Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Hochmann, Rosa (Felicia), verh. Stransky, verh. Rosenfeld, Hochmann-Stransky, Hochmann-Rosenfeld

* 13. März 1875 in Proskurov (heute Khmelnytskyi) bei Kiew/Ukraine, † 1943 oder 1944 in New York, Violinistin und Violinlehrerin. In Kiew wurde sie von Oskar Stock (Lebensdaten unbekannt) unterrichtet, bevor ihre Mutter ca. 1885 mit ihr nach Wien übersiedelte, wo sie von Jakob Moritz Grün (1837–1916), Konzertmeister der Hofoper und Lehrer am Konservatorium, als Schülerin angenommen wurde. Über diese Zeit schreibt die Tochter von Rosa Hochmann: „Ich glaube, daß die Lehrjahre meiner Mutter in Wien recht hart gewesen sein müssen. Sie litt an Heimweh, Mittel waren nicht in allzu reichem Maß vorhanden. Reiche Gönner nahmen sich des hochbegabten Kindes an, das bald die Lieblingsschülerin von Professor Grün geworden war. Neben dem Violinunterricht besuchte meine Mutter das Konservatorium, während ein junger Medizinstudent ihr den notwendigen Unterricht erteilte, da sie in keine öffentliche Schule ging“ (Mollik-Stransky, S. 79). Den Erinnerungen der Tochter nach „erfolgte das Debüt meiner Mutter in Form einer Mitwirkung bei einem Konzert einer berühmten Sängerin. In der großen Pause, während die berühmte Künstlerin sich auf den zweiten Teil ihres Konzertes vorbereitete, produzierte sich die kleine sechzehnjährige Debütantin mit einem Violinkonzert. Der Erfolg soll durchschlagend gewesen sein“ (ebd., S. 80). Im Nov. 1892 präsentierte sich Rosa Hochmann im Wiener Bösendorfer-Saal mit dem Konzert g-Moll von Max Bruch und Solowerken von Pablo de Sarasate, Carl Halir und Henryk Wieniawski und wurde vom Wiener Kritikerpapst Eduard Hanslick sogleich als „ungewöhnliches Talent und eine echt musikalische Natur“ (Neue Freie Presse 17. Nov. 1892, zit. auch in Signale 1892, S. 1082) wahrgenommen: „Nicht blos durch ihre kindlich schmächtige Gestalt, ihre ruhige Unbefangenheit und den ernsten Blick ihres dunklen Auges erinnert sie uns an Teresa Milanollo. Die tiefe Empfindung, das rhythmische Gefühl, der süße, reine und bereits kräftige Ton der jungen Geigerin sprechen deutlich für ihren echten Künstlerberuf, selbst wenn man von eigentlicher Bravour ganz absehen wollte“ (ebd.).

 

 

Es folgten jährliche Auftritte in Wien mit anspruchsvollem Programm. Am 5. Febr. 1893 spielte sie im Abonnementkonzert der Gesellschaft der Musikfreunde das Violinkonzert Nr. 8 a-Moll op. 47 in Form einer Gesangsszene von Louis Spohr „rein und geläufig, mit noch zartem, aber süßem Ton und warmer Empfindung“ (Hanslick in der Neuen Freien Presse 7. Febr. 1893), „eine wohlabgerundete und durch reichen Beifall belohnte Leistung“ (Signale 1893, S. 201). Am 9. Dez. 1894 musizierte sie im Philharmonischen Konzert unter Hans Richter das Violinkonzert a-Moll op. 28 von Karl Goldmark „sehr geschmackvoll und in feiner Ausarbeitung alles Technischen“ (Signale 1894, S. 1077) bzw. „mit tadelloser Technik“ (NZfM 1894, S. 224). Anfang 1895 resümierte der Wiener Korrespondent der „Signale für die musikalische Welt“: „Zu einer trefflichen Violinvirtuosin ist jetzt auch unsere einheimische junge Künstlerin Fräulein Rosa Hochmann herangereift, von der wir kürzlich im eigenen Concert das Wieniawski’sche Dmoll-Concert nebst ebenfalls sehr schwierigen Stücken von Sarasate und Ernst zu hören bekamen“ (Signale 1895, S. 180).

