Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

RabcewiczRabzewitsch, Poznańska-Rabcewiczowa, geb. Poznańska, Posnansky, Posnanskaya-Rabzewicz, Zofia, Sophie, Sophia von

Transliteration: Poznanskaja-Rabcevič, Sof’ja Kazimirovna

* 7. Okt. 1870 in Vilnius, † 3. Sept. 1947 in Milanówku bei Warschau. Pianistin. Zofia Rabcewicz wurde 1870 unter dem polnischen Namen Zofia Poznańska in Vilnius (heute Litauen) geboren, das damals zum russischen Zarenreich gehörte. Als Reaktion auf die polnisch-litauische Erhebung von 1831 war 1832 die Universität geschlossen worden, Grundschulunterricht wurde ausschließlich auf Russisch erteilt, Druckwerke durften nur noch in kyrillischen Lettern erscheinen, und auch die Namensschreibung wurde russifiziert. In Folge dieser alle Lebensbereiche erfassenden Überfremdung ging Zofia Poznańska, wie so viele ihrer Landsleute, in die russische Hauptstadt und begann dort bereits 1877 ihre pianistische Ausbildung am St. Petersburger Konservatorium, zunächst bei Iosif Borowki, ab 1884 dann als Stipendiatin bei Anton Rubinstein (1829–1894). 1890 spielte sie anlässlich ihres Konzertdiploms das Klavierkonzert Nr. 4 d-Moll op. 70 ihres Lehrers mit einer solchen Überzeugungskraft, dass sie als Preis gleich zwei Flügel, ein Instrument der Petersburger Klavierbauwerkstatt Schröder und eines der Petersburger Firma Becker, gewann.

Im folgenden Jahr ging die junge Künstlerin auf Tournee durch Russland, Deutschland und Österreich, wobei Sophie (von) Posnansky oder Posnanskaja, wie sie im deutschen Sprachraum genannt wurde, „als […] Planet am Virtuosenhimmel“ (Signale 1892, S. 337) ausschließlich enthusiastische Kritiken erhielt. Regelmäßig wurde ihr bescheinigt, dass sie den Ruf, eine Lieblingsschülerin Anton Rubinsteins zu sein, nicht zu scheuen brauche. Ihre künstlerischen Leistungen wurden als weit über dem Niveau einer Debütantin eingeschätzt, wobei das Lob in gleichem Maße der technischen wie der musikalischen Seite ihres Spiels galt. „Fräulein Sophie von Posnansky, eine junge 18jährige [sic] Pianistin, Schülerin Anton Rubinstein’s, gab am 15. Ocbr. mit bedeutendem Erfolg ihr erstes Concert in Berlin. Unter den vielen Berufenen darf sie eine Auserwählte genannt werden. […] Fräulein von Poznansky ist mehr als ein außerordentliches technisches Talent, sie ist eine interessante pianistische Erscheinung. Die Ruhe und Klarheit, mit welcher sie das verschlungenste Gewebe eines Tonstückes bloßlegt, ihr musikalisch-geistvolles Erfassen, ihr plastisches Ausgestalten einer Composition erfüllen mit Bewunderung. In der üppigen Fülle und Modulationsfähigkeit des Claviertons, in der poesieerfüllten Cantilene, der feinsinnigen Behandlung des Pedals offenbarte sich Fräulein von Posnansky als echte Schülerin ihres Meisters“ (Signale 1891, S. 887). Ihr Berliner Debüt wurde in den „Signalen“ gleich zweimal ausführlich besprochen (Signale 1891, S. 887 und S. 904) und die Pianistin beide Male geradezu euphorisch gelobt.

