Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Coryn, Corinne (Victoria Adriana), verh. Caneau, Coryn-Caneau

* 1. Juni 1876 in Gent, † Aug. 1969 in Brüssel, Violinistin und Violinlehrerin. Ihre Eltern waren Jules Jacques Coryn (1843−1939) und Livine Victorine geb. Libbrecht (1848−1885). Sie wuchs mit drei Geschwistern auf: Adolphe Jean Jules Coryn (1869−1939), der später unter dem Künstlernamen Corin als Bariton bekannt wurde, Alice Sidonie Constance Louise Coryn (1874−1971) und Gustave Adolphe Raoul Victor Coryn (1881−?). Corinne Coryn schloss ihr Studium am Konservatorium in Gent 1893 mit einem ersten Preis ab, setzte ihre Ausbildung am Konservatorium in Brüssel bei Jean-Baptiste Colyns (1834−1902) fort, errang auch hier einen ersten Preis und studierte von 1896 bis 1900 bei Karl Markees (1865−1926) und Joseph Joachim (1831−1907) an der Hochschule für Musik in Berlin. Von 1900 an nahm sie mehrmals am Mendelssohn-Wettbewerb teil und erhielt 1901 eine „lobende Erwähnung“ und 1902 ein Preisgeld von 600 Mark.

Am 18. Jan. 1902 debütierte Corinne Coryn im Beethovensaal mit dem Berliner Philharmonischen Orchester. Die Leitung hatte Joseph Joachim, was die Presse als besondere Auszeichnung für die junge Musikerin deutete. Die Resonanz war allerdings verhalten. Die „Neue Zeitschrift für Musik“ nannte das Programm − Konzerte von Brahms und Vieuxtemps (d-Moll) und die Chaconne aus der Partita II d-Moll BWV 1004 von Joh. Seb. Bach − „kolossal“ und stellte fest, dass Corinne Coryn ihre „Aufgaben mit gutem Gelingen bewältigte“ (NZfM 1902, S. 70). Der Kritiker setzte jedoch hinzu: „Mir wäre es fast lieber gewesen, sie hätte weniger ‚solide‘ Technik gezeigt und dafür mehr Temperament, mehr ‚Eigenes‘“. Der Berlin-Korrespondent des US-amerikanischen „Musical Courier“ nahm das Konzert zum Anlass, um grundsätzlich „the folly of American music students pursuing the will-o’-the-wisp ‚study in Europe‘“ (Musical Courier 1902, S. 5) zu attackieren. Der Vergleich mit dem amerikanischen Joachim-Schüler Arthur Hartmann, der am 4. Jan. 1902 debütiert hatte, fällt folglich für die in Europa ausgebildete Geigerin ungünstig aus, und der Autor nutzt seinen Text vor allem, um dessen amerikanischen Lehrer Charles Martin Loeffler („one of many first-class violin teachers in America“, ebd.) weit über Joachim zu stellen („Joachim the performer and Joachim the teacher are two very different things“, ebd., S. 6). Es sollten also keine zu weit reichenden Schlüsse aus seinem Urteil gezogen werden. Aber auch hier wird an Coryns Spiel „individuality and temperament“ (ebd., S. 5) vermisst.

Die Musikerin hielt sich anschließend noch einige Zeit in Berlin auf und hatte im folgenden Jahr die Genugtuung, im „Musical Courier“ zu lesen: Corinne Coryn has made great progress since her first appearance here“ (Musical Courier 1903, S. 16). Karl Storck zählt sie im Nov. in einem Rückblick unter den GeigerInnen zu den jungen Kräften, die alle zu den schönsten Hoffnungen berechtigten“ (Der Klavier-Lehrer 1903, S. 367).

Am 13. Juli 1904 konzertierte Corinne Coryn in Antwerpen und meldete sich als Joachim-Schülerin offenbar erfolgreich in ihrem Heimatland zurück: Le jeu de Mlle Coryn est dune technique très remarquable. Le son a de lampleur, et si le sentiment faisait moins défaut, ce serait parfait. La charmante artiste avait choisi le quatrième concerto de Vieuxtemps et la polonaise en la de Wieniawski“ (Das Spiel von Mlle. Coryn zeichnet sich durch eine bemerkenswerte Technik aus. Der Ton hat Fülle, und wenn das musikalische Empfinden weniger Mängel zeigte, wäre es perfekt. Die reizende Künstlerin hatte das 4. Konzert von Vieuxtemps und die Polonaise in A-Dur [op. 21] von Wieniawski gewählt“, Le Monde artiste 1904, S. 471). Ebenfalls im Sommer 1904 ist ein Auftritt in Blankenberge an der belgischen Küste belegt.

