Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Prins-ClaussClauss, Claus, Fanny (Françoise-Charles)

* 25. Juli 1846 in Besançon, † 16. Apr. 1877 in Paris, Violinistin und Bratschistin. Sie war die jüngste Tochter von Elisabeth Clauss geb. Hutin (Huttin, 1813–?) und Sébastien Clauss (1808–1861), der in verschiedenen Presseberichten als „professeur de musique“ und später als Orchestermusiker eines Pariser Theaters bezeichnet wird. Die Geschwister Clauss aus Besançon – Marie (eigentlich Elisabeth, Violinistin, Pianistin und Sängerin, 1838–1894), Cécile (Violoncellistin, 1842–1861), Jenny (Violinistin, 1843–nach 1896) und Fanny – konzertierten 1857 als Streichquartett. Einen Auftritt in Genf kommentiert die „Neue Zeitschrift für Musik“ eher ablehnend: „Die vier Mädchen, im Alter von 8 bis 14 Jahren, spielen Quartette von Haydn und auch Quintette, bei denen dann der Herr Papa den ‚Wunderkindern‘ zuhilfe kommt. Auf uns, die wir ein abgesagter Feind alles Wunderkindthums sind, hat es einen wirklich peinlichen Eindruck gemacht, die vier Mädchen haspeln und raspeln zu sehen und zu hören, und die Curiosität ist am Ende das Einzige, was wir erwähnen könnten, da ihre Leistungen auf Kunstwerth auch nicht den geringsten Anspruch machen können. Die Violoncellspielerin scheint von den vieren das meiste Talent zu besitzen, allein dasselbe ist bei ihr ebenso uncultivirt, als bei ihren drei Collegen und dem Papa“ (NZfM 1857 II, S. 21). Im selben Jahr reiste der Vater mit dem Quartett nach Paris, wo für den Januar 1858 ein Auftritt in einem privaten  Salon belegt ist. In der Presse heißt es, die Darbietung sei unter  künstlerischen Gesichtpunkten „déjà satisfaisant; comme chose curieuse, cest tout simplement miraculeux“ („bereits zufriedenstellend; als Kuriosität ist es einfach bezaubernd“, Le Ménestrel 31. Jan. 1858).

Immerhin gelang es den Schwestern, ihr Können so weit zu steigern, dass Cécile, Jenny und Fanny am Konservatorium in Paris ausgebildet wurden und dort in den Jahren 1860, 1862 und 1863 ihr Studium abschließen konnten. Im Jan. 1861 – die Familie lebte inzwischen in Paris – ist ein weiteres öffentliches Konzert der Schwestern Clauss in Paris belegt. Darin präsentierten sich Jenny und Fanny mit Kompositionen von Pierre Rode, Felix Mendelssohn, Delphin Alard und Charles Dancla bereits publikumswirksam in der Tradition der Schwestern Milanollo„avec une justesse, un aplomb et un sentiment musical qui, malgré quelques inégalités, font espérer qu’elles retrouveront peut-être un jour les succès de Teresa et de Maria Milanollo“ („mit einer Präzision, einer Sicherheit und einer musikalischen Empfindungskraft, die trotz einiger Ungenauigkeiten hoffen lassen, dass sie vielleicht eines Tages Erfolge wie diejenigen von Teresa und Maria Milanollo erleben werden“, RGM 1861, S. 34). 1861 endete eine Auseinandersetzung in der Familie Clauss für Cécile und ihren Vater tödlich. Marie, die zuletzt als Sängerin und Pianistin in Erscheinung getreten war, heiratete 1864 Edouard de Vertus, zog sich weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück, wird aber im Todeseintrag ihres Mannes (1885) als professeur de musique“ bezeichnet. Der Versuch von Jenny und Fanny Clauss, sich im Konzertbetrieb als violinspielendes Schwesternpaar zu etablieren, wurde 1863 bis 1865 fortgesetzt. Die „Revue et Gazette Musicale“ bescheinigt ihnen „de notables progrès“ („bemerkenswerte Fortschritte, RGM 1863, S. 28) und „une habileté peu commune“ („eine nicht alltägliche Kunstfertigkeit“, RGM 1864, S. 93).

