Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Meyer, Hedwig

Lebensdaten unbekannt († nach 1924), deutsche Pianistin. Walter Niemann charakterisiert die wohl in den 1860er Jahren geborene Hedwig Meyer in seinem Standardwerk „Die Pianisten der Gegenwart und der letzten Vergangenheit“ als eine Musikerin, „die sich seit Anfang der neunziger Jahre hauptsächlich als grundmusikalische, ja außerordentliche Beethovenspielerin in Kammermusik und Solospiel einen guten Namen in Deutschland, Holland und Belgien gemacht hat“ (Niemann 1919, S. 135). Sich als Beethovenspielerin zu profilieren, war in dieser Zeit zweifellos ein Wagnis. Die Ansicht des Wagner-Schülers Eugen Lüning – „Beethoven war eine zu rein männliche Natur, als daß ein Weib ihn erschöpfend wiederzugeben vermöchte“ (Allgemeine Deutsche Musik-Zeitung 1878, S. 349) – wurde von der Mehrzahl seiner Zeitgenossen sicherlich geteilt. Entsprechend widersprüchlich äußert sich die „Neue Zeitschrift für Musik“, nachdem Hedwig Meyer am 26. Nov. 1900 in Darmstadt die Klaviersonaten opp. 81, 110 und 111 zu Gehör gebracht hatte: „Wenn wir auch Einzelheiten im Vortrag an manchen Stellen anders gewünscht hätten und zuweilen die gewaltige Tiefe des Beethoven’schen Riesengeistes, die er uns in diesen Werken seiner letzten Schaffensperiode offenbart hat, in dem Spiele der Dame nicht ganz erschöpft hielten, so mußten wir doch bewundernd staunen über die Souveränität, mit der die Künstlerin technisch und musikalisch solcher Riesen-Aufgabe gerecht wurde, die sie berechtigt, in der vordersten Reihe aller gegenwärtigen Pianistinnen genannt zu werden“ (NZfM 1901, S. 126).

Hedwig Meyer absolvierte ihr Studium am Konservatorium in Dresden, wobei sie nicht nur mit der Interpretation des 4. Klavierkonzerts G-Dur von Beethoven im Prüfungskonzert am 13. Juli 1883 auffiel, sondern auch als Kandidatin der Kompositionsprüfungen (Aufführung eines Werkes für vierstimmigen Chor) am 9. Juli 1883. In demselben Jahr wurde ihr ein Stipendium der Mendelssohn-Stiftung zuerkannt. 1884 folgte sie Franz Wüllner (1832–1902), dem Direktor des Konservatoriums und ihrem mutmaßlichen Lehrer, nach Köln, wo Wüllner die Leitung des Gürzenich-Orchesters übernahm. Unter seinem Dirigat trat Hedwig Meyer in den folgenden Jahren häufig im Gürzenich auf, mit Webers Konzertstück f-Moll op. 79 (1889), Beethovens 5. Klavierkonzert Es-Dur op. 73 (1890) und seiner Chorfantasie op. 80 (1892). Reisen führten sie nach Koblenz (Beethoven, 4. Klavierkonzert, 1892), Münster (dass., 1894), Mannheim (1894), Zürich und Luzern (beide Male Beethoven, 4. Klavierkonzert, 1895), Krefeld (Beethoven, 3. Klavierkonzert, 1900), Mönchengladbach (Beethoven, 4. Klavierkonzert, 1900). Ihr Lebensmittelpunkt blieb jedoch Köln, wo sie sich auch mit dem Klavierkonzert f-Moll von Chopin (1893, 1894), mit dem Klavierkonzert c-Moll op. 12 von Gabriel Pierné (1896) und mit dem 1. Klavierkonzert d-Moll op. 15 von Brahms (1900) hören ließ.