Um den Jahreswechsel 1906/07 ließ sich die Geigerin nochmals in Berlin hören, wobei die Korrespondentin des „Musical Courier“ die alten Einwände wiederholte (She is a little lacking in temperament, and quite so in individuality of style“, Musical Courier 1907, S. 6), ansonsten aber freundliche Worte fand: She plays with great earnestness of purpose and with exceeding care, and has a neat technic and a pretty, smooth tone“ (ebd.). Auch am 28. Dez. 1908 fand noch ein Konzert im Bechstein-Saal in Berlin statt (sie ließ sich zu dieser Zeit von der dortigen Agentur Wolff vertreten), das die „Signale für die musikalische Welt“ anerkennend kommentieren: Corinne Coryn kennen wir von früher als eine gute Geigerin. In Stücken von Bach, Bruch und älteren Franzosen zeigte sie, dass ihr Ton seine durchsichtige Reinheit behalten hat, und dass ihre Technik geschmeidiger geworden ist“ (Signale 1909, S. 13). Ab 1907 verlagerte sich Coryns Konzerttätigkeit aber deutlich in den belgisch-französischen Raum. Aus Anzeigen, mit denen die Musikerin 1910 Unterricht (méthode Joachim“) und Konzertauftritte anbot, geht hervor, dass sie zu diesem Zeitpunkt in Brüssel, 4, rue Van Orley, wohnte.

Ihre Tätigkeit war in diesen Jahren geographisch weit gespannt zwischen Lüttich (25. Okt. 1905, 25. Mai 1907), Gent (2. Mai 1907, weitere Konzerte 1909 und 1910), Toulouse (20. Apr. 1907), Brüssel (1. Mai 1907, 11. Apr. 1908, 15. Febr., 1., 15. März 1910, Wintersaison 1912/13), Rouen (22. März 1908), Ostende (9. Juli 1909), Antwerpen (Anfang 1911) und Paris (mehrere Konzerte Juni 1911).

Für ihr Brüsseler Debüt am 1. Mai 1907 wählte Coryn den großen Saal des Konservatoriums und wurde als ehemalige „lauréate de létablissement“ sehr positiv aufgenommen: MlleCorinne Coryn [...] a reçu de ses difficiles compatriotes un accueil extraordinairement chaleureux; cest d'ailleurs une artiste douée comme il y en a peu: une sonorité superbe, une technique sûre, un style plein dampleur, en un mot, toutes les qualités de lécole de Joachim, appliquées à lexécution dun répertoire rigoureusement artistique. Retenez ce nom: Corinne Coryn; un bel avenir lui est réservé“ (Mlle Corinne Coryn [...] haben ihre schwierigen Landsleute einen überaus warmherzigen Empfang bereitet; sie ist übrigens eine so begabte Künstlerin, wie es wenige gibt: eine außergewöhnliche Klangfülle, eine sichere Technik, eine große stilistische Bandbreite, mit einem Wort: alle Vorzüge der Joachim-Schule, die der Interpretation eines streng künstlerischen Repertoires dienen. Merken Sie sich diesen Namen: Corinne Coryn; eine Künstlerin mit Zukunft“, Le Ménestrel 1907, S. 141). Das Programm enthielt die Sonate d-Moll op. 108 von Brahms, das Konzert A-Dur KV 219 von Mozart, die Romanze B-Dur op. 2 von Joseph Joachim und zwei Ungarische Tänze von Brahms/Joachim. Ihr Klavierpartner war ein Monsieur Minet, möglicherweise handelt es sich um Félix Minet, der ebenfalls am Brüsseler Konservatorium studiert hatte. Am 28. Dez. 1808 (Konzert in Berlin) kooperierte Corinne Coryn mit dem Pianisten Kurt Börner und spätestens ab 1910 mit der Pianistin Marguerite Laenen. Mit ihr gestaltete sie in Brüssel im Febr. und März 1910 eine dreiteilige Kammermusikreihe mit Musik belgischer Komponisten.