Bemerkenswert ist der Kommentar eines Jury-Mitgliedes, den die Zeitschrift „La Comédie“ anlässlich eines Prüfungskonzertes der Violinklasse am Konservatorium abdruckte. Dort hatten sich drei Studentinnen („trois Paganini à amples jupons“„drei Paganinis in Röcken“) hören lassen, darunter auch Fanny Clauss: „Mesdemoiselles, vous avez bien travaillé; vous jouez fort agréablement sans doute; mais le violon n’est pas l’instrument de votre sexe, et quand on l’aborde comme vous, il faut y exceller; c’est seulement ainsi qu’on justifie sa hardiesse. […] Le jury [… ] vous décerne un premier accessit, comme témoignage de satisfaction et destime; peut-être ferez-vous bien de vous y tenir, à moins que tout à coup il ne s’opère un miracle. Mais prenez-y bien garde: puisque les femmes ne sauraient prétendre aux orchestres, il faut qu’elles soient solistes, et c’est un rude métier, lorsque l’on est pas douée d’une vocation extraordinaire („Meine Damen, Sie haben gut gearbeitet, Sie spielen zweifellos sehr erfreulich; aber die Geige ist kein Instrument für Ihr Geschlecht, und wenn man sich ihrer bemächtigt, wie Sie es tun, muss man vortrefflich sein; nur so kann man seine Kühnheit rechtfertigen.[…] Die Jury […] kann Ihnen einen ‚premier accessit‘ zuerkennen, als Beweis ihrer Zufriedenheit und Wertschätzung; vielleicht tun Sie gut daran, sich damit zu begnügen, es sei denn, es geschieht plötzlich noch ein Wunder. Aber geben Sie dabei acht: Da Frauen ja nicht den Zugang zu Orchestern beanspruchen können, müssen sie Solistinnen sein, und das ist ein hartes Geschäft, wenn man nicht eine außergewöhnliche Berufung hat“, La Comédie 9. Aug. 1863, S. 8).

Die Schwestern Clauss wählten einen Weg, der für ihre Zeit außergewöhnlich war: Anfang 1866 meldeten mehrere französische Zeitschriften, die deutschen „Signale für die musikalische Welt“ und die englischen „Musical Notes“ die Gründung eines Frauen-Streichquartetts, bestehend aus Caterina Lebouys und Jenny Clauss (Violine), Fanny Clauss (Viola) und Hélène de Katow (Violoncello). Der Tradition der gemischten Programme folgend, spielten die Musikerinnen Solo-Stücke und, gemeinsam mit der Farrenc-Schülerin Marie-Louise Mongin, ein Quintett von Luigi Boccherini. „Ces dames ont fait preuve de verve et même d’ensemble; avec le temps et les répétitions, les détails gagneront en justesse et en pureté d’exécution. C’est, au résumé, une piquante tentative qui prouve, de plus, combien la musique de chambre prend racine en France“ („Diese Damen haben Schwung und sogar gutes Zusammenspiel unter Beweis gestellt. Mit der Zeit und weiteren Proben werden Einzelheiten der Interpretation genauer und sauberer werden. Insgesamt ist es ein pikantes Unterfangen, das überdies zeigt, in welchem Maß die Kammermusik in Frankreich Fuß fassen wird“, Le Ménestrel 1866, S. 55). Bis 1870 sind weiterhin Solokonzerte und gemeinsame Auftritte der Clauss-Schwestern belegt. Wie lange das Frauen-Streichquartett bestand, geht aus Pressemitteilungen nicht hervor.

1876 heiratete Fanny Clauss den französischen Maler und Bildhauer Pierre-Ernest Prins (1838–1913), einen engen Freund Edouard Manets. Für dessen Le balcon (1868/69) hatte sie neben Berthe Morisot und Antoine Guillemet Modell gestanden und mit Manets Frau, der Pianistin Suzanne geb. Leenhoff, häufig musiziert.

 

Edouard Manet, Le balcon (1868/69), Fanny Clauss stehend rechts.

 

Fanny Prins-Clauss, wie sie sich nun nannte, trat weiterhin öffentlich auf. 1876 beteiligte sie sich, wiederum als Bratschistin, ein zweites Mal an einem Frauen-Streichquartett, dem Quatuor Ste. Cécile unter Leitung der Geigerin Marie Tayau. Weitere Mitspielerinnen waren Marie Altmeyer, Violine, und Eve Maleyx, Violoncello. Dieses Ensemble wurde von der Fachpresse international wahrgenommen und vor allem im Hinblick auf seine anspruchsvollen Programme gelobt, die Quartette von Mendelssohn, Weber, Charles Dancla und Adolphe Blanc enthielten. „Les qualités qui distinguent le nouveau quatuor sont la netteté et une grande finesse. […] Nous félicitons vivement Mlle Tayau de son heureuse idée, car nous ne doutons pas qu’une fois connu, le Quatuor Sainte-Cécile ne devienne une des curiosités musicales de cet hiver“ („Die Eigenschaften, die das neue Quartett auszeichnen, sind Präzision und feine Differenzierung […]. Wir beglückwünschen Mlle. Tayau wärmstens zu dieser glücklichen Idee, denn zweifellos wird das Quatuor Ste. Cécile, wenn es erst einmal bekannt ist, eine der musikalischen Attraktionen dieser Konzertsaison werden“ , Le Monde artiste 22. Jan. 1876, S. 2). Fanny Prins-Clauss hatte indes nicht mehr lange Gelegenheit, die Erfolge des Quatuor Ste. Cécile zu teilen. Sie starb im Apr. 1877 dreißigjährig. Pierre Prins schuf nach ihrem Tod ein Gipsrelief der Geigerin, das im Musée d’Orsay in Paris verwahrt wird.

