Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Lang, Josephine Caroline, verh. Köstlin

* 14. März 1815 in München, † 2. Dez. 1880 in Tübingen, Pianistin, Klavierlehrerin, Sängerin und Komponistin. Ihr Vater war der Münchener Hofmusiker Theobald Lang (1783–1839), ihre Mutter die königliche Hofsängerin Regina Hitzelberger (1788–1827). Bereits in früher Kindheit erhielt Josephine Lang musikalische Anregungen von der Mutter: „Meine größte Freude war es, wenn die Mutter mich auf den Schooß nahm und unter tausend Liebkosungen meine Finger auf dem Clavier spazieren gehen ließ, mich Kindermelodien singen oder gar kleine Stückchen spielen lehrte (zit. nach ADB). Über ihren Vortrag kleiner Stücke schrieb Hiller: „Schon im dritten Lebensjahre wußte sie dergleichen rein und tactfest zu allgemeiner Bewunderung vorzutragen“ (Hiller, S. 118f.). Von ihrem fünften Lebensjahr an bekam sie Klavierunterricht bei verschiedenen Lehrern, der zunächst wenig Erfolg zeigte. Dies änderte sich, als Josephe Berlinghof (Berlinghoff, verh. Wagner, ?– 1877) ihre Lehrerin wurde, eine ehemalige Schülerin von Sophie Lebrun und „die angesehenste und brillanteste Pianistin Münchens (Hiller, S. 121). Mit elf Jahren debütierte Josephine Lang als Pianistin mit Variationen von Henri Herz bei einem Museumskonzert. Zeitgleich begann sie, erste Lieder zu komponieren. „Märsche, Walzer und andere Tänze zu erfinden und vorzuspielen, war ihre größte Lust“ (Hiller, S. 120). Bald galt sie als musikalisches Wunderkind. Nach dem Tod der Mutter 1827 musste sie zum Familienunterhalt beitragen und gab Gesangs- und Klavierunterricht. Hiller berichtet von acht Unterrichtsstunden täglich, die sie erteilte. Welche Belastung das für die Zwölfjährige, die als körperlich schwach beschrieben wird, bedeutete, lässt sich aus dem folgendem Zitat nur erahnen: „Während zahlreiche Schülerinnen den größten Theil ihrer Zeit verschlangen, besuchte sie noch ein Institut, wo sie Englisch und Italienisch lernte, und mußte die Nächte zu Hülfe nehmen, um den Ansprüchen zu genügen, die man in Gesellschaften und Concerten an sie als Pianistin machte“ (Hiller, S. 123). Oft wurde Josephine gebeten, bei Zusammenkünften zu singen und zu spielen, was sie oft mit Widerwillen tat, worauf ein Zitat auf einem ihrer Titelblätter hinweist: „Ich soll spielen? Heiter seÿn [?] Trag im Stillen Herzenspein. Fröhlich scheinen ohne Lust, heimlich weinen nagt die Brust“ (zit. nach Krebs 2002b, S. 125).

Josephine Langs Pate war der Hofmaler Joseph Stieler. Häufig verkehrte sie in seinem Haus, wo sie viele berühmte Persönlichkeiten Münchens und auch manchen durchreisenden Künstler kennen lernte. Hier begegnete sie 1830 Felix Mendelssohn, der ihr – begeistert von ihrer Begabung – kurzzeitig Unterricht in Generalbass und Kontrapunkt gab. Der Komponist bemängelte den Umgang der Familie mit den Talenten der Tochter: „Er schalt mich [Josephine Lang] aus, daß ich in Gesellschaften meine Gaben verschleudere, man müsse sein Talent heilig halten (zit. n. Köstlin, S. 58f.). Seinen Vorschlag, Josephine Lang in Berlin durch Zelter und seine Schwester Fanny (Fanny Hensel) auszubilden zu lassen, lehnten ihre Eltern ab. Obwohl Josephine Lang und Felix Mendelssohn einander nicht wieder sahen, bestand ein jahrelanger Briefkontakt. Felix Mendelssohn Bartholdy übernahm die Patenschaft für Josephine Langs ersten Sohn Felix. Im Hause Stieler nahm auch die Freundschaft zu dem Komponisten und Dirigenten Ferdinand Hiller ihren Anfang.