Die Auftritte mit Orchester bestritt die Geigerin mit Violinkonzerten von Brahms (D-Dur op. 77), Mozart (A-Dur KV 219), Goldmarck (a-Moll op. 28), Saint-Saëns (Introduction et Rondo capriccioso op. 28) und dem „Abendlied“ von Schumann op. 85 Nr. 12 in der Bearbeitung von Joseph Joachim. Bei Brahms wurden jeu dune netteté et dune sûreté étonnantes, coup darchet dune belle ampleur, sonorité dinstrument très franche, [...] un sentiment très affiné et une perception juste des nuances et des oppositions“ („ein erstaunlich sauberes und sicheres Spiel, eine weit ausholende Bogenführung, eine makellose Klangfülle, ein feines Empfinden und eine präzise Wiedergabe von Nuancen und Kontrasten“ (Le Guide musical 1907, S. 196) gelobt; am Mozartspiel entzückte den Kritiker cette élégance native, cette pureté de style et ce son chatoyant“ (diese natürliche Eleganz, diese Stilreinheit und dieser nuancenreiche Klang“, ebd., S. 427).

Am 5. Apr. 1908 kündigt die Presse für den 11. Apr. ein Konzert an mit Corinne Coryns Bruder, dem Bariton Alphonse Coryn, und mit einem Streichquartett, quelle a récemment constitué“ (das sie unlängst gegründet hat“, LArt moderne 1908, S. 111). Spätere Presseberichte nennen die Namen der Mitspielerinnen: Germaine Schellinck (2. Violine), Hyacinte Slingeneyer (Viola) und Daisy Jean (Violoncello). Eine erste Rezension dokumentiert einen Auftritt in Gent im Febr. 1909, bei dem Quartette von Haydn (g-Moll), Mozart (G-Dur) und Schubert (a-Moll D 804, Rosamunde“) zur Aufführung kamen, und formuliert Mängel in der Klangbalance: Lensemble manquait de cohésion dans la sonorité et laissait le premier violon tout à fait à découvert; ceci nuisit forcément à linterprétation“ („Dem Ensemble fehlte es an klanglicher Homogenität, und es hat die erste Geige zu wenig unterstützt, was die Interpretation entschieden beeinträchtigt hat“, Le Guide musical 1909, S. 146). Die Mängel waren offenbar überwunden, als das Quatuor Corinne Coryn 1911 eine Matinee in Brüssel gab, dont le programme comportait le quatuor VII de Beethoven, celui en mi bémol, op. 51 de Dvorak et pour finir lop. 51, no2 de Brahms [...]. Lexécution difficile en fut excellente par ces quatre vaillantes artistes qui ont travaillé en conscience et en musiciennes. Le quatuor en mi bémol de Dvorak dans sa note mélodique très charmante ne présente pas lintérêt des développements du précédent; ce fut aussi très bien interpreté; les rythmes particulièrement bien accusés, ce qui est important dans cette musique“ (dessen Programm das 7. Quartett von Beethoven, dasjenige in Es-Dur op. 51 von Dvořák und zum Schluss op. 51 Nr. 2 von Brahms enthielt [...]. Seine schwierige Ausführung wurde von diesen vier fähigen Künstlerinnen hervorragend bewältigt, die gewissenhaft und sachkundig gearbeitet haben. Das Es-Dur-Quartett von Dvořák, das mit seinem zauberhaften melodischen Charakter nicht die interessante thematische Arbeit aufweist wie sein Vorgänger, wurde ebenfalls sehr gut wiedergegeben; der Rhythmus wurde gut akzentuiert, was in dieser Musik wichtig ist, Le Guide musical 1911, S. 133).

Streichquartette von Frauen wurden auch zu dieser Zeit immer noch als etwas Besonderes wahrgenommen und oft mehr mit dem Auge als mit dem Ohr beurteilt. Auch Coryns Quartett entging einer solchen Rezeption nicht: A lHarmonie [Saal in Antwerpen], le quatuor Corinne Coryn a interprété avec brio et finesse des quatuors de Beethoven, de Brahms et de Dvorak. Et ça été une charmante apparition que celle de ces quatre jeunes femmes, bras nus, tout de blanc habillées qui composent le quatuor Corinne Coryn. Si elles étaient agréables à voir, elles ne le furent pas moins à entendre, car toutes sont des instrumentistes accomplies“ (Im Saal der Harmonie [Antwerpen] hat das Corinne Coryn Quartett mit Brillanz und Feingefühl Quartette von Beethoven, Brahms und Dvořák aufgeführt. Und sie waren eine reizvolle Erscheinung, diese vier jungen Frauen, mit nackten Armen, ganz in Weiß gekleidet, die das Corinne Coryn Quartett bilden. Wenn sie angenehm anzuschauen waren, so waren sie nicht minder angenehm anzuhören, denn alle sind vollendete Instrumentalistinnen, Le Monde artiste 1911, S. 137).

