Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Thomas, Frances

* nach 1843 in England, † 7. Nov. 1925, Klarinettistin und Pianistin. Frances Thomas war die Tochter des anglikanischen Geistlichen John Thomas und hatte mindestens zwei Schwestern: die Musikerin und Schriftstellerin Florence Ashton Thomas, verh. Marshall (1843−?, siehe Amabel und Frances Thomas), sowie die Schriftstellerin Bertha Thomas (1845−1918).

Wie ihre Schwester Florence Ashton Thomas absolvierte auch Frances Thomas ein Studium an der Londoner Royal Academy of Music. Seit Mitte der 1870er studierte sie dort Klarinette bei Henry Lazarus (1815−1895) sowie Klavier. Am 18. Juni 1874 nahm sie erstmals an einem „Students’ Concert“ (MusW 1874, S. 427) der Einrichtung in den Hanover Square Rooms teil. Gemeinsam mit der Pianistin Mrs. Marshall (möglicherweise ihre Schwester) und dem Violoncellisten Pettit trug sie darin Beethovens Trio B-Dur op. 11 für Klavier, Klarinette und Violoncello vor. Bis 1879 lässt sich eine regelmäßige Beteiligung Frances Thomas’ an den Konzerten belegen. Hier wurden auch Lieder, die die Musikerin im Rahmen ihres Studiums komponierte, aufgeführt.

Während ihrer Studienzeit spielte Frances Thomas im Orchester der Hochschule mit. Dass dies keine Selbstverständlichkeit war, zeigen die Ausführungen Pamela Westons: „It was still considered somewhat improper for a woman to appear in the orchestra at that institution and she was not allowed to play at rehearsals unless Lazarus himself was present“ (Weston 2002, S. 256).

Wiederholt wurde die Klarinettistin mit Preisen der Royal Academy of Music ausgezeichnet. Im Juli 1875 erhielt sie eine Bronzemedaille für ihre Leistungen im Fach Klarinette. 1876 überreichte man ihr hierfür eine Silbermedaille sowie einen Preis für ihr Klavierspiel. 1877 erhielt sie in ihrem Hauptfach zudem eines der „Certificates of Merit (awarded only to students who have previously received silver medals)“ (MusT 1877, S. 390). 1878 erfolgte eine weitere Auszeichnung im Nebenfach Klavier.

Bereits während ihrer Studienzeit erhielt Frances Thomas Engagements als Klarinettistin. So wirkte sie am 31. Mai 1876 in einem Konzert des Sängers Mr. Greenhill in der Londoner Langham Hall und im Sept. 1877 in einem Konzert der Sängerin Louise Liebhart in der Agricultural Hall mit. Von 1878 an häufen sich die Auftritte. Die „Musical Times“ schreibt: Frances Thomas „is rapidly making her way as a clarinet-player“ (MusT 1878, S. 451). Am 21. Febr. 1878 ließ sie sich in einer Matinee der Pianistin Cécile S. Hartog hören. Sie spielte darin eines der Fantasiestücke für Klarinette und Klavier op. 43 von Niels Gade. Im März und Juli war sie in Konzerten der Royal Academy of Music zu hören und trat am 4. Juli des Jahres in einem Konzert der Violinistin Gabrielle Vaillant auf. Am 25. Febr. 1879 veranstaltete Florence Ashton Marshall ein Kammermusik-Konzert in der Londoner Vestry Hall, in dem Frances Thomas, begleitet von ihrer Schwester, u. a. Carl Maria von Webers Concertino Es-Dur op. 26 vortrug. Pamela Weston zufolge war die Musikerin zu dieser Zeit neben Henry Lazarus als zweite Klarinettistin im Crystal Palace Orchestra tätig.

