Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Bull, Leila (Marion)

* 1870 in Hereford, † 21. Dez. 1957 ebenda, Oboistin. Leila Bull war die Tochter von Elizabeth Bull (um 1831–?) und deren Ehemann, dem Naturforscher Henry Graves Bull (1818–1885). Nach Ernest Henry (um 1856–?), Alexis (um 1857–?), Henry Power (um 1859–?), Edith Elizabeth (um 1860–?), Herbert Edward (um 1863–?), Evelin Mary (um 1865–?) und Maude Ellen (um 1867–?) war sie das jüngste von insgesamt acht Kindern des Ehepaares.

Ihre musikalische Ausbildung erhielt Leila Bull an der Royal Academy of Music in London. Zwischen 1896 und 1898 ist die Mitwirkung in Konzerten dieser Einrichtung belegt. 1899 wurde die Musikerin in einer Sitzung der Direktoren der Hochschule zu einer der Associates gewählt. Bei einem der Hochschulkonzerte am 21. Juni 1898 trug sie Julius Rietz’ Konzertstück für Oboe und Orchester f-Moll op. 33 vor. Während die „Musical News“ lediglich die „commendable proficiency on the pastoral instrument“ (Musical News 1898 I, S. 622) hervorhebt und die „Musical Times“ der Oboistin „praiseworthy skill and intelligence“ (MusT 1898, S. 474) attestiert, werden in der Zeitung „The Era“ Einschränkungen formuliert: „A little more physical power seemed to be needed, but in the Andante Sostenuto the young lady played with much grace and expression“ (The Era 25. Juni 1898).

Von 1896 an trat Leila Bull auch außerhalb der Royal Academy of Music öffentlich in Erscheinung – vorrangig in London, aber auch in weiteren englischen Städten. Am 23. März des Jahres wirkte sie in einem Kammerkonzert der Pianistin Anne Mukle und der Klarinettistin Frances Thomas in der Londoner Queen’s Small Hall mit und trug darin mit KollegInnen Edouard Lalos Aubade für zehn Instrumente, eine Transkription des Intermezzos aus seiner Oper Fiesque, vor. Wiederholt war die Musikerin in den folgenden Jahren in Kammerkonzerten von Frances Thomas und Anne Mukle bzw. von Frances Thomas und den Schwestern Amabel und Frances Marshall zu hören. Bei solchen Gelegenheiten musizierte sie Rheinbergers Nonett Es-Dur op. 139, Adrien Barthes Aubadefür Bläserquintett, Charles-Edouard Lefebvres Suite für Holzbläserquintett op. 57, Fritz Steinbachs Septett A-Dur op. 7, Mozarts Serenade Nr. 12 c-Moll KV 388 für acht Bläser und Beethovens Septett Es-Dur op. 20. In kammermusikalischer Besetzung zeigte sich Leila Bull auch in einem Konzert von Albert W. Ketèlbey am 24. Mai 1898 im Londoner Trinity College und wirkte hier bei dem Vortrag eines Quintetts von Ketèlbey mit. Im Nov. 1904 nahm Leila Bull an einem Konzert einer Musikerin namens Taphouse und dem Chaplin Trio (bestehend aus den Schwestern Nellie [Klavier], Kate [Violine] und Mabel [Violoncello]) in Oxford teil. Anfang 1905 trat sie mit Händels Oboenkonzert Nr. 3 g-Moll HWV 287 in einem weiteren Konzert der drei Musikerinnen im Royal Albert Hall Theatre in London auf. Dasselbe Werk spielte sie im Mai des Jahres in einem der vom Chaplin Trio und den Musikerinnen Hollande veranstalteten Popular Concerts for Children and Young Students in der Londoner Steinway Hall. Ebenfalls mit den Chaplin-Schwestern konzertierte Leila Bull am 20. Juni 1908 im Hampstead Conservatoire und am 26. Nov. des Jahres in der Londoner Queen’s Small Hall. In beiden Konzerten gelangten alte Tänze zur Aufführung. Unter dem Titel „Ancient dances and music“ folgte ein weiteres Konzert dieser Art am 7. Apr. 1911 im David Lewis Hostel in Liverpool. Hier steuerte die Oboistin erneut Händels Oboenkonzert bei. Am 9. Nov. 1912 ließen sich die Musikerinnen ebenfalls mit Musik des 16. und 17. Jahrhunderts in der Londoner Æolian Hall hören, und am 10. und 12. Apr. 1919 standen Musik und Tänze aus der Zeit Shakespeares auf dem Programm.

