Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

MaierRöntgen-Maier, verh. Röntgen, Carolina Amanda Erika

* 20. Febr. 1853 in Landskrona, † 15. Juni 1894 in Amsterdam, Violinistin, Organistin und Komponistin. Amanda Maier wurde als zweites Kind von Carl Edvard Maier (1820–1877) und Elisabeth Sjøbeck (1818–1896) geboren. Ihr älterer Bruder war Carl Frederik Frithiof Axel (1848–1851).

Sie erhielt ersten Violin- und Klavierunterricht von ihrem Vater Carl Edvard Maier, der nicht nur Musiker, sondern auch Konditor war. Aus dem württembergischen Riedlingen als „spelemann“ nach Schweden gekommen, erwarb er 1852 in Stockholm das Diplom zum „musikdirektör“ (Vis, S. 184). Bereits als 14-Jährige studierte Amanda am Konservatorium in Stockholm. Ein 1869 entstandenes Heft Preludier af Amanda Maier enthält Studien, die ein frühes Zeugnis ihrer kompositorischen Begabung sind.

Nachdem sie ihr Studium in Geschichte und Ästhetik der Musik, Violine, Violoncello, Orgel und Komposition abgeschlossen und als erste Frau 1872 den Titel „musikdirektör“ erhalten hatte, reiste sie für weitere Studien (u. a. in Violine, Harmonielehre und Komposition) nach Leipzig. Von den hier entstandenen umfangreichen Werken wurde die ihrem Vater gewidmete Violinsonate (Dez. 1873) von der Stockholmer Akademie „auf Grund einstimmigen Urtheils der Preisrichter Hiller, Gade und Rubenson“ (Bock 1878, S. 39) preisgekrönt; in stark überarbeiteter Gestalt kam das Werk 1878 heraus.

Engelbert Röntgen, Konzertmeister des Gewandhausorchesters, war in Leipzig Amanda Maiers Violinlehrer. Als Mitglied der „Skandinaviska sällskapet“, einer Vereinigung junger Skandinavier, die am Konservatorium studierten, machte Amanda Bekanntschaft mit Edvard Grieg, der hier ihre von ihr und Julius Röntgen (dem Sohn von Engelbert Röntgen) vorgetragene Sonate hörte.

Nachdem sie ihr Violinkonzert am 10. Dez. 1875 in Halle gespielt hatte, konnte sie damit am 8. Febr. 1876 als Solistin des von Carl Reinecke dirigierten Gewandhausorchesters im Leipziger Gewandhaus aufwarten. Am 18. Nov. desselben Jahres wiederholte sie es in der Stockholmer Oper, wo sie außerdem das Konzert von Mendelssohn spielte. Heinrich Flinsch, Geschäftsmann und Direktionsmitglied des Gewandhauses, stellte ihr für das Leipziger Konzert seine Stradivari zur Verfügung. Julius Röntgen vermerkt in seinem Tagebuch: „Ausgezeichnet gut gegangen, geklungen und gefallen. Sehr glücklich“ (zit. nach Vis, S. 86) und komponierte für Amanda Maier ein Adagio für Violine und Orgel, das er am Palmsonntag mit ihr in der Leipziger Nicolaikirche aus der Taufe hob.