In Dresden setzte sich ihr Siegeszug fort: „In Fräulein Sophie von Posnansky [...] hatte man endlich wieder die Freude, ein wirklich starkes Talent zu begrüßen. In der ungekünstelten Natürlichkeit der geistigen Auffassung, dem kraftvoll weichen Gesangston des Anschlags und der Selbstverständlichkeit in der Handhabung einer großen Technik erkannte man ebenso die gesunde, kräftige musikalische Kost, welche die junge Künstlerin bei ihrem genialen Meister genossen, wie eine schöne, ursprüngliche, zu den größten Hoffnungen berechtigende eigene Musikbegabung“ (Signale 1891, S. 950). Zu ihrer Interpretation des Klavierkonzerts Nr. 2 f-Moll von Chopin bemerkte der Rezensent: „In jeder Beziehung ist die Leistung der jungen Dame als eine ganz vorzügliche zu bezeichnen. Nicht nur der technische Theil des Werks kam in abgerundetster Weise zur Geltung, sondern der poetische Gehalt desselben, was allgemein anerkannt wird. In so trefflicher Ausführung haben wir dieses Concert lange nicht gehört. Selbstverständlich gab sich das Publicum nicht eher zufrieden, bis die junge Pianistin sich wiederholt an den Flügel (Becker) setzte und einige Solostücke zugab“ (Signale 1891, S. 82). Und die Zeitschrift „Zlatá Praha“ (in der sie übrigens ausdrücklich als polnische Pianistin bezeichnet wird) rühmt, dass das Spiel der Künstlerin trotz ihrer Jugend und Schönheit nicht nur technisch, sondern auch hinsichtlich der geistigen Durchdringung und des Geschmacks Sympathie und Respekt hervorrufe (Zlatá Praha 1892, S. 166).

Bereits im ersten Jahr ihrer Karriere trat die aufstrebende Musikerin in Orchester- und Kammerkonzerten gemeinsam mit berühmten Interpreten ihrer Zeit auf; so spielte sie 1892 in Berlin unter dem Dirigat Hans von Bülows und in Petersburg mit dem Geiger Leopold Auer – wobei die drei Zugaben auffälliger Weise von der Pianistin allein bestritten wurden, „obgleich der Superioritätswettstreit mit dem verwöhnten Violin-Solo nicht immer ganz leicht war“ (Signale 1892, S. 1123f.). Ihr erstaunliches pianistisches Talent brachte sogar den (gegenüber Klavier spielenden Frauen eher skeptischen) Anton Rubinstein dazu, voll Respekt von ihr zu sprechen: „Rubinstein schätzt ihren Vortrag Chopin’scher Werke sehr hoch“ (NZfM 1891, S. 434). Er trat mehrfach mit ihr gemeinsam auf, wobei er ihr in seinem 4. Klavierkonzert den Klavierpart überließ und in seinem Bal costumé mit ihr vierhändig musizierte. Darüber hinaus komponierte Rubinstein 1890 für ihr Debüt das Klavierwerk Akrostichon op. 114, dessen fünf Nummern den Buchstaben S-O-F-I-A zugeordnet und der Uraufführungsinterpretin gewidmet sind (ebenso übrigens wie die drei Klavieretüden von Alexander Glazunow). Aufgrund dieser engen Bindung spielte die Künstlerin am 12. Dez. 1895 auf einem Gedenkkonzert für ihren Mentor noch einmal dessen 4. Klavierkonzert, mit dem beide Künstler Triumphe gefeiert hatten.

Das Datum dieses Auftritts ist insofern auffällig, als die junge Pianistin trotz ihrer stupenden Erfolge und ihrer im slawischen wie im deutschsprachigen Kulturraum rasch anwachsenden Bekanntheit ihre Karriere nach 1892 nicht in gleicher Intensität fortsetzte. Zwischen 1893 und 1918 sind nur gelegentliche Konzertauftritte nachweisbar. Stattdessen heiratete sie (in der NZfM 1896, S. 163, wird sie ausnahmsweise unter einem Doppelnamen geführt) und lehrte 1896 und 1897 in Petersburg. Ansonsten verliert sich ihre Spur, bis die Künstlerin – nun ausschließlich unter ihrem Ehenamen Zofia Rabcevicz – in Polen eine zweite Phase ihrer Laufbahn begann. Diese war nicht mehr nach außen gerichtet, auf Konzertreisen und auf den Ruf einer Schülerin Anton Rubinsteins aufgebaut, sondern offenbarte, wie sehr die Künstlerin offenkundig als Polin fühlte, dachte und handelte.

