Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Cervantes, Esmeralda (Clotilda Cerdá y Bosch, Clotilde Cerdá i Bosch)

* 28. Febr. 1861 in Barcelona, † 12. Apr. 1926 in Santa Cruz (Teneriffa), Harfenistin, Harfenlehrerin und Komponistin. Die Tochter eines Städteplaners und Politikers zog schon früh mit ihrer Mutter, einer Malerin, nach Rom und erhielt dort 1869 ersten Harfenunterricht. Sie setzte ihn in Paris bei Félix Godefroid (1818–1897) fort. Von der Pariser Kulturelite wurde sie bewundert und von adligen Damen protegiert, jedoch wurde in diesen Kreisen ihr Name Cerdá y Bosch als Hindernis für eine Karriere in Frankreich betrachtet. Victor Hugo taufte sie in Anlehnung an eine Figur seines Romans Notre Dame de Paris (Der Glöckner von Notre Dame) Esmeralda; während der Weltausstellung in Wien 1873 erweiterte Königin Isabella II. von Spanien anlässlich einer Gedenkfeier für Miguel de Cervantes den Namen der zwölfjährigen Musikerin um den Dichternamen und ernannte sie zur Hofharfenistin, wie es später auch Herrscherhäuser von Portugal, Griechenland, Brasilien und Sachsen-Coburg-Gotha taten.

Esmeralda Cervantes musizierte an verschiedenen europäischen Fürstenhöfen und in deutschen Städten (u. a. in München, wo Richard Wagner ihr Spiel lobte) und konzertierte im Juni und Juli 1874 mehrfach in London. Den größten Einfluss auf ihr Renommee hatten wohl die Teilnahme an einem Konzert des Hofharfenisten John Thomas am 27. Juni am Hanover Square und ein solistischer Auftritt bei einer Gedenkfeier für den Dichter Cervantes am 3. Juli. Es folgten eine Südamerikareise, zunächst auf Einladung von Kaiser Pedro II. nach Brasilien, dann im Okt. 1875 nach Argentinien, und im Mai/Juni 1876 eine Tournee durch den östlichen Teil der USA, New York, Philadelphia und Chicago. Anschließend besuchte sie mit einem Empfehlungsschreiben des spanischen Königs Alfonso Kuba. Das nächste Ziel war Mexiko-Stadt, wo ihr Aufenthalt durch die spanische Kolonie des Landes am 21. Apr. 1877 in Anwesenheit von Staatspräsident Porfirio Diaz mit einem großen Ball gefeiert wurde. Im Apr. 1877 war sie im Teatro Arbeu in den Zwischenakten einer Opernaufführung zu hören.

Ihren Wohnsitz hatte die Musikerin in Barcelona, wohin sie von ihren Reisen immer wieder zurückkehrte. Anfang 1879 reiste sie zu Konzerten nach Paris und im Dez. des Jahres nach Rom, wo sie von Papst Leo XIII. empfangen wurde. Über einen Auftritt am 30. Dez., den sie dort mit den Liszt-SchülerInnen Nadine Helbig und Alfred Reisenauer bestritt, schrieb Liszt: „Le programme avait de l’entrain – et tous les artistes se sont surpassés!“ („Das Programm war mitreißend, und alle KünstlerInnen haben sich selbst übertroffen!“, Liszt’s Briefe 1902, S. 269). 1880 folgten Konzerte in Santa Cruz (Teneriffa) und Las Palmas (Gran Canaria), bevor sie im Mai 1881 in Begleitung ihrer Mutter ein zweites Mal Argentinien bereiste und Konzerte in Buenos Aires sowie im Landesinnern gab.

1885 eröffnete Esmeralda Cervantes in Barcelona eine „Academia de artes y oficios para la enseñanza de la mujer“, eine Ausbildungsstätte für Frauen, möglicherweise nach dem Beispiel von Notre-Dame-des-Arts in Neully (siehe Mathilde Galatzin). Das Institut, das auch unter dem katalanischen Namen „Academia de ciencias, arts y oficis per la dona“ in der Presse Erwähnung findet, musste allerdings zwei Jahre später aus finanziellen Gründen wieder geschlossen werden. Unter dem Namen Clotilde Cerdà i Bosch publizierte Esmeralda Cervantes ab Mai 1885 die Monatsschrift des Instituts „El Angel del Hogar“. 1887 veröffentlichte sie eine Historia del arpa und startete ein Jahr später in Paris die Zeitschrift „La Estrella Polar“.

In den folgenden Jahren arbeitete sie als Harfenistin am Hof des Sultans von Konstantinopel und hatte dort auch „a score of harp pupils in the noblest seraglios“ (Kansas City Star 29. Aug. 1893). Hier heiratete sie Oscar Grossmann, einen deutschstämmigen Brasilianer, den sie während ihrer Reise von 1875 kennengelernt hatte.

