Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Wood, Mary (Louisa)

* 1840 in Bloomsbury (London), † 1925 auf der Isle of Man, Organistin, Musik- und Gesangslehrerin. Mary Wood wuchs als Tochter von Catherine Jane (um 1803–?) und John Wood (um 1790–?) in einer wohlhabenden Familie auf. Ihr Vater war Fabrikinhaber und Landbesitzer, außerdem war er als Sekretär einer Philanthropischen Gesellschaft in London tätig. Die Familie lebte in der Doughty Street im Londoner Stadtteil Bloomsbury. Marys Schwester Catherine Jane Wood (1841–1930) machte sich später als Vorreiterin in der Ausbildung für Kinderkrankenschwestern und Mitbegründerin der British Nurses’ Association einen Namen.

Mary Wood besuchte eine Schule in London, hatte dort aber nur wenig Musikunterricht. Ihre ersten musikalischen  Erfahrungen sammelte sie in den Gottesdiensten, die sie in der St. John’s Chapel nahe dem Elternhaus besuchte. Diese wurden zu der Zeit von der Organistin Theophania Cecil gespielt und fielen musikalisch wohl eher schlicht aus: „The only music consisted of three hymns with short interludes between each verse“ (The Musical Herald 1910, S. 292). Daneben durfte die junge Mary Wood aber auch die Temple Church und das Foundling Hospital besuchen. Das 1739 gegründete Heim für Findelkinder war bekannt für seine gute musikalische Ausbildung und war u. a. von Georg Friedrich Händel unterstützt worden. Hier erhielt Mary Wood ihren ersten Musik- und Orgelunterricht von dem Organisten Christopher Edwin Willing (1830–1904), der seit 1848 am Foundling Hospital unterrichtete.

Im Jahr 1857 zogen ihre Eltern auf die Isle of Man. Hier gab Mary Wood privaten Musikunterricht und lernte dabei in den 1860er Jahren Samuel McBurney (1847–1909) kennen, Vertreter des Tonic-Sol-fa-Systems (eine von John Curwen entwickelte Variante der Solmisation). Dieser überredete die zunächst skeptische Musikerin, sich mit der Methode bekannt zu machen. Im Jahr 1867 unterrichtete sie dann zum ersten Mal selbst nach der Methode. Anfangs von den Einwohnern der Insel noch zögernd besucht, wurden ihre Klassen bald so beliebt, dass sie auf der ganzen Insel Unterricht anbieten konnte. So gab sie bereits in den 1870er Jahren zahlreiche Konzerte mit ihren „Singing-Classes“, bei denen sie als Dirigentin, Pianistin und Sängerin von Solostücken auftrat. 1873 erhielt sie das „Members’ certificate“ der Tonic-Sol-fa-Gesellschaft (Tonic Sol-fa Reporter 1873, S. 378).

Trotz ihres Umzuges nahm Mary Wood Harmonie- und Orgelunterricht bei Edmund Harp Turpin (1835–1907), Organist und Lehrer des Royal College of Organists, „whose genial personality attracted her very much“ (The Musical Herald 1910, S. 191). In der Zeit der Vorbereitung auf die Prüfung zur „Associateship of the Royal College of Organists“ lebte die junge Musikerin in seinem Haus in London und lernte dort viel von dem angesehenen Organisten, der auch u. a. Edwin Lemare unterrichtete.

1877 erhielt sie eine Anstellung als Organistin in der St. Thomas Church in Douglas. Ein Jahr später verlieh ihr das Trinity College London ein „first-class vocal certificate“ (Tonic Sol-fa Reporter 1878, S. 185). Ebenfalls 1878 bestand sie die Prüfung am Royal College of Organists und erhielt die Qualifikation A.R.C.O. Auch an einer Vorbereitung für die Prüfung zum „Fellow of the Royal College of Organists“ nahm sie teil, konnte diese aber nicht beenden, da ihre Verpflichtungen auf der Isle of Man mittlerweile zu umfangreich geworden waren.

Von 1884 bis 1895 bekleidete Mary Wood das Amt der Organistin und Kantorin in der Kirk German in Peel. Spätestens seit 1886 war sie außerdem „local honorary secretary“ (ehrenamtliche Vertreterin) des Trinity College auf der Isle of Man. Seit den 1880er Jahren lebte die Organistin gemeinsam mit der Witwe Annette Valantine (um 1824–?) in Douglas, wo beide unterrichteten, Annette Valantine als Klavierlehrerin. Von 1905 bis 1912 war sie Organistin an der Kirk Braddan (Bradden), auch an der St. Mathews-Kirche in Douglas soll sie einige Jahre gewirkt haben.

 

  

Mary Wood gab regelmäßige Orgelkonzerte auf der Isle of Man, zum Repertoire gehörten dabei Werke von Brahms, Gustav Adolf Merkel, Charles-Marie Widor und Alexandre Guilmant. Nach den Gottesdiensten improvisierte sie darüber hinaus häufig: „As an organist, she was very popular with the Braddan congregation, being a fine player who liked to let herself go in extempore playing after the normal service, a musical treat which many people would linger to enjoy (Mona Douglas). In einigen Konzerten trat sie auch als Sängerin auf, in den meisten aber als Chorleiterin und als Begleiterin. Letzteres wird von der zeitgenössischen Presse  häufig lobend erwähnt, so auch in Bezug auf die Begleitung im Gottesdienst: „Miss Wood is one of the most interesting accompanists of the Church service I have ever heard, and her extemporaneous playing is spontaneous and refreshing“ (Musical Herald 1910, S. 291). Um besondere Gottesdienste zu erleben, unternahm die Organistin außerdem Reisen innerhalb Englands, nach Frankreich (1910) und nach Deutschland (1913).