Ihre Schwester Jenny trat 1871 in London in den Covent Garden Konzerten auf und unternahm 1873 bis 1876 eine Konzertreise durch Australien, Neuseeland und Ostasien. 1877 heiratete sie Charles Pernet und brachte 1878 eine Tochter Suzanne Félicie und 1879 einen Sohn Jean Eugène zur Welt. 1881 meldet die „Neue Zeitschrift für Musik“, die Violinvirtuosin konzertiere „gegenwärtig mit großem Erfolge in Newyork“ (NZfM 1881, S. 504). Nachweisbar sind zwei Auftritte am 13. Okt. und 19. Nov. 1881 in der Steinway Hall New York.

 

Pierre Prins, Fanny Prins (1877)Gipsrelief.
Abb. mit freundlicher Genehmigung des
Musée dOrsay, Paris.

 

LITERATUR

Die Verfasserin ist Sophie Prins-Gapinsky, der Ururenkelin von Fanny Prins-Clauss, für eine Reihe von genealogischen Informationen zu großem Dank verpflichtet.

Cincinnati Caily Gazette 15. Nov. 1881, S. 3

La Comédie 9. Aug. 1863, S. 34

The Era [London] 1871, 13., 20. Aug.; 1873, 10. Aug., 30. Nov.; 1874, 12. Juli, 29. Nov.; 1875, 13. Juni

Le Foyer 1866, 11. Jan., S. 7, 18. Jan., S. 7

Les Gauloises 1. Apr. 1876, S. 2

Le Ménestrel 1858, 31. Jan., S. 4; 1866, S. 47, 55; 1868, S. 216

Le Monde artiste 8.-15. Jan. 1876, S. 2f.; 22.-29. Jan. 1876, S. 2

Musical Notes 13. Jan. 1866

Musical Standard 1876 I, S. 26

NZfM 1857 II, S. 21; 1866, S. 38; 1867, S. 97; 1868, S. 175; 1881, S. 504

The Orchestra 4. März 1870

RGM 1861, S. 34; 1863, S. 28; 1864, S. 93; 1866, S. 114f.;1867, S. 102; 1870, S. 72, 79; 1876, S. 29f.; 1877, S. 134

La Revue-programme 6. Jan. 1865, S. 2

Signale 1866, S. 104; 1877, S. 508; 1878, S. 294

Carl Ferdinand Pohl, Mozart und Haydn in London, 2 Bde., Bd. 1, Wien 1867.

Constant Pierre, Le Conservatoire National de musique et de déclamation. Documents historiques et administratifs, Paris 1900.

Nan Rosenthal, Painting from 1850 to the present, New York 1976.

Christian Germanaz, La Sculpture française au XIXe siècle. Galeries nationales du Grand Palais, Ausstellungskatalog Paris 1986.

Antoinette Le Normand-Romain, Mémoire de marbre. La sculpture funéraire en France 1804–1914, Paris 1995.

Mário Moreau, O teatro de S. Carlos. Dois séculos de história, Lissabon 1999.

Natalia Brodskaya, Impressionism, New York 2007.

 

Bildnachweis

Edouard Manet: ttp://www.grandspeintres.com/tableaux/manet/high/balcon.jpg, Zugriff am 21. Mai 2011.

Pierre Prins, http://www.photo.rmn.fr/cf/htm/CSearchZ.aspx?o=&Total=1&FP=14875750&E=2K1KTS2TSDWSJ&SID=2K1KTS2TSDWSJ&New=T&Pic=1
&SubE=2C6NU0XIE0ID, Zugriff am 17. Nov. 2010.

 

Freia Hoffmann

 

© 2010 Freia Hoffmann