Von 1889 an lässt sich eine ausgedehnte Konzerttätigkeit vor allem für Deutschland nachweisen. Am 12. März 1889 trat sie in der Berliner Singakademie auf, danach im Berliner Opernhaus, am 23. März in Altenburg, am 11. Juli in London und im Nov. in Brüssel mit dem Orchester der Association des artistes musiciens. Drei Konzerte bestritt sie 1890 als Solistin unter Leitung von William Macet: am 12. Febr. im Hamburger Abonnementskonzert, im März in Frankfurt a. M. und anschließend in Berlin mit dem Berliner Philharmonischen Orchester. Vermittelt wurden die Engagements wohl von der Konzertdirektion Hermann Wolff, die Esmeralda Cervantes ebenso unter Vertrag hatte wie das Berliner Philharmonische Orchester.

Die vielfältigen Erfahrungen und die internationale Ausstrahlung, die Esmeralda Cervantes bis dahin gewonnen hatte, wirkten während ihrer Teilnahme an der World’s Columbian Exposition 1893 in Chicago zusammen: Nicht nur war sie Delegierte des „Fomento de las Artes“ (Förderkomitee der Künste) und der Chorvereinigungen der Ausstellung, sondern wurde auf Veranlassung von Hakka Bey, dem Beauftragten des türkischen Sultans, als Vertreterin der türkischen Frauen Mitglied der Jury zur Prämierung der Aussteller. Als Musikerin trat sie am 20. Juli im Women’s Building der Ausstellung bei einer Galaveranstaltung zu Ehren der Königin Margherita von Italien auf und umrahmte bei anderen offiziellen Terminen Reden von Delegierten und Politikern. Der Hauptakzent ihres Engagements lag bei der Literatur- und der Frauenförderung. Am 22. Juli nahm sie am Congress of General Education teil und hielt neben Vertreterinnen aus Island und Russland eine Ansprache, deren zentrale Aussage von der „Chicago Daily Tribune“ so zusammengefasst wurde: „The Koran provides that woman’s education must be equal to man’s. It has the same rewards and the same punishments for both sexes. From the beginning of the Mohammodan society’s constitution well developed and intellectual women are mentioned. The list of famous women produced by Mussulman society is long“ (Chicago Daily Tribune 29. Juli 1893, S. 4).

Am 1. Dez. 1893 trat Esmeralda Cervantes im Weißen Haus auf. Eine solche Ehrung wiederholte sich am 16. Dez. bei ihrem Konzert in der Metzerott Hall in Washington, zu dem das „diplomatic corps and ladies of the cabinet present in full force“ angekündigt wurden (The Washington Post 15. Dez. 1893); „almost the entire Spanish-speaking contingent of the diplomatic corps was present in a body“ (ebd. 17. Dez. 1893).

Gegen Ende des Jahrhunderts ließ sich das Ehepaar Cervantes-Grossmann in Santa Cruz auf Teneriffa nieder. In einer Zeitungsanzeige bot sich Esmeralda Cervantes als Lehrerin für Harfe, Klavier, Gesang und Solfège an. Im Mai 1904 war sie Jurorin bei einem Wettbewerb heimischer „bandas“. Nachdem sie eine halbseitige Lähmung erlitten hatte, starb sie nach einem erneuten Schlaganfall am 12. Apr. 1926. Ihr Mann überlebte sie um fünf Jahre.

Zu ihrem Repertoire gehörten eigene Kompositionen und Arrangements. Weitere Werke in ihren Programmen waren La danse des Sylphes und Marche triomphale du roi David op. 194 ihres Lehrers Félix Godefroid, Les gouttes des rosesLa tempête und die Nocturnes (für Harfentrio) von Karl Oberthür, zwei Fantasien über Motive aus Mosè in Egitto (Gioacchino Rossini) nach Sigismund Thalberg (offenbar eine Bearbeitung) von Elias Parish-Alvars. Von John Thomas spielte sie das Solostück L’adieu des hirondelles sowie das Harfen-Duo in es-Moll. Die Qualität der gespielten Werke überzeugte indessen nicht überall: „Sie hat Fertigkeit, schönen Ton und Grazie. Dass es ihr trotzdem nicht wol [sic] gelingen konnte, eine Reihe von Harfenvorträgen interessanter zu machen, als sie ihrer Natur nach sind, ist freilich selbstverständlich“ (Bock 1889, S. 102).