Während des Ersten Weltkriegs gab sie Wohltätigkeitskonzerte zugunsten Polens, im Zweiten Weltkrieg blieb sie bewusst in Warschau und veranstaltete dort in ihrem Haus mehr als 60 Privatkonzerte mit Musik Chopins und anderer von der deutschen Besatzung verbotener Komponisten. Bereits in der Zwischenkriegszeit begann Rabcewicz am Warschauer Konservatorium zu lehren und an einer der Musikschulen zu unterrichten, die Stefan Wysocki im Rahmen der Pläne zur kulturellen Bildung der polnischen Bevölkerung in den Nachkriegsjahren initiiert hatte. Ihr Engagement für die polnische Musikkultur zeigt sich auch darin, dass sie 1927, 1932 und 1937 Jurorin des Internationalen Chopin-Wettbewerbs war und 1946 das erste Internationale Chopin-Festival in Duszniki Zdrój eröffnete. In diesem traditionsreichen Kurort, in dem Frédéric Chopin 1826 einst zu wohltätigen Zwecken aufgetreten war, finden seither alljährlich Festspiele statt, bei denen die berühmtesten PianistInnen aus Polen und der ganzen Welt auftreten. Die Entscheidung, ihr das Eröffnungskonzert zu übertragen, zeigt, dass nicht nur Rabcewicz sich selbst (auch durch Annahme der Staatsbürgerschaft) ganz mit ihrer Heimat identifizierte, sondern dass auch Polen sie mittlerweile als wichtige Vertreterin der Polnischen Klaviertradition begriff.

Außer einer schlecht geplanten USA-Tournee 1935, von der nur ein einziges Konzert (im NBC-Studio) stattfand, konzentrierte die Pianistin ihr Wirken bis zu ihrem Tod auf Polen und hier vor allem auf Warschau – die Stadt, in der sie erstmals am 29. März 1892 aufgetreten war und die sie 1918 zu ihrem Wohnsitz wählte. Ab 1921 entstanden Aufnahmen für Radio Warschau sowie 1932 fünf Schallplatteneinspielungen, und im Polnischen Radio fand am 2. Juli 1947 auch ihr letzter Auftritt statt, ein Recital, das ausschließlich Werken Frédéric Chopins gewidmet war.

Bereits zu Beginn ihrer Laufbahn war das Repertoire von Zofia Rabcewicz ausgesprochen breit gefächert: Auf dem Programm ihres Berliner Debüts standen Werke von Schumann (Faschingsschwank aus Wien), Chopin (Sonate h-Moll), Joh. Seb. Bach, Domenico Scarlatti, Beethoven (Variationen c-Moll), Liszt (Polonaise E-Dur), Anton Rubinstein und Schubert/Liszt. Die Bevorzugung der deutsch-österreichischen Klassik und Romantik sowie der Virtuosenliteratur des 19. Jahrhunderts entsprach ganz dem Kernrepertoire ihres Lehrers Rubinstein, ebenso wie das Interesse für ältere Musik. Später kamen die Musik Frankreichs und Russlands und selten gespielte Werke z. B. von Eugen d’Albert oder John Field hinzu und verliehen ihrem Repertoire eine geradezu enzyklopädische Breite. In ihrer zweiten, polnischen Lebensphase legte Rabcewicz außerdem nachdrücklich Wert auf die Musik ihrer neuen Heimat: Neben den Werken Chopins hatte sie Kompositionen von Michał Kleofas Ogiński, Stanisław Moniuszko, Zygmunt Noskowski und Aleksandr Zarzycki in ihrem Repertoire sowie Stücke ihrer Zeitgenossen Ignac Jan Paderewski, Karol Szymanowski, Juliusz Zarębski, Ludomir Różycki und Henryk Melcer. Aufgrund ihres hervorragenden Gedächtnisses und ihrer erstaunlichen Technik waren die meisten dieser Kompositionen bei ihr stets abrufbereit.

Trotz der immensen Erfolge in Russland und Europa vor ihrer Heirat und obwohl sie in Polen als wichtige Vertreterin der Polnischen Klavierschule galt, blieb Rabcewicz außerhalb ihrer polnischen Wirkungskreise offenbar ein Geheimtipp. James Methuen-Campbell bezeichnete sie als „very natural player [who] never found it necessary to analyse her art“ (Methuen-Campbell, S. 109). Ihr Pianisten-Kollege Zbigniew Drzewiecki schrieb anerkennend: „She played the immortal Sonata in B minor [scil: by Chopin], and she played it flawlessly. Apart from this, nothing seemed to stand out in her interpretation, but what could embrace all was this simplicity – an ideal harmony of Chopins beauty“ (http://bn.org.pl/chopin/index.php/en/pianists/bio/21). Die Internet-Seite Historical interpretations of Frederic Chopin works“ nennt Rabcewicz eine moderne Interpretin. „However, she combines her extraordinary artistic temperament with humble execution of the printed score. It is well-exemplified in Ballade in F major Op. 38, where after calm, balanced and rhythmical opening section, played with great simplicity, entrancing stormy fragment emerges. She put emphasis on and makes meaningful groups of notes which are often neglected by most pianists.[...] Mazurka in C sharp minor Op. 63 No. 3 is played with magnificent tempo rubato. In her interpretation this music is full of poetry, far from drawing room style, and embellished with beautifully articulated rhythmical variants“ (http://bn.org.pl/chopin/index.php/en/pianists/character/21).