Nur selten ließ sich Frances Thomas außerhalb Londons hören. Am 24. Febr. 1881 wirkte sie in einem Konzert der Sopranistin Melville in Birmingham mit. Ende des Jahres reiste die Klarinettistin nach Dundee/Schottland und trat am 19. Dez. als Solistin in einem Konzert des Dundee Ladies’ Orchestra auf, in dem auch ihre Schwester Florence Ahston Marshall als Pianistin mitwirkte. Ein Engagement für ein Konzert der Emily Lawrence’s Choral Society führte Frances Thomas Anfang Dez. 1884 nach Rugby. Am 1. Okt. 1890 erfolgte ein Auftritt in Newbury. Hier trug sie im Konzert eines Frauenorchesters unter Leitung von John Shepard Liddle und dem Chor der dortigen Pfarrkirche ein Klarinettenkonzert von Carl Maria von Weber vor. Seit 1893 wirkte die Künstlerin mehrfach in Konzerten der English Ladies’ Orchestral Society mit, u. a. in Chelmsford (21. Nov. 1893), Oxford (19. Mai 1894) und Wales (5. Febr. 1897).

Bis 1912 lassen sich Auftritte von Frances Thomas in Konzerten zahlreicher MusikerInnen in London belegen. Seit 1893 trat sie wiederholt auch als ehemalige Studentin in den Konzerten der Royal Academy auf. Eigene Konzerte veranstaltete Frances Thomas erst ab 1896. Am 23. März des Jahres gab sie zusammen mit der Pianistin A. V. Mukle ein Konzert in der Queen’s Small Hall. Die „Musical News“ berichten: „A chamber concert was given […], which was enjoyable, not only for the efficiency of the performance of all the items, but for the unconvential selection of music presented. The programme opened with Rubinstein’s quintet in F, Op. 55, for flute, clarinet, bassoon, horn, and pianoforte, of which an excellent rendering was obtained. Brahms’ sonata, for clarinet and pianoforte in E flat, Op. 120, No. 2, was played by the concert-givers, and the concluding item was Lalo’s beautiful  ‚Aubade,‘ for nine instruments“ (Musical News 1896, S. 295). Abgesehen von einem Flötisten, einem Fagottisten und einem Hornisten waren die Mitwirkenden ausschließlich weiblich. Am 29. März 1897 fand ein weiteres Kammermusikkonzert von Frances Thomas und A. V. Mukle mit ähnlich außergewöhnlichem Programm statt. Von 1898 bis mindestens 1901 veranstaltete die Klarinettistin zusammen mit Amabel und Frances Marshall, den Töchter von Florence Ashton Marshall, regelmäßig Kammermusikkonzerte in einer Blindenschule im Londoner Stadtbezirk Hampstead.

Einer der letzten Auftritte von Frances Thomas erfolgte am 14. Okt. 1912 in London. In einem Konzert der Musikerinnen Ethel Nettleship (Violoncello), Augusta Chetham Strobe (Klavier), Rhoda Thomas (Violine) und der Sängerin Bards trug sie Werke für Klarinette und Klavier von Cécile S. Hartog zusammen mit der Komponistin vor.

Das Repertoire der Klarinettistin setzte sich vorrangig aus Werken von KomponistInnen des 19. Jahrhunderts zusammen. Ihre Konzertprogramme enthielten u. a. Schumanns Märchenerzählungen für Klavier, Klarinette und Viola op. 132, Niels Gades Fantasiestücke für Klarinette und Klavier op. 43 sowie Kompositionen von Beethoven, Johann Carl Eschmann, Friedrich Wilhelm Kücken, Edmund Reyloff, Michaeł Bergson, Cécile S. Hartog und Florence Ashton Marshall. Einen Schwerpunkt bildeten daneben bekannte Kompositionen für Klarinette von Carl Maria von Weber. Mehrfach führte Frances Thomas dessen Concertino Es-Dur op. 26 sowie sein Konzert Nr. 1 f-Moll op. 73 auf.

