Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Giuliani, Emilia, verh. Giuliani-Guglielmi, Giulelmi

* 1813 in Wien, † 27. Nov. 1850 in Pest (heute Budapest), Gitarristin und Komponistin. Sie war Schülerin ihres Vaters Mauro Giuliani (1781–1829), Hauptvertreter des Gitarrenspiels im frühen 19. Jahrhundert. Ihre Mutter war mit großer Wahrscheinlichkeit Maria Giuseppa del Monaco (1779–1826). Ihre Geschwister waren der Gitarrist, Komponist und spätere Gesangsprofessor am Pariser Konservatorium Michele Giuseppe (1801–1867) sowie Gaetano Nicola Maria (1803–1823) und Anna Maria Giuseppa, verh. Gordigiani (1807–?).

1822 wohnte sie im Zentrum Wiens bei Teresia Tramonto (Dramondo?), 1824 in der Vorstadt (Wieden Nr. 365) bei dem Verwalter Sebastian Reindl. In beiden Jahren reiste sie mit ihrer um sechs Jahre älteren Schwester Maria Willmuth, einer außerehelichen Tochter Mauro Giulianis, von Wien aus nach Palermo mit dem Ziel, „to remain with their benefactor“ (Heck, Bd.1, S. 78, 245). Offenbar war es ihr Vater, den sie besuchten. Er wirkte seit 1823 in Neapel als Kammervirtuose am Hof des Königs beider Sizilien, Ferdinand I., und nahm in dieser Position am 9. Juli 1824 an einem fürstlichen Fest in Palermo teil (ebd., S. 139). Offenbar blieb die Tochter später für mehrere Jahre in Italien. Am 25. Sept. 1827 berichtet der Vater, sie besuche weiterhin die Klosterschule L’adorazione di Gesù in Rom (ebd., S. 143). Am 13. Febr. 1828 schreibt das „Giornale delle Due Sicilie“, Mauro Giuliani habe am 6. des Monats im Teatro Nuovo in Neapel ein Instrumental- und Vokalkonzert veranstaltet: „I concerti di chitarra eseguiti da lei e da una sua figliuola per nome Emilia, di anni 12, piacquero tanto, ch’egli e questa fanciulla di ottime speranze vennero replicate volte applauditi e infine chiamati fuoridal Pubblico“ („Die Gitarrenstücke, welche von ihm und seiner zwölfjährigen Tochter namens Emilia aufgeführt wurden, gefielen so sehr, dass er und dieses Mädchen, welches zu größten Hoffnungen Anlass gibt, wiederholt mit Beifall bedacht und zuletzt vom Publikum herausgerufen wurden“, zit. nach Heck, Bd. 1, S. 247). Die Tochter war zu diesem Zeitpunkt allerdings 14 oder 15 Jahre alt.

Am 8. Okt. 1828 trat Emilia Giuliani wiederum in Neapel auf, diesmal alleine und vor fürstlichem Publikum, und zwar in den Aktpausen der Oper Gianni di Calais von Gaetano Donizetti. „Non solo degna discepola ma emula del padre, meritò i pieni applausi delle Auguste Persone e del pubblico“ („Nicht allein würdige Schülerin, sondern auch Rivalin ihres Vaters, verdiente sie den ungeteilten Beifall der hohen Herrschaften und des Publikums“, ebd.). Nach dem Tod des Vaters am 8. Mai 1829 wird sie im Nachruf des „Giornale delle Due Sicilie“ ebenfalls gewürdigt: „Egli ha lasciato una figlia di tenere età che mostra di essere erede della sua abilità non comune; circonstanza che solo può rattemperare il dolore di questa perdita“ („Er hat eine Tochter von zartem Alter hinterlassen, welche den Beweis erbringt, Erbin seines ungewöhnlichen Könnens zu sein. Dies allein kann die Trauer über diesen Verlust mildern“, zit. nach ebd.). Am 19. Apr. 1831 spielte Emilia Giuliani im Teatro del Fondo in Neapel nach dem ersten Akt der Oper La Casa da vendere: „La Signora Giuliani eseguì quindi alcune Variazioni sopra un tema Viennese composte dal suo defunto genitore. La sua modestia che giungeva fino alla timidezza e le ardue prove di espertezza nel render soave e dilettevole uno strumento per sè già di poco rilievo, mossero il pubblico ad acclamarla con entusiasmo egualmente che nell’altro suo concerto dopo il secondo atto dell’Opera, essendo stata invitata a ricomparir sul proscenio a piene voci“ („Frau Giuliani spielte Variationen über ein Wiener Thema, komponiert von ihrem verstorbenen Vater. Ihre Bescheidenheit, fast an der Grenze zur Schüchternheit, und der umfangreiche Beleg für ihre Erfahrungen damit, ein Instrument, welches als wenig bedeutsam gilt, süß und köstlich klingen zu lassen, veranlasste das Publikum auch nach dem zweiten Akt der Oper zu begeistertem Beifall, durch den es sie lautstark zur Wiederkehr aufforderte“, Giornale del Regno delle Due Sicilie 21. Apr. 1831, zit. nach Confalone/Coldwell, S. 19). Es folgten weitere Konzerte in Foggia (4. Nov. und mit Orchesterbegleitung am 8. Nov. 1832) und Neapel (11. Aug. 1833).