Bis zu ihrem Lebensende im Jahr 1925 lebte Mary Wood auf der Isle of Man und widmete sich ihren zahlreichen musikalischen Interessen. Im Jahr 1892 begründete die Musikerin eine bis heute auf der Isle of Man existierende Tradition mit der Etablierung des „Manx Music Festival“ (auf der Insel als „The Guild“ bekannt), das mit jährlich wachsendem Erfolg fortgeführt wurde. 1896 harmonisierte sie mit ihrer Freundin Edith Lilian McKnight Volkslieder für die „Manx Ballads and Music“ (hrsg. von Arthur William Moore), daneben schrieb sie musikalische Kolumnen für die „Manx Sun“ (zum Teil im Musical Herald abgedruckt). Nach ihrem Tod wurde in der „Musical Times“ eine dreimanualige Orgel aus ihrem Besitz, abzuholen an ihrem letzten Wohnort in Douglas, zum Verkauf angeboten (MusT 1925, S. 176).

Häufig als „mother of music in the Isle of Man (ebd.) bezeichnet, genoss Mary Wood schon zu Lebzeiten ein hohes Ansehen. Immer wieder wurde ihr Einsatz für die Musik auf der Insel gelobt, und sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen. Bereits 1895 wurden ihr 137 Pfund und ein Empfehlungsschreiben übereicht: „The presentation took the form of an illuminated address, in a book containing the names of over 400 subscribers“ (Musical News 1895 II, S. 417). Im Jahr 1908 erhielt sie zu ihrem 50-jährigen Jubiläum ein Album und 200 Guineas und im Jahr 1920 eine Medaille „by the Manchester Manx Society to those manx persons who in their opinion did most service to the Island during the war“ (Isle of Man Examiner Annual 1921). Nach ihrem Tod wurde 1925 in der Lady Chapel der St. Mathews Church zu ihren Ehren ein Glasfenster eingesetzt.

Auch heute gilt die Musikerin als wichtige Persönlichkeit der Isle of Man. Im Jahr 2008 wurde ihr Engagement mit dem Druck einer Briefmarke mit ihrem Portrait gewürdigt.

 

LITERATUR

M. L. Wood, „Music in the Isle of Man“, in: Mannin 1 (1913), S. 33.

Browns’s Isle of Man Directory 1881, 1894

The Church Musician 1891, S. 98

Isle of Man Examiner Annual 1909, 1911, 1921

Isle of Man. Residential and Trade Directory to the Town of Douglas, 1887

Mannin 1915, S. 330

The Manx Church Magazine, Apr. 1925

Manx Quarterly 1911, S. 887; 1913, S. 85

Musical Herald 1891, S. 153; 1892, S. 90, 122; 1893, S. 6, S. 352; 1894, S. 235; 1895, S. 31, 64, 337, 363; 1896, S. 188; 1897, S. 11; 1898, S. 169, 288, 345, 388; 1899, S. 288; 1900, S. 42; 1901, S. 114; 1902, S. 105; 1903, S. 361; 1904, S. 325; 1908, S. 182; 1910, S. 290–293; 1909, S.21; 1910, S. 119; 1912, S. 282; 1913, S. 352

Musical News 1892 I, S. 248; 1892 II, S. 487; 1894 I, S. 444; 1895 I, S. 149; 1895 II, S. 417; 1896 II, S. 285; 1898 I, S. 118

Musical Opinion and Music Trade Review 1892, S. 124; 1906, S. 737

Musical Standard 1878 II, S.  20, 41; 1882 I, S. 222; 1882 II, S. 282; 1884 I, S. 29, 262; 1885 I, S. 61; 1885 II, S. 280; 1886 I, S. 371; 1886 II, S. 61, 312; 1893 I, S. 491

MusT 1869, S. 122; 1872, S. 543, 555; 1896, S. 97; 1899, S. 315; 1900, S. 330; 1908, S. 327; 1909 S. 247; 1910, S. 284; 1913, S. 3; 1925, S. 161, 176

MusW 1888, S. 317

The Organist 1901, S. 242; 1902, S. 72, 165, 280; 1903, S. 31, 65, 233; 1904, S. 143, 219

School Music Review 1896, S. 142; 1897, S. 174; 1898, S. 218; 1899, S. 208; 1900, S. 213; 1902, S. 2, 144; 1903, S. 123, 220; 1904, S. 222; 1917, S. 190

Tonic Sol-fa Reporter 1873, S. 332, 378; 1876, S. 156, 175; 1879, S. 182, 254; 1882, S. 207; 1884, S. 278; 1888, S. 400

Brown Brit, Ebel

Warwick Bardon Henshaw, Biographical Dictionary of the Organ, 2003–2010, http://www.organ-biography.info/, Zugriff 29. Okt. 2010.

Frederick Leech, Leech’s Guide and Directory of the Isle of Man, Manchester 1861.

Arthur William Moore, Manx Ballads and Music, Douglas (Isle of Man) 1896.

„An Appreciation of Miss M. L. Wood“, in: Manx Quarterly 9 (1910), S. 852.

„Miss H. L. Wood, in:  Musical Herald 1910, S. 290-293

Hugh Selwyn Taggart, The Story of S. Matthew’s Church Douglas Isle of Man, Douglas 1923.

Mona Douglas, Kirk Braddan 1876-1976, [Bradden 1976]. (http://www.gumbley.net/history.htm, Zugriff am 6.  Apr. 2011)

John Belchem, A New History of the Isle of Man. The Modern Period 1830–1999, Liverpool 2000.

Judith Barger, Elizabeth Stirling and the Musical Life of Female Organists in Nineteenth-Century England, Aldershot 2007.

 

Bildnachweis

Walter Harrison, Musical Herald 1910, S. 290.

 

Christine Fornoff

 

© 2009 Freia Hoffmann