Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

ThegerströmTegerström, Hilda, HildeKilda (Aurora)

* 17. Sept. 1838 in Stockholm, † (5., 6. od. 9.) Dez. 1907 ebd., Pianistin, Komponistin und Klavierlehrerin. Hilda Thegerström erlangte vor allem im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts in Schweden eine herausragende Bedeutung als Pianistin und Klavierlehrerin. In seinem Buch „Meister des Klaviers“ schreibt Walter Niemann über sie: „Was die Rée und Neupert Dänemark, was die Lie-Nissen und Backer-Gröndahl Norwegen, wurde Schweden Hilda Thegerström in Nachfolge J[oh]an van Booms […]: die bedeutendste, durch Marmontel in Paris und durch Liszt gebildete Klaviervirtuosin und die überragende pianistische Lehrmeisterin ihres Vaterlandes neuerer Zeit“ (Niemann, S. 119).

Die Liste der Lehrer von Hilda Thegerström ist umfangreich. Ihre erste musikalische Ausbildung erhielt sie in der Musikschule von Adolf Fredrik Lindblad sowie von ihrem Onkel Franz Berwald (1796−1868), der ihr sein Klavierkonzert in D-Dur (1855) sowie das Klavierquintett Nr. 1 c-Moll widmete. Auch Johan van Boom (1807−1879) zählte zu ihren Lehrern. 1857 erhielt die Pianistin ein staatliches Stipendium für eine Studienreise ins Ausland. Sie ging noch in demselben Jahr zunächst nach Paris, wo sie Unterricht bei Antoine-François Marmontel (1816−1898) nahm. Später reiste sie nach Weimar, um ihre Studien bei Franz Liszt (1811−1886) fortzusetzen. Ende der 1850er Jahre kehrte Hilda Thegerström nach Schweden zurück und wirkte um 1863 selbst als Klavierlehrerin in Göteborg. 1864 brach sie zu einer zweiten Studienreise nach Deutschland auf und war bis 1869 Schülerin von Carl Tausig (1841−1871) in Berlin.

In Schweden war Hilda Thegerström bereits früh als Pianistin bekannt. Im Ausland debütierte sie 1859 in einem Konzert in Weimar. Öffentliche Aufmerksamkeit erlangte sie in demselben Jahr vor allem durch einen Auftritt im Rahmen der Tonkünstlerversammlung in Leipzig. In einer privaten Matinee führte sie zusammen mit dem Violoncellisten Friedrich Wilhelm Grützmacher Berwalds Duo B-Dur auf. In den nächsten Monaten folgten weitere Auftritte der Pianistin in Weimar, u. a. am Hof. Ebenfalls 1859, vermutlich im Anschluss an ihre Rückkehr nach Schweden, gab sie eine Sammlung von Fingerübungen für das Klavierspiel (Nägra Elementar-Piano-Fingeröfningar) heraus.

Zwischen 1865 und 1867 ließ sich Hilda Thegerström wiederholt in München hören, wo sie 1860 erstmals aufgetreten war. Im Herbst 1865 spielte sie dort innerhalb eines Konzerts von Ilona Eibenschütz. Ein Rezensent schreibt hierüber: „Ihrem Spiele rühmen wir große Geläufigkeit und musikalische Auffassung nach, gestehen jedoch, daß wir durch ein übertriebenes Markiren, was durch den Gebrauch des ganz neuen, zum ersten Male gespielten Instruments erklärt wurde, uns unangenehm berührt fühlten“ (Unterhaltungs-Blatt der Neuesten Nachrichten 1865, S. 1104). Nach einem weiteren Auftritt in München im Januar 1867 lobt die „Bayerische Zeitung“ vor allem die „sehr achtungswerthe Technik“ (Bayerische Zeitung 1867, S. 183) der Pianistin.

Im Herbst 1869 befand sich Hilda Thegerström wieder in Schweden. Am 16. Okt. veranstaltete sie ein Konzert in Jönköping, in dem sie u. a. Werke von Chopin, Liszt und Haydn spielte. Einer der letzten Konzertbelege findet sich für das Jahr 1885 in Uppsala.