Weiterhin „von Professor Grün beraten und geleitet“ (Mollik-Stransky, S. 80), unternahm die Musikerin von 1894 an Konzertreisen, zunächst nach Budapest und Dresden und im folgenden Jahr nach Berlin, wo sie am 19. Okt. 1895 in der Singakademie mit den Konzerten von Bruch (g-Moll), Wieniawski (d-Moll) und Spohr (Adagio aus dem 9. Konzert) sowie zwei Solowerken von Schumann ein gewaltiges Pensum absolvierte. Die „Signale“ attestierten „eine bereits weit vorgeschrittene Geschicklichkeit in allen technischen Künsten, eine angenehme, warmempfundene Cantilene und viel natürlichen Sinn für Auffassung und Vortrag“ (Signale 1895, S. 806). Weitere Stationen der Wintersaison waren Warschau (30. Dez. 1895 u. 2. Jan. 1896), Magdeburg (4. Jan 1896), Potsdam (Datum unbekannt) und wiederum Berlin (4. Febr. 1896). In den folgenden Jahren sind Auftritte in Mailand (1896), Berlin (1898) und Petersburg (1900) nachgewiesen, in denen sich das Repertoire um ein Konzert von Vieuxtemps und Solowerke von Joh. Seb. Bach, Charles Gounod, Camille Saint-Saëns, Pablo de Sarasate und Eugenio Pirani erweiterte. Ein besonderer Erfolg scheint ein Konzert in Petersburg gewesen zu sein, in dem sie „den Saal mit ihrem, weit über das Niveau des Alltäglichen hinausragenden Vortrag [erfreute]. Trotz der vorgerückten Stunde und der Ermüdung, die der vorhergehende reichliche Musikgenuß dem Publikum schließlich verursachen mußte, verstand die reizende junge Künstlerin die Zuhörerschaft derart zu elektrisieren, daß diese sich nicht eher zufrieden gab, als bis Frl. Hochmann alle vier Nummern [Vieuxtemps, Sarasate, Bach, Schumann] unter nicht enden wollenden Beifallsrufen gespielt hatte“ (NZfM 1900, S. 360).

Petersburg erwies sich als Wendepunkt in der Karriere der inzwischen 25-jährigen Musikerin. „Anlässlich einer Konzerttournee, die meine Mutter nach Rußland führte, lernte sie in St. Petersburg meinen Vater kennen. Mein Vater war dort als Prokurist im Bankhaus Wawelberg tätig“ (Mollik-Stransky, S. 80f.). Felix Stransky (1871–1950) war ein jüdischer Bankier, der es über verschiedene berufliche Stationen zu Ansehen und großem Wohlstand bringen sollte. Das Paar heiratete 1900 in Wien und nahm dann seinen Wohnsitz in Petersburg, wo Rosa Stransky einen Sohn namens George Franz Kyrill zur Welt brachte. Sechs Wochen nach der Geburt siedelte die Familie nach Zürich über, wo „mein Vater an den Schweizerischen Bankverein […] verpflichtet worden war“ (Mollik-Stransky, S. 81). 1903 wurde Claire Eugenie geboren, und ca. 1905 wechselte der Felix Stransky zur Niederösterreichischen Eskompte-Gesellschaft in Wien.

Die Tochter deutet in ihren Erinnerungen an, dass die Eheschließung von Rosa Hochmann zu einem biographischen Einschnitt führte, den die Musikerin psychisch nicht verkraftete. „Leider trat zu Beginn der Laufbahn meiner Mutter als Violinvirtuosin, einer Laufbahn, die so vielversprechend und verheißungsvoll begonnen hatte, ein einschneidendes Ereignis privater Natur [die Heirat] ein, das ihr ganzes Leben umwarf und an dem ihre Karriere zerbrach. Alles, was sich im Leben meiner Mutter dann in Zukunft begab, kann nur als Konsequenz jenes Ereignisses, als die Friedlosigkeit eines Menschen, der seine Bestimmung nicht erfüllte und daher zum Spielball seiner inneren Unruhe wurde, gedeutet werden“ (Mollik-Stransky, S. 80). Rosa Stransky „strebte aus den Fesseln, die ihr Ehe und Gesellschaft auferlegten“ (ebd. S. 85), und ließ sich 1908 scheiden. Die Kinder verblieben beim Vater, hatten aber regelmäßigen Kontakt mit der Mutter, u. a. in gemeinsamen Ferien. Rosa Stransky „landete […] bald in einer zweiten Ehe mit einem reichen Bankier. Diese Ehe wurde dann vollends unglücklich“ (ebd. S. 85f.). Rosa Hochmanns zweiter Mann war der Bankier Alfred Rosenfeld (1873–?).

Nach ihrer Heirat ist nur ein einziger Auftritt der Geigerin nachgewiesen: Am 12. März 1907 beteiligte sie sich im Wiener Konservatorium an einer Feier zum 70. Geburtstag ihres ehemaligen Lehrers Jakob Grün, und zwar gemeinsam mit Adolf Rebner, Hans Wessely und Carl Flesch. „In diesem Quadrifolium war nur eine Dame, zugleich die einzige an diesem Abend sich solistisch beteiligende künstlerische Kraft, die in Wien verblieben: Frau Stransky, unter ihrem Mädchennamen, Rosa Hochmann, eine Lieblingsschülerin Grün’s, die sich mit Unrecht seit Jahren von der Öffentlichkeit ganz zurückgezogen. Ihr jetziger Vortrag der ‚Gesangsszene‘ von Spohr war durchaus eines Festkonzertes würdig. Die anderen drei, seither selbst Violinprofessoren in den verschiedensten Städten geworden, waren sämtlich zu diesem Festabend aus weiter Ferne herbeigeeilt. Aus Frankfurt a. M. kam Prof. Adolf Rebner, um Mendelssohn’s Konzert zu spielen, aus London Prof. Hans Wessely als Interpret des Brahms’schen, aus Amsterdam endlich Prof. Karl Flesch als Solovortragender des Beethoven’schen Konzertes“ (FritzschMW/NZfM 1907, S. 324).

