Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Heim, Leonie, Léonie, verh. Größler-Heim

* 23. März 1855 in Ulm, † 14. Febr. 1939 ebd., Pianistin, Klavierlehrerin und Komponistin. Ihr erster Lehrer war ihr Vater, der in Ulm als Klavier- und Violinlehrer wirkte und später zum Musikdirektor in Rottweil berufen wurde. Nachdem Leonie als Zehnjährige eines Paris-Aufenthaltes „den Unterricht eines bedeutenden Lehrers des Klavierspiels genießen durfte“ (Jansa), nahm sie ein Studium am Stuttgarter Konservatorium auf. Sie nennt dort als Lehrer die Professoren [Immanuel] Faißt, [Siegmund] Lebert, [Dionys] Pruckner, Speidel (Größler-Heim, S. 462), die wesentliche Prägung scheint sie jedoch in der Klavierklasse von Wilhelm Speidel (1826–1899) erhalten zu haben. In der „Neuen Zeitschrift für Musik“ ist 1872 ein letztes Prüfungskonzert dokumentiert, bei dem Leonie Heim das Klavierkonzert e-Moll von Chopin mit „schon bedeutender Künstlerschaft“ (NZfM 1872, S. 235) vortrug. „Ihr Spiel verbindet technische Abrundung mit großer geistiger Reife, Noblesse mit kräftiger und doch maßvoller Tonbildung“ (ebd.). Ihre Ausbildung wurde 1873 ergänzt durch Unterricht  bei Franz Liszt in Weimar, worüber sie 1912 in der „Neuen Musik-Zeitung“ berichtet. Für den Juni 1873 ist ihr Vorspiel im Haus der Schwestern Stahr belegt, bei dem auch Liszt anwesend war.

Die „Neue Musik-Zeitung“, die der Musikerin 1892 ein ausführliches Porträt widmete, erwähnt ein erstes Konzert, das sie als Neunjährige mit ihrem Vater in Wildbad im Schwarzwald gab. 1871 wird im „Schwäbischen Merkur“ ein Stuttgarter Abonnementskonzert vom 2. Apr. 1871 besprochen, in dem Leonie Heim „zum erstenmal in einem großen Konzert sich präsentirte“ (Schwäbischer Merkur 1871, S. 937) und sogleich mit der spezifischen Wahrnehmung konfrontiert wurde, die den Spielraum von Pianistinnen im 19. Jahrhundert kennzeichnet: „Ihr bescheidenes Auftreten ließ den ansprechenden, empfindungsvollen, ächt weiblichen und doch keineswegs energielosen Vortrag, dem eine große Geläufigkeit des Spiels zur Seite stand, nur um so mehr hervortreten“ (ebd.). In demselben Jahr führten Reisen nach Augsburg (28. Okt.) und Leipzig, wo sie am 14. und 18. Nov. Beethovens Konzert G-Dur und Solokompositionen von Chopin, Speidel und Liszt zu Gehör brachte. Die wichtigsten Musikzeitschriften nahmen von den Leipziger Konzerten Notiz, nicht ohne kritische Untertöne: „Sie hat zwar schon recht viel Fertigkeit, ist aber im Ganzen noch nicht fertig, und so lange sie letzteres Stadium noch nicht erreicht hat, sollte sie unsres Bedünkens von dem öffentlichen Produciren so schwerer Sachen wie die obenverzeichneten noch abstehen“ (Signale 1871, S. 789). „Frl. Heim macht der renommirten Stuttgarter Schule in Rücksicht auf treffliche Technik alle Ehre. Nur wolle man von einer Novizin noch nicht sofort verlangen, daß sie bei ihren ersten Ausflügen den Schulstaub bereits völlig von sich abgestreift und höhere geistige Auffassung, innigstes Durchdringen eines Kunstwerkes schon sich zu eigen gemacht habe“ (NZfM 1871, S. 437). „Frl. Heim, eine noch sehr jugendliche Künstlerin, erwies sich als fertige Spielerin, aber Geist und Herz scheinen über dem angestrengten Studium verloren gegangen zu sein. Beethoven’s Concert konnte wohl kaum matter und farbloser gespielt werden. Speidel und Liszt scheinen mehr ihre Meister zu sein, die sie cultiviren kann“ (AmZ 1871, Sp. 763). Eine ähnliche Tonart schlug auch das „Musikalische Wochenblatt“ an, wobei hier ebenfalls die „Stuttgarter Schule“ möglicherweise entschuldigend angeführt wurde: „Rücksichtlich der technischen Ausbildung legte Frl. Heim hierbei ein beredtes Zeugnis für die im Stuttgarter Conservatorium, resp. bei Hrn. Prof. Speidel genossene gute Schule ab; die Hebung des idealen Gehaltes, soweit ein solcher den gewählten Werken überhaupt innewohnte, glückte ihr minder“ (FritzschMW 1871, S. 760).