1872 nahm Hilda Thegerström den Ruf als erste Klavierlehrerin an die Königl. Schwedische Akademie der Musik in Stockholm an und übernahm damit gleichzeitig die Stelle ihres früheren Lehrers van Boom. Walter Niemann hebt die Bedeutung der Künstlerin als Pädagogin hervor: „Aus ihrer Schule gingen fast alle namhaften modernen schwedischen Konzertpianistinnen hervor, und ihre eigene, halb schwedische, halb französische Schulung wird sofort, wie für die gesamte moderne schwedische Kunst, so auch für die moderne schwedische Klavierspielkunst symbolisch und bestimmend“ (Niemann, S. 191). In ihrer Position ermöglichte sie vielen Pianistinnen einen Zugang zur professionellen Musikausübung: „The influence of Hilda Thegerström on young aspiring female musicians can hardly be overestimated. Both as a successful concert pianist […] and as a highly respected pedagogue […] who supported her students in all possible ways, Thegerström was of central importance in helping to create a cultural climate in which women could strive towards the highest levels of professionality“ (Myers, S. 72).

Zahlreiche SchülerInnen Hilda Thegerströms erlangten in Schweden einen hohen Bekanntheitsgrad − als PianistInnen (darunter Thora Hwass, Alfred Roth, Laura Valborg Aulin, Märtha Ohlson, Natanael Broman, Hilma Lindberg-Svedbom und Lennart Lundberg) und als KlavierlehrerInnen (darunter Sigrid Carlheim-Gvllensköld, Robertine Bersén, Aurora Morlander und Richard Andersson).

Nach 32 Jahren als Lehrerin an der Königl. Schwedischen Akademie der Musik verließ die Künstlerin diese Institution 1904 krankheitshalber.

 

WERKE FÜR KLAVIER

La Naïveté. Souvenirs Suédois pour piano. op. 1; Nocturne och Rondoletto op. 2

 

LEHRWERK

Nägra Elementar-Piano-Fingeröfningar, Stockholm [1859].

 

LITERATUR

Aurora 1887, 26. Aug., 2. Sept.

Bayerische Badezeitung. Organ der bayerischen Kur- und Badeorte 1865, S. 145

Bayerische Zeitung 1867, S. 183

Borgåbladet 7. Nov. 1885

Folkets röst 19. März 1859

Helsingfors Dagblad 7. Mai 1878

Jönköpingsbladet 1859, 17. Dez.; 1869, 7., 19. Okt.

NZfM 1857 II, S. 183; 1859 I, S. 287, 293; 1860 I, S. 137; 1861 I, S. 179; 1862 II, S. 26; 1871, S. 327, 1873, S. 323

Niederrheinische Musik-Zeitung 1860, S. 328

Post- och Inrikes Tidningar 1856, 27. März; 1857, 18. Nov.; 1860, 18., 21. Apr.

Sveriges och Norges Stats-Kalender 1876, S. 447, 449

Sveriges Statskalender 1881, S. 356; 1904, S. 417

Tidning för Wenerborgs stad och län 1859, 28. Apr.; 1882, 31. Aug.

Baker, Elson, Riemann 10, MGG 2000

Per Gustav Berg u. Wilhelmina Stålberg, Anteckningar om svenska qvinnor, Stockholm 1864−1866.

Lina Ramann, Aus der Gegenwart. Aufsätze über Musik. Für Musikfreunde, Nürnberg u. München 1868.

Arvid Ahnfelt (Hrsg.), Europas Konstnärer. Alfabetiskt ordnade biografier öfver vårt århundrades förnämsta artister, Stockholm 1887.

Adolf Lindgren u. Nils Personne (Hrsg.): Svenskt Porträttgalleri, 26 Bde., Bd. 21, Stockholm 1897.

Hans von Bülow, Briefe und Schriften, hrsg. von Marie von Bülow, 8 Bde., Bd. 3, Leipzig 1898.

Georg Nordensvan, Svensk Teater och svenska Skådespelare. Från Gustav III till Våra Dagar, Stockholm 1918.

Bernhard Meijer, Nordisk Familjebok. Konversationslexikon och Realencyklopedi, 38 Bde., Bd. 29, Stockholm 21919.

Walter Niemann, Meister des Klaviers. Die Pianisten der Gegenwart und der letzten Vergangenheit, Berlin 1919.

Gustav Hillestroem, Kungl. Musikaliska Akademien. Matrikel 1771−1971, Stockholm 1971.

Carin Lewenhaupt [u. a.], Svenska kvinnor. Föregångare nyskapare, Lund 1990.

Margaret Myers, Blowing her own trumpet. European Ladies’ Orchestras & Other Women Musicians 1870−1950 in Sweden, Göteborg 1993.

 

Bildnachweis

Lindgren/Personne 1897, S. 115.

 

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