Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

SeydelSeidl, Theresine, Theresina, Theresia, Therese, verh.Schuster-Seydel

* 1. Nov. 1858 in Wien, † nach 1908, Violinistin, Violinlehrerin und Komponistin. Der Name der Mutter ist nicht bekannt, ihr Vater war Dominik Seydel, ein hoher Beamter der k. k. Südbahn. Ihre beiden Schwestern Marie, verh. Furlani, und Caroline Seydel wurden zu Konzertpianistinnen ausgebildet. Theresine Seydel war Schülerin in der Klasse Georg Hellmesbergers (d. Ä., 1800–1873) am Wiener Konservatorium, welches sie 1869 verließ. Bereits im Juli 1868, im Alter von neun Jahren, gab sie ihr Debüt, im Jahr darauf konzertierte sie an der Seite des nur wenige Jahre älteren Joseph Hellmesberger (d. J.). Theresine Seydel trat vor allem in Wien auf. Sie konzertierte 1873/74 mehrmals im Saal der Musikfreunde, war im Sommer 1874 für ein Hofkonzert auf Schloss Schönbrunn engagiert, und spielte auch im Dez. 1875 in einem Konzert der Wiener Gesellschaft der Musikfreunde. Theresine Seydel unternahm aber auch Konzertreisen, meist zusammen mit ihrer Schwester Marie, u. a. nach Innsbruck und Salzburg, Dresden und Leipzig, Meran und Triest. Der Schwerpunkt ihrer Konzerttätigkeit lag in den Jahren 1874 bis 1881. Ab 1886 finden sich seltener Erwähnungen der Violinistin. Vermutlich hing der partielle Rückzug aus dem öffentlichen Konzertbetrieb mit ihrer Heirat zusammen, die zwischen 1882 und 1886 stattfand. Dennoch verzichtete sie anschließend nicht vollständig auf das Konzertieren und gründete 1889 mit der Geigerin Adele Kohn, der Bratscherin Johanna Benda sowie der Violoncellistin Josefine Donat ein Frauen-Streichquartett. Um die Jahrhundertwende scheint Theresine Seydel ihre Konzerttätigkeit beendet zu haben.

Als Violinlehrerin war sie indes weiterhin aktiv, so in einer Wiener „Schule für musikalische und dramatische Bildung“ (Österreichische Statistik, hrsg. von der k. k. Statistischen Zentralkommission 1906, S. 251) im Schuljahr 1903/04 und im „k. und k. Offizierstöchter-Erziehungs-Institut zu Hernals in Wien“ (Niederösterreichischer Amts-Kalender für das Jahr 1908, S. 653), wo sie „für den gesamten Vl.-Unterricht verantwortlich“ war (Marx/Haas 2001, S. 527). Komponiert hat die Musikerin ebenfalls.

Nach den vorliegenden Rezensionen zu urteilen, war das Konzertrepertoire von Theresine Seydel eher klein, wobei sich in vielen der – häufig sehr kurzen – Berichte keine Angaben zur Programmwahl finden. Mehrfach erwähnt werden zwei Salonstücke von Vieuxtemps, l’Orage und Tarantelle, die Teufelstriller-Sonate von Tartini, Mozarts Haffner-Serenade (hier vermutlich das von ViolinistInnen gern gespielte Rondo) und Joh. Seb. Bachs Violinkonzert a-moll BWV 1041 – bekannte und beliebte Stücke also, bei denen auch virtuoses Können gezeigt werden konnte. Mit Werken von Ernestine de Bauduin hatte Theresine Seydel auch Musik einer Komponistin im Repertoire, zudem spielte sie gelegentlich eigene Werke.

Die folgenden drei Kritiken aus verschiedenen Zeiten skizzieren die Qualitäten der Geigerin; ebenso deutlich zeigen sie die Vorbehalte gegenüber einer mit diesem Instrument konzertierenden Frau.

