Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Pohl, Jeanne (Johanna Rosalie), Jeannette, geb. Eyth

* 19. März 1824 in Karlsruhe, † 23. Nov. 1870 in Baden-Baden, Harfenistin und Harfenlehrerin. Ihre Eltern waren der Tapetenfabrikant Karl Eyth (?–1828) und Louise Eyth geb. Gambs (1799–?). Nach dem frühen Tod des Vaters übernahm die Mutter für vier Jahre die Leitung der Fabrik und wandte sich nach deren Verkauf wieder dem Harfenspiel zu, das sie vor ihrer Heirat als Liebhaberei betrieben hatte. Sie wurde Harfenistin der Großherzogl. Hofkapelle und Lehrerin der Großherzogin Sophie von Baden. 1835/36 nahm sie in Paris Unterricht bei François Pixis auf der Doppelpedalharfe und begann anschließend, ihre Tochter Jeanne auf diesem Instrument auszubilden; den Theorieunterricht übernahm der Hofkapellmeister Joseph Strauss (1793–1866). Jeanne Eyth wurde 1843 Harfenistin der Hofkapelle, debütierte als Solistin am 11. Nov. 1843 und konzertierte anschließend in ihrer Heimatstadt regelmäßig. 1847 wirkte sie in einem Konzert des Violinvirtuosen Theodor Pixis in Karlsruhe mit. Ein weiteres Konzert in Karlsruhe im Jahr 1848 fand begeisterte Aufnahme: „Je seltener die Harfe schon an und für sich ist, und je seltener sie besonders von künstlerischen Händen gespielt wird, desto höher ist der Werth einer Erscheinung, wie die der Frl. Eyth, zu schätzen“ (Signale 1848, S. 59). Den Winter 1849/50 verbrachte sie in Leipzig, u. a. konzertierte sie dort im Gewandhaus: „Das Spiel des Fräulein Eyth hat eine so glänzende Aufnahme gefunden, wie es im Saale des Gewandhauses sehr selten vorkommt (Signale 1849, S. 363). Eine Meldung der „Neuen Berliner Musikzeitung, das Leipziger Konservatorium habe „sein Lehrpersonal durch die vortreffliche Harfenspielerin Frl. Jeannette Eyth, welche bei dem Institut angestellt worden ist, in erfreulicher Weise vermehrt (Bock 1849, S. 278), ist unrichtig. Die Musikerin war lediglich vom 23. August 1849 bis 19. März 1850 als Studentin eingeschrieben.

In den folgenden Jahren ist eine regelmäßige Konzerttätigkeit in verschiedenen Städten Deutschlands nachgewiesen, u. a. in Bremen, Chemnitz, Magdeburg, bei den Konzerten von Berlioz in Baden-Baden sowie beim Musikfest in Karlsruhe und in Straßburg. Die Konzertkritiken waren dabei durchweg positiv. 1850 meldet die Zeitschrift „Signale für die musikalische Welt“, dass „Jeanne Eyth, welche uns in letzter Saison so vielfache Genüsse durch ihr kunstreiches Harfenspiel bereitete, und deren Rückkehr uns in Aussicht gestellt war, nicht wiederkehren wird; diese junge Künstlerin hat sich gänzlich von der Oeffentlichkeit zurückgezogen und wird sich nächstens mit Herrn Richard Pohl vermählen“ (Signale 1850, S. 230). Nachdem sie in der Wintersaison 1851/52 im Leipziger Gewandhaus bei einem Wohltätigkeitskonzert mitgewirkt hatte, heiratete sie am 22. Sept. 1852 den Musikschriftsteller Richard Pohl (1826–1896) und zog mit ihm nach Dresden. Auch dieser erwähnt einen Karriereknick der Harfenistin: „Die Verehelichung hatte sie aus ihrer glücklich begonnenen Virtuosencarrière heraus gerissen (Pohl 1881, S. 27), schreibt er im Rückblick über die Zeit nach der Eheschließung. Im Jahr 1854 erhielt ihre Laufbahn dann einen neuen Aufschwung: Franz Liszt vermittelte ihr ein Engagement in der Hofkapelle in Weimar. Das Ehepaar siedelte nach Weimar über, wo Jeanne Pohl am 6. Okt. 1854 ihre Stelle antrat.

Auch während ihres Weimarer Engagements konzertierte Jeanne Pohl regelmäßig, u. a. in Leipzig, Meißen, Jena, Chemnitz, Dresden, Aachen und Gera. Unter Liszts Leitung spielte sie 1854 in Wagners Tannhäuser und Lohengrin die Harfen-Partien. Ihr Repertoire umfasste darüber hinaus Werke von Vieuxtemps, Parish Alvars, Godefroid, Berlioz, Dizi und Meyerbeer. Mit Hector Berlioz verband sie eine langjährige Bekanntschaft und enge musikalische Zusammenarbeit. So spielte Jeanne Pohl bei vielen Erstaufführungen Berlioz’scher Werke die erste Harfe (z. B. in La Damnation de Faust, Roméo et Juliette, Spectre de la Rose). Sie beriet Franz Liszt, mit dem das Ehepaar Pohl ebenfalls eng befreundet war, bei der Komposition seiner Harfenpartien. 1859 wirkte sie bei der Erstaufführung von Liszts Vertonung des 23. und 137. Psalms mit. Am 24. Juni 1862 wurde sie in Anerkennung ihrer vielseitigen künstlerischen Tätigkeit durch den Großherzog von Weimar zur Kammervirtuosin ernannt.