Von 1908 an wird Corinne Coryn in der Presse als „violiniste de S. A. R. Mme la Comtesse de Flandre“ bezeichnet, in deren Palais in Brüssel sie bei Hauskonzerten mitwirkte.

Am 30 Apr. 1913 konzertierte sie, zusammen mit Marguerite Laenen, in der Salle Patria in Brüssel letztmalig, bevor sie im Mai 1913 André Jules Caneau heiratete. Sie folgte ihrem Mann nach Taschkent in Russland (heute Usbekistan), wo er als Ingenieur wirkte. Er erlag dort einer Typhus-Infektion. Corinne Caneau kehrte nach Belgien zurück, lebte von 1920 an in Antwerpen und trat seit den 1920er Jahren auch wieder als Violinistin auf. Am 24. Apr. 1935 ist die Rundfunksendung eines viool-recital door mevr. Coryn-Caneau(Utrechts Nieuwsblad 23. Apr. 1935) belegt.

Von 1895 bis 1948 führte die Musikerin ein „Album Amicorum“, bestehend aus Autographen und Zeichnungen. Darin finden sich Einträge ihrer Lehrer sowie von Max Bruch, Leonora Jackson, Jacques Thibaud, Ossip Gabrilowitsch, Maurice Ravel, Sergei Rachmaninow, Alfred Bachelet und Arthur Rubinstein. Das „Album Amicorum“ ist im Besitz der Koninklijke Bibliothek Belgien.

 

Einträge im „Album Amicorum“.

 

 

LITERATUR

L’Art moderne 1907, S. 135; 1908, S. 111; 1911, S. 46; 1913, S. 133

Comœdia [Paris] 4. Apr. 1909

Le Courrier musical 1908, S. 436

L’Express du midi [Toulouse] 20. Apr. 1907

Le Figaro [Paris] 22. Juni 1911

Le Gaulois [Paris] 1911, 22. Juni, 23. Okt., 16. Dez.

Le Guide musical 1907, S. 196f.; 1909, S. 146, 501f., 521; 1910, S. 112, NP [nach S. 200], 219, 232; 1911, S. 96, 133, 458, 478

L’Indépendance Belge [Brüssel] 6. Mai 1913

Der Klavier-Lehrer 1903, S. 367

Le Ménestrel 1907, S. 141

La Meuse [Lüttich] 1905, 28. Okt.; 1907, 22., 23. Mai; 1908, 1. Juni; 1909, 22. Juni

Le Monde artiste 1893, S. 121; 1904, S. 471, 583; 1911, S. 137

Musical Courier 1902, 15. Febr., S. 5f., 8. Okt., S. 27, 5. Nov., S. 7; 1903, 29. Apr., S. 16; 1907, 9. Jan., S. 6

Die Musik 1908/09 I, S. XVI; 1908/09 II, S. 118.

NZfM 1902, S. 70

Revue des Pyrénées 1912, S. 194f.

Revue musicale S. I. M. 1910, S. 730; 1913, S. 71

Signale 1909, S. 13

Utrechts Nieuwsblad 23. Apr. 1935

Charles Bergmans, Le Conservatoire royal de musique de Gand, Gand 1901.

Auguste Michot, In memoriam S. A. R. La comtesse Marie de Flandre, Brüssel 1913.

Peter Muck, Einhundert Jahre Berliner Philharmonisches Orchester, 3 Bde., Bd. 3: Die Mitglieder des Orchesters, die Programme, die Konzertreisen, Erst- und Uraufführungen, Tutzing 1982.

Inka Prante, Die Schülerinnen Joseph Joachims, Wissenschaftliche Hausarbeit zur Ersten Staatsprüfung, unveröffentlicht, Universität der Künste Berlin 1999.

Silke Wenzel, „Corinne Coryn“, in: MUGI. Musik und Gender im Internet, http://mugi.hfmt-hamburg.de/artikel/Corinne_Coryn, Zugriff am 28. Sept. 2015.

 

Freia Hoffmann/Jannis Wichmann

 

 

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