Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Schumann, Eugenie

* 1. Dez. 1851 in Düsseldorf, † 25. Sept. 1838 in Bern, Pianistin und Klavierlehrerin. Eugenie Schumann ist das siebte von acht Kindern Clara und Robert Schumanns. Ihr Vater starb, als sie vier Jahre alt war. Clara Schumann, die schon seit Robert Schumanns Einweisung in die Heilanstalt in Endenich bei Bonn allein für die Familie sorgen musste, verdiente den Lebensunterhalt vor allem durch ihre Konzerttätigkeit. Die Kinder brachte sie größtenteils in Pensionen unter. Eugenie und Felix (1854−1879) blieben zunächst zu Hause bei der Mutter in Düsseldorf und lebten seit Ende der 1850er Jahre zusammen mit ihr sowie den Schwestern Marie (1841−1929) und Elise (1843−1928) in Berlin. Als Gouvernante war anfangs eine Hausangestellte tätig; später wurde Elisabeth Werner engagiert, eine Freundin Clara Schumanns. Zu dieser Zeit erhielt Eugenie Schumann Klavierunterricht von den älteren Schwestern. 1863 zog die Familie nach Baden-Baden. Im Okt. des Jahres kam Eugenie nach Rödelheim bei Frankfurt a. M. in das Mädchenpensionat von Marie Hillebrand und verbrachte dort fast drei Jahre, in denen sie die Familie kaum sah. Zwischen 1866 und 1869 lebte sie in der von Henriette Breymann geleiteten Erziehungsanstalt „Neu-Watzum“ bei Wolfenbüttel, wo sie Musikunterricht von einer Musikerin namens Vorwerk erhalten hat. Anschließend zog Eugenie Schumann zu ihrer Mutter und der Schwester Marie nach Baden-Baden und wurde fortan von Clara Schumann selbst unterrichtet. Hierüber berichtet sie ausführlich in ihren Memoiren: „Drei Stunden richtete sie mir ein zum Üben am Klavier, und nun hatte ich den Unterricht nicht mehr bei den Schwestern, sondern von ihr selbst. Zweimal die Woche gab sie mir regelmäßig am Vormittage eine Stunde […]. Sie fing […] mit Tonleitern und Übungen an. Dann folgte die erste Etüde aus Czernys ‚Kunst der Fingerfertigkeit‘. Meine Mutter ließ mich eine Seite spielen, dann sagte sie: ‚Das ist soweit ganz gut; aber findest du nicht, daß die Akkorde viel schöner klingen, wenn man sie so anschlägt?‘ Und sie spielte mir […] die ersten acht Takte vor, wobei sie die Akkorde rhythmisch so zusammenfaßte, daß sie dem einfachen Stück Leben und Gepräge gaben. […] Nach der Etüde kam eine Fuge von Bach, die in C-moll aus Heft I des Wohltemperierten Klaviers als erste. An dem Thema lernte ich streng gebundenes Spiel und feinste rhythmische Schattierung. […] Beethoven bildete den Mittelpunkt jeder Stunde. Eine Sonate nach der andern wurde auf das gründlichste durchgenommen, nicht die kleinste Ungenauigkeit wurde geduldet – größte Ehrerbietung vor dem, was da stand, verlangt. […] Phrasierung und Schattierung lernte ich an den Sonaten, schönes Anschwellen und das schwere Abnehmen, energische Akzente ohne Härte, Steigerung bis zum Höhepunkt und tausend Feinheiten, die ich wohl verstand, deren Ausführung aber ein langes Studium erforderte“ (Eugenie Schumann 1925, S. 124f.). Die Unterrichtsliteratur umfasste auch Werke des Vaters. Anfangs spielte Eugenie Schumann Nummern aus dem Album für die Jugend op. 68 und sollte hieran vor allem „Rhythmus und Charakteristik“ (ebd., S. 126) lernen.

Die Anforderungen Clara Schumanns an die Schülerin waren aus deren Perspektive „ziemlich groß. Eigentlich erwartete sie für jede Stunde oder mindestens einmal die Woche eine neue Etüde, eine Fuge von Bach samt Präludium, einen Satz einer Beethovenschen Sonate und ein Stück von Schumann oder Chopin. Sie mußte aber wohl ihre Ansprüche sehr bald hinabschrauben; denn da ich in der Pension nie mehr als eine Stunde geübt hatte und diese wahrscheinlich nicht einmal in der richtigen Weise, hatte ich gar keine Fingerfertigkeit. […] Aber waren auch meine Leistungen noch so bescheiden, Mamas Geduld war unerschöpflich, und bei dem kleinsten Fortschritt kargte sie nicht mit dem Lobe“ (ebd., S. 129f.).

