin Georgine Stabbach bei einer Mozart-Arie begleitete. Einen ersten solistischen Auftritt im Gewandhaus hatte sie am 27. Nov. 1856 mit Mendelssohns 2. Klavierkonzert d-Moll. Der „Neuen Zeitschrift für Musik“ zufolge war die 20-Jährige „durch eine leicht erklärliche Befangenheit gehindert, ihre früher gerühmten Vorzüge zu entfalten; gleichwol war die Leistung eine durchweg anständige und von seiten des Publicums mit großem Applaus, sogar Hervorruf, belohnte“ (NZfM 1856 II, S. 250). Ihre großen Erfolge feierte sie in diesem Konzertsaal mit Mozarts Konzert für zwei Klaviere und Orchester Es-Dur KV 365 (mit Jenny Hering, 24. Febr. 1859), dem Klavierkonzert a-Moll von Robert Schumann (20. Okt. 1859 und 3. März 1870), dem Konzert c-Moll für zwei Klaviere BWV 1060 von Joh. Seb. Bach (mit Jenny Hering, 18. Okt. 1860), dem Konzert Es-Dur op. 73 von Beethoven (7. Febr. 1861), der Chorfantasie op. 80 von Beethoven (22. Febr. 1866 und 3. März 1870) und Mozarts Konzert d-Moll KV 466 (29. Okt. 1870).

Aber auch in den Konzertsälen außerhalb Leipzigs war Louise Hauffe ein häufiger Gast: Altenburg (Wintersaison 1859/60, 8. Jan. 1867), Zwickau (7. Juni 1860), Bremen (Ende 1860), Jena (18. Febr. 1861, 24. Nov. 1862, 21. Nov. 1863), Gera (Anfang 1862), Rostock (Anfang 1862), Stralsund (10. Febr. 1862), Frankfurt (27. Febr., 5. Dez. 1863, mehrfach Anfang 1869), Zittau (24. Jan. 1866), Braunschweig (3. Nov. 1866, 9. Nov. 1869), Magdeburg (Wintersaison 1865/66, 15. Jan., 18. März 1868, 16. Febr. 1870), Dresden (18. Nov. 1867), Lübeck (13. Nov. 1869). Klavierkonzerte wurden dabei ergänzt durch Solokompositionen von Moscheles, Mendelssohn, Chopin, Schumann, Stephen Heller und Ernst Pauer, seltener durch ältere Werke von Tartini und Joh. Seb. Bach. Während die Leipziger Kritik sich oft reserviert zeigte, reagierte die Presse andernorts durchaus anerkennend: „Fräulein Hauffe ist im Besitz eines trefflichen Anschlages, einer Fertigkeit und Sicherheit, die die Schwierigkeiten als solche ganz in den Hintergrund drängt, und weiß in den Geist der Composition mit feinem Verständniß einzudringen und denselben zu Gehör zu bringen. Allen äußeren virtuosenhaften Glanz verschmähend, erfreut ihr Spiel durch Solidität und zeigt [sic] von einer trefflichen Schule (Signale 1863, S. 214). Nicht blos eine sichere, correcte und abgerundete Technik voll Kraft und präciser Ausprägung des Tons zeichnet ihr Spiel aus, sondern die seltnere Eigenschaft eines künstlerisch musikalischen Verständnisses, einer mit Wärme und treuer Hingebung an den Geist der Composition durchgebildeten Auffassung und einer Beherrschung des Vortrags, welche ausdrucksvolle, fein nüancirte Durcharbeitung der Details mit klarer Behandlung der Gesammtgestaltung und des Ensemble's zu vereinigen weiß (Carl Banck im „Dresdner Journal“, zit. nach Signale 1867, S. 986).

