Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Leibnitz, Emilie Wilhelmine Florentine, verh. Braakmann

* 14. Juni 1817 in Stuttgart, † 13. Jan. 1894 in Ulm, Pianistin und Klavierlehrerin. Ihre Mutter, geb. Nicola, war Schauspielerin, ihr Vater, Karl August Leibnitz, Chordirektor am Stuttgarter Hoftheater. Er übernahm die musikalische Ausbildung seiner jüngsten Tochter, bis diese 1830 im Alter von 13 Jahren erstmals in Stuttgart als Pianistin auftrat und „durch die Präcision und Delicatesse […] [ihres] Spiels große Aufmerksamkeit“ (Klemm, S. 137f.) erregte.

1832 ging Emilie Leibnitz nach Wien und setzte ihre Ausbildung bei dem Komponisten Franz Xaver Chotek (1800–1852), dem Flötisten und Komponisten Franz Xaver Zierer (1796–1882) sowie dem Pianisten Carl Maria von Bocklet (1801–1881) fort. Während dieser Zeit erfolgten einige öffentliche Auftritte der Pianistin in Wien. U. a. wirkte sie am 27. Apr. 1834 in einem Konzert ihres Lehrers Zierer im Wiener Redoutensaal mit und spielte Variationen von Herz.

1834 ging Emilie Leibnitz zurück nach Stuttgart und setzte unter der Aufsicht ihres Vaters die „nach einem bestimmten Plane schon geregelten Studien mit solchem Fleiße fort, daß wir sie nach ein paar Jahren schon zu den besseren Claviervirtuosinnen Deutschlands zählen mußten (Schilling Suppl.). In den Jahren 1835 und 1836 unternahm sie in Begleitung ihres Vaters eine Kunstreise durch Süddeutschland, die sie u. a. nach Karlsruhe, Mannheim, Frankfurt a. M. (wo sie am 26. März 1835 konzertierte), Augsburg und München führte. Sie spielte vorzugsweise Werke von Mozart, Beethoven und Hummel und  gelegentlich Kompositionen von Herz, Chopin und Liszt, was bei Schilling ihrem „achtungswerthen und [bei] jungen Damen so seltenen Kunsternste zugeschrieben wird (Schilling Suppl.). „Es fehlt ihr nicht an Bravour, aber die Virtuosität allein ist ihr nicht der Mittelpunct der Musik, um welchen neuerer Zeit sich fast nur alle künstlerischen Bestrebungen drehen. Daher mochte es auch kommen, daß […] sie zwar immer den allgemeinsten, glänzendsten Beifall, indeß diejenige volle Anerkennung, welche ihr Fleiß und ihr Talent in Wahrheit verdienten, doch hauptsächlich nur bei Kennern und gleichgesinnten Freunden der Musik fand (ebd.).

Wie schon vor der Konzertreise, erteilte die Pianistin nach der Rückkehr, „soweit ihre eigenen Studien Zeit dazu übrig ließen, in den ersten Häusern Stuttgarts Unterricht im Klavierspiel“ (Gaßner, S. 535).

1839 wurde sie von der Prinzessin Sophie von Württemberg, die sich zuvor mit dem Erbprinzen von Oranien verheiratet hatte, zur Hofpianistin ernannt. Im Gefolge der Prinzessin – ihrer Schülerin und Mäzenin – siedelte Emilie Leibnitz von Stuttgart nach Den Haag über, „wo sie sich ebenfalls einen bedeutenden Künstlerruf erwarb (Mendel). Aufgrund gesundheitlicher Probleme gab sie ihre Tätigkeit hier schon 1840 wieder auf und kehrte nach Stuttgart zurück. In demselben Jahr spielte sie mehrfach für den Dichter Nikolaus Lenau, der aufgrund einer Erkrankung das Haus nicht verlassen konnte: „Abends pflegten abwechselnd der Reihe nach die befreundeten Künstlerinnen Zumsteg, Heinrich, Leibnitz, oder der Pianist Evers sich einzufinden. Die Thüren nach dem Corridor wurden geöffnet, und auch von der zu Lenaus Stube führenden […] ein Spalt, so daß der Dichter doch die geliebten Melodien nicht entbehren durfte“ (Niendorf, S. 41).

In Stuttgart trat Emilie Leibnitz wiederholt als Solistin in Abonnementkonzerten auf. 1845 heiratete sie den Landschafts- und Theatermaler Anton Braakmann (1811–1870) – ein möglicher Grund dafür, dass seit Anfang der 1840er Jahre keine weiteren Hinweise auf Konzerte vorliegen.

 

LITERATUR

Marbacher Magazin 1998, S. 42

NZfM 1835 I, S. 114

Der Sammler. Ein Unterhaltungsblatt 1834, S. 202

Wiener-Moden-Zeitung und Zeitschrift für Kunst schöne Literatur und Theater 1834, S. 392

Schilling Suppl., Gaßner, Schla/Bern, Paul, Mendel, OeML (Art. Chotek, Franz Xaver)

Emma Niendorf [i. e. Emma von Suckow], Lenau in Schwaben. Aus dem letzten Jahrzehnt seines Lebens, Leipzig 1853.

Gustav Friedrich Klemm, Die Frauen. Culturgeschichtliche Schilderungen des Zustandes und Einflusses der Frauen in den verschiedenen Zonen und Zeitaltern, 6 Bde., Bd. 5, Dresden 1859.

Alfred Bock, Deutsche Dichter in ihren Beziehungen zur Musik, Gießen 1900.

Nikolaus Lenau, Werke und Briefe. Briefe 1838–1847, hrsg. von Helmut Brandt, 6 Bde., Bd. 6, Wien u. Stuttgart 1992.

Martina Rebmann, „Das Lied, das du mir jüngst gesungen…“. Studien zum Sololied in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Württemberg. Quellen – Funktion – Analyse ( = Europäische Hochschulschriften, Reihe Musikwissenschaft 216), Frankfurt a. M. [u. a.] 2002.

 

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