Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

LewigLevig, Bertha

* ca. 1820, wohl in Hamburg, weitere Lebensdaten unbekannt, Pianistin. Vermutlich war sie Jüdin. Sie wurde ausgebildet vom bis 1830 in Hamburg tätigen Albert Gottlieb Methfessel (17851869) und von einem „J. Schmidt“ (Hamburgische Musikalische Zeitung 1837, S. 17), bei dem es sich um den Hamburger Klavierlehrer Jacob Schmitt (1796–1853) handeln könnte.

Bertha Lewig begann bereits im Kindesalter zu konzertieren. So war sie 1830 in Hamburg, 1831 in Hamburg und München zu hören. In den folgenden Jahren wird die Pianistin gelegentlich in Musikzeitschriften erwähnt. 1836 spielte sie mit dem ebenfalls aus Hamburg stammenden Cellisten Louis Lee in Kassel und erhielt „eine reiche Ernte des Beifalls, weniger des Mammons“ (AmZ 1836, Sp. 122). 1838 konzertierte sie in Hannover, später wohl auch in Bremen.

1839 debütierte Bertha Lewig im Konzert der Londoner Philharmonic Society. Obwohl es sich offenbar um ein kurzes Intermezzo auf der Insel handelte, wurde sie später in Wien werbewirksam als „Clavierspielerinn aus London“ (AWM 1841, S. 600) angekündigt. In den 1840er Jahren verlagerte sie ihren Arbeitsschwerpunkt an die Donau. Schon im Herbst 1842 schreibt Bäuerles Wiener „Allgemeine Theaterzeitung“, „Dem. Bertha Levig ließ sich hier schon im verflossenen Winter mehrmals in Concerten hören“ (Allgemeine Theaterzeitung 5. Nov. 1842). Auch in anderen Städten Österreich-Ungarns, wie Baden, Pressburg oder Pesth, war sie in jenen Jahren zu hören. Diese Aktivitäten dauerten zumindest bis 1845, doch noch 1849 schreibt der „Humorist“ ironisch aus Baden: „Seit Mamsell Bertha Lewig ihr Concert im Schwimmbad-Saale gab, scheint die Cholera sich ganz entfernt zu haben“ (Humorist 1849, S. 861). Gesicherte Angaben über Karriere und Lebensumstände Bertha Lewigs nach den 1840er Jahren liegen nicht vor. In den Wiener Angekommenen-Listen findet sich der Name auch später. So notiert das „Fremden-Blatt“ 1856 für das Wiedener „Goldene Lamm“: „Fr. B. Lewig m. T. v. Hambrg.“ (Fremden-Blatt 30. Jan. 1856; ähnliche Erwähnungen auch 1865). Die Geburt einer Tochter wäre ein plausibler Grund für einen Karriere-Abbruch, andererseits ist der Name nicht spezifisch genug, um Funde solcher Art sicher dieser Pianistin zuordnen zu können.

Bertha Lewig musizierte das in ihrer Zeit aktuelle Virtuosenrepertoire. Sie spielte etwa kurze Werke und Opernparaphrasen von Döhler, Halm, Henselt und Thalberg, daneben aber auch Moscheles’ Klavierkonzert Nr. 3 g-Moll op. 50, ein Konzert Ries’ sowie Werke Schumanns („Des Abends“ aus den Phantasiestücken op. 12) und Chopins.

Während sich die Musikkritiker von dem Kind Bertha Lewig noch begeistert zeigten und etwa feststellten, dass ihr „Talent ihrem Alter auf so seltene Weise vorangeeilt“ (Castelli 1831, S. 23) sei, wurden die Leistungen der erwachsenen Pianistin von der Kritik gespalten wahrgenommen. Das gilt bereits für die Londoner Kritiker. So schreibt der „Examiner“: „Madlle Lewig, a very young German pianiste, plays neatly with a nimble finger, but indicates little taste, and less feeling: she is, in fact, one of the automata that are daily increasing“ (Examiner 26. Mai 1839). Bäuerles „Allgemeine Theaterzeitung“ beurteilt die britischen Kritiken eher freundlich selektiv und schreibt werbewirksam, Lewig sei eine „in England in jüngster Zeit berühmt gewordene junge ausgezeichnete Pianistin […]. Londoner Blätter […] erschöpfen sich in Lobeserhebung“ (Allgemeine Theaterzeitung 1840, S. 1198). Der Werbefaktor des kurzen Aufenthalts an der Themse zeigt sich in der österreichischen Presse gerade auch an mehrfach wiederkehrenden Formulierungen wie „Clavierspielerinn aus London“ (AWM 1841, S. 600). Auch hier spöttelt der „Humorist“, „die Pianistin Lewig, in Pesth, schreibt sich ‚Pianistin aus London!‘ Auch gut!“ (Humorist 1844, S. 20).