Zu den SchülerInnen Zofia Rabcewiczs gehören unter anderem Krystyna Kobylańska, Maria Strakacz und Stanisław Chojecki (ab 1936 selbst Professor am Konservatorium in Toruń [Thorn]).

 

TONAUFNAHMEN

Frédéric Chopin, Ballade F-Dur op. 38, Odeon O 217129, 1932; Ballade F-Dur op. 38, Muza XL 0157-0160, 1932; Mazurka C-Dur op. 56 Nr. 2, Odeon O 217129, 1932; Mazurka cis-Moll op. 63 Nr. 3, Odeon O 217488, 1932; Walzer cis-Moll op. 64 Nr. 2, Odeon O 217488, 1932 (alle wiederveröffentlicht auf Polskie Nagrania labelled Muza XL 0159, Aufnahmen-Liste siehe außerdem: http://selenemusic.com/pl/?id=cd&go=pokaz&ad=66, Zugriff am 19. Febr. 2010).

 

LITERATUR

Bock 1891, S. 345, 353, 388; 1892, S. 93

FritzschMW 1892, S. 151

NZfM 1891, S. 434, 472, 475; 1892, S. 125; 1893, S. 100, 101; 1895, S. 139; 1896, S. 163; 1897, S. 412

Signale 1888, S. 405; 1890, S. 617, 1078; 1891, S. 82, 166, 195, 345, 887, 904, 916, 937, 950, 1027; 1892, S. 56, 71, 117f., 131, 217, 279, 309, 337f., 532, 643, 969, 982, 1061, 1123f.; 1893, S. 7, 738; 1895, S. 241; 1896, S. 258, 434, 1012

Zlatá Praha 1892, Nr. 14, S. 166

Frank/Altmann, MuzEnc

Paul Frank, Kurzgefasstes Tonkünstler Lexikon, Wilhelmshaven 1974.

Lyle G. Wilson, A Dictionary of Pianists, London 1985.

G. Keldyš (Hrsg.), Muzykal’nyj enciklopedičeskij slovar’ [Musiklexikon], Moskau 1990.

James Methuen-Campbell, Chopin playing: from the composer to the present day, London 1981.

George Kehler, The piano in concert, Metuchen/NJ 1982.

James Methuen-Campbell, Catalogue of recordings by classical pianists, Bd. 1: Pianists born to 1872, Chipping Norton 1984.

 

INTERNET-RESSOURCEN

Biographie, auf Englisch: http://bn.org.pl/chopin/index.php/en/pianists/bio/21, Zugriff am 1. Apr. 2010.

Klavierspiel, auf Englisch: http://bn.org.pl/chopin/index.php/en/pianists/character/21, Zugriff am 1. Apr. 2010,

Vita, auf Polnisch: http://www.naukowy.pl/encyklopedia/Zofia_Rabcewicz, Zugriff am 19. Febr. 2010, und textidentisch, auf Polnisch: http://pl.wikipedia.org/wiki/Zofia_Rabcewicz, Zugriff am 19. Febr. 2010.

 

Bildnachweis

http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Zofia_Rabcewicz_1892_Mulac.png, Zugriff am 19. Febr. 2010.

http://www.bn.org.pl/chopin/index.php/pl/pianists/bio/21, Zugriff am 19. Febr. 2010.

Bill Ecker, Harmonie Autographs and Music Inc., http://www.harmonieautographs.com, Zugriff am 4. Febr. 2015, mit freundlicher Genehmigung.

 

Kadja Grönke

 

© 2010 Freia Hoffmann