Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Hertwig, Marie Auguste Friederike, verh. Heckmann, Heckmann-Hertwig 

* 10. Dez. 1841 in Greiz, † 28. Juli 1890 in Köln, Pianistin. Ihr Vater war der „Musikus“ (Fürstlich Reuss-plauisches Amts- und Verordnungsblatt auf das Jahr 1842, S. 6) August Ferdinand Hertwig. Das Klavierspiel erlernte Marie Hertwig am Leipziger Konservatorium bei Ignaz Moscheles (1794–