Im Herbst 1869 ging Eugenie Schumann nach Berlin, um an der Königlichen Musikhochschule Klavier zu studieren – ein Schritt, den Clara Schumann den älteren Töchtern noch verwehrt hatte. Ihr Lehrer war Ernst Rudorff (1840–1916), ein ehemaliger Schüler der Mutter. Während der unterrichtsfreien Zeit in Baden-Baden im Sommer 1872 übernahm Brahms ihren Unterricht. Er ließ sie „viele technische Übungen spielen; Tonleitern und Arpeggien verstanden sich von selbst. Besondere Aufmerksamkeit widmete er der Ausbildung des Daumens“ (ebd., S. 172). Die Pianistin schloss das Studium in Berlin nicht ab. 1873 zog sie zu ihrer Mutter, die sich in Berlin niedergelassen hatte und ihr fortan wieder Klavierunterricht erteilte. Angeregt durch Julius Stockhausen (1826−1906), der Eugenie eine schöne Stimme attestiert hatte, studierte sie in der nächsten Zeit an der Berliner Musikhochschule Gesang − zunächst bei einer Sängerin und später bei Stockhausen selbst. Nebenher erhielt sie, ebenso wie ihre Schwester Marie, Unterricht in Harmonielehre und Kontrapunkt bei Woldemar Bargiel (1828−1897), dem Stiefbruder Clara Schumanns aus der Ehe der Mutter Mariane geb. Tromlitz (1797−1872) mit Adolph Bargiel (1783−1841). 1874 lernte Eugenie Schumann die ebenfalls an der Berliner Musikhochschule studierende Sopranistin Marie Fillunger (1850−1930), ihre spätere Lebensgefährtin, kennen. Diese bezog 1878 zusammen mit Eugenie, Marie und Clara Schumann das neue Heim der Familie in Frankfurt a. M. (Myliusstraße 32). Seit dem Studienjahr 1881/1882 arbeitete Eugenie − Marie offiziell schon seit 1880 − als Assistentin der Mutter am Hoch’schen Konservatorium. Ebenso wie Marie leitete sie eine eigene Klavierklasse, in der sie AnwärterInnen auf einen Platz in der Klasse Clara Schumanns die notwendigen Kenntnisse und Fertigkeiten vermittelte: „Wie schön war es, mit ihr und für sie zu arbeiten, verwerten zu können, was wir bei ihr und durch sie gelernt hatten, sich bei ihr Rat holen, sie immer als letzte und höchste Instanz ansprechen zu können. Und wie freute es sie, wenn wir Erfolg hatten, und wie ungern nahm sie uns die guten Schüler ab, wenn wir diese so weit gebracht hatten, daß sie in ihre Klasse eintreten konnten, was doch wiederum unser Streben und unser Stolz war“ (ebd., S. 220).

Mit dem Ausscheiden Clara Schumanns aus dem Kollegium des Konservatoriums im Jahr 1892 kündigten auch Marie und Eugenie Schumann das Arbeitsverhältnis. Eugenie reiste noch im Okt. des Jahres nach England, „where she will receive and prepare pupils who may wish afterwards to place themselves under her mother at Frankfort“ (Academy 1892, S. 622). Zusammen mit Marie Fillunger lebte die Pianistin in Kensington. Auch nach dem Tod ihrer Mutter führte sie ihre Lehrtätigkeit dort fort.

