Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Eibenschütz, Ilona, verh. Derenburg, Deerenburg

* 8. Mai 1872 in Pest, † 21. Mai 1967 in London, Pianistin. Ihre ersten Klavierlehrer waren ihr Cousin, der Pianist Albert Eibenschütz (1857–1930), sowie der in ihrer Heimatstadt bekannte Carl Marek. Mit Hilfe eines kaiserlichen Stipendiums setzte sie ihre Ausbildung am Wiener Konservatorium bei Hans Schmitt (1835–1907) fort. Zu diesem Zeitpunkt galt sie bereits als ‚Wunderkind‘, trat 1878 erstmals in Wien auf und etablierte sich zunächst in der lokalen Konzertszene. Sogar der ferne „Musical Standard“ hatte zu diesem Zeitpunkt bereits von ihr gehört: „Professor Schmitt, of Vienna, is giving gratuitous piano-forte lessons to a little jewish girl of seven years of age, the ninth child of a poor singer named Eibenschutz [sic]. […] Ilona not only plays fluently, but never touches a wrong note, even if the keys are covered with a cloth, and can also compose very neatly“ (Musical Standard 1880, S. 374). Ab 1881 unternahm sie Tourneen im deutschsprachigen Raum. Der Korrespondent der „Signale für die musikalische Welt“ resümiert nach einem Konzert in Berlin: „Eine unleugbar große pianistische Begabung, technische Sicherheit und musikalischer Sinn traten aus allen ihren Vorträgen zu Tage, hinsichtlich des Verständnisses eines Bach, Mozart oder Beethoven mußte man selbstverständlich bei so jugendlichem Alter seine Ansprüche ‚en miniature‘ gestalten und von diesem Standpunkt fehlte es allerdings auch nicht an überraschenden Einzelheiten“ (Signale 1881, S. 410). Für Stuttgart sieht die „Allgemeine musikalische Zeitung“ das Phänomen weit kritischer: „Ein beachtenswerthes Talent ist die kleine Ilona, welche für ihr Alter über eine nicht ganz unbedeutende Technik verfügt; aber so arg ist es denn doch nicht, wie es das unsinnige Reclamegeschrei der Presse darstellte, so dass man versucht war zu glauben, das grösste Genie der Welt sässe auf dem Clavierstuhl. […] Die Wiedergabe des italienischen Concerts von Bach war eine durchaus verfehlte, abgesehen von grossen technischen Mängeln, welche hier zutage traten […]. Kleinere und leichtere Compositionen von Hans Schmidt [recte: Schmitt], sowie den Cis moll-Walzer von Chopin spielte sie ganz hübsch“ (AmZ 1881, Sp. 221). Geradezu hymnisch allerdings preist ein Frankfurter Rezensent die Achtjährige, „welche in vielen Einzelheiten an den jungen W. A. Mozart aus dem Jahre 1763 erinnerte“ (NZfM 1881, S. 319).

Für das Folgejahr sind Auftritte im Leipziger Gewandhaus und in Dresden nachweisbar, wo ein Kritiker sich überrascht zeigt ob der Fähigkeiten der Konzertgeberin: „Sie ist, vermöge ihrer nicht nur virtuosen, sondern ganz besonders eminent musikalischen Begabung, welche sich in einem für dieses Alter beinahe unglaublich klaren Verständniß und einer unbewußt warmen Empfindung kund giebt, nicht zu den Wunderkindern gewöhnlichen Schlages zu zählen“ (Signale 1882, S. 1030).

1883 unternahm Ilona Eibenschütz eine ausgedehnte Skandinavienreise. Sie konzertierte zunächst in Kopenhagen vor der dänischen Königin. „Von dort begab sie sich nach Christiana, wo sie gleichfalls an mehreren Abenden auftrat, und spielte hierauf in den größeren Städten Skandinaviens, um ihre Tournée in Kopenhagen zu beenden“ (NZfM 1883, S. 19). Im Oktober desselben Jahres bereiste sie Osteuropa, gab zwei Konzerte in Riga und spielte am 21. Dez. „vor der Czarin und der kaiserl. Familie“ (NZfM 1884, S. 18). Auf der Rückreise über Riga kam dem dortigen Rezensenten der „vernünftige Plan“ zu Ohren, „die kleine Ilona vorläufig nicht mehr concertiren zu lassen […], sondern sie auf mehrere Jahre den Händen des bewährten Meisters [Theodor] Leschetizky in Wien anzuvertrauen“ (NZfM 1884, S. 83). Nachdem die junge Pianistin im selben Jahr ihre Studien am Wiener Konservatorium erfolgreich abgeschlossen hatte, wurde dieser Plan jedoch dahingehend variiert, dass sie 1886 nach Frankfurt a. M. ging, um bei Clara Schumann weiter ausgebildet zu werden. „Eine vornehme Frankfurter Familie [bestritt] die Kosten ihrer Erziehung“ (Ehrlich 1893, S. 94).