Einen Höhepunkt ihrer Karriere stellten zweifellos die Konzerte dar, die Louise Hauffe in der Wintersaison 1864/65 in Wien gab. Bei einem ersten Auftritt im Rahmen der Hellmesberger'schen Quartettabende fand sie mit dem Klaviertrio Es-Dur D 929 von Schubert eine enthusiastische Aufnahme (AmZ 1864, Sp. 830), und der Wiener Korrespondent der „Neuen Zeitschrift für Musik“ bekannte: „Schon lange bin ich – insbesondere bei weiblichem Clavierspiele – keinem so männlichen und dennoch tiefseelischen Verständnisse der Aufgabe begegnet. Hierzu tritt eine überraschend flüssige, vollkommen ausgeglichene Technik und Durchdrungenheit derselben von der verständigen, phantastischen, gemüthvollen, kurz: geistigen Seite des Stoffes (NZfM 1865, S. 56). Eduard Schelle von der Wiener „Presse“ nannte Louise Hauffe eine Künstlerin, die mit einer vollendeten Technik richtige und geschmackvolle Auffassung verbindet und in Spiel und Haltung vielfach an Frau Clara Schumann erinnert (Die Presse 28. Dez. 1864). Nach dem 22. Jan. 1865, an dem sie im Philharmonischen Konzert das Klavierkonzert a-Moll op. 54 von Robert Schumann gespielt hatte, drängte sich der Vergleich mit Clara Schumann geradezu auf. Eduard Hanslick lobte zwar die Schönheit ihres kraftvollen und bei aller Kraft doch weichen gesangvollen Anschlags, die sichere, durchgebildete Technik, die richtige und feine Auffassung bei gewissenhafter Correctheit jedes Details und nannte Louise Haufe eine echt künstlerische, wahrhaft musikalische Natur [...], die ebenso fern von Koketterie und puppenhafter Dressur, als von genialthuender Nachlässigkeit steht (Neue Freie Presse 31. Jan. 1865). Den Vergleich mit der Witwe und Platzhalterin des Komponisten konnte Louise Hauffe allerdings nicht bestehen: „Die künstlerische Verwandtschaft Louise Hauffes mit Clara Schumann, welche, durch physiognomische Aehnlichkeit unterstützt, sich unwillkürlich aufdrängt und in Fräulein Hauffes Concert im besten Sinne sich bewährte, hielt gerade an jenem Mittag im Kärntnerthor-Theater nicht Stich. Clara Schumann spielt das C-moll-Concert [recte a-Moll] ihres Gatten vollständig im Tact, das ‚Andantino gracioso [Intermezzo] lebhafter, das Ganze mit jener gleichmäßig feinen und scharfen Rhythmik, die alles Verschwommene ausschließt. Der musikalische Charakter eines Stückes spricht sich keineswegs mit solcher Schärfe aus, daß der ausübende Künstler nicht Spielraum fände für seine eigenthümliche Auffassung, ohne jenen zu verletzen. Clara Schumann nahm den ästhetischen Gehalt jener Composition vorzugsweise mit dem Geiste auf, Fräulein Hauffe überwiegend mit dem Gemüthe. Bei dem überwiegend zarten, weichen Charakter des Schumannschen Stückes scheint uns letzteres wenigstens gefährlicher (ebd.).

 

Undat. Photographie von Bertha Wehnert-Beckmann.

 

Am 28. Jan. 1865 gab Louise Hauffe im Musikvereinssaal ein eigenes Konzert, bei dem das Klavierquartett Es-Dur op. 47 von Robert Schumann, die Variations sérieuses d-Moll op. 54 von Mendelssohn und das Klaviertrio B-Dur op. 97 von Beethoven zum Vortrag kamen. Den Abschluss bildete wiederum Hauffes Mitwirkung bei einer Soiree des Hellmesberger-Quartetts (Schumann, Klaviertrio d-Moll op. 63 und wiederum Klaviertrio Es-Dur D 929 von Schubert). Der Wiener Korrespondent der „Neuen Zeitschrift für Musik“ resümierte: „Ich halte Frl. Hauffe's ganze Erscheinung nicht blos an und für sich für bedeutend, sondern möchte ihr sogar für den (leider nicht eingetretenen) Fall längeren Verweilens am hiesigen Orte eine unsere Kunstzustände vielfach vorwärts treibende Kraft zuerkennen. So bewußte, markige und poetisch beseelte Technik und so durchgeistigtes Aufgehen in jedem Stoffe sind Vorzüge, die wenigstens dem hier seit Jahren mit wenigen Ausnahmen herrschenden weibisch-verschwommenen Clavierspiele fast ganz abhanden gekommen sind (NZfM 1865, S. 137).

Ähnlich wie in Wien trugen auch in Leipzig und anderen Orten die kammermusikalischen Fähigkeiten Louise Hauffes entscheidend zu ihrem Ruf bei. Das Repertoire konzentrierte sich auch hier auf klassische und romantische Werke, Sonaten mit Violine oder mit Violoncello, Klaviertrios, -quartette und -quintette von Mozart, Beethoven, Schumann und Schubert. In Leipzig musizierte sie mit so namhaften Kollegen wie Ferdinand David, Engelbert Röntgen (Violine), Friedrich Grützmacher, Julius Rietz, Emil Hegar (Violoncello), in Bremen mit dem Violinisten Jean Becker, in Dresden mit dem Violinisten Wilhelm Joseph von Wasielewski, in Frankfurt a. M. mit dem Violinisten Hugo Heermann. Eine besondere Auszeichnung war Hauffes Mitwirkung bei einem Auftritt von Clara Schumann am 6. Dez. 1859 in Leipzig (Schumann, Andante und Variationen für zwei Pianoforte op. 46) und einem weiteren Konzert der berühmten Pianistin mit Amalie Joachim ebenda am 23. Okt. 1871, bei dem sie Clara Schumann bei fünf vierhändig vorgetragenen Ungarischen Tänzen von Brahms assistierte.

