Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

KühneWalter-Kühne, Walter-Kiune, Walter-Kuhne, Catherine, Catharine, Ekaterina Adolfowna

Transliteration: Val’ter-Kjune, Ekaterina Adol’fovna

* 1. (13.) Mai 1870 in St. Petersburg, † 19. Februar 1931 (in sowjetischen Quellen fälschlich: 1930) in Rostock, russische Harfenistin, Pianistin, Harfenlehrerin und Komponistin.

Die Familie Kühne zählte zu den deutschstämmigen Aussiedlern, die im 19. Jahrhundert das russische Musikleben maßgeblich mitprägten. Ihr Vater, Adolf Karlowitsch Kühne, war Kontrabassist am Kaiserlichen Opernorchester in St. Petersburg, ihre Mutter leitete ein englisches Pensionat. Zwischen 1881 und 1888 studierte Catherine Kühne auf Anraten Anton Rubinsteins (1829–1894) am Petersburger Konservatorium, zunächst in der Klavierklasse des Henselt- und Moscheles-Schülers Karl Lütschg (1839–1899, russisch: Ljutsch), ab 1887 dann bei Rubinstein selbst. Gleichzeitig nahm sie Unterricht bei dem renommierten Harfenisten Albert G. Zabel (1835–1910). Bereits ab 1883 trat Kühne öffentlich auf, beispielsweise bei den beliebten Konzerten am Pawlowsker Bahnhof. Mit Abschluss ihres Studiums konzentrierte sie sich auf die Harfe als Hauptinstrument, trat gelegentlich aber auch in ein und demselben Konzert sowohl als Harfenistin als auch als Pianistin auf. Über einen solchen gemischten Auftritt berichtete ein Rezensent der „Nya Pressen“ am 1. Sept. 1890: „Också ådraga dessa prestationer fröken Kühne de mest stormande applåder och framropningar, och måste hon gifva såsom extra nummer det ena stycket efter det andra på harpa, på hvilket instrument fr. K. är ändä större mästarinna än på piano“ („Auch brachte diese Leistung Fräulein Kühne den stürmischsten Applaus und Hervorrufe, und sie musste eine Zugabe nach der anderen auf der Harfe geben, dem Instrument, auf dem Frl. Kühne eine größere Meisterin ist als auf dem Klavier“) (Nya Pressen 1. Sept. 1890). Die Bevorzugung ihres Harfenspiels trotz hoher Anerkennung ihrer pianistischen Qualitäten kehrt in den Rezensionen zu Catherine Kühnes Konzerten ebenso regelmäßig wieder wie die Erwähnung der großen Zugaben-Zahlen.

 

 

Die Konzentration auf die Harfe steht in Zusammenhang mit der Entdeckung dieses Instruments von Seiten der russischen Musikliebhaber, so dass Kühne eine gefragte Künstlerin in den Petersburger Adelssalons wurde, wo sie mit ihren Bearbeitungen und selbstkomponierten Fantasien über Themen der damals populären Opern nachhaltige Erfolge erzielte und die Anerkennung der Harfe als Soloinstrument im russischen Kulturraum maßgeblich vorantrieb. Kühne war die erste Musikerin, die in Russland öffentlich ein Konzert für Harfe und Orchester aufführte: Am 14. Nov. 1892 spielte sie im 3. Symphoniekonzert der Petersburger Abteilung der Russischen Musikgesellschaft unter der Leitung von Kapellmeister Krushewski das Concertino für Harfe und Orchester op. 175 von Karl Oberthür. Der Rezensent der „Signale für die musikalische Welt“ merkt an: „Als Solistin betheiligte sich Fräulein Catherine Kühne durch den brillanten und höchst beifällig aufgenommenen Vortrag des Harfen-Concertinos. [...] Unseres Wissens ist bisher noch niemals ein Harfenconcert in den Symphonie-Abenden vorgetragen worden; dennoch erscheint die Harfe ein vollkommen berechtigtes Solo-Instrument – obgleich hervorragende Virtuosen ziemlich selten angetroffen werden“. Zugleich, so merkte der Kritiker an, „bewährte sich ihre [Kühnes] hervorragende Begabung und staunenswerthe Sicherheit in vorzüglicher Weise“ (Signale 1892, S. 1125).

Bereits 1891, also ein Jahr zuvor, überzeugte Catherine Kühne anlässlich eines Auftritts im Petersburger Smolni-Institut für höhere Töchter die Verantwortlichen davon, das Harfenspiel in den Lehrplan der Institution aufzunehmen und dieses Instrument damit zu einem Eckpfeiler der Ausbildung adliger junger Damen zu machen. Dementsprechend übernahm Kühne zwischen 1893 und 1911 am Smolni-Institut den Unterricht auf diesem Instrument und lehrte zwischen 1904 und 1917 auch am Petersburger Konservatorium, wo sie 1915 zur Professorin für das Fach Harfe ernannt wurde.

In den 1890er Jahren arbeitete Kühne außerdem als Harfenistin im Orchester der Italienischen Oper St. Petersburgs und trat bei Konzerten der Russischen Musikgesellschaft auf. 1903 wurde sie Mitglied im Orchester des Marientheaters. Weitere Konzertauftritte in Russland, Skandinavien, Deutschland (und, laut MGG 2000, Frankreich) sind belegt.

In der Anfangsphase ihrer Konservatoriums-Lehrtätigkeit heiratete Kühne den Instrumentenbauer U. F. Walter, der damals als Direktor der Klavierfabrik Schröder in St. Petersburg tätig war. 1917 verließ das Ehepaar Russland und ließ sich in Rostock nieder, wo Kühne wohl in eingeschränktem Rahmen ihre Lehr- und Konzerttätigkeit fortsetzte.

