Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

LegrandLe grand, Helene

Lebensdaten unbekannt, deutsche Pianistin und Klavierlehrerin. Ihr Vater Peter Legrand (1778–1840) wirkte als Violoncellist in der Münchner Hofkapelle, ihr Onkel Wilhelm Legrand war in derselben Kapelle Oboist, später Militär-Musikdirektor in München und Bearbeiter zahlreicher Kompositionen für Harmoniemusik. 1833 kündigt der „Allgemeine Musikalische Anzeiger“ für Wien Konzerte von Helene Legrand an, „welche in München sich den Ruf einer sehr geschickten Clavierspielerinn erwarb (Castelli 1833, S. 180). Ein Auftritt „in einer Stadt, wo es fast eben so viele gute Clavierspielerinnen als gebildete Frauenzimmer gibt (ebd. S. 195), erscheint dem Rezensenten zwar gewagt, doch fällt das Urteil durchaus positiv aus: „Anschlag, klarer Vortrag und Überwindung von Schwierigkeiten aller Art geben Zeugniß von der bedeutenden Stufe, welche sie einnimmtallerdings eingeschränkt durch die Bemerkung, zu wünschen sei „die bessere Vertheilung von Schatten und Licht, welche sie sich in der Folge gewiß auch noch eigen machen wird (ebd.). Die „Wiener Zeitschrift für Kunst, Literatur, Theater und Mode“ lobt: „ungemeine Geläufigkeit beyer Hände, ein so kräftiger als zarter Anschlag und Eleganz in der Ausarbeitung einzelner Passagen [...,] Innigkeit des Vortrages, verbunden mit einer erfreulichen Leichtigkeit in den rapidesten Bravourstücken, weist aber auch auf „Tactsünden und „mitunter [...] etwas affectirte Körperbewegungen hin  (Wiener Zeitschrift für Kunst, Literatur, Theater und Mode 1833, S. 1195).

1835, 1836 und 1837 trat die Musikerin in Konzerten in München auf, wobei sie laut „Iris im Gebiete der Tonkunst“ ihre „längst bekannte Kunstfertigkeit auf das Glänzendste bewährte (Iris 1837, S. 48). Im Jahr 1839 verzeichnet Mendel eine Konzertreise nach Augsburg, Stuttgart und Karlsruhe. Am 4. Dez. 1841 spielte sie in Wien bei der Gesellschaft der Musikfreunde und provozierte bei Alfred Julius Becher, bekannt für seine „bisweilen schonungslos scharfen Angriffe gegen Dilettantismus und mangelndes künstlerisches Niveau (MGG 2000), eine ausführliche Abrechnung mit „Halbtalenten, die es bei aller Anstrengung und gutem Willen nicht weit über die Mittelmäßigkeit gebracht haben (AWM 1841, S. 615).Auf dem Programm standen vier Konzertetüden von Anton Halm (die ebenfalls den Tadel des Kritikers auf sich zogen), Liszts Fantasie über Marsch und Cavatine aus Lucia di Lammermoor von Donizetti und Thalbergs Fantasie über Themen aus Mosè in Egitto von Rossini. Der Rezensent der Tageszeitung „Der Humorist“ notierte jedoch von diesem Konzert ganz andere Eindrücke: „Lebendiger Vortrag, voller, nur bisweilen etwas gar zu gewichtig fallender Anschlag, eine sehr flüssige Passagen-Behandlung, nebst klarer und gebildeter Auffassung des Vorzutragenden, erwarben der Concertantin vielfache Anerkennung“ (Der Humorist 1841, S. 994). Eine weitere Station der Reise war Pest, wo im Dez. 1841 zwei Konzerte stattfanden, und zwar mit einem durch Chopin erweiterten Programm. „Sie erntete vielen Beifall, und mit vollem Rechte; derselbe wäre aber gewiß noch größer gewesen, wenn Dlle. Legrand eine andere Wahl in ihren Productionsstücken getroffen hättedie „mit Schwierigkeiten so überhäuft [seien], dass nur der, welcher dieselben spielend überwindet, und sein ganzes Augenmerk auf den Vortrag richten kann, eines glänzenden Erfolges gewiß seyn darf. Zu einem genügenden und interessanten Vortrage derselben gehört aber vor allem eine außerordentliche physische Kraft, und diese besitzt Dlle. Legrand nicht. […] Technik allein kann keinen glänzenden Erfolg herbeiführen (AWM 1842, S. 117).

Zu Legrands Repertoire gehörten neben den genannten Kompositionen Klavierkonzerte von Mendelssohn und Kalkbrenner. Mendel, dessen Artikel „Legrand“ 1876 noch keinen Todeszeitpunkt referiert, schreibt, sie sei „als Pianistin und Musiklehrerin in der bairischen Hauptstadt sehr beliebt gewesen.

 

LITERATUR

AmZ 1834, Sp. 160

AWM 1841, S. 604, 615; 1842, S. 20, 117f.

Castelli 1833, S. 180, 195

Der Humorist 1841, S. 994

Iris 1837, S. 48

NZfM 1835 II, S. 19; 1836 II, S. 154

Wiener Zeitschrift für Kunst, Literatur, Theater und Mode 1833, S. 1194f.

Schilling Suppl., Schla/Bern, Mendel

Eduard Hanslick, Geschichte des Concertwesens in Wien, 2 Bde., Bd. 1, Wien 1869, Repr. Hildesheim [u.a.] 1979.

 

FH

 

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