„Frl. Therese Seydel unternahm es, Vieuxtemp’s ‚l’Orage‘ auf der Violine vorzutragen. Die Leistung war mit Rücksicht auf die außerordentliche Jugend der Virtuosin eine überraschende, dennoch ließ sie, wie begreiflich, an Kraft und Reinheit so Manches zu wünschen übrig, wie es denn überhaupt nur äußerst selten vorkommt, dass sich eine Dame bei diesem schwierigen Instrumente zur Vollkommenheit aufschwingt“ (Wiener Sonn- und Montags-Zeitung 25. Apr. 1870).

„Violinistinnen werden heutzutage immer rarer; Frl Theresine Seydel, eine Schülerin Hellmesberger’s ist jedoch eine in der That seltene Geigerin. Sie besitzt vor Allem eine vollen Ton von aussergewöhnlicher Innigkeit, Lieblichkeit und Wärme, welcher namentlich in einem Salonstück ihres Lehrers und einem Andante von Gluck den Saiten herrlich entströmte. Die höchst schwierige Sonate mit dem Teufelstriller von Tartini spielte sie mit grosser Reinheit, Sicherheit und Fertigkeit; allein die Sonate verlangt doch zu sehr eine ganz kraftvolle und energische Männerhand“ (AmZ 1876, Sp. 281).

„Frl . Theresina Seydel als Violinistin überraschte nicht allein durch Sicherheit und Reinheit, sondern auch durch ihren runden, vollen, fast männlichen Ton“ (AmZ 1881, Sp. 189).

 

Brustbild, Signatur unleserlich, veröffentlicht 1874.

 

WERKE FÜR VIOLINE UND KLAVIER (laut Marx/Haas verschollen)

Barkarole op. 8, Leipzig (Robitschek); Crescence-Gavotte, Wien (Gutmann); Walzer, Wien (Gutmann)

 

LITERATUR

AmZ 1876, Sp. 281; 1881, Sp. 189; 1881, Sp. 829f.

Bayreuther Blätter 1890, S. 71f.

Blätter für Theater, Musik und Kunst 1869, S. 136; 1870, S. 107; 1873, S. 8

Bock 1868, S. 144, 247f.; 1875, S. 158, 406; 1876, S. 46; 1878, S. 21, 86

Deutsche Musik-Zeitung [Wien] 18. Juli 1874

FritzschMW 1892, S. 275f.

Guide musical 1875, 16. Dez.

Jahresbericht des Wiener akademischen Wagner-Vereines für das Jahr 1890, Wien 1891, S. 16, 18

Monthly Musical Record 1888, S. 105

Niederösterreichischer Amts-Kalender für das Jahr 1908, S. 653

NZfM 1868, S. 317, 368; 1870, S. 185; 1872, S. 214; 1876, S. 281, 346, 485; 1878, S. 108, 144

Signale 1870, S. 437; 1876, S. 25, 75, 213, 234, 554; 1879, S. 195; 1880, S. 131, 533; 1882, S. 373; 1885, S. 960; 1896, S. 485

Das Vaterland [Wien] 1886, 5., 12. Dez.

Wiener Sonn- und Montags-Zeitung 25. Apr. 1870

Rudolf Hofmann, Der Wiener Männergesangverein. Chronik der Jahre 1843 bis 1893 aus Anlass der fünfzigjährigen Jubelfeier des Vereines, Wien 1893.

Eva Marx u. Gerlinde Haas, 210 Österreichische Komponistinnen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Biographie, Werk und Bibliographie, Salzburg [u. a.] 2001.

Friedrich Frick, Kleines Biographisches Lexikon der Violinisten. Vom Anfang des Violinspiels bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts, Norderstedt 2009.

Ingrid Fuchs, „Erste Auftritte von Virtuosinnen auf Violine und Violoncello in Wiener Konzertsälen, in: Musikblätter der Wiener Philharmoniker 65 (2011), S. 337−346.

 

Bildnachweis

Deutsche Musik-Zeitung 18. Juli 1874

 

Monika Tibbe/VT

 

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