Catherine Kühnes Kompositionen werfen, soweit erhalten, ein bezeichnendes Licht auf ihre interpretatorischen Qualitäten. Kühnes Fantasie über Themen aus Tschaikowskys Oper Eugen Onegin ist bei HarfenistInnen noch heute bekannt; das Solostück kombiniert drei Themen der Oper (Introduktion, Arioso des Lenski/I. Akt, Walzer/II. Akt) auf eine Weise, die über eine simple Aneinanderreihung von Melodien deutlich hinausgeht. Die Komplexität des Arrangements, der geradezu symphonische Klang und die geschmackvoll eingebundenen harfentypischen Spielfiguren lassen erahnen, was für eine musikalische Virtuosin Catherine Kühne gewesen sein muss. Ein frühes Empfehlungsschreiben durch den Hornisten Wilhelm Wurm betont: „Frl. Kühne ist eine solche feine Cünstlerin, und spielt so entzückend, dass Sie und auch Publikum [sic] werden sehr zufrieden sein“ (zit. nach Lomtev 2002, S. 118). Aus zeitgenössischen Presse-Äußerungen geht hervor, dass Kühnes Harfenspiel von dem Interpretationsstil ihres Klavierlehrers, Anton Rubinstein, geprägt war. In ihrem Spiel verbanden sich Klangschönheit, technische Präzision und interpretatorische Tiefe zu einer vollendeten Synthese, die sie offenbar auch in ihrem Unterricht zu vermitteln verstand. Xenia Erdeli, ihre wohl bekannteste Schülerin, lobte neben Kühnes künstlerischer Vollkommenheit und ihren pädagogischen Qualitäten außerdem ihre Menschlichkeit und Hilfsbereitschaft, die (zumindest in ihrem Fall) über das normale Maß einer Beziehung zwischen Lehrerin und Schülerin deutlich hinausgegangen seien.

Durch ihre SchülerInnen, zu denen neben Erdeli auch A. Ja. Gelrod (später Dozentin am Konservatorium in Charkow und Mitglied des dortigen Opernorchesters), Eleonora Damskaja (Widmungsträgerin zweier Harfen-Kompositionen Sergei Prokofjews), Maria D. Alexandrowa-Gorelowa (Harfenistin am Moskauer Bolschoi-Theater), Elena A. Alymowa, V. Dulova, Ė. Kuz’minčeva, Lili Kajanus-Blenner und Aino Kajanus-Mangström gehörten, trug Kühnen maßgeblich dazu bei, eine spezifisch russische Tradition des Harfenspiels zu begründen.

 

WERKE FÜR HARFE

Fantasie über Themen aus Gounods Oper Faust für Harfe solo, Ms. (Aufbewahrungsort: St. Petersburger Konservatorium); Fantasie über Themen aus Tschaikowskys Oper Eugen Onegin für Harfe, Moskau 1967; Transkription von Edward Grieg: „Jeg elsker Dig“ („Ich liebe Sie“) op. 5 Nr. 3 aus Hjertets Melodier af H. C. Andersen op. 5; Fantasie über Themen aus Verdis Oper Rigoletto

 

LITERATUR

Ksenija Aleksandrovna Erdeli, Arfa v mojej Žhizni. Memuary [Die Harfe in meinem Leben. Memoiren], Moskau/Muzyka 1967.

Sergey Prokofiev, Diaries 1907–1914. Prodigious youth, hrsg. von Anthony Phillips, London 2006 .

NZfM 1884, S. 291

Nya Pressen 1890, 21. Sept.; 1894, 29. Apr.

Signale 1890, S. 500; 1892, S. 1125

Erich H. Muller, Deutsches Musiker-Lexikon, Dresden 1929.

MuzEnc, MuzSlov, Hixon, Govea, MGG 2000

The Biographical Dictionary of the Former Soviet Union. Prominent People in all Fields from 1917 to the Present, hrsg. von Jeanne Vronskaya u. Vladimir Chuguev, London 1992.

Nemcy Rossii. Enciklopedija [Russlanddeutsche. Enzyklopädie], Moskau 1999ff.

Ivan Polomarenko, Arfa v prošlom i nastojaščem [Die Harfe in Vergangenheit und Gegenwart], Moskau 1939.

Erich Hermann Muller von Asow u. Hedwig Muller von Asow (Hrsg.), Kürschners Deutscher Musiker-Kalender 1954.Zweite Ausgabe des Deutschen Musiker-Lexikons, Berlin 1954.

Viktorija Poltareva, Tvorčeskij put’ Ks. A. Ėrdeli [Der Schaffensweg X. Erdelis], Lemberg 1959.

Michael Goldstein, „Catherine Walter-Kuhne. Eine hervorragende Harfenistin“, in: Das Orchester 13 (1965), S. 261–262.

Viktorija Poltareva, Arpa [Die Harfe], Music Ukraine, National Committee of Ukraine SSR, Kiev 1980.

Ernst Stöckl, Musikgeschichte der Rußlanddeutschen, Dülmen 1993.

Denis Lomtev, Nemeckie muzykanty v Rossii: k istorii stanovlenija russkih konservatorij [Deutsche Musiker in Russland: Zur Gründungsgeschichte der russischen Konservatorien], Moskau 1999.

Denis Lomtev, Deutsche Musiker in Russland. Zur Geschichte der Entstehung der russischen Konservatorien, Sinzig 2002.

Klaus-Peter Koch, „Deutsche Musiker in Sankt Petersburg und Moskau“, in: Musik und Migration in Ostmitteleuropa, hrsg. von Heike Müns, München 2005, S. 339–406.

Anne K. Gray, The world of women in classical music, San Diego 2007.

 

Bildnachweis

Lomtew 2002, S. 117

 

Kadja Grönke

 

© 2010 Freia Hoffmann