1835 trat Josephine Lang – zusätzlich zu ihrer Unterrichtstätigkeit – eine Stelle als Sängerin an der kgl. Hofkapelle in München an. In den Jahren 1835 bis 1838 traf sie in den Sommermonaten den Pianisten und Komponisten Stephen Heller in Augsburg. Durch ihn wurde sie mit der Musik Robert Schumanns bekannt. 1838 reiste sie nach Salzburg und musizierte dort vor Constanze Mozart und deren Schwester Aloysia Lange. Eine geplante Reise nach Wien untersagte der Vater kurz vor der Abreise. Nach seinem Tod im Jahre 1839 war die finanzielle Unterstützung durch die Tochter mehr denn je gefragt. Durch die Belastung war sie jedoch bald gesundheitlich geschwächt und machte eine Kur in Bad Kreuth. Hier traf sie den Juristen und Dichter Christian Reinhold Köstlin (1813–1856), den sie 1842 heiratete und dem sie nach Tübingen folgte. Nach der Heirat lagen ihre künstlerischen Aktivitäten brach, denn sie bekam zwischen 1842 und 1849 sechs Kinder, und „die Tonkunst mußte vielfach der Kochkunst weichen (Hiller, S. 129). Josephine Köstlin musizierte bald nur noch mit den Kindern oder bei Familienfesten. „Aus den vier Knaben bildete die Mutter ein Streichquartett, und die zwei Schwestern sangen sicher und glockenrein (Fellinger/Goeßler, S. 51). „Nur zu öffentlichem Auftreten in Koncerten war sie, die stets allzubescheidene, schwer zu bringen. Auch zur Herausgabe von Kompositionen kam sie in der schönen Rosenzeit nicht: die Künstlerin wich der Hausfrau und der Mutter (Köstlin, S. 82).

Das Haus Köstlin in Tübingen empfing viele berühmte Gäste, u. a. Ludwig Uhland, Gustav Schwab, Friedrich Rückert, Konradin Kreutzer, Friedrich Silcher und die Geigerin Teresa Milanollo. Nach dem frühen Tod ihres Mannes im Jahre 1856 musste Josephine Lang die sechs zum Teil kranken Kinder alleine versorgen. Sie begann daher wieder zu unterrichten und wurde schnell zu einer gefragten Klavier- und Gesangslehrerin. Unter anderem unterrichtete sie ab 1865/66 den Prinzen Wilhelm II. von Württemberg und den Herzog Eugen von Württemberg. Clara Schumann und Ferdinand Hiller unterstützten sie bei der Veröffentlichung ihrer Kompositionen. Josephine Lang bewunderte Clara Schumann, wie aus ihren Briefen hervorgeht, die Musikerinnen haben sich jedoch nie getroffen.

Im Dez. 1866 schrieb Josephine Lang einen Brief an Ferdinand Hiller, der einen Hinweis darauf liefert, dass sie auch dirigiert hat. Sie berichtet, dass sie „voriges Jahr im Winter sogar in Gesellschaften als Musikerin u. Dirigentin wirken konnte! d.h. nur in Privat-Zirkeln! Ich hatte das Glück den beiden württembergischen Prinzen Wilhelm u. Herzog Eugen […] Singstunden geben zu dürfen wobeÿ dann große Veranlassungen u. Feÿerlichkeiten aller Art mich zu neuen musikalischen Verpflichtungen riefen (zit. nach Krebs 2004, S. 77). Über die Rolle Josephine Langs bei den erwähnten Feierlichkeiten gibt folgendes Zitat Richard Fellingers Auskunft: „Den künstlerischen Höhepunkt bildete eine von Josefine Köstlin am Flügel geleitete zu Ehren der Prinzen veranstaltete Aufführung von Mozarts Singspiel Der Schauspieldirektor im Haus des hochangesehenen Professors der inneren Medizin, Dr. von Niemeyer, bei der Maria Köstlin [Langs Tochter, verh. Fellinger] eine der Hauptrollen sang“ (zit. nach Krebs 2006). Immer wieder musste sie die Zahl ihrer SchülerInnen reduzieren, da es ihr gesundheitlich nicht gut ging, weshalb sie bis zum Ende ihres Lebens unter Geldsorgen litt.