Am Hoch’schen Konservatorium hatte Ilona Eibenschütz neben Clara Schumann auch Iwan Knorr (1853–1916) zum Lehrer, bei dem sie Kontrapunkt studierte. Ihre Konzerttätigkeit legte sie dabei zunächst auf Eis – jedenfalls gibt es zwischen 1886 und 1889 keine Belege für öffentliche Auftritte. In ihrer Frankfurter Zeit lernte sie Johannes Brahms kennen, dessen Musik sie von Anfang an begeisterte: „No wonder I became an ardent Brahmsian when I was fifteen years old! I knew all his pianoforte compositions, of course, and was familiar also with his symphonies, songs, and the ‚requiem‘“ (Derenburg 1926, S. 598).

Ende 1889 schloss sie ihre Studien erfolgreich ab, und Clara Schumann bescheinigte ihr, eine „höchst begabte, ja geniale Künstlerin und Virtuosin“ (Geleitbrief, zit. nach Kohut, S. 401) zu sein. Daraufhin nahm Ilona Eibenschütz ihre Konzerttätigkeit wieder auf und spielte zunächst in Frankfurt a. M. und Umgebung, dann in ihrer Heimatstadt Wien, wo sie 1891 zwei Recitals gab und ihre Bekanntschaft mit Brahms vertiefte. Trotz eines Altersabstandes von fast vierzig Jahren schlossen der Komponist und die Pianistin Freundschaft, die sie jährlich bei Sommeraufenthalten in Bad Ischl erneuerten.

Am 12. Jan. 1891 trat Ilona Eibenschütz erstmals in London auf. Sie berichtet später, „Frau Schumann […] had arranged with Mr. Arthur Chappell to engage me for two Monday Popular Concerts“ (Eibenschütz 1926, S. 598). Ihr britisches Debüt bestritt sie mit Robert Schumanns Études Symphoniques  op. 13 und, als Begleiterin von Alfredo Piatti, mit Beethovens Cellosonate op. 69. Während der „Musical Standard“ eher pauschal von einem „most agreeable tone, and in general, good execution“ schreibt, darüber hinaus in ihrem Begleitungsstil Parallelen zu Fanny Davies entdeckt, wägt die „Musical World“ ihr Urteil sorgfältig ab: „Technically she leaves little to be desired; her tone is rich and full, her execution fluent and sufficiant. Spiritually – if the convenient phrase be admitted  she is more difficult to classify […]. She was obviously nervous, and she scarcely had her impulses under complete control. She took a good many liberties with the text of her solo  Schumann’s ‚Etudes Symphoniques‘ […]; and yet her reading was so individual, so artistic that we should hesitate to condemn it. Impulsive, highly-coloured  these are perhaps the most fitting epithets to describe her performance“ (MusW 1891, S. 57). Sich auf externe Quellen beziehend vermutet „The Athenæum“, dass das Resultat des Konzertes „was something of a disappointment. In choosing Schumann’s ‚Études Symphoniques‘ the young lady subjected herself to a severe test, and it can hardly be said that she issued from it scatheless. The theme was taken too slowly, and the only mannerism which ever mars [sic] the playing of Madame Schumann, that of separating the notes of chords and octaves [d. h. ihr Arpeggio], was noticeable to an unpleasant extent. Again, in the magnificant second variation there was considerable weakness, particulary in the left hand. Afterwards a considerable improvement was noticeable, and the third, fifth, and seventh variation were excellently played“ (Athenæum 1891 I, S. 96).

Trotz dieses durchwachsenen Einstands etablierte sich Ilona Eibenschütz sehr schnell in der englischen Konzertszene, wirkte in so bekannten Reihen wie derjenigen der Philharmonic Society oder den Crystal Palace Concerts mit, wo sie am 21. Febr. 1891 Chopins zweites Klavierkonzert interpretierte. Veranstaltungen unter eigenem Namen folgten, in denen sie sich sowohl als Solo-Künstlerin als auch als Kammermusikerin (z. B. zusammen mit der Geigerin Metaura Torricelli) präsentierte und wo sie, der „Pall Mall Gazette“ zufolge, „displayed a classical taste and a poetic brillancy of style which must place her, young as she is, in the first rank of rising pianistes“ (Pall Mall Gazette 16. Mai 1891).

