Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

DittrichDietrich, Sophie, Sofie, verhvon Herget-Dittrich, Herget, Herget-Dittrich

* 5. Nov. 1844 in Prag, † 28. Jan. 1925 ebd., Pianistin. Nachdem Sophie Dittrich 18-jährig in der Wintersaison 1862/63 in Prag bei einer Aufführung von Niels Gades Frühlings-Fantasie für Soli, Chor, Orchester und Klavier op. 23 den Klavierpart übernommen hatte, wünschte sich der Rezensent, „dem Fräulein im Konzertsaale recht bald und zwar in einer mehr selbständigen Piece wieder zu begegnen“ (Recensionen und Mittheilungen über Theater und Musik 1863, S. 183). Die Gelegenheit ergab sich 1864, als Sophie Dittrich in einem Prager Benefizkonzert Beethovens Klaviersonate Es-Dur op. 31 Nr. 3 vortrug. „Her execution of the beautiful Sonata was, artistically considered, the great feature of the programme“ (MusW 1864, S. 455). Die Fortschritte, die sie in kurzer Zeit gemacht habe, seien eine „consequence of Schulhoff’s instructions (ebd.). Somit scheint einer ihrer Lehrer Julius Schulhoff (18251898) gewesen zu sein, der allerdings zu dieser Zeit nicht mehr in Prag lebte und sie möglicherweise bei einem kürzeren Aufenthalt in seiner Heimatstadt unterrichtete. Ferner werden als Lehrkräfte Jakob Emil Hock (18231908), Pianist, Inhaber einer Musikschule und Mitglied im Prager Davidsbund, sowie der Organist und Komponist Josef Leopold Zvonar (18241865) genannt.

 

Sophie Herget-Dittrich und Jakob Emil Hock in Hocks Wohnung.

 

Im folgenden Jahr ließ sich die Musikerin am 4. Febr. im Leipziger Gewandhaus hören. Der Kritiker der „Allgemeinen musikalischen Zeitung“ äußerte sich durchaus anerkennend: „In Fräul. Sophie Dittrich aus Prag produzirte sich eine mit solider Technik und schöner musikalischer Bildung ausgerüstete Pianistin. Besser noch als das Beethoven’sche G dur Konzert, welches sie, abgesehen von einigen kleinen Versehen, sehr frisch und interessant spielte, gefiel uns ihr Spiel in den von ihr vorgetragenen drei Solostücken: Presto appassionato von Rob. Schumann, Ständchen aus Op. 81 Nr. 7 von Stephen Heller und Walzer Op. 34 Nr. 3 von Chopin“ (AmZ 1869, Sp. 46).Von 1866 an gab Sophie Dittrich bis zu ihrer Heirat jedes Jahr in Prag ein eigenes Konzert und erweiterte ihr Solorepertoire (Liszt, Schumann, Chopin, Stephen Heller, Joh. Seb. Bach) durch kammermusikalische Aktivitäten mit ortsansässigen Musikern (Trios von Mendelssohn Schubert, Volkmann, Saint-Saëns, Quartett von Schumann). Als sie am 8. Dez. 1867 in einem Wohltätigkeitskonzert des Konservatoriums das Klavierkonzert fis-Moll op. 72 von Carl Reinecke vortrug, titulierte sie der Korrespondent der „Neuen Zeitschrift für Musik“ bereits als „die erste der hiesigen Pianistinnen und ein Liebling des Publikums“ (NZfM 1868, S. 64). Auf diese Weise ermutigt, erweiterte sie ihren Wirkungskreis über Prag hinaus und trat Ende 1867 eine Reise an, die sie zunächst nach Leipzig führte. Im Musikverein Euterpe ließ sie sich am 11. Febr. mit Chopins Konzert f-Moll op. 21, Toccata und Fuge c-Moll von Joh. Seb. Bach, „In der Nacht“ aus den Fantasiestücken op. 12 von Schumann und einer Valse caprice von Raff hören. Die Presse-Reaktionen waren hier eher verhalten: „Sie erwies sich als eine sehr respectable Virtuosenkraft, die sich den besten ihrer Kunstgenossinnen würdig an die Seite stellen darf. Ihr steht eine sehr saubere und durchgebildete Technik und ein voller, gesangreicher Anschlag, sowie eine künstlerische Noblesse in der Auffassung zu Gebote, die nur noch  wie es insbesondere das Chopin’sche Concert erfordert  eines lebendigeren leidenschaftlicheren Anhauchs bedarf, um der Gesammtleistung allseitige Zündkraft zu verleihen“ (NZfM 1868, S. 72). „Fräulein Dittrich ist auf dem Wege, eine tüchtige Virtuosin zu werden, hat aber unsres Bedünkens, wenn sie ihr Ziel erreichen will, doch technisch noch gehörig zu arbeiten, damit ihr Spiel an Klarheit und Sicherheit gewinne, sowie sie geistig sich noch viel selbstständiger machen muß, damit man aufhöre, ihr das Anstudierte und Anempfundene anzumerken. Belege für Gesagtes fanden wir besonders häufig in dem von der Dame zuerst gespielten Stücke, dem Chopin’schen Fmoll-Concert, welches in allewege eine für sie noch viel zu schwere Aufgabe ist“ (Signale 1868, S. 215). Die Valse caprice von Raff habe sie „am vollständigsten und allseitigsten“ (ebd.) gemeistert. Es folgte ein Konzert in Jena am 17. Febr. 1868, bei dem Schuberts Wandererfantasie D 760 in der Bearbeitung für Klavier und Orchester von Liszt zur Aufführung kam.