Von den Konzertkritikern wurde Frances Thomas eine Pionierrolle zugeschrieben. Die „Musical World“ schreibt: „Lady flautists are not now unknown, but it is indeed rare to find a lady undertaking the difficulties, combined as they are with the unpicturesque attitude, of the wind instrtuments in question(MusW 1887, S. 559). Frances Thomas selbst war sich ihrer Rolle bewusst: „I do not know the exact number of lady players of these instruments [in England], but I should think there are at least ten clarionets“ (zit. nach Musical Herald 1897, S. 255). Als Klarinettistin waren für sie andere Maßstäbe vorgesehen als für ihre männlichen Kollegen, wie ein Korrespondent der „Era“ schreibt: „A lady clarionet player is a novelty, and in this instance we are able to speak of Miss Thomas in the most complimentary terms“ (The Era 7. Juli 1878). Der gleiche Korrespondent lobt anschließend: „She brought out the tone admirably, and played with remarkable ease and finish of style“ (ebd.). Der Ton der Klarinettistin findet wiederholt lobende Erwähnung. In der „Musical World“ heißt es: „Her tone and execution being alike worthy of all commendation“ (MusW 1887, S. 559). Fast wortgleich schreibt „The Era“ 1888: „She produced a good tone, and her execution was brillant“ (The Era 8. Dez. 1888). Andere Rezensenten sahen Frances Thomas durchaus als Konkurrenz für ihre männlichen Kollegen an: „In the miscellaneous section of the entertainment, too comprehensive to dwelt in detail, the chief success was a solo on the clarinet executed by Miss Frances Thomas and encored. Orchestral gentlemen of the ‚wind‘ will now, in addition to those of the ‚strings,‘ have to look to their laurels as well as to their occupation in consequence of this further step in advance of female emancipation“ (MusW 1887, S. 277).

 

LITERATUR

Athenæum 1878 I, S. 205, 295; 1892 II, S. 75

Birmingham Daily Post 1876, 24. Juli; 1881, 17., 23. Febr.

The Era [London] 1878, 7. Juli; 1885, 30. Mai; 1888, 11. Febr., 8. Dez.; 1897, 24. Juli

Freeman’s Journal and Daily Commcercial Advertiser [Dublin] 19. Dez. 1892

Magazine of Music 1890, S. 186; 1894, S. 190

Manchester Times 16. Apr. 1887

Monthly Musical Record 1875, S. 132; 1876, S. 145f., 194; 1877, S. 15, 145f.; 1878, S. 140

Musical Herald 1897, S. 255

Musical News 1893 II, S. 483; 1896 I, S. 295; 1897 I, S. 318; 1898 I, S., 520; 1898 II, S. 459, 562, 568; 1899 I, S. 123, 138; 1900 I, S. 298; 1900 II, S. 427, 522

Musical Opinion and Music Trade Review 1887, S. 300

Musical Standard 1875 II, S. 62; 1876 II, S. 52, 67; 1877 II, S. 73f., 138; 1881 I, S. 182; 1881 II, S. 357; 1887 I, S. 214; 1887 II, S. 35; 1888 II, S. 211; 1889 II, S. 565

MusT 1875, S. 171; 1876, S. 556f.; 1877, S. 334, 390; 1878, S. 158, 451; 1879, S. 215; 1881, S. 204; 1882, S. 82; 1885, S. 43; 1887, S. 236, 483; 1890, S. 350, 683f.; 1893, S. 346; 1896, S. 266; 1897, S. 333

MusW 1874, S. 427, 742; 1875, S. 527; 1876, S. 408, 473, 498, 771; 1877, S. 211, 408, 427, 521, 578, 783; 1878, S. 197, 502; 1879, S. 705; 1883, S. 332; 1885, S. 340; 1887, S. 277, 559; 1888, S. 475, 812; 1890, S. 414

The Orchestra 1875, S. 24; 1876, S. 16f., 140; 1877, S. 14f., 139; 1878, S. 268

The Oxford Magazine 1901, S. 35

The Times [London] 1892, 18. Juni; 1894, 12. Juni; 1896, 25, März; 1901, 5. Febr.

Western Mail [Cardiff] 1897, 30. Jan., 13. Febr.

The Year’s Music 1898, S. 101

Brown Brit

Pamela Weston, More clarinet virtuosi of the past, York 2002.

Arts & Humanities Research Council, Concert Programmes, http://www.concertprogrammes.org.uk/html/search/verb/GetRecord/5269, Zugriff am 13. Juni 2012.

 

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