Ilona Eibenschütz entfaltete zu dieser Zeit eine rege Reisetätigkeit, da sie zwischen ihren Londoner Konzerten immer wieder auch deutsche Engagements wahrnahm. So spielte sie beispielsweise im Nov. 1891 in Wien (u. a. mit dem Hellmesberger-Quartett), am 14. Jan. 1892 in Leipzig, am 11. März aber wieder in London, wo sich ihre Vorliebe für Brahms geltend machte: Die Pianistin setzte in diesem Recital Brahms’ Händel-Variationen op. 24 auf ihr Programm, „which […] displayed her great executive abilities with admirable effect“ (Musical News 1892 I, S. 270). Der „Saturday Review“ sekundiert: „The fulness and depth of the tone she produces makes her quite unique among female pianists“ (Saturday Review 1892, S. 359). Am 30. März weilte sie bereits in Kopenhagen, wo sie zweimal auftrat. Dieses unruhige Leben bestimmte durchweg die folgenden Jahre ihrer Berufstätigkeit.

Im Jan. 1894 machte Ilona Eibenschütz das englische Publikum erstmals, zunächst in Auszügen, mit Brahms’ Klavierstücken opp. 118 und 119 bekannt und stellte diese in mehreren Konzerten vor. Der „Observer“ schreibt daraufhin, es sei „hardly possible to imagine better performances of these beautiful works“ (The Observer 11. März 1894, S. 6) Am 7. Apr. interpretierte sie die vollständigen Zyklen (The Lute 1894, S. 306). Die Pianistin hatte diese Werke in Ischl kennengelernt – Brahms selbst hatte sie ihr dort eines Nachmittags vorgestellt. Im gleichen Jahr spielte Ilona Eibenschütz zusammen mit Joseph Joachim auch Brahms’ Horntrio op. 40, wobei allerdings das titelgebende Blechblasinstrument durch Alfredo Piattis Cello ersetzt wurde (The Academy 1894, S. 175).

Ilona Eibenschütz blieb bis zur Jahrhundertwende in jeder folgenden Saison in England präsent, wobei sie ihr Repertoire – mit Beethoven, Schumann, Brahms, Chopin und später auch Scarlatti im Kern – nicht mehr signifikant erweiterte. 1897 spielte sie mehrmals Griegs Klavierkonzert op. 16, was aber Episode blieb. Nach Auftritten in Mailand besuchte die inzwischen arrivierte Künstlerin 1901 wieder einmal Wien, die Stadt ihrer frühesten Erfolge.

Im Jahr 1902 heiratete Ilona Eibenschütz den Frankfurter Aktienhändler und Amateurgeiger Carl Derenburg, nahm seinen Namen an, ließ sich endgültig in London nieder und zog sich in der Folgezeit sukzessive aus der Öffentlichkeit zurück. Das beginnende Zeitalter der Schallplatte begrüßte sie mit Aufnahmen für die BBC und die „Grammophone and Typewriter Company“. 1910 stand sie noch einmal auf der Bühne der Classical Concert Society, drei Jahre später ist ein Auftritt mit dem Rosé Quartett (Wyndham/L’Epine 1915, S. 92) belegt. Ins reguläre Konzertleben kehrte sie allerdings nicht mehr zurück, auch nicht, nachdem ihr Ehemann 1927 gestorben war. Ein Jahr zuvor hatte sie ihre Erinnerungen an Johannes Brahms in einem kurzen Essay in der „Musical Times“ veröffentlicht. Bis weit ins 20. Jahrhundert blieb sie als britische Erstinterpretin der Brahms’schen Opera 118 und 119 noch Referenz für jüngere PianistInnen.

 

 

TONAUFNAHMEN

Pupils of Clara Schumann. Fanny Davies, Ilona Eibenschütz, Adelina de Lara, Pearl GEMM 291-299, P1986.

Pupils of Clara Schumann. Fanny Davies, Ilona Eibenschütz, Adelina de Lara, Pearl GEMM CDS 9904-9, P1991.

Legends of the Piano, Naxos 8.112054, P2010.

 

LITERATUR

Ilona Derenburg, „My Recollections of Brahms“, in: MusT 1926, S. 598f.

The Academy 1891, S. 146; 1894, S. 175; 1897, S. 312

AmZ 1881, Sp. 220f.

The Athenæum 1891 I, S. 96, 288, 678; 1892 I, S. 253f.; 1894 I, S. 121; 1897 I, S. 91, 122; 1897 II, S. 568; 1898 I, S. 255, 319; 1899 II, S. 874; 1902 I, S. 27; 1910 I, S. 23

Bock 1881, S. 55; 1882, S. 302; 1892, S. 637, 652f.

