Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Kuhn, Annette, Anette

* um 1851 (Ort unbekannt), Sterbedaten unbekannt, Concertina- und Zitherspielerin. Annette Kuhn machte sich zwischen 1868 und 1873 als blinde Virtuosin auf der Concertina und der Zither einen Namen. Ein erster Auftritt fand am 22. Okt. 1868 in München statt. Es folgten Konzerte in Wien (verm. 1869), Leipzig (1870), Dresden (1870), Breslau (1870), Königsberg (1870), Prag (1871), Nürnberg (1871), Berlin (1872), Köln (1872), Paris (1872, verm. auch 1873) und London (1873). In der Rezension des Münchener Konzerts 1868 wird sie als „Virtuosin […] aus Polen“ (Süddeutsche Presse, 22. Okt. 1868) bezeichnet. Eine Konzertankündigung der „Signale für die musikalische Welt“ aus dem Jahr 1870 kündigt die Virtuosin hingegen als „Fräulein Annette Kuhn aus München“ (Signale 1870, S. 149) an. Die letzten Nachrichten zum Wirken der Virtuosin erschienen im Kontext ihrer Londoner Konzerte im Mai 1873. Eine englische Zeitung schreibt im Jahr 1880, dass „a German Lady, Madame Kuhn“ (The Illustrated Police News 27. Mai 1880) ihr Londoner Haus im Tarrington Square vermietet habe. Ob es sich bei einer im Jahr 1889 in London ermordeten Madame Kuhn um die Instrumentalistin handelt, ist ebenfalls unklar.

Zu ihrem Debüt am 22. Okt. 1868 in München schreibt die „Süddeutsche Presse“: „Das […] in den Räumen des k. Odeon von der blinden Concertina- und Zither-Virtuosin Fräulein Annette Kuhn aus Polen veranstaltete Konzert bot ein so anziehendes Programm, daß der Konzertsaal das aus der Elite Münchens versammelte Auditorium nicht zu fassen vermochte. […] Die Konzertgeberin selbst, ein junges blindes Mädchen mit ausgesprochenem musikalischen Talente, trug auf der Concertina zwei Piecen vor: ‚la mélancolie‘, fantaisie sérieuse von Fr. Stahl, und ein von letzterem arrangiertes Potpurri aus Preziosa. Die Delikatesse und außerordentliche Technik, mit welcher die Konzertantin dieß Instrument handhabte, errangen sich die ehrendste Anerkennung des Publikums. Auch im Zitherspiel leistete sie sehr Anerkennenswerthes und es bewunderte bei dem Vortrage einer Salonpiece von Buchecker jedermann die Sicherheit, mit der das blinde Mädchen die gewagtesten Tonfiguren bewältigte. Nicht unerwähnt dürfen wir lassen, daß der Mangel des Augenlichtes bei dem Spiele der Konzertantin nicht im mindesten störend auf den Zuhörer wirkt und das Mitleid den Genuß überbietet“ (Süddeutsche Presse 22. Okt. 1868).

Auch wenn andere Rezensionen die Einschätzungen zu ihren spielerischen Qualitäten teilen, wird gegenüber den Instrumenten Concertina und Zither Ablehnung deutlich: „Wie uns bekannt, soll der Redacteur dieses Blattes die Concertina einmal gar nicht schlecht gespielt haben, hat aber das Instrument jetzt dahin gelegt, wo es eigentlich hingehört – in die Rumpelkammer! Er hat Recht, denn es ist besser, gar nichts zu leisten, als etwas, was dem gediegenen Kunstsinne und der mit diesem gepaarten Noblesse unseres Publicums nicht entspricht“ (Deutscher Theater-Correspondent 28. Okt. 1868). Auch nach ihrem Debüt in den Hanover Square Rooms 1873 werden in der „Musical World“ Vorbehalte geäußert: „Mdlle. Kuhn plays upon an instrument not greatly affected in this country, (the zither)“ (MusW 1873, S. 217).

 

LITERATUR

Der bayerische Kurier [München] 1868, S. 1992

Der bayerische Landbote 22. Okt. 1868

Deutscher Theater-Correspondent 28. Okt. 1868

Didaskalia 9. Okt.  1869

FritzschMW 1870, S. 110, 199; 1871, S. 93, 136; 1872, S. 299

The Illustrated Police News 27. März 1880

Liverpool Mercury 1873, 21., 26. Mai

MusW 1873, S. 217

NZfM 1870, S. 71, 222, 468; 1871, S. 94; 1872, S. 526

Nürnberger Anzeiger 21. Okt.  1871

Reynolds’s Newspaper 21. Juli 1889

Rübezahl (= Die schlesischen Provinzialblätter) 1870, S. 204

Signale 1870, S. 149, 277, 310, 468; 1873, S. 187

Süddeutsche Presse 22. Okt. 1868

Die Tonhalle 1870, S. 344, 763

Alfred Dörffel, Geschichte der Gewandhausconcerte zu Leipzig. Vom 25. November 1781 bis 25. November 1881, Leipzig 1884, Repr. Walluf 1972.

 

Jannis Wichmann

 

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