Auch an der Donau wurden ihre Spielqualitäten, trotz gelegentlichen Lobes, eher kritisch gesehen. So bezeichnet sie der Rezensent der Allgemeinen Wiener Musikzeitung als „Halbtalent“ und stellt fest, dass ihre Leistungen „bei aller Anstrengung und gutem Willen nicht weit über die Mittelmäßigkeit“ (AWM 1841, S. 615) reichten. Zwar wird Lewigs Spielweise als zu ihrem Geschlecht passend empfunden und ausdrücklich hervorgehoben: „Dlle. Lewig fordert in ihrem Spiel weder den Himmel noch die Hölle heraus, sie affektirt keine stürmische Männlichkeit darin, will kein ‚starkes Mädchen‘ sein, aber sie führt ihre Vorträge sicher, auf gebildete und elegante Weise durch, und donnert nicht mit Gepolter wie so viele andere Pianistinnen die Gemüthsseite nieder“ (Der Humorist 1842, S. 891). Dass solche Zurückhaltung jedoch offenbar schnell langweilig werden konnte, hatte schon im Vorjahr ein Wiener Kritiker konstatiert: „Dlle. Bertha Lewig aus London, ist eine routinirte Pianistinn, deren Spiel man Geläufigkeit und Eleganz nicht absprechen kann, die also auch einem nicht verwöhnten Publicum vollkommen genügen wird. Für den Vortrag Thalberg’scher Compositionen aber ist ihr Vortrag zu farblos und unkräftig, um Wirkungen hervorzubringen, die gerade diese Compositionen erfordern und bedürfen“ (Wiener Zeitschrift für Kunst, Literatur, Theater und Mode 1841, S. 1398). Der Wiener „Adler“ schließlich spricht Bertha Lewig gar die Qualifikation zum öffentlichen Konzertieren ab und nimmt mit seinem Verdikt nicht nur sie, sondern gleich das Konzertwesen selbst aufs Korn: „Der Saal ist leer; wer wird Entrée zahlen, um etwas zu hören, was man in jedem Familienzirkel, an jedem Abende hören kann. Die geladenen und mit Entréekarten versehenen Zuhörer sind artig genug, den Helden der Mittagsstunde ein- und zweimal zu rufen, und der einzige Vortheil, sagen zu können, ich habe in Wien Konzerte gegeben, wird durch die öffentlichen Blätter getrübt, die bei allem Wohlwollen und bei aller Nonchalance für so alltägliche Dinge, doch nicht zu Allem mit dem Kopfe nicken können. − Wir wollen diese Ansicht durchaus nicht auf Dlle. Levig allein bezogen wissen, die durchaus nicht schlechter und nicht besser spielt als fünfzig, die sich vor ihr hören ließen und fünfzig, die sich nach ihr produziren werden: ein recht fertiges, angenehmes Spiel, aber Mangel an Präzision und der eigentlichen Poesie im Spiele“ (Der Adler 5. Nov. 1842).

 

LITERATUR

Der Adler [Wien] 1841, 27., 30. Nov., 5. Dez.; 1842, 31. Okt., 5. Nov.

Allgemeine Theaterzeitung [Wien] 1842, 31. Okt., 5. Nov.

AmZ 1833, Sp. 163; 1836, Sp. 122

Athenæum 1839 I, S. 397

AWM 1841, S. 596, 600, 615; 1842, S. 539; 1843, S. 212; 1844, S. 544, 560; 1845, S. 136

Castelli 1831, S. 18, 23

The Examiner [London] 26. Mai 1839

Frankfurter Konversationsblatt 15. Dez. 1834

Fremden-Blatt [Wien] 1856, 30. Jan.; 1865, 4. Okt.

Hamburgische Musikalische Zeitung 1837, S. 17

Der Humorist [Wien] 1841, S. 964, 992, 1000; 1842, S. 492, 815, 891; 1843, S. 342f.; 1844, S. 972; 1849, S. 861

Iris 1838, S. 48, 188

Jahrbücher des deutschen National-Vereins für Musik und ihre Wissenschaft 1841, S. 240

MusW 1839, S. 59, 213; 1843, S. 117

Neues Fremden-Blatt [Wien] 4. Okt. 1865

Der Orient. Berichte, Studien und Kritiken für jüdische Geschichte und Literatur 1843, S. 163

Österreichisches Morgenblatt [Wien] 1842, 5. Nov.; 1843, 29. Apr.

Ost und West. Blätter für Literatur, Kunst und geselliges Leben 1838, S. 421

Pannonia. Welt- und Zeitgemälde zur Belehrung und Unterhaltung 1842, S. 192; 1843, S. 532

Die Presse [Wien] 4. Okt. 1865

Der Sammler [Wien] 1842, S. 732

Der Schmetterling 1842, S. 2

Sonntagsblätter [Wien] 1842, S. 720, 791, 806f.; 1843, S. 108, 333, 406, 417

Der Ungar. Zeitschriftliches Organ für magyarische Interessen [Pesth] 1844, S. 535, 1088, 1136, 1144

Das Vaterland. Belletristische-commercielle Zeitschrift 1844, S. 165

Der Wanderer [Wien] 1843, 20. März; 1844, 14. Juni

Wiener Zeitschrift für Kunst, Literatur, Theater und Mode 1841, S. 1398, 1568

Wiener Zeitung 14. Dez. 1841

Eduard Hanslick, Geschichte des Concertwesens in Wien, 2 Bde., Bd. 1, Wien 1869, Repr. Hildesheim [u. a.] 1979.

 

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