Am 11. Juni 1876 verließ die Musikerin Leipzig, um Landskrona wieder zu ihrem Hauptwohnsitz zu machen. 1878, zwischen dem 8. Mai und dem 25. Juli, führte sie eine Reise mit 31 Konzerten in 26 schwedische und norwegische Städte; im nächsten Jahr unternahm sie vom 20. Sept. bis zum 23. Nov. eine Tournee mit 15 Konzerten; die Reise wurde um Auftritte in Russland (St. Petersburg) und Finnland (Helsinki) erweitert. Sie gab diese Konzerte mit der Sopranistin Louise Pyk und der Pianistin Augusta Kiellander; in Kirchenkonzerten spielte Amanda Maier Orgel. So oft sie Gelegenheit dazu fand, fuhr sie nach Leipzig, um mit Julius Röntgen zusammen sein zu können. Sie wohnte dann im Hause der Eltern Röntgen. Ethel Smyth schreibt 1877 darüber: „There was one more belonging to that household, a dear Swedish girl called Amanda Meyer, violinist and composer, who afterwards married Julius“ (Smyth Bd. 1, S. 171). Die in dieser Zeit geschriebenen Sechs Stücke für Clavier und Violine widmete Amanda „Herrn und Frau Concertmeister Röntgen“. Während eines dieser Leipziger Aufenthalte wirkte sie ohne Vorbereitung in einem Bachkonzert mit. Am 1. März 1878 berichtet Elisabeth von Herzogenberg darüber an Johannes Brahms: „Unser Bachkonzert […] ging glänzend von Statten, obwohl am Tage der Aufführung der Organist erkrankte, und das hübsche schwedische Mägdlein Amanda Mai[e]r einspringen mußte, – aber wie tapfer hielt sie sich!“ (Kalbeck Bd. 1, S. 56). Gemeint ist damit, dass Amanda improvisierend den Basso continuo ausgesetzt hat. 1878 spielte sie zudem mit Engelbert und Julius Röntgen sowie dem Cellisten Julius Klengel Streichquartett. Im Leipziger Riedel-Verein musizierte sie als 2. Violinistin in einem anspruchsvollen Programm Beethovens Quartett op. 130 und dessen Große Fuge.

Als Engelbert und Pauline Röntgen am 25. Juni 1879 ihre Silberhochzeit feierten, gaben Amanda Maier und Julius Röntgen ihre Verlobung bekannt, von der Ethel Smyth schreibt: „Julius and Amanda became officially engaged, and I had my first wondering view of untrammelled German demonstrativeness (Smyth Bd. 1, S. 182).

Die Hochzeit fand am 28. Juli 1880 in Landskrona statt, anschließend ließ sich das Paar in Amsterdam nieder, wo Julius bereits als Hauptlehrer für Klavier der „Maatschappij tot Bevordering der Toonkunst“ tätig war. Der befreundete Theologe und Musikforscher Abraham Loman schreibt: „Mit ihrer Verheirathung war für Amanda die Zeit ihres öffentlichen Auftretens als Violinspielerin beendet, die des Musizirens im häuslichen Kreise begann erst recht“ (Loman, S. 5). Nur ausnahmsweise konzertierte die Geigerin nun öffentlich, wie etwa 1885 im Rahmen einer „Händel- und Bach-Feier“, die von ihrem Ehemann geleitet wurde und während der „die angenehme, aber selten sich zeigende Erscheinung“ (NZfM 1885, S. 453) mit dem Geiger Joseph Cramer das Konzert für zwei Violinen Bachs spielte. Der Amsterdamer Korrespondent der „Neuen Zeitschrift für Musik“ zog aus dem Vergleich der beiden SolistInnen Rückschlüsse auf eine vom Geschlecht bestimmte Spielweise: „Wenn auch die liebenswürdige Violinistin mit großer Geschicklichkeit den Bogen nach allen Regeln der Kunst zu führen versteht, so war es doch an manchen Stellen deutlich, daß der volle männliche und kräftige Strich des allbekannten Herrn Cramer ihr treues, braves Streben einigermaßen überflügelte, dadurch verlor der Vortrag hier und da wohl einigermaßen an Einheit, Gleichheit und gewünschtem Verständniß“ (NZfM 1885, S. 453).

Bei den Musikabenden im Hause Röntgen wirkten so prominente Gäste wie Anton Rubinstein, Joseph Joachim, Edvard Grieg und Johannes Brahms mit, und als Clara Schumann 1883 in den Niederlanden konzertierte, spielten Amanda Röntgen-Maier und Julius Röntgen dessen Violinsonate fis-Moll op. 20 während einer Gesellschaft zu Ehren der Klaviervirtuosin.