Josephine Lang hat ungefähr 300 Lieder komponiert, von denen über 100 veröffentlicht wurden. Über die Lieder heißt es: „Auch die Clavierbegleitung legt Zeugniß davon ab, daß die Tonsetzerin auf dem Instrumente gänzlich zu Hause ist“ (ADB). 1834 notierte Josephine Lang auf dem Titelblatt einer ihrer Kompositionen: „Der Kunst allein zu leben ist mein einzges Streben (zit. nach Krebs 2002b, S. 125). Dazu hatte sie in ihrem Leben jedoch kaum Gelegenheit, da sie von frühester Jugend an für ihren Lebensunterhalt und den ihrer Familie aufkommen musste.

 

WERKE FÜR KLAVIER

veröffentlicht:

Apollo-Marsch, Stuttgart 1859; Elegie auf den Tod Ludwig Uhlands op. 31, Stuttgart 1863 (NA: Körborn 2012); Festmarsch op. 31 [32], Stuttgart 1866; Zwei Charakterstücke op. 32 [33], Stuttgart 1864 (NA: Körborn 2012); Lieder ohne Worte, op. 35 [37], 1860/6 (NA: Körborn 2012); Hochzeits-Marsch, op. 42, Stuttgart 1878; Gruß in die Ferne, op. 44, Stuttgart 1879; Danse infernale op. 46, Weimar 1879; Deutscher Siegesmarsch op. 48, Leipzig 1888; Zwei Mazurkas op. 49, Leipzig 1888; In der Dämmerung, Impromptu op. 50, Leipzig 1888; Drei Klavierstücke, Frankfurt a. M. 1890 oder früher

unveröffentlicht:

„Alraune“ Fantasie-Stück (o. J.); Andenken [und] Erinnerung an schöne Stunden (1837); Der Feÿentanz. Eine Vision. Franz. Gallopp (o. J.); [Drei] Namen-Valzer [sic] zum Spas [sic] im Carneval (o. J.); [Drei Walzer] (o. J.); Eigen Gemüths-Stimmung (o. J.), Engelbert’s Valzer [sic] (o. J.); Fantasievalzer [sic] (o. J.); Galloppade (o. J.), Galloppade Redovak (o. J.); Introduzione [Vorspiel, Thema mit Variationen] – unvollständig (o. J.); Jetterl Walzer (1877); K. [oder R.] Walzer (o. J.); [Lied ohne Worte] „Auch ich nahm’ meine Hobel her“ (o. J.); Lied ohne Worte Motto: „Glaube, hoffe, liebe!“ (1836); Lied ohne Worte Hoffnung (1838); [Lied ohne Worte] O komm’ einmal! (1841); Lied ohne Worte Ob du wohl meiner gedenkst! (1832); [Lied] ohne Worte Seufzer! (1838); [Lied ohne Worte] Trost (1837); Mazurka (1836); Mazurka (o. J.); Monferina [?] (1824); Namen-Walzer (1840); Nocturno (1880) – Fragment; Nouvelle Carière [sic] pour les Danseuses plus avancés [sic] (o. J.); [ohne Titel – einige Stücke] (o. J.); [ohne Titel – einige Walzer] (o. J.); [ohne Titel – Thema mit Variationen] – zwei (o. J.); Redovak (o. J.); Samson-Walzer (1877); Scherzo (1837); Schuhwichs-Lied (1838); Sehnsuchtswalzer (1828); Tanz-Anwandlung (1837); Valz [sic] – zwei (o. J.).; Valzer [sic] (1828); Valzer [sic] – mehrere (o. J.); Valzer [sic] Walz burlesk Motto: Ewig Dein! (o. J.); Vamphirvalzer [sic] (o. J.); Verlassen (1878); [Vier Temperamente:] Der Sanguiniker, Der Melancholiker, Der Choeriker [sic], Der Phlegmatiker (o. J.).; Walze burlesk. Erinnerung an meine schönsten Stunden! (o. J.); Walzer – mehrere (o. J.)