Auch Eduard Bernsdorf konstatierte in den „Signalen“ „gute Fortschritte“ und befand, Sophie Dittrich stehe „jetzt als eine Clavierspielerin von tüchtigem Kaliber da, was auch dann noch seine Geltung behält, wenn wir sagen, daß sie den letzten Schliff der Technik und die richtige Beseelung des Vortrags noch zu erstreben hat“ (Signale 1869, S. 221). Wenig später, am 11. Febr., spielte Sophie Dittrich in demselben Konzertsaal bei einem Wohltätigkeitskonzert mit Carl Reinecke Mozarts Konzert Es-Dur für zwei Klaviere und Orchester KV 365 sowie Solokompositionen von Chopin, Schumann und Raff. Die „Leipziger Zeitung“ empfahl „langsames Ueben“ (Leipziger Zeitung 1869, S. 202), und Bernsdorf verschärfte seine Kritik: „Was nun schließlich Fräulein Dittrich mit ihren Solopiècen anlangt, so fehlte diesen Leistungen sämmtlich die feine Appretur und Dressur, und war in dieser Beziehung Fräulein Dittrich in gegenwärtigem Concert fast noch weiter zurückstehend als am sechszehnten Gewandhausabend“ (Signale 1869, S. 264).

Von da an beschränkte Sophie Dittrich ihre öffentlichen Auftritte anscheinend auf Prag, wo sie weiterhin den Ruf als „beste Pianistin unserer Stadt“ (Signale 1871, S. 374) genoss und in das örtliche Musikleben bestens integriert war. Anfang 1871 spielte sie in einem Konservatoriumskonzert ein (heute verschollenes) Klavierkonzert von August Wilhelm Ambros, am 20. Apr. 1873 musizierte sie mit dem Dresdner Violoncellisten Friedrich Grützmacher, am 28. März 1875 übernahm sie in einem Wohltätigkeitskonzert im Landestheater den Klavierpart in Beethovens Chorfantasie op. 80. Zahlreiche weitere Auftritte sind in der Programmsammlung ihres Lehrers und Freundes Jakob Emil Hock im Einzelnen nachgewiesen (Lomnäs u. a. Bd. 1, S. 248359).

 

 

 Am 28. Aug. 1875 heiratete Sophie Dittrich den Juristen Victor von Herget (18441881) und ließ bereits am 10. Jan. 1876 mit einer gemeinsam mit der Sängerin Martha Prochazka veranstalteten Soirée musicale keinen Zweifel an der Fortsetzung ihrer künstlerischen Tätigkeit. „Die Pianistin Frau Herget befestigte den Ruf des Frl. Sophie Dittrich nur noch mehr“ (Bohemia 12. Jan. 1876). Unter dem Namen Sophie von Herget-Dittrich trat sie weiterhin auf, vorwiegend in Kammermusikformationen. Am 6. Mai 1883 war sie nochmals in einer Veranstaltung des Konservatoriums zu hören, mit einem Konzert für drei Klaviere und Orchester von Joh. Seb. Bach, und am 10. Dez. 1883 mit dem Trio f-Moll op. 65 von Antonin Dvořák.

Sophie von Hergets erster Mann starb am 27. Jan. 1881. Am 22. Sept. 1884 ging sie eine Ehe mit dem Unternehmer Maximilian (Max) Herget (?—1893) ein. Danach sind nur noch zwei öffentliche Auftritte belegbar, am 29. Dez. 1884 im Sophieninselsaal und am 3. Apr. 1888 im Convictsaal.

 

LITERATUR

AmZ 1868, Sp. 132; 1869, Sp. 46

Bock 1868, S. 95, 153; 1869, S. 47, 55; 1870, S. 135; 1872, S. 142; 1873, S. 63, 144

Bohemia [Prag] 1875, 19. Jan., 18. März; 1876, 12. Jan.; 1878, 28. März; 1916, 22. Juni, 9. Juli

FritzschMW 1870, S. 285; 1878, S. 112

Leipziger Zeitung 1869, S. 201f.

Musikalisches Centralblatt 1882, S. 50

MusW 1864, S. 454f.

NZfM 1866, S. 134, 427; 1867, S. 170; 1868, S. 64, 66, 72, 83, 167; 1869, S. 51, 56f., 65, 78, 109, 432; 1870, S. 167, 185; 1871, S. 105, 138, 154, 203; 1872, S. 34, 166; 1873, S. 185, 219; 1879, S. 175; 1884, S. 153

Recensionen und Mittheilungen über Theater und Musik 1863, S. 183

Signale 1866, S. 939; 1867, S. 822; 1868, S. 215, 221, 251, 298, 490503; 1869, S. 221, 227, 264, 270, 419; 1871, S. 374; 1883, S. 564

Die Tonhalle 1868, S. 75

Alfred Dörffel, Geschichte der Gewandhausconcerte zu Leipzig vom 25. November 1781 bis 25. November 1881, Leipzig 1884, Repr. Walluf bei Wiesbaden 1972.

Bonnie Lomnäs, Erling Lomnäs u. Dietmar Strauß, Auf der Suche nach der poetischen Zeit. Der Prager Davidsbund: Ambros, Bach, Bayer, Hampel, Hanslick, Helfert, Heller, Hock, Ulm. Zu einem vergessenen Abschnitt der Musikgeschichte des 19. Jahrhunderts, 2 Bde., Bd. 1, Saarbrücken 1999.

 

Bildnachweis

Lomnäs [u. a.], S. 39, 280

 

Freia Hoffmann

 

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