1881 wurde der Sohn Julius geboren. Nach der Geburt des zweiten Sohnes Engelbert 1886 machte sich Amanda Röntgen-Maiers Krankheit bemerkbar, die dazu führte, dass sie 1888 für einen Kuraufenthalt nach Davos fahren musste. Zur Wiederherstellung ihrer Gesundheit begab sie sich nach Nizza; hier bezog sie mit ihren Kindern ein Stockwerk in jenem Haus, das zu dieser Zeit auch vom Ehepaar Herzogenberg bewohnt wurde. Die Geigerin spielte hier mit Elisabeth von Herzogenberg Sonaten von Brahms und Franck. In ihren Briefen an Brahms schreibt Elisabeth von Herzogenberg darüber am 13. Okt. 1888: „Amanda Röntgen ist hier unser Hausgenosse, d.h. sie bewohnt die Etage über uns und wird mit uns in dem neuen Brahms schwelgen. Das arme Frauchen soll hier und später in Ospedaletti ihre angegriffene Lunge hoffentlich auskurieren. Unser teuerer Dr. Schmid […] untersuchte sie, bestätigte leider den wenig tröstlichen Ausspruch der früheren Ärzte. Es ist ein zu großer Jammer, diese Trübung des jungen Himmels unsrer armen Vögel“ (Kalbeck Bd. 2, S. 198). Brahms antwortet: „Frau Röntgen bei Ihnen! Allerschönstens bitte ich sie zu grüßen“ (ebd., S. 200). In Elisabeth von Herzogenbergs Brief vom 28. Okt 1888 heißt es: Auf dem See’ [op. 59/2] spiele ich mit Amanda Röntgen, es klingt allerliebst für Geige, besser, scheint mir, als gesungen“ (ebd., S. 207). Als Brahms das Manuskript seiner Violinsonate d-Moll op. 108 an die Herzogenbergs schickte, reagierte Elisabeth am 30. Okt. 1888: „Heinrich wollte mir das Manuskript entreißen, aber ich hielt es fest und rannte augenblicklich zu Amanda hinauf, und ziemlich unfrisiert, aber mit froh erwartungsvollen Herzen setzten wir uns sogleich ans Werk“ (ebd., S. 210). Ein Photo aus dem Herbst 1888 zeigt die beiden Musikerinnen, die Sonate von Brahms spielend (Vis, S. 193). Auch in ihrem Brief vom 14. Mai 1889 erwähnt Elisabeth von Herzogenberg diese Violinsonate: „Frau Schumann spielte das hochgelobte Stück mit Amanda Röntgen und war mit letzterer sehr zufrieden“ (Kalbeck Bd. 2, S. 226). In ihrem Brief an Brahms berichtet Clara Schumann, dass sie „heute sogar mit der lieben Amanda Röntgen Deine 3. Sonate gespielt habe“ (Clara Schumann – Johannes Brahms Bd. 2, S. 381).