Ihr Spiel auf dem „most magnetic of all instruments (The Washington Post 7. Juni 1893) „brings forth a round and powerful tone, her execution of brilliant passages is quite facile and vigorous enough to produce the requisite contrast with the more expressive measures, in the delivery of which, by the way, she is particularly happy, and her shading is very tasteful and effective“ (The New York Times 1. Juni 1876). Auch wenn es heißt, sie habe Stücke „de evidente dificultad“ aufgeführt (La Gazeta Musical, Buenos Aires, 24. Okt. 1875, zit. nach Méndez, S. 59) und ihr Spiel habe „power and versatility“ (The Musical Standard 1874, S. 40), so klingt das Urteil über einen ihrer Londoner Auftritte nüchterner: We will only say, that without being perfect in any part of mechanism, she draws with her hand such graceful circles over the strings, and she is so simple-minded, modest and charming in her ways, and she manages the pedals and the harmonies so well, that we will leave out of analysis, which we admit might not be so favorable if we were to measure her performances by the standard of great virtuosi(The Musical Standard 1876, S. 8). In Argentinien spielte sie 1875 auf einer „gotischen“ Harfe der Pariser Firma Erard, erwarb aber offenbar schon bei ihrem ersten Aufenthalt in den USA ein Instrument der Firma Lyon & Healy (Chicago) vom Typ Estilo 21, dessen Zuverlässigkeit unter tropischen Witterungsbedingungen während der folgenden Reise durch Kuba und Mexico 1876/77 sie später in einem Brief an die Firma lobte.

 

KOMPOSITIONEN FÜR HARFE

Addio a Rio. Eladiós de las golondrinas

Fantasia sobre motivos de la ópera „La sonnambula“ (Vicenzo Bellini)

Salutation angélique, Brüssel o. J. [1920?]

 

SCHRIFTEN

El Angel del Hogar. Revista mensuel de la Academia de Ciencias, Artes y Oficinos para la Mujer, Barcelona Mai 1885ff.

La Estrella Polar, Paris 1888ff.

Historia del arpa, Barcelona 1887

Bemerkungen und Notizen über die Entstehung und Vervollkommnung der Harfe, Gotha 1889

Address on the education and literature of the women of Turkey, o. O. 1893

 

LITERATUR

Cartas y tarjeta de visita de Esmeralda Cervantes a Francisco A. Barbieri, 1883 u. a., Autogr., Spanische Nationalbibliothek

The Athenæum 1874 I, S. 773; 1874 II,  S. 58,

Bock 1873, S. 407; 1889, S. 102; 1890, S. 77

The Chicago Daily Tribune 1893, 2. Juli, 10. Juli, 11. Juli, 21. Juli, 23. Juli

La Correspondencia de España 9. Febr. 1886

The Daily Inter Ocean [Chicago] 1876, 2. Juni; 1893, 25. Juni, 10. Juli, 11. Juli, 12. Juli, 23. Juli, 25. Juli, 26. Juli, 27. Juli

La Esquella de la torratxa: periódich, satírich, humorístich, illustrat y litterari, 9. Mai 1885

Frank Leslie’s Illustrated Newspaper [New York] 17. Juni 1876, S. 239

FritschMW 1891, S. 308

La Illustración Nacional 30. Apr. 1887, S. 7

Kansas City Star 29. Aug. 1893

The Milwaukee Daily Sentinel 1876, 3. Juni, 17. Juni; 1893, 25. Juni

The Musical Standard 1874 II, S. 40; 1876 II, S. 7f.; 1889 I, S. 487; 1889 II, S. 9, 14, 44

MusT 1874, S. 578

MusW 1874, S. 414, 446, 479; 1875, S. 450

The New York Times 1876, 1. Juni, 7. Juni

The Orchestra 1874, S. 181, 193

Signale 1889, S. 316, 344, 421, 509, 1154; 1890, S. 371, 373, 524; 1891, S. 211

The St. Louis Globe-Democrat 1876, 17. Juni, 13. Dez.

The Sun 22. Juni 1876

The Washington Post 1893, 14. Dez., 15. Dez., 17. Dez., 18. Dez.

[Franz Liszt] Franz Liszt’s Briefe an die Fürstin Carolyne Sayn-Wittgenstein, hrsg. von La Mara [d. i. Marie Lipsius], 4 Bde.,Bd. 4, Leipzig 1902.

Vicente Osvaldo Cutolo, Nuevo Diccionario Biográfico Argentino (1750–1930), 7 Bde., Bd. 2, Buenos Aires 1969.

Marcela Méndez, Historia del Arpa en la Argentina, Paraná 2004.

Clementina Díaz y de Ovando, Invitación al baile. Arte, espectáculo y rito en la sociedad mexicana (1825–1910), 2 Bde., Bd. 1, Mexico 2006.

Carlos Gaviño de Franchy, „Esmeralda Cervantes“, http://lopedeclavijo.blogspot.de/2010/08/esmeralda-cervantes.html, Zugriff am 27. Apr. 2012 (dort weitere Literatur).

J. R. Fernández de Cano, „Cerdá y Bosch, Clotilde, o ‚Esmeralda Cervantes‘ (1861-?)“,

http://mcnbiografias.com/app-bio/do/show?key=cerda-y-bosch-clotilde, Zugriff am 28. Juni 2012.

 

Peter Schleuning

 

© 2012 Freia Hoffmann