Wann genau Emilia Giuliani den Komponisten und Gesangslehrer Luigi Guglielmi heiratete, ist nicht bekannt. Am 25. Juni 1839 trat sie in Florenz zusammen mit Franz Liszt auf, hier bereits unter dem Namen Emilia Guglielmi: „La Sera di Martedì 25 giugno corrente nel Teatro del Nobile sig. Standish ebbe luogo un’Accademia vocale e instrumentale data dalla sig. Emilia Guglielmi figlia ed allieva del Celebre Maestro Giuliani esimia suonatrice di Chitarra Francese. Tanto essa, che il Celebre sig. Listz [sic] Pianista dilettarono sommamente la Società ivi riunita, unitamente ai sigg. Maestro Giuliani, Pancani, Corelli, e Meini, che graziosamente si prestarono one rendere il trattenimento sempre più degno del colto Pubblico“ („Dienstag Abend, dem 25. Juni, fand eine vokale und instrumentale Akademie im Theater des edlen Herren Standish statt, gegeben von Frau Emilia Guglielmi, Tochter und Schülerin des berühmten Maestro Giuliani, herrliche Spielerin der Französischen Gitarre. Sie und der berühmte Pianist Herr Listz [sic] begeisterten die versammelte Gesellschaft auf höchste Weise, zusammen mit den Herren Maestro Giuliani, Pancani, Corelli und Meini, die freundlicherweise zusammengewirkt haben, um die Unterhaltung des ausgewählten Publikums umso würdiger zu machen“, Gazzetta di Firenze 29. Juni 1839, zit. nach Confalone/Coldwell, S. 21). In den Jahren 1840 bis 1844 unternahm die Musikerin eine Konzertreise durch Europa, wobei sie 1840 in Venedig (14. Sept.) und in Wien (8. Dez.) auftrat und zwar mit großem Erfolg. „Wer sie hört, spricht mit außerordentlicher Bewunderung von ihren Leistungen“ (National-Verein 1840, S. 352)Dabei wird gelegentlich in zeittypischer Wahrnehmung darauf hingewiesen, dass es „auch für das Auge gefälliger erscheint, dieses Instrument von einer Frau behandelt zu sehen“ (Wiener Theater-Zeitung 10. Dez. 1840, S. 1346). Ebenfalls in Wien konzertierte sie im März und im Dez. 1841. Über das erste dieser Konzerte heißt es: „Ihre Mechanik verdient Beachtung, wäre sie nur einem dankbareren Gegenstande zugewendet“ (AmZ 1841, Sp. 201f.), offenbar also wertvollerer Musik. Im zweiten Konzert am 8. Dez. zeigte sie „Beweise ihrer außerordentlichen Fertigkeit auf der Guitarre“ (Castelli 1840, S. 204). Zu weiteren Auftritten während dieser Reise liegen keine Besprechungen vor. In den Jahren 1845 und 1846 lebte Emilia Guglielmi in Pest, wo Luigi Guglielmi als Gesangslehrer („Gesangmeister“, Staud, S. 299) am Nationaltheater arbeitete. 1846 folgte sie ihrem Ehemann auf das Schloss des Grafen Johann Náko in Nagyszentmiklós und wirkte hier bis 1848 bei Theaterproduktionen mit. 1847 trat sie in Pest auf, wobei jedoch der Saal „leer blieb“ (AWM 1847, S. 215), am 25. Sept. 1849 konzertierte sie im Sommertheater in Buda.

