Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Rischawy, Pauline, verh. Schwarz, Schwarz-Rischawy

* 26. Juni 1828 in Bubna, † 13. (30.?) Sept. 1905 in Aussig (heute: Ústí nad Labem), Pianistin und Organistin. Ihre Ausbildung erhielt sie von Joseph Proksch (1794–1864) an dessen Prager Institut. Bereits als Achtjährige trat sie in der Prager Musikszene in Erscheinung, spielte Werke von Czerny, Kalkbrenner, Moscheles und Henselt. Über ein Konzert im Jahr 1844 berichtet die „Bohemia“: „Da es bei den Claviersachen von Herz weniger auf markiertes Hervorheben von Gegensätzen, als auf gleichmäßiges, ruhiges Spiel, auf Accuratesse und Eleganz ankömmt, und diese Eigenschaften der künstlerischen Persönlichkeit der Concertgeberin vorzüglich zusagen, so war diese Leistung auch wirklich die gelungenste. Die Fortschritte, die Frl. Rischawy in der Technik des Spieles gemacht, bewies sie aber besonders in Liszt’s Reminiscences de Norma, deren eigensinnig gehäufte Schwierigkeiten sie siegreich überwand. Daß manche Stellen unter der zarten Mädchenhand nicht so donnern konnten, wie unter Liszt’s eisernen Händen, ist natürlich“ (Bohemia 1844, Nr. 36). Neben Prag konzertierte das ‚Wunderkind‘ – diesen Status garantierte auch ein bemerkenswert kleiner Körperbau – in vielen Badeorten Böhmens.

Doch auch in Wien ließ sich Pauline Rischawy seit 1841 hören. Der Rezensent der „Allgemeinen Wiener Musikzeitung“, der sie als eine der „ausgezeichnetsten Pianistin[nen] und prima-vista-Spielerinn[en] unserer, an Clavierspielern aller Gattung überreichen Stadt“ ankündigt, lobt an ihrem Programm vor allem die Vielseitigkeit: „Frln. Rischawy befriedigte in dem erwähnten Concerte sowohl die Kenner durch den herrlichen Vortrag und richtige Auffassung des Beethoven’schen Quintettes Op. 16 […] als auch Laien und Freunde des modernen Genres durch den seelenvollen Vortrag einer Paraphrase über Themen aus ‚Norma‘ von Theodor Kullak, und der Phantasie ‚über die Belagerung von Corinth‘ von Theodor Döhler“ (AWM 1843, S. 200).

Bezüglich der skeptischen Besprechung eines Konzertes von Pauline Rischawy kam es 1843 in der „Allgemeinen musikalischen Zeitung“ zu einer Kontroverse. Der Rezensent wunderte sich darüber, dass alle SchülerInnen von Joseph Proksch, „es nur bis zu einer gewissen mehr oder mindern Stufe der Mittelmäßigkeit bringen, über die sie nicht hinaus können, und wir fürchten, dass dies auch bei Dem. Rischawy der Fall sein könnte. Dem. Rischawy spielt sehr solid und rein, hat eine hübsche Fähigkeit und trägt auch mit einigem Ausdruck vor, aber eben diesem Vortrage sieht man an, dass er ein mechanischer, durch strenge Beobachtung der Zeichen gewonnener sei, und nicht hervorgegangen aus eigenem Verständniss und Durchfühlen des vorzutragenden Tonwerks“ (AMZ 1843, Sp. 443). Der Prager Musiklehrer Franz Neufeld reagierte darauf sehr ungehalten und verteidigte sowohl die Künstlerin als die Lehranstalt. Er zählt dabei die Autoritäten auf, die sich positiv über Pauline Rischawy geäußert haben, z. B. „unser Altmeister Tomaschek, dem man doch wohl ein richtiges gesundes Urtheil zutrauen darf“. Staunenswert – und da stimmt er mit der oben zitierten „Allgemeinen Wiener Musikzeitung“ überein – sei auch ihr Prima-Vista-Spiel, „so dass selbst Liszt bei seiner Anwesenheit in Prag, welcher ihr einige schwierige Piecen vorlegte, seine Bewunderung darüber deutlich aussprach“ (Neufeld 1843, Sp. 605).

Vermutlich um 1849 heiratete Pauline Rischawy den Mediziner Dr. Schwarz und zog mit ihm nach Aussig. Im musikalischen Leben der Kleinstadt nahm sie fortan eine wichtige Stellung ein. Sie beteiligte sich an Kirchenkonzerten des ortansässigen Cäcilienvereins, indem sie diesen an der Orgel begleitete. Auch in Leitmeritz (heute: Litoměřice), Dux (heute: Duchcov) und weiteren Orten Nordböhmens trat die Künstlerin zusammen mit dem Vokalensemble auf. Von 1885 bis 1900 spielte sie zudem regelmäßig die heilige Messe in der Klosterkirche Aussig, blieb also bis ins hohe Alter musikalisch aktiv.

 

LITERATUR

AmZ 1840, Sp. 1055; 1843, Sp. 683

AWM 1843, S. 200

Bohemia [Prag]  1837, Nr. 21, 36; 1844, Nr. 36

National-Verein 1841, S. 240

Franz Neufeld, „Zur Verständigung“, in: AmZ 1843, Sp. 604–606.

Wenzel Rost, „Kirchenmusik in Aussig. Vom ersten bekannten Regenschori bis zum letzten Chordirektor der Aussiger Dekanalkirche“, in: Aussiger Bote 5/1951, unpaginiert.

 

Markus Gärtner

 

© 2010 Freia Hoffmann