 

LITERATUR

NMZ 1905, S. 220ff.

ADB, Frank/Altmann, MGG 1, Riemann 12, GroveW, New Grove 1, Cohen, MGG 2000, New Grove 2001

Felix Mendelssohn Bartholdy, Briefe aus den Jahren 1830 bis 1847, hrsg. von Paul Mendelssohn Bartholdy und Carl Mendelssohn Bartholdy  (= Ausgabe in 1 Band), Leipzig 1899.

Ferdinand Hiller, Aus dem Tonleben unserer Zeit, 2 Bde., Bd. 2, Leipzig 1868.

Heinrich Adolf Köstlin, „Josefine Lang. (Lebensabriß), in: Sammlung musikalischer Vorträge III, hrsg. von Paul Waldersee, Leipzig 1881, S. 51–103.

Elsbeth Friedrichs, „Josephine Lang, in: NMZ 10/1905, S. 220–222.

Richard Fellinger/Peter Goeßler, „Zur Geschichte eines alten Tübinger Professorenhauses“, in: Tübinger Blätter35 (1946), S. 48–56.

Brigitte Richter, Frauen um Felix Mendelssohn Bartholdy, Frankfurt a. M. 1997.

Elena Ostleitner, „Fanny Hensel, Josephine Lang, Johanna Kinkel: Drei komponierende Zeitgenossinnen aus der Zeit Benedict Randhartingers, in: Vergessene Komponisten des Biedermeier, hrsg. von Andrea Harrandt [u. a.], Tutzing 2000, S. 53–60.

Harald Krebs, „Josephine Lang and the Schumanns, in: Nineteenth-Century Music: Selected Proceedings of the Tenth International Conference for Nineteenth Century Music, hrsg. von Jim Samson [u. a.], Aldershot [u. a.] 2002a, S. 345–365.

Harald Krebs, „‚Meine Lieder sind mein Tagebuch‘. Autobiographisches in den Liedern und Liedmanuskripten Josephine Langs, in: Musik in Baden-Württemberg. Jahrbuch der Gesellschaft für Musikgeschichte in Baden-Württemberg, München [u. a.] 2002b, S. 121–136.

Sharon Krebs, „Josephine Lang (1815–1880). Die Jahre in Tübingen, in: klangwelten : lebenswelten. komponistinnen in Südwestdeutschland, hrsg. von Martina Rebmann u. Reiner Nägele, Stuttgart 2004, S. 63–89.

Sharon Krebs, Josephine Caroline Lang, http://mugi.hfmt-hamburg.de/A_lexartikel/lexartikel.php?id=lang1815, zuletzt aktualisiert am 20. Febr. 2009, Zugriff am 18. Sept. 2010.

 

Bildnachweis

Josephine Lang, ca. 1842 von Carl Müller gezeichnet, http://www.wlb-stuttgart.de/uploads/pics/lang_08.jpg, Zugriff am 26. Sept. 2008.

Josephine Köstlin, geb. Lang. Photo von W. Hornung, Tübingen, vermutlich Anfang 1870, in: Krebs 2004, S. 62.

 

Anja Herold

 

© 2008 Freia Hoffmann