Für die Konzerttätigkeit von Eugenie Schumann gibt es nur wenig Hinweise. Anfang März 1882 wirkte sie in Frankfurt in einer Soiree mit, spielte darin mit zwei weiteren MusikerInnen Robert Schumanns Vier Phantasiestücke für Klavier, Violine und Violoncello op. 88. Von der Mutter, die zu diesem Zeitpunkt in London weilte, gab es Lob: „Daß Du so schön gespielt hast, freute mich sehr zu hören. Ich werde wirklich darauf dringen, daß ihr öfter spielt – bald kann ich ja auch nicht mehr und werde Euch recht häufig zu Hülfe nehmen“ (Brief von Clara Schumann 12. März 1882, Schumann-Briefedition I/8.1). Nach der Jahrhundertwende lässt sich ein weiterer Auftritt belegen. Am 12. März 1910 veranstaltete sie in England zusammen mit Marie Fillunger einen Robert-Schumann-Abend, in dessen Rahmen Der Rose Pilgerfahrt op. 112 aufgeführt wurde. Der Chor bestand allein aus SchülerInnen von Marie Fillunger, die von Eugenie Schumann am Klavier begleitet wurden. Weitere Auftritte lassen sich nicht belegen. Möglicherweise schreckte Eugenie Schumann vor dem stetigen Vergleich mit der künstlerisch überlegenen Mutter zurück: „Die Welt beging an uns das Unrecht, uns menschlich sowohl als auch musikalisch immer nur vergleichend zu beurteilen, aber sie entschädigte uns, indem sie uns reichen Anteil gewährte an der Liebe, die sie unsern Eltern weihte, eine Liebe, die beider Hingang weit überdauerte und die sich uns noch heute in oft herzbewegender Weise offenbart“ (Eugenie Schumann 1925, S. 241).

1918 beendete Eugenie Schumann ihre Lehrtätigkeit in England und zog in das schweizerische Matten, in die Nähe ihrer Schwester Marie. Seit 1919 lebte sie dort zusammen mit Marie Fillunger. Eugenie Schumann starb am 25. Sept. 1838 in Bern und wurde auf dem Friedhof Gsteig „zwischen Schwester u. Freundin [Marie Fillunger] (Grabinschrift) begraben.

 

LITERATUR

Eugenie Schumann, Erinnerungen (= Musikalische Volksbücher), Stuttgart 1925.

Dies., Robert Schumann. Ein Lebensbild meines Vaters, Leipzig 1931.

Dies., „Schumann. The Violin Concerto“, in: British Musician and Musical News 147 (1938), S. 50−52.

Dies., Claras Kinder. Mit einem Nachwort von Eva Weissweiler und Gedichten von Felix Schumann, hrsg. von Eva Weissweiler, Köln 1995.

Briefwechsel mit Fanny Davies. Royal College of Music, Centre for Performance History, Nachlass Fanny Davies, Briefe, Signatur MS 7503

Academy 1892, S. 622

Athenæum 1892 I, S. 801; 1892 II, S. [49]; 1893 I, S. [489]; 1893 II, S. 505; 1894 II, S. 368; 1896 II, S. 368

The Bookman 1927, S. 200

Bow Bells 1892, S. 287

British Musician 1927, Sept., S. 147–150

The Emporia Daily Gazette 6. Sept. 1892

Magazine of Music 1896, Juli, S. 457, Aug., S. 622

The Milwaukee Sentinel 5. Apr. 1892

Monthly Musical Records 1892, Juli, S. 161f.

Musical Standard 1892 I, S. 510; 1898 I, S. 182; 1907 II, S. 347

MusT 1888, S. 449; 1889, S. 454; 1890, S. 387; 1891, S. 68; 1892, S. 402, 404; 1910 I, S. 324

Schweizerische Musikzeitung: Revue musicale suisse, Bd. 78, 1938, S. 480

The Times [London] 1892, 7. Okt.; 1931, 9. Febr.; 1934, 20. Okt.; 1938, 26. Sept.; 1969, 28. Mai; 1981, 31. Jan.

NDB

Marie Wieck, Aus dem Kreise Wieck-Schumann, Dresden 21914.

Clara Schumann u. Johannes Brahms, Briefe aus den Jahren 1853−1896, hrsg. von Berthold Litzmann, 2 Bde., Bd. 1 u. 2, Leipzig 1927.

Walter Bettler, Robert Schumann, Clara Schumann und ihre Töchter Marie und Eugenie in Interlaken, Privatdruck, Interlaken 1994.

Claudia de Vries, Die Pianistin Clara Wieck-Schumann. Interpretation im Spannungsfeld von Tradition und Individualität (= Schumann-Forschungen 5), Mainz 1996.

Eugen Wendler (Hrsg.), „Das Band der ewigen Liebe“. Clara Schumanns Briefwechsel mit Emilie und Elise List, Stuttgart u. Weimar 1996.

Beatrix Borchard, „Marie und Eugenie Schumann“, in: Deutsche Schwestern. Vierzehn biographische Porträts, Berlin 1997, S. 173–213.

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Nachkommen (gesamt) von Friedrich August Gottlob Schumann, http://home.rz.uni-duesseldorf.de/~molberg/schumann/schumnac.htm, Zugriff am 21. Juli 2012.

 

Annkatrin Babbe

 

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