Im Juli 1872 verheiratete sich die Pianistin mit Raimund Härtel (1810–1888), Leipziger Stadtrat und Inhaber des Musikverlages Breitkopf & Härtel. Von da an „entsagte sie der Oeffentlichkeit, aber nicht der Kunst, die auch ferner in ihrem Hause – allen Künstlern und Kunstfreunden wohlbekannt – die eifrigste Pflege genoß. Die vielen anregenden und gesellschaftlich gemüthlichen Künstlerabende im Härtelschen Hause stellten nunmehr auch der Hausfrau ein glänzendes Zeugniß aus, die mit ihrem freundlich-schlichten Wesen, ihrem liebenswürdigen Entgegenkommen Alle für sich zu gewinnen wußte (Signale 1882, S. 404).

Louise Härtel starb in Leipzig 46-jährig „nach längerem Leiden (ebd.).

 

Undatierter Stich von August Weger.

 

LITERATUR

Schreiben der Evangelischen Kirchengemeinde St. Nikolai in Bad Düben/Mulde vom 3. Juni 2014 an die Verf.

AmZ 1863, Sp. 241, 272, 790; 1864, Sp. 64, 331, 830, 841; 1865, Sp. 70, 114; 1866, S. 74, 137; 1867, S. 395; 1868, S. 140; 1869, S. 358; 1871, Sp. 717, 763

Blätter für Musik, Theater und Kunst 1859, 21. Okt.; 1862, 1., 4. Febr.; 1865, 24. Jan.;

1872, 25. Juni

Bock 1863, S. 409; 1865, S. 31; 1866, S. 374; 1868, S. 105; 1869, S. 74, 119, 380; 1870, S. 47, 55, 78f., 334, 342; 1871, S. 351

Deutsche Allgemeine Zeitung [Leipzig] 17. Dez 1856

Didaskalia 25. März 1869, Nr. 84

FritzschMW 1870, S. 137f., 170, 444f.

Monthly Musical Record 1871, S. 161; 1872, S. 8

MusW 1882, S. 210

Neue Freie Presse [Wien] 1865, 31. Jan., 14. Febr.

Niederrheinische Musik-Zeitung 1863, S. 108

NZfM 1854 I, S. 9; 1854 II, S. 238; 1856 I, S. 174; 1856 II, S. 250; 1858 I, S. 155; 1858 II, S. 169f., 273; 1859 I, S. 95, 129; 1859 II, S. 154, 219; 1860 I, S. 59, 134, 179, 222f.; 1860 II, S. 154f., 161f., 199; 1861 I, S. 73, 99, 176; 1861 II, S. 5; 1862 I, S. 139; 1862 II, S. 220; 1863 II, S. 198, 211; 1864, S. 48, 72, 444; 1865, S. 51, 56, 137, 246, 305f., 445; 1866, S. 80, 402, 407, 417; 1867, S. 42, 315, 398; 1868, S. 5, 43, 99, 120; 1869, S. 57, 95, 412; 1870, S. 70f., 90, 98f., 107f., 392, 455; 1871, S. 74, 286, 398, 455; 1872, S. 234

Die Presse [Wien] 1864, 28. Dez.; 1865, 17. Febr.

Signale 1861, S. 128; 1862, S. 103, 137; 1863, S. 214, 262, 573, 790, 840; 1864, S. 939; 1865, S. 122, 133f., 182, 689; 1866, S. 184, 219, 228; 1867, S. 81, 949, 986; 1868, S. 340, 355, 404, 414; 1869, S. 229, 315, 363, 914; 1870, S.149, 157, 231, 339, 701, 747, 755; 1871, S. 70, 275, 724, 820; 1882, S. 394, 404; 1883, S. 405

Süddeutsche Musik-Zeitung 1860, S. 179

Riemann 11

Gustav Keckeis (Hrsg.), Lexikon der Frau, 2 Bde., Bd. 1, Zürich 1953.

Eduard Hanslick, Geschichte des Concertwesens in Wien, 2 Bde., Wien 1869 u. 1870.

Silke Wenzel, Art. „Louise Hauffe, in: MUGI. Musik und Gender im Internet, http://mugi.hfmt-hamburg.de/A_lexartikel/lexartikel.php?id=hauf1836, Zugriff am 23. Mai 2014.

 

Bildnachweis

Sammlung Manskopf der Universitätsbibliothek Frankfurt a. M.,

http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/manskopf/content/titleinfo/5463929,http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/manskopf/content/titleinfo/5560338, Zugriff am 23. Mai 2014.

 

Freia Hoffmann

 

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