Diese Aufzählung verdeutlicht nicht nur den Rang, den Rosa Hochmann als Musikerin beanspruchen konnte, sondern auch die beruflichen Erfolge, die ihre ehemaligen Mitschüler inzwischen erzielt hatten. Rosa Hochmanns Rückzug aus der Öffentlichkeit blieb dauerhaft. Immerhin war sie als Geigenlehrerin tätig und bildete unter anderen Stella Mendelssohn (1890–?), ab 1911 Erica Morini (1904–1995) sowie in den 1930er Jahren Norbert Brainin (1923–2005) aus. Brainin, der spätere Primarius des Amadeus-Quartetts, wanderte Ende 1938 von Wien nach England aus, um auf Empfehlung von Rosa Hochmann-Rosenfeld sein Studium bei dem im Exil lebenden Carl Flesch fortzusetzen.

Während von Felix Stransky bekannt ist, dass er von 1914 bis 1938 Mitglied der Konzerthausdirektion in Wien war und seine Deportation nach Theresienstadt überlebte, ist es Rosa Hochmann offenbar gelungen, in die Vereinigten Staaten zu emigrieren. Nach einer mündlichen Mitteilung von Norbert Brainin ist sie 1943 oder 1944 in New York gestorben.

 

 

LITERATUR

Bock 1894, S. 71f., 488; 1896, S. 63

FritzschMW 1893, S. 285

FritzschMW/NZfM 1907, S. 324

Monthly Musical Record 1893, S. 19; 1895, S. 282

Musical Standard 1893 II, S. 428; 1894 II, S. 488

Neue Freie Presse 17. Nov. 1892

Neue Musik-Zeitung 1893, Nr. 1, S. 1

NZfM 1895, S. 224; 1896, S. 162; 1898, S. 476f., 482, 543; 1900, S. 359f.

Signale 1892, S. 1082; 1893, S. 7, 201, 1029; 1894, S. 103, 1077; 1895, S. 180, 806, 873; 1896, S. 152, 201, 247, 566; 1897, S. 25; 1898, S. 855; 1902, S. 130; 1907, S. 786

Illustriertes Konversations-Lexikon der Frau, 2 Bde., Bd. 2, Berlin 1900, Art. „Musikerinnen“

G. S., „Rosa Hochmann“, in: Schrattenthals Rundschau 10 (1895), S. 85f.

Richard von Perger u. Robert Hirschfeld, Geschichte der K. K. Gesellschaft der Musikfreunde, Wien 1912.

Edmund Sebastian Joseph van der Straeten, The History of the Violin. Its Ancestors and Collateral Instruments From Earliest Times, 2 Bde., Bd. 2, London 1933, Repr. New York 1968.

Carl Flesch, Erinnerungen eines Geigers, Freiburg u. Zürich 21961.

Claire Eugenie Mollik-Stransky, „Wie die Erinnerungen vor meinen inneren Blicken auftauchen, so will ich von ihnen berichten“, in: „Es war eine Welt der Geborgenheit…. Bürgerliche Kindheit in Monarchie und Republik, hrsg. von Andrea Schnöller u. Hannes Stekl, Wien u. Köln 1987, S. 77–104.

Robert Kriechbaumer, Der Geschmack der Vergänglichkeit. Jüdische Sommerfrische in Salzburg, Wien 2002.

Peter Melichar, Neuordnung im Bankwesen. Die NS-Maßnahmen und die Problematik der Restitution (= Veröffentlichungen der Österreichischen Historikerkommission 11), Wien 2004.

Stefan Drees (Hrsg.), Lexikon der Violine, Laaber 2004, Art. „Morini, Erica“.

Primavera Driessen Gruber, „Norbert Brainin“, in: Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit, http://www.lexm.uni-hamburg.de/object/lexm_lexmperson_00002549;jsessionid=D845882BB831081A71FB82489BD8CF8A?wcmsID=0003&XSL.lexmlayout.SESSION=, Zugriff 19. 6. 2013.

Elena Ostleitner, „Erica Morini. 19041995“, in: http://jwa.org/encyclopedia/article/morini-erica, Zugriff am 24. Juni 2013.

Forschungsdatenbank BioExil Primavera Driessen Gruber i. V. Österreichisches Biographisches Handbuch der NS-verfolgten Musikschaffenden. Auskunft von Primavera Gruber am 1. Juli 2013.

 

Bildnachweis

Neue Musik-Zeitung 1893, Nr. 1, S. 1

Konzertierende Frauen in Wiener Musiksälen, Wien 1930, S. 23

 

Freia Hoffmann

 

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