Nachdem Liszt 1861 Weimar verlassen hatte, löste sich der Kreis um ihn allmählich auf. Richard Pohl trat 1864 in Baden-Baden eine Stelle als Redakteur an, Jeanne Pohl wurde am 1. April 1865 von Eduard Devrient für die Karlsruher Hofkapelle engagiert und verlegte ihren Wohnsitz in die Residenzstadt. Richard Pohl schreibt rückblickend: „Nur während der Sommermonate konnte sie mit mir in Baden-Baden leben; im Winter fesselte sie der Dienst in Karlsruhe, und meine Verpflichtungen erlaubten mir keinen längeren Aufenthalt, sondern nur kürzere Besuche in der Residenz (Pohl 1870, S. 47). 1870 starb die Musikerin, die schon 1854 an Gelenk-Rheumatismus erkrankt war, an einem Herzleiden.

 

Johanna Pohl. Gemälde von Johann Grund,Öl auf Holz,
Stadtmuseum Baden-Baden.

 

Jeanne Pohl geb. Eyth zählt neben Josepha Müllner-Gollenhofer zu den ersten professionellen Harfenistinnen, die zur Profilierung der Harfe auch als Orchester-Instrument beitrugen. Das Klischee von der „Frau an der Harfe“ ließ sich aber offenbar auch in ihrer Karriere nicht ausblenden und führte möglicherweise zu widersprüchlichen Anforderungen an die Spielweise. Komplimente wie das folgende, die die Musikerin gegen das „zarte Weib“ ausspielten, haben wohl zu den Berufsbedingungen von Harfenistinnen im 19. Jahrhundert gehört: „Man hörte zwar in dem Spiel das zarte Weib, aber für Ref. wenigstens hat gerade diese Behandlung einen sittlichen Reiz. Eine Künstlerin, die ihr Instrument mit männlicher Kraft und Energie bändigt mag bewundern wer will, das Herz bleibt ruhig“ (die Zeitschrift „Signale“ 1854, S. 42f. über ein Konzert im Leipziger Gewandhaus, wo Jeanne Pohl eine Fantasie von Parish Alvars vortrug).

 

LITERATUR

Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“, Leipzig, Bibliothek/Archiv A, I.1, 264, A, I.2, 264

Bock 1949, S. 278; 1864, S. 46, 149; 1862, S. 223; 1870, S. 391

NZfM 1851 II, S. 278; 1853 II, S. 256f., 270; 1854 I, S. 61, 229, 280; 1854 II, S. 144, 167; 1855 I, S. 11, 84, 107, 185, 241, 249; 1855 II, S. 259; 1856 I, S. 23, 109; 1857 I, S. 119; 1857 II, S. 31, 225; 1858 I, S. 44; 1859 I, S. 191, 294; 1859 II, S. 31, 139, 175, 216; 1860 I, S. 88; 1860 II, S. 162; 1861 I, S. 73, 75, 117, 119, 176, 211

NMZ 1893, S. 212

Signale 1848, S. 59; 1849, S. 277, 363, 395; 1850, S. 82, 230; 1851, S. 395, 446f.; 1853, S. 5, 393, 412; 1854, S. 42f.; 1857, S. 116; 1868, S. 133f., 417; 1870, S. 855; 1871, S. 436

Sartori Enci, Thompson, Zingel, New Grove 1, MGG 2000, New Grove 2001 [alle Art. Richard Pohl außer Zingel]

Richard Pohl, Meiner theuren Gattin Frau Jeanne Pohl geb. Eyth zum Gedächtniß, Baden-Baden 1870.

Richard Pohl, „Autobiographisches“, in: FritzschMW 1881, S. 3, 15–17, 26–27, 39–40, 56, 67–68

Franz Liszts Briefe, hrsg. von La Mara, 8 Bde., Bd. 1, Leipzig 1893.

Senta Hartlaub-Pohl, Richard Pohl (1826-1896). Ein Lebensbild (= Beiträge zur Geschichte der Stadt und des Kurortes Baden-Baden 10), Baden-Baden 1967.

Hector Berlioz, Œuvres Littéraires. Correspondance générale, hrsg. von Pierre Citron, Paris 1972.

Wolfram Huschke, Musik im klassischen und nachklassischen Weimar 17561861, Weimar 1982.

 

Bildnachweis

www.harfe-vdh.de/images/jeannepohl.jpg, Zugriff am 28. März 2008.

 

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