Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Fletcher, Maud (Agnes Frederica Sybilla Maria Louisa Morant)

Get. 31. Jan. 1873 in St. Luke’s Parish, Southampton, † 15. März 1947 in Liss (Hampshire), Violoncellistin. Ihr Vater war der angesehene Geiger und Dirigent Charles Fletcher (1846–1916), der zunächst in Southampton wirkte und seit den 1890er Jahren das Musikleben des Seebades Bournemouth maßgeblich prägte. Mauds Mutter, Katherina Polexina Rosalia (Kate) geb. Leuzinger, stammte aus der Schweiz, war vor ihrer Heirat (1869) in England gelegentlich als Pianistin aufgetreten und wirkte auch anschließend einige Male in Konzerten ihres Mannes mit. Mauds ältere Schwester Flora Polyxena (1872–?), die wie Maud zu den ersten Studentinnen des 1883 eröffneten Royal College of Music in London gehörte, war ebenfalls für einige Jahre als Pianistin im englischen Konzertleben präsent.

Erste Pressemeldungen über Maud Fletcher stammen aus dem Jahr 1886 und teilen mit, die 13-Jährige aus Brockenhurst (einem Dorf bei Bournemouth) habe ein Stipendium am Royal College of Music bekommen. Von 1888 bis 1892 trat sie regelmäßig in Konzerten dieses Instituts auf, teilweise auch als Mitglied der „Music Guild“, die aus Studierenden und Ehemaligen bestand. Der Schwerpunkt lag auf kammermusikalischen Darbietungen: Quintett g-Moll KV 516 von Mozart (27. Nov. 1888), Klaviertrio d-Moll op. 49 von Mendelssohn (27. Juni 1889), Sextett B-Dur op. 18 von Brahms und Quintett Es-Dur op. 44 von Robert Schumann (11. Juli 1889), Klaviertrio Nr. 2 C-Dur von Haydn (27. Nov. 1889), Streichoktett F-Dur von Henry Holmes (3. Dez. 1889), Sextett B-Dur op. 18 von Brahms (10. Dez. 1889 und 9. Dez. 1890), ein nicht identifizierbares Streichquartett von Haydn, Streichquintett C-Dur KV 515 von Mozart und Septett B-Dur op. 20 von Beethoven (21. Mai 1890), ein Klaviertrio in Es-Dur von Beethoven (29. Mai 1890), Streichquartett op. 81 von Mendelssohn (16. und 23. Okt. 1890), Streichtrio c-Moll op. 9 Nr. 3 von Beethoven und Klavierquintett A-Dur op. 81 von Dvořák (22. Jan. 1891), Suite für Orgel, Violine und Violoncello c-Moll op. 149 von Rheinberger und Klavierquintett Es-Dur op. 44 von Robert Schumann (2. Juli 1891), Klaviertrio D-Dur op. 70 Nr. 1 (Geistertrio) von Beethoven (15. Dez. 1891), Klavierquintett f-Moll op. 34 von Brahms (17. März 1892), Klavierquartett g-Moll op. 25 von Brahms und Streichquartett in A-Dur op. 41 Nr. 3 von Schumann (3. Mai 1892), Klavierquartett Es-Dur op. 11 von Alexander Campbell Mackenzie und wiederum Streichquartett op. 41 Nr. 3 in A-Dur von Robert Schumann (16. Mai 1892).

Auch mit Solodarbietungen präsentierte sich Maud Fletcher gelegentlich: Sonate B-Dur op. 45 von Mendelssohn (17. Okt. 1889), Sonate g-Moll op. 59 von Robert Schumann (21. Nov. 1889), Sonate g-Moll op. 5 Nr. 2 von Beethoven, Kol Nidrei für Violoncello und Orchester op. 47 von Max Bruch (27. Febr. 1891), Sonate e-Moll op. 38 von Brahms (2. Juli 1891) und Sonate a-Moll op. 36 von Grieg (25. Febr. 1892).

Schon nach dem ersten Konzert, an dem sich die 15-jährige Violoncellistin beteiligte, würdigte die Londoner „Era“ die gute kammermusikalische Arbeit des Royal College of Music: „Great praise may be given to the interpretation of this wonderful work [Mozart-Quintett g-Moll].[...] The youthful performers did their work so well that they might have been taken for mature artists rather than students“ (The Era 1. Dez. 1888). In der Fachpresse wurde strenger geurteilt, so nach der Aufführung des Brahms-Sextetts am 11. Juli 1889: „The performance [...] was, considering its formidable difficulties, highly creditable, and in the case of the first two movements, wholly excellent. The Scherzo was taken much too slowly – it would indeed be wonderful had it been otherwise – and the final Rondo was somewhat lacking in smoothness and precision“ (MusW 1889, S. 477).