Die „Neue Musik-Zeitung“ referiert für die folgenden Jahre Konzerte in „Ulm, Heilbronn, Tübingen, Gmünd, Wildbad, Karlsruhe, Konstanz, Heidelberg, Pforzheim, in Frankfurt, Leipzig, Gotha, Augsburg, Zürich, Bern, Luzern etc.“ (NMZ 1892, S. 181), ohne dass diese Ereignisse in der überregionalen Musikpresse Widerhall gefunden hätten.

Regelmäßige Beachtung fanden jedoch die bis 1891 dokumentierten jährlichen Konzerte in Stuttgart: Am 4. Nov. 1873 musizierte Leonie Heim mit der Hofkapelle Chopins Konzert in e-Moll, am 21. Febr. 1874 gab sie in der Stuttgarter Liederhalle einen Abend mit Mendelssohns Klaviertrio d-Moll op. 49 und Solowerken von Händel, Chopin, Speidel, Schumann und Liszt. „Mit makelloser und ungewöhnlicher Technik verbindet sie ein für ihr jugendliches Alter überraschendes Verständniß der classischen wie modernen Literatur. Wie schön, ohne alle Affectation und subjektive Zugabe spielte sie mit den HH. [Edmund] Singer und [Theodor] Krumbholz Mendelssohns Dmolltrio! Ueberall Leben, Geist und volle Wahrheit. Mit welcher Feinfühligkeit ging sie im Andante tranquillo auf das träumerische Singen und Sehnen, im Scherzo auf den neckischen, koboldartigen Humor und mit welcher Gluth der Leidenschaft auf den stürmischen Charakter des Allo appassionato ein!“ (NZfM 1874, S. 118). Das Repertoire erweiterte sich um Werke von Beethoven, Bargiel, Brahms, Rubinstein, Godard, Robert Schumann, Nicodé und Reinecke (Konzert C-Dur), wobei sie auch zur Verbreitung von Kompositionen ihres Lehrers Speidel regelmäßig beitrug. Dass Leonie Heim eine hervorragende Liszt-Interpretin war, wird häufig hervorgehoben, während bei der Interpretation der „Klassiker“ gelegentlich „tiefere musikalische Durchdringung“ (NZfM 1882, S. 94) vermisst wird. „Die Concertgeberin verfügt über eine ganz saubere und glatte Technik und trug die kleineren Piècen auch ganz hübsch vor; für Werke aber wie die Beethoven’sche Sonate und den Carnaval fehlt ihr nicht nur die erforderliche Kraft, sondern auch die nöthige geistige Reife; der Vortrag des Schumann’schen ‚Carnaval‘ liess übrigens hier und da auch die nöthige Klarheit und Durchsichtigkeit vermissen“ (AmZ 1881, Sp. 206). Am 23. Okt. 1878 konzertierte die Pianistin (in Augsburg) erstmals unter dem Namen Größler-Heim. Ihr Ehemann war der aus Neckarsulm stammende Franz Größler (1849–1929), Lehrer in Stuttgart, der auch als Lyriker in Erscheinung trat. Die Heirat scheint Leonie Größler-Heims musikalische Aktivitäten nicht beeinträchtigt zu haben. Auch außerhalb Stuttgarts, wo sie sich „einen berechtigten Ruf als Lehrerin des Klavierspiels verschafft hat“ (NMZ 1892, S. 181), sind Auftritte belegt, so in Frankfurt a. M. (18. Jan. 1881), in Heilbronn (29. Nov. 1881, 30. Nov. 1886), in Reutlingen (19. Jan. 1883) und in Leipzig (29. Nov. 1898). Im Jan. 1879 unternahm sie eine Reise nach Nordamerika. William Steinway erwähnt in seinem Tagebuch unter dem 8. Febr. ein Konzert der New Yorker Philharmoniker mit „Madame Grössler-Heim playing moderately well“. Mögliche weitere Konzertaktivitäten haben in der amerikanischen Presse anscheinend keinen Niederschlag gefunden. 1897 wurde Leonie Größler-Heim zur Württembergischen Hofpianistin ernannt; Wilhelm II. von Württemberg verlieh ihr außerdem die „Goldene Medaille für Kunst und Wissenschaft“.