Vom Herbst 1890 an war Amanda Röntgen-Maier wieder in der Lage, sich ihrer Familie in Amsterdam zu widmen, wo sich unter ihrer sorgsamen Leitung die musikalische Begabung der beiden Kinder entfalten konnte (Julius wurde Geiger, Engelbert Violoncellist). Für die häuslichen Festtage schrieb sie kleine Ensemblestücke. Öffentlich spielte sie 1892 mit ihrem Mann dessen Suite Aus Jotunheim (Loman, S. 7). Über diese Jahre teilt Abraham Loman mit: „Die letzten drei Sommer, die Amanda erleben durfte, brachten ihr viel Natur- und Kunstgenuss. Die Reisen in Dänemark, Schweden und Norwegen, theils mit Freunden und Verwandten, theils mit talentvollen Musikern, […] schienen die letzten Spuren von allen Leiden für immer getilgt zu haben. Den Beweis der Genesung brachte sie von ihrer Reise nach dem hohen Norden (Hardanger) in Form eines dort komponierten Klavier-Quartetts mit; es war ihr letztes grosses Werk“ (Loman, S. 7). Edvard Grieg schreibt darüber an Julius Röntgen: „Dass Deine liebe Frau ein schönes Klavierquartett geschrieben hat, glaube ich mehr als gerne, da ich immer ein Verehrer ihres Talents war!“ (zit. nach Julius Röntgen, S. 38) Kurz vor ihrem Tod heißt es in einem Brief von Julius Röntgen an Grieg: „Merkwürdigerweise fühlt sich Amanda durchaus nicht krank, sie hat nicht das geringste Gefühl von dem Leiden und sieht sehr wohl aus“ (Benestad, S. 129). Wenige Stunden bevor sie starb, erteilte sie ihren Söhnen noch Unterricht. In seinem Brief an Edvard Grieg schreibt Julius: „Es war ein stiller, unendlich beruhigender Übergang – wann es zu Ende war, wußte ich nicht einmal“ (Benestad, S. 131). Grieg antwortet: „Sie gehörte zu meinen Lieblingen!“ (ebd.).

 

Links Amanda Maier, am Klavier Augusta Kiellander, dahinter die Sängerin Louise Pyk.
Rechts Carl Edvard Maier, der Vater der Geigerin. Foto von M. Selmen, Bergen.

 

WERKE MIT VIOLINE

Sonate für Klavier und Violine, Musikaliska Kunsföreningen, Stockholm 1878

Sechs Stücke für Klavier und Violine, Leipzig, Breitkopf & Härtel 1879 (NA: Körborn 2011)

Schwedische Weisen für Violine und Klavier (mit Julius Röntgen), Leipzig, Breitkopf & Härtel 1882

Quartett für Klavier, Violine, Viola und Violoncello, MCN webshop.mcn.nl, 2010 hrsg. von Lehel Donáth

Violinkonzert (ungedruckt)

 

LITERATUR

Lennart Lundholm, Mitteilungen, Landskrona, unveröffentlicht.

Julius Röntgen jun., Herinneringen, unveröffentlicht.

Fridtjof Thiadens, Mededelingen, unveröffentlicht.

Bock 1875, S. 407; 1878, S. 39; 1887, S. 299

NZfM 1875, S. 520; 1877, S. 150; 1878, S. 107, 130, 204; 1885, S. 453; 1887, S. 231; 1896, S. 65

Abraham Dirk Loman, Zur Erinnerung an Amanda Erika Röntgen-Maier. Mannheim, o. J.

Alfred Dörffel, Geschichte der Gewandhausconcerte zu Leipzig vom 25. November 1781 bis 25. November 1881, Leipzig 1884, Repr. Walluf bei Wiesbaden 1972.

Max Kalbeck, Johannes Brahms im Briefwechsel mit Heinrich und Elisabet von Herzogenberg, 2 Bde., Berlin 1907.

Ethel Smyth Impressions that remained. Memoirs. 2 Bde.London. New York 1919.

Berthold Litzmann (Hrsg.), Clara Schumann – Johannes Brahms. Briefe aus den Jahren 1853–1896, 2 Bde., Leipzig 1927.

Julius Röntgen, Edvard Grieg, Den Haag 1930.

Johannes Forner, Johannes Brahms in Leipzig – Geschichte einer Beziehung, Leipzig 1987.

Finn Benestad/Hanna de Vries Stavland (Hrsg.), Edvard Grieg und Julius Röntgen. Briefwechsel 1883–1907, Utrecht 1997.

Jurjen Vis, Gaudeamus het leven van Julius Röntgen (1855–1832) Componist en musicus, Zwolle 2007.

 

Bildnachweis

Brustbild, unbekannter Photograph, Privatbesitz

Ganzkörperbildnis, Selma Jacobsson (Stockholm), Privatbesitz

Gruppenbild, M. Selmer, Bergen, Privatbesitz

 

Christian Lambour

 

© 2010 Freia Hoffmann