Emilia Giuliani wurde als Virtuosin ihres Instrumentes europaweit bekannt, auch als Erfinderin des „Doppelflageoletts“. „Die Concertgeberin erzeugt diese Doppelflageolettöne dadurch, daß nicht nur die Finger der linken Hand am gewöhnlichen Orte, sondern auch die der rechten, oberhalb der Oeffnung des Guitarrebodens leicht auf den Saiten angelegt werden, während die Saiten dabei zu gleicher Zeit theils gerissen, theils gestrichen werden. Durch diese doppelten Abtheilungen der Saite nun wird das ungewöhnliche Verhältniß der Saiten-Schwingungen, und mit ihnen die wunderlieblichen Töne erzeugt“ (Wiener Theater-Zeitung 10. Dez. 1840, S. 1346). Es handelt sich also um das heute so genannte künstliche Flageolett.

 

Zeichnung von Franz Nadorp, Rom 1839.

 

WERKE FÜR GITARRE

Variationen über L’amo aus I Montecchi ed i Capuleti von Bellini op. 1, Mailand 1834; Belliniana Nr. 1, ossia varii pezzi tratti dalle opere di Bellini, ridotti e variati op. 2, Mailand 1834; Variationen über Ah perchè non posso odiarti von Bellini op. 3, Mailand 1836; Belliniana Nr. 2, ossia varii pezzi tratti dalle opere del Maes. Bellini, ridotti e variati op. 4, Mailand 1835; Variationen über Non più mesta vonRossini op. 5, Mailand 1836; Belliniana Nr. 3, ossia vari pezzi tratti dalle opere de Maes. Bellini, ridotti e variati op. 6, Mailand 1835; Belliniana Nr. 4, ossia vari pezzi tratti dalle opere del Maes. Bellini, ridotti e variati op. 7, Mailand 1835; Belliniana Nr. 5, ossia vari pezzi tratti dalle opere des Maes. Bellini, ridotti e variati op. 8, Mailand 1836; Variazioni su un tema di Mercadante op. 9, Mailand 1837; Belliniana Nr. 6, ossia vari pezzi tratti dalle opere del Maes. Bellini op. 11, Mailand 1836; Sechs Präludien op. 46, Wien [1841]

 

LITERATUR

Allgemeine Theaterzeitung 1840, S. 1082

AmZ 1841, Sp. 201f.

AWM 1847, S. 215

Castelli 1840, S. 204

Der Humorist 1840, S. 795

National-Verein 1840, S. 352

Il Pirata [Mailand] 15. Sept. 1840

Der Sammler 1840, S. 772

Wiener Theater-Zeitung 1840, 10. Dez., S. 1346; 1850, 3. Dez., S. 1144

Wiener Zeitschrift 1840, S. 1584

Benvenuto Terzi, Dizionario dei chitarristi e liutai, Bologna 1937.

Pasquale Sorrenti, I musicisti di Puglia, Bari 1966.

Carlo Carfagna, Dizionario chitarristico italiano, Ancona 1968.

Joseph Zuth, Simon Molitor und die Wiener Gitarristik (um 1800), Wien 1920.

Thomas F. Heck, The birth of the classic guitar and its cultivation in Vienna, reflected in the career and compositions of Mauro Giuliani (d. 1829), 2 Bde., Bd. 1, Ann Arbor 1971.

Géza Staud, Adelstheater in Ungarn (18. und 19. Jahrhundert) (= Theatergeschichte Österreichs 10/2), Wien 1977.

Eduard Hanslick, Geschichte des Concertwesens in Wien, 2 Bde., Bd. 1, Wien 1869, Repr. Hildesheim [u. a.] 1979.

Astrid Stempnik, Caspar Joseph Mertz. Leben und Werk des letzten Gitarristen im österreichischen Biedermeier. Eine Studie über den Niedergang der Gitarre in Wien um 1850, Frankfurt a. M. [u. a.] 1990.

Nicoletta Confalone und Robert Coldwell, Emilia Giuiliani, o. O. 2013.

http://fr.wikipedia.org/wiki/Emilia_Giuliani-Guglielmi, Zugriff am 3. Dez. 2014.

 

Bildnachweis

Nicoletta Confalone und Robert Coldwell, Emilia Giuiliani, o. O. 2013, Titelblatt.

 

Peter Schleuning/Jannis Wichmann

 

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