Ein wichtiger Wirkungsraum von Leila Bull war das Orchester. Abgesehen von Auftritten als Solistin in Konzerten der Newbury Amateur Orchestral Union unter der Leitung von Dorothy Blunt (23. Nov. 1898) und der English Ladies’ Orchestral Society unter der Leitung von John Shepherd Liddle (Oxford 1900; „Handel’s Concerto in G minor for hautboy and strings was also given, Miss Leila Bull playing the solo part with great neatness and accuracy“, MusT 1900, S. 483) war sie Mitglied im Æolian Ladies’ Orchestra – der, so die Zeitschrift „The Etude“, best professional organization“ (1901, Okt.). Dem Orchester gehörten ausschließlich professionelle Musikerinnen an – die meisten waren Absolventinnen der Royal Acadamy of Music, des Royal College of Music oder der Guildhall School of Music in London. Bis in die 1930er Jahre hinein war dieses Ensemble aktiv. Wie lange Leila Bull dem Frauenorchester angehörte, kann derzeit nicht nachgewiesen werden. 

 

„Æolian Ladies’ Orchestra with their conductor, Rosabel Watson“, undat. Photographie.

 

Zu den letzten derzeit belegbaren Auftritten Leila Bulls zählen ihre Mitwirkung in einem Konzert mit einem Frauenstreichquartett unter der Leitung der Primaria Helen Egerton in London am 22. Apr. 1920 sowie ihre Beteiligung an der Aufführung von Frederic Austins Beggar’s Opera im Lyric Theatre Hammersmith am 5. Juni des Jahres. Für den Winter 1924/1925 wird Leila Bull außerdem als Oboistin und Englischhornistin in der Mitgliederliste des British Women's Symphony Orchestra unter der Leitung von Gwynne Kimpton aufgeführt. 

Die Royal Academy of Music schreibt bis heute den Leila Bull Prize für OboistInnen aus.

 

LITERATUR 

Black & White 17. Dez. 1904

The British Journal of Nursing 1931, Juni, S. 167

The Cremona 1911, S. 5f.

Daily News [London] 10. Apr. 1899

The Era [London] 1898, 25. Juni; 1899, 15. Apr.

The Guardian [London] 12. Apr. 1899

Jackson’s Journal 16. Juni 1900

The Minim 1899, S. 202

Monthly Musical Record 1896, S. 112; 1898, S. 161

Musical Courier 1896, S. 5

Musical News 1896 I, S. 295, 318f.; 1897 I, S. 318; 1898 I, S. 520, 622;1898 II, S. 459, 510, 562; 1899 I, S. 389; 1900 I, S. 138

Musical Standard 1896 I, S. 236

MusT 1897, S. 333; 1898, S. 474; 1899, S. 313; 1905, S. 48, 122; 1908, S. 472; 1911, S. 327

Pall Mall Gazette [London] 1896, 6., 8. Juli

The Times [London] 1896, 25. März; 1899, 10. Apr.; 1901, 5. Febr.; 1905, 6. Jan., 29. Mai; 1912, 11. Nov.; 1920, 24. Apr.; 1957, 27. Dez.

Axel Schniederjürgen (Hrsg.), Kürschners Musiker-Handbuch. Solisten, Dirigenten, Komponisten, Hochschullehrer, 2 Bde., Bd. 2, München 52006.

Martin Bird, „Harleyford: precursor of Hoffnung“, in: The Elgar Society Journal 4 (2010), S. 45f.

http://www.concertprogrammes.org.uk, Zugriff am 21. März 2014.

 

Bildnachweis

Royal Academy of Music, Museum and Collections, McCann Collection, 2002.1025, http://apollo.ram.ac.uk/emuweb/pages/ram/display.php?irn=1043, Zugriff am 21. März 2014.

 

Annkatrin Babbe

 

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