Deutsche Musik-Zeitung 1891, S. 283, 304

Israelitische Wochen-Schrift 1881, S. 64

The Lute 1894, S. 306

Magazine of Music 1892, S. 61; 1895, S. 45

Monthly Musical Record 1897, S. 41

Musical News 1891, S. 234f.; 1892 I, S. 174, 270; 1894 I, S. 198; 1894 II, S. 311; 1896 I, S. 174, 293; 1897 I, S. 55; 1898 I, S. 266

Musical Standard 1880 I, S. 374; 1891 I, S. 42, 82; 1891 II, S. 94; 1892 I, S. 193, 231; 1893 I, S. 91, 111, 124; 1893 II, S. 238; 1894 I, S. 78, 150, 190; 1895 I, S. 56, 74, 215, 276; 1896 I, S. 138, 188; 1897 I, S. 59, 204; 1898 I, S. 88; 1899 I, S. 105: 1899 II, S. 228; 1900 I, S. 74, 116; 1901 II, S. 345

Musical Opinion & Trade Review 1891, S. 216, 256f.; 1894, S. 424–426; 1895, S. 286; 1897, S. 544

MusT 1891, S. 151f., 342; 1893, S. 151; 1894, S. 192; 1895, S. 236; 1897, S. 98f., 116, 242, 258; 1898, S. 173, 262, 265; 1899, S. 175, 190, 247; 1900, S. 121, 188; 1901, S. 188; 1967, S. 741 

MusW 1891, S. 57

NZfM 1880, S. 367, 397; 1881, S. 151, 319; 1882, S. 425, 545, 547, 558; 1883, S. 11, 56, 113, 159, 216, 240: 1884, S. 18, 83; 1885, S. 9: 1886, S. 410; 1889, S. 348; 1890, S. 174 ; 1891, S. 54, 114, 533, 541; 1892, S. 28, S. 531, 574; 1893, S. 324; 1895, S. 151; 1899, S. 304; 1900, S 278

The Observer 11. März 1894

The Pall Mall Gazette 1891, 16. Mai; 1896, 24. März; 1898, 28. Jan.

Signale 1879, S. 195; 1881, S. 163, 410, 439; 1882, S. 195, 443, 998, 1030, 1050; 1883, S. 4, 323, 344, 551, 1014, 1028, 1171; 1884, S. 177, 195; 1885, S. 117; 1886, S. 437; 1890, S. 999, 1016, 1032); 1891, S. 8, 85, 150, 195, 198, 248, 357, 406, 501, 598, 934, 1061; 1892, S. 56, 69f., 131, 311, 342, 406, 437, 504, 601, 1098, 1114; 1893, S. 100, 244, 246, 342, 359, 422, 758, 1029); 1894, S. 165, 295, 310, 358, 404f.; 1895, S. 133, 149, 261, 265, 453, 468, 1050; 1896, S. 118, 198, 266, 310, 437, 947, 1108; 1897, S. 25, 119, 134, 343, 357, 391, 950; 1898, S. 106, 117, 180, 212, 249, 262; 1899, S. 9, 137, 148, 213, 327, 358, 375, 437, 954, 1013, 1033; 1900, S. 41, 277, 299, 326

The Sunday Review 1891, S. 105, 263; 1892, S. 359

Grove 4, Rudolph Riga, New Grove 2001

H. Saxe Wyndham/Geoffrey L’Epine (Hrsg.), Who’s Who in Music. A Biographical Record of Contemporary Musicians, London 1915.

Hermann Rollett, Beiträge zur Chronik der Stadt Baden bei Wien, Baden bei Wien 1880.

A. Ehrlich [d. i. Albert Payne], Berühmte Klavierspieler der Vergangenheit und Gegenwart, Leipzig 1893.

Anna Morsch, Deutschlands Tonkünstlerinnen, Biographische Skizzen aus der Gegenwart, Berlin 1893.

Adolph Kohut, Berühmte israelitische Männer und Frauen, 2 Bde., Bd. 2, Leipzig 1900.

Kathleen Rountree, „The Short-Lived Career of Ilona Eibenschütz“, in: The American Music Teacher Apr./Mai 1994, S. 14–17.

Janina Klassen, Clara Schumann. Musik und Öffentlichkeit, Köln [u. a.] 2009.

Silke Wenzel, „Ilona Eibenschütz“, in: MUGI. Musik und Gender im Internet, http://mugi.hfmt-hamburg.de/A_lexartikel/lexartikel.php?id=eibe1872, Zugriff: 18. Nov. 2010.

 

Bildnachweis

Ilona Eibenschütz, Sammlung Manskopf der Goethe Universität Frankfurt / M., http://edocs.ub.uni-frankfurt.de/volltexte/2003/7803535/, Zugriff: 18. Nov. 2010.

 

Markus Gärtner

 

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