Bereits während ihres Studiums ließ sich Maud Fletcher in Konzerten außerhalb des Konservatoriums hören, so am 12. März 1891 mit Mendelssohns Streichquartett Es-Dur op. 12. Von 1894 an lassen sich Engagements bei den Konzerten von Felix Corbett in Middlesbrough/Yorkshire und Aktivitäten in Edward Moberlys Frauen-Streichorchester nachweisen. Mit diesem Ensemble, das 75 Mitglieder (darunter zwei Männer am Kontrabass) umfasste, spielte sie am 4. Dez. 1894 in der Londoner Princes’ Hall das Solo-Cello in Händels Concerto grosso d-Moll op. 6 Nr. 10. Abgesehen von einem Engagement in Liverpool (5. Nov. 1898), einem Konzert, das sie am 25. März 1904 zusammen mit dem Violinisten Max Guhlka in der Londoner Bechstein Hall gab, einem weiteren Konzert mit ihrer Schwester Polyxena Fletcher am 25. Nov. 1904 in der Londoner Æolian Hall und einem Engagement am 7. Febr. 1905 in Dublin konzentrierte sich ihre Tätigkeit von 1895 an in Bournemouth, wo sich ihr Vater, Charles Fletcher, als Geiger, Dirigent und Konzertorganisator niedergelassen hatte. Dass er dort ein „string orchestra of ladies, most his pupils“ gegründet hätte (Brown Brit), lässt sich aus anderen Quellen nicht bestätigen. Maud Fletcher war von 1895 bis 1905 in Bournemouth regelmäßig zu hören, am 30. März 1895 gemeinsam mit der Clara-Schumann-Schülerin Nathalie Janotha. Am 5. Nov. 1900 hatte sie Gelegenheit, im 9. Philharmonischen Konzert Tschaikowskis Pezzo capriccioso für Violoncello und Orchester op. 62 zu spielen, am 10. Dez. folgte im 19. Philharmonischen Konzert die Aufführung des Doppelkonzerts a-Moll op. 102 von Brahms, zusammen mit ihrem Vater. Auch für die Wintersaison 1905/06 wird sie als Solistin dieser angesehenen Veranstaltungsreihe angekündigt, ohne dass dies in der überregionalen Presse Niederschlag gefunden hätte.

Nach einem Hochschulkonzert, bei dem sie mit einer Pianistin namens A. Perry zusammen Mendelssohns Sonate B-Dur aufführte, bestätigt die „Musical World“ „fair, but not quite brilliant success, the pianist being a little wanting in expression and the cellist in tone“ (MusW 1889, S. 748). 1891 soll die Aufführung der Brahmssonate in e-Moll „correct and refined, but somewhat timid" (MusT 1891, S. 473) gewesen sein. 1898 wird in der „Musical News“ Ähnliches angedeutet: „Miss Maud Fletcher, a clever young lady cellist, [...] has much execution, but a small and over-refined tone. More power is needed, if only by way of contrast“ (Musical News 1898 II, S. 454). Sechs Jahre später scheint, einer der letzten überlieferten Kritiken zufolge, dieser Mangel behoben: „Miss Maud Fletcher plays the violoncello with considerable ability and the tone she produces from her instrument is round and good“ (Musical Standard 1904 II, S. 360). Nur selten sind Kommentare zu Maud Fletchers Violoncellospiel von dem Vorurteil geprägt, das Cello sei „somewhat of an ungraceful instrument for a lady to play“ (Northern Echo 19. Jan. 1894).

Charles Fletcher und seine Tochter Maud sind als Eigentümer eines Violoncellos „Spanish“ (Cremona 1738/40) von Carlo Bergonzi (I) verzeichnet, so dass anzunehmen ist, dass die Musikerin für ihre Konzerte dieses Instrument zur Verfügung hatte.

Am 18. Sept. 1907 heiratete Maud Fletcher in Christchurch/Dorset Francis William Beckford (1873–?). In einem Artikel über ihren Vater aus dem Jahr 1908 wird sie als „lately married“ bezeichnet und „well known, both to London and Bournemouth audiences, as a rare exponent of the violoncello“ (Cremona 1908, S. 142). Dem Befund in der englischen Presse zufolge hat sie anschließend auf öffentliches Konzertieren verzichtet.

 

LITERATUR

Schreiben von Joanne Smith, City Archives Southampton, vom 30. Apr. 2014 an die Verf.

Academy 1894, S. 478

Athenæum 1894 II, S. 798f.; 1904 I, S. 379

Cremona 1908, S. NP–143

Daily News [London] 1886, 30. März; 1891, 28. Febr.

The Era [London] 1888, 1. Dez.; 1889, 29. Juni, 19. Okt., 23. Nov., 7. Dez.; 1890, 22. Febr., 31. Mai, 18., 25. Okt.; 1891, 24. Jan., 7. März, 4. Juli

Leeds Mercury 3. Apr. 1886

Liverpool Mercury 18. Juli 1892

London Gazette 1. Apr. 1947

Lute 1891, S. 167

Magazine of Music 1885, S. 144

Monthly Musical Record 1890, S. 18

Musical News 1891 I, S. 6; 1891 II, S. 383; 1892 I, S. 221, 293; 1893 I, S. 406; 1894 I ,S. 79; 1895 I, S. 348; 1898, S. 454; 1900 II, S. 279, 404, 528

Musical Opinion and Music Trade Review 1886, S. 372; 1890 I, S. 180; 1890 II, S. 67

Musical Standard 1886 I, S. 216; 1889 II, S. 4, 524; 1890 II, S. 338; 1891 I, S. 82, 191; 1891 II, S. 24; 1892 I, S. 190, 250; 1904 II, S. 360; 1905 I, S. 110

MusT 1891, S. 217, 232, 473; 1892, S. 26, 217; 1893, S. 347; 1894, S. 113; 1895, S. 24, 329, 400; 1896, S. 404; 1897, S. 118, 330; 1902, S. 267; 1905, S. 191

MusW 1886, S. 223; 1889, S. 477748, 856, 875, 895; 1890, S. 857f., 875, 997

Non-Conformist Musical Journal 1904, S. 76

Northern Echo [Darlington] 1893, 12., 18., Sept.; 1894, 10., 11., 12., 13., 15., 16., 19. Jan.

Organist and Choirmaster 1905, S. 124–128

Pall Mall Gazette [London] 12. Febr. 1890

Violin Times 1895, S. 131

Brown Brit, Art. „Fletcher, Charles“

http://www.mit.edu/~dfm/genealogy/ward.html, Zugriff am 2. Mai 2014

http://www.archiviodellaliuteriacremonese.it/strumenti/1738_violoncello_spanish.aspx?f=457909, Zugriff am 5. Mai 2014

 

Freia Hoffmann

 

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