In der Mitte der neunziger Jahre begann eine Phase intensiver Auseinandersetzung mit Beethovens Klaviersonaten. Anfang 1895 spielte sie in Köln an vier aufeinander folgenden Abenden ausschließlich Beethoven-Sonaten, „mit gutem künstlerischen Erfolge“ (Signale 1895, S. 436). In der Wintersaison 1898/99 hatte sie den Mut, sich auch in Berlin mit reinen Beethoven-Abenden einzuführen: „Fräulein Hedwig Meyer hielt es an ihrem ersten Clavierabend in Berlin mit der Classicität und zwar ausschließlich mit Beethoven, von dem sie die große Cdur-Sonate Op. 53, die in Esdur Op. 81, und die letzten Sonaten Op. 109 (Edur), Op. 110 (Asdur) und Op. 111 (Cmoll) spielte. Sie brachte zur Bewältigung dieses anspruchsvollen Pensums alle nöthigen Eigenschaften in erfreulichstem Maße mit: eine höchst solide, gründlich durchgebildete manuelle Fertigkeit, klangvollen, modulationsreichen Anschlag, Kraft und Ausdauer und vor Allem das richtige, mit fein musikalischem, warmem Empfinden gepaarte geistige Ausdrucksvermögen. Und so gestaltete sich denn auch der künstlerische Erfolg der Dame zu einem durch laute Anerkennungsbeweise besiegelten höchst respectabelen“ (Signale 1898, S. 1048). Ob sich zum „künstlerischen Erfolg“ auch ein materieller gesellte, ist nicht überliefert. Das Publikum war an gemischte Programme mit wechselnden Besetzungen und Komponisten gewöhnt, es ist zu vermuten, dass sich der Zulauf zu solchen Konzerten in Grenzen hielt. So ist in einer Berliner Kritik aus dem Jahr 1899 vom „leider nicht zahlreichen Publikum“ (Signale 1899, S. 967) die Rede. Hier hatte es sich Hedwig Meyer „zur Aufgabe gemacht […], an sechs Abenden Beethoven’s sämmtliche zweiunddreißig Claviersonaten zu spielen. […] Für die erfolgreiche Durchführung ihres […] anspruchsvollen Unternehmens bot die Künstlerin denn auch gleich am ersten Abend volle Gewähr. Ihre Technik ist hochentwickelt und sehr solide gebildet, ihr Anschlag kraftvoll und nuancenreich, der Vortrag geistig rege und von feinem musikalischen Verständniß geleitet. Mit den kleineren Sonaten könnte sie in Zukunft vielleicht noch etwas subtiler umgehen, hier auch die Tonstärke im Forte herabmindern und alle unnöthigen Dehnungen in Melos und Tempo vermeiden. Das Programm wickelt sich übrigens nicht in chronologischer Reihenfolge, sondern nach den verschiedenen Schaffensperioden Beethoven’s ab. So spielte Fräulein Meyer am ersten Abend die Sonaten in Fmoll (Op. 2), in Ddur (Op. 10), in Esdur (Op. 31), in Gdur (Op. 79) und in Cmoll (Op. 111)“ (ebd.).

Neben ihrer solistischen Tätigkeit widmete sich Hedwig Meyer auch der Kammermusik und prägte viele Jahre lang in Zusammenarbeit mit Kollegen des Gürzenich-Orchesters und des Konservatoriums das Kölner Musikleben. Mit der Bläservereinigung des Gürzenich-Orchesters musizierte sie Ende 1899 Klavierquintette von Beethoven (Es-Dur op. 16) und Onslow, 1900 mit dem Gürzenich-Quartett das Klavierquintett op. 34 von Brahms. 1903 führte sie mit Willy Hess sämtliche Violinsonaten Beethovens auf, in der Saison 1905/06 spielte sie mit Mitgliedern des Gürzenich-Quartetts Beethovens Klaviertrio B-Dur op. 11, und in der Saison 1907/08 stellte sie zusammen mit Bram Eldering an drei Abenden die „historische Entwickelung der Violinsonate von Bach bis Richard Strauss“ (Die Musik 1907/08 II, S. 374) vor. Mit demselben Geiger musizierte sie 1917 eine Violinsonate von Ewald Straesser. In diesem Jahr sind auch, unter der Leitung von Hermann Abendroth, nochmals Aufführungen von den Klavierkonzerten Beethovens G-Dur und Es-Dur belegt.

Von 1904 bis 1924 wirkte Hedwig Meyer als Klavierlehrerin am Kölner Konservatorium, wo sie zeitweilig Kollegin von Elly Ney war.

 

LITERATUR

Bayreuther Blätter 1904, S. 79

Bock 1894, S. 100, 304; 1895, S. 75, 171

Deutsches Volksthum 1900, S. 272

FritzschMW 1906, S. 494

Der Klavier-Lehrer 1904, S. 23, 354, 360

Die Musik 1907/08 II, S. 374

Musikalisches Centralblatt 1883, S. 318

NZfM 1883, S. 259, 383, 516; 1889, S. 362; 1893, S. 117; 1899, S. 109f.; 1900, S. 526; 1901, S. 126; 1906, S. 463; 1917, S. 337

Signale 1890, S. 659; 1891, S. 613; 1892, S. 280, 310; 1894, S. 825, 952, 1049; 1895, S. 124, 139, 181, 436, 952, 1035; 1896, S. 52, 580, 612; 1897, S. 229, 277; 1898, S. 149, 1048; 1899, S. 136, 661, 967, 1033; 1900, S. 117, 139, 329, 376, 391, 453, 563, 740; 1901, S. 22

Zeitschrift der Internationalen Musikgesellschaft 1903, S. 272

Walter Niemann, Meister des Klaviers. Die Pianisten der Gegenwart und der letzten Vergangenheit, Berlin 1919.

Dietmar von Capitaine, Conservatorium der Musik in Coeln, Norderstedt 2009.

 

Freia Hoffmann

 

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