Im selben Jahr, am 13. Apr. 1897, hatte das Stuttgarter Publikum Gelegenheit, eine für damalige Verhältnisse„aparte Seltenheit" zu erleben: „ein Trio für Klavier, Violine und Cello, welches von drei anmutigen Damen, von Frau Größler-Heim, Frau Ehrenbacher-Edenfeld [Violine] und Fräulein Rosa Brackenhammer [Violoncello] reizend gespielt wurde. Bei der bewährten Pianovirtuosin Frau Größler-Heim, welche außerdem eine Phantasie von Hummel-Speidel mit großer Bravour zu Gehör brachte, war die künstlerische Durchführung des Klavierparts in Gades hübschem Trio selbstverständlich (NMZ 1897, S. 115).

Leonie Größler-Heim hinterließ auch ein kompositorisches Œuvre. Op. 1 Kaiser Friedrich ist ein Lied (Text von Franz Größler) zum Tod Friedrichs III. von Preußen. Weitere fünf Opera enthalten Lieder oder Liedersammlungen, op. 6 und op. 7 sind Klavierwerke.

 

Holzstich nach einer Photographie, wohl August Weger, Leipzig.

 

WERKE FÜR KLAVIER

Romanze Fis-Dur op. 6; Zwei Klavierstücke: Les Adieux, Hochzeitsmarsch op. 7

 

LITERATUR

Leonie Größler-Heim, „Von meiner Studienzeit bei Liszt (1873)“, in: NMZ 22 (1912), S. 462f.

AmZ 1871, Sp. 763; 1881, Sp. 206

Bock 1871, S. 157; 1873, S. 390; 1874, S. 85; 1876, S. 47; 1887, S. 126

FritzschMW 1871, S. 760

Der Klavier-Lehrer 1897, S. 101

NMZ 1892, S. 181f.

NZfM 1866, S. 152; 1871, S. 437, 441, 455; 1872, S. 235; 1873, S. 330499; 1874, S. 99, 118, 170; 1875, S. 186; 1876, S. 454; 1881, S. 296, 526; 1882, S. 31, 93f., 206, 283; 1883, S. 80; 1884, S. 118f.; 1885, S. 100; 1886, S. 300; 1887, S. 30, 41; 1888, S. 559; 1891, S. 287; 1897, S. 225, 257; 1898, S. 512

Schwäbischer Merkur 1871, S. 937

Signale 1871, S. 763, 789, 810; 1873, S. 794; 1878, S. 910; 1890, S. 1093; 1891, S. 8; 1898, S. 979

Friedrich Jansa, Deutsche Tonkünstler und Musiker in Wort und Bild, Leipzig 21911.

Passenger Record for Louise Groessler Heim, http://www.germanimmigrants1870s.com/index.php?id=805515, Zugriff am 28. Nov. 2013.

William Steinway Diary 1861—1896, http://americanhistory.si.edu/steinwaydiary/diary/?view=transcription&show_anno=true&page=1098, Zugriff am 28. Nov. 2013.

 

Bildnachweis

New York Public Library, http://digitalgallery.nypl.org/nypldigital/id?1231890, Zugriff am 27. Nov. 2013.

 

Freia Hoffmann

 

© 2013 Freia Hoffmann