Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Spohr, Dorette, Doretta, Dorothea (Henriette), geb. Scheidler

* 2. Dez. 1787 in Gotha, † 20. Nov. 1834 in Kassel, Harfenistin, Pianistin und Violinistin. Sie war die Tochter der Kammersängerin Sophie Elisabeth Susanne geb. Preyßing (1757–?) und des Violoncellisten und Komponisten Johann David Scheidler (1748–1802). Beide Eltern zählten zu den Mitgliedern der Herzoglich-Gothaischen Kapelle. „Musiklust und Talent des Kindes fanden früh Anregung und Förderung“ (Schilling). Neben der Ausbildung an Klavier und Harfe erhielt sie in frühester Kindheit Geigenunterricht von ihrem Onkel Friedrich Wilhelm Preyßing. Das Harfenspiel erlernte sie bei dem namhaften Harfenisten, Klarinettisten und Komponisten Georg Heinrich Backofen (1768–1839), der ab 1802 in Gotha lebte. Überdies sprach sie „mit großer Geläufigkeit italienisch und französisch und schrieb ihre Muttersprache correct und gewandt“ (Spohr 1860, S. 98).

 

Dorette Spohr, Ölgemälde von
Caroline von der Malsburg.

 

Im Jahr 1805 war Dorette Scheidler Mitglied der Herzoglich-Gothaischen Kapelle. Im gleichen Jahr lernte sie ihren späteren Ehemann, den Violinisten und Komponisten Louis Spohr (1784–1859) kennen, der die Stelle des Herzoglichen Konzertmeisters und Leiters der Hofkapelle in Gotha antrat. Vor ihrer Heirat am 2. Febr. 1806 musizierte sie mit ihm und ihrer Mutter im privaten Kreis und konzertierte in Leipzig. Nach dem Rat ihres Mannes, die Geige, „dieses für Frauenzimmer unpassende Instrument nicht weiter zu kultivieren“ (Spohr 1968, S. 95), widmete sie sich verstärkt dem Harfenstudium. Louis Spohr komponierte unter anderem Werke für Solo-Harfe und Duos für Harfe und Geige, die 1807 auf der ersten gemeinsamen Konzertreise der Öffentlichkeit vorgetragen wurden. Er stimmte die Harfe seiner Frau einen halben Ton tiefer, um somit Tonarten leichter spielbar zu machen, in denen die Violine brillanter klang. Das Ehepaar Spohr konzertierte in Weimar, Leipzig, Dresden, Prag, Regensburg, München, Augsburg, Stuttgart, Karlsruhe, Heidelberg und Frankfurt a. M. Die Konzertkritiken waren dabei durchweg positiv, wobei die Hauptaufmerksamkeit den Kompositionen Louis Spohrs galt. Dorette Spohr „accompagnirte“ ihrem Gatten (AmZ 1807, Sp. 315) und trug die Kompositionen ihres Mannes mit „grosser Fertigkeit, Nettigkeit und Anmuth“ vor (AmZ 1807, Sp. 91). Das Ehepaar Spohr lernte Goethe und Wieland kennen und schloss Freundschaft mit Peter von Winter, Carl Maria von Weber und Franz Danzi. 1807 kam die erste Tochter Emilie († 1895) zur Welt. Die Strassburg-Harfe Dorette Spohrs wurde im gleichen Jahr gegen eine größere und klangvollere Nadermann-Pedalharfe eingetauscht.

Nachdem das Ehepaar im Apr. 1808 nach Gotha zurückgekehrt war, wurde die zweite Tochter Johanna Sophia Louise, genannt Ida, geboren. Kurz danach erkrankte Dorette an einer lebensgefährlichen Krankheit. Während sie gezwungen war, das Harfenspiel für ein halbes Jahr auszusetzen, plante Louis Spohr 1809 eine zweite gemeinsame Konzertreise nach Russland. Nach Auftritten in Weimar, Leipzig, Dresden, Bautzen und Breslau brach das Ehepaar Spohr die Konzertreise jedoch auf Wunsch der Gothaischen Herzogin Caroline Amalie ab. Das daran geknüpfte Angebot, als Soloharfenistin am Hof und Lehrerin der herzöglichen Stieftochter auf Lebenszeit angestellt zu werden, nahm Dorette Spohr an. 1812 gab sie die Anstellung jedoch auf, da Louis Spohr neue Reispläne hatte.

Im Herbst des Jahres 1812 brach das Ehepaar Spohr auf, um über Leipzig und Prag nach Wien zu reisen. Vor allem die „vollkommenste harmonische Vermählung des vortrefflichen Künstler-Paars“ (AmZ 1812, Sp. 820) zeichnete laut zeitgenössischer Presse das gemeinsame Spiel aus. Aufgrund neuer beruflicher Aussichten siedelten sie 1813 nach Wien über, wo Dorette Spohr eine Anstellung als Soloharfenistin am Theater an der Wien annahm. 1813 gebar sie einen Jungen, der jedoch im Alter von drei Monaten starb. Dorette Spohr wurde in dieser Zeit vom Publikum ausnahmslos gefeiert, wie die „Allgemeine musikalische Zeitung“ berichtet: „Es dünkt uns, von allen uns bekannten Virtuosinnen auf diesem Instrumente besitze keine so viel Schule, und so viel inniges Gefühl im Ausdrucke, als Mad. Spohr“ (AmZ 1813, Sp. 115). Aufgrund persönlicher Differenzen Louis Spohrs verließ das Ehepaar 1815 Wien und verbrachte einige Zeit im niederschlesischen Carolath. Dorette Spohr unterrichtete in dieser Zeit die Fürstentöchter an Klavier und Harfe. Nach einem kurzen Aufenthalt in Gotha konzertierte das Ehepaar zwischen 1815 und 1816 in Meiningen, Würzburg, Nürnberg, München, Frankfurt a. M., Darmstadt, Heidelberg, Karlsruhe, Straßburg, Münster bei Colmar, Basel und Zürich. Aufgrund des schlechten Gesundheitszustandes Dorette Spohrs, der möglicherweise durch die strapaziösen Konzertreisen mit verursacht worden war, verbrachte das Ehepaar einen fünfmonatigen Urlaub im schweizerischen Thierachern. Nach Gesundung reiste das Paar nach Italien, wo Dorette Spohr aufgrund der Schwierigkeiten, die Harfe zu transportieren, als Pianistin auftrat. Nach der Rückkehr aus Italien wurde vor allem aus finanziellen Gründen das Konzertieren in mehreren Städten Deutschlands und der Schweiz unabdingbar. Die Auftritte in Genf, Zürich, Basel, Freiburg i. Br., Karlsruhe, Baden-Baden, Mannheim und Bad Ems fanden zwar künstlerische Zustimmung, konnten aber die materielle Existenz nicht sichern. Es folgten weitere Konzerte in Aachen, Köln, Elberfeld, Düsseldorf, Krefeld, Kleve, Amsterdam, Rotterdam, Den Haag und Utrecht, bis Louis Spohr 1817 eine Stelle als Operndirektor in Frankfurt a. M. annahm. 1818 kam die Tochter Therese zur Welt.

1819 begab sich das Ehepaar auf eine weitere Konzertreise, die am Ende des Jahres nach London führte. Hier wurde eine Erardsche Doppelpedalharfe für Dorette Spohr erworben, die aufgrund technischer Verbesserungen ein Spiel in allen Dur- und Molltonarten ermöglichte. Zuvor waren in der Fachpresse bereits kritische Stimmen an ihrer veralteten Harfe laut geworden: „So gross der Beyfall war; so musste er doch bey den Nichtkennern geschmälert werden durch den Umstand, dass sie eine so mittelmässige, in der Mitte herum […] schlechte Harfe hat, eine ältere Nadermannische. Wir haben hier bessere, nicht bloss Nadermannische, neuere, sondern Erhardische“ (AmZ 1816, Sp. 458). Auch wenn Dorette Spohr sich mit „ausdauerndem Fleiße auf der neuen Harfe einspielte“ (Spohr 1861, S. 93), gelang ihr die Umstellung auf das neue Instrument nicht. Die neue Harfe war größer und straffer bespannt, das Spiel erforderte somit mehr Kraft und das Doppelpedal eine andere Spieltechnik. Vor ihrem ersten Auftritt mit der neuen Harfe übte sie einige Monate. Bei diesem Konzert, das das einzige mit der neuen Harfe bleiben sollte, erregte sie zwar „durch das Eigenthümliche ihres Spiels die grösste Sensation, und erhielt vor allen anderen, die denselben Abend auftraten, den lebhaftesten Beifall“ (AmZ 1820, Sp. 435). Trotzdem gab sie, gesundheitlich angegriffen durch die Doppelbelastung als Harfenistin und Mutter von drei Kindern sowie auf Anraten ihres Mannes, „dem nervenzerstörenden Instrumente zu entsagen“ (Spohr 1861, S. 103), das Harfenspiel auf.

Von 1821 bis zum Ende ihrer musikalischen Karriere konzertierte sie als Pianistin und trug mit der „grössten Präcision und dem zartesten Ausdruck“ (AmZ 1821, S. 650) Kompositionen ihres Mannes für „Pianof. und Violine, namentlich das bekannte grosse Quintett mit Begleitung von vier Blasinstrumenten“ (AmZ 1835, Sp. 44) in c-Moll op. 52, vor. Im Jahr 1821 siedelte die Familie Spohr nach Dresden über, um den beiden älteren Töchtern Emilie und Ida eine Gesangsausbildung bei Johann Aloys Mieksch zu ermöglichen. Nachdem Dorette Spohr 1823 ihre musikalische Karriere aus gesundheitlichen Gründen endgültig aufgegeben hatte, lebte sie bis zu ihrem Tod in Kassel. Dorette Spohr, die bedeutendste Harfenistin des frühen 19. Jahrhunderts, starb im Alter von 47 Jahren an einem so genannten Nervenfieber.

Das virtuose Harfenspiel Dorette Spohrs hat das kompositorische Schaffen ihres Ehemannes stark beeinflusst. So komponierte er in der Zeit ihrer Ehe Solostücke für Harfe, Fantasien und Sonaten für Violine und Harfe, ein Trio für Harfe, Violine und Violoncello und zwei Concertanten für Harfe, Violine und Orchester.

 

LITERATUR

Louis Spohr, Briefwechsel mit seiner Frau Dorette, hrsg. v. Folker Göthel, Kassel und Basel 1957.

Louis Spohr, Selbstbiographie, 2 Bde., Kassel und Göttingen 1860 und 1861, Repr. Kassel und Basel 1954 u. 1955.

Louis Spohr, Lebenserinnerungen, hrsg. von Folker Göthel, Tutzing 1968.

AmZ 1806, Sp. 230; 1807, Sp. 90f.; 1808, Sp. 312ff., 523; 1809, Sp. 201; 1810, Sp. 284; 1812, Sp. 818ff., 1813, Sp. 54, 115; 1815, Sp. 218, 219; 1816, Sp. 154, 306, 458, 533f., 866f.; 1817, Sp. 584; 1818, Sp. 33f.; 1819, Sp. 874; 1820, Sp. 270, 435; 1821, Sp. 650; 1823, Sp. 148; 1835 Sp. 43ff. 

Schilling, Gaßner, Fétis (Art. Spohr, Louis), Riemann 1 (Art. Spohr, Louis), Sartori Enci (Art. Spohr, Louis), New Grove 1 (Art. Spohr, Louis), Govea, MGG 2000 (Art. Scheidler, Dorette; Spohr, Familie), New Grove 2001 (Art. Spohr, Louis; Scheidler, Johann David)

Herfried Homburg, Louis Spohr. Bilder und Dokumente seiner Zeit, Kassel 1968.

Roslyn Rensch, Harps and Harpists, London 1989.

Lynne Aspnes, „Dorette Scheidler Spohr (1787–1834)“, in: The American Harp Journal 3 (1984), S. 18–35.

Freia Hoffmann, Instrument und Körper. Die musizierende Frau in der bürgerlichen Kultur, Frankfurt a. M. u. Leipzig 1991.

 

Bildnachweis

Louis Spohr, Selbstbiographie, 2 Bde., Kassel u. Göttingen 1860 und 1861, Repr. Kassel u. Basel 1954 u. 1955.

 

Juliane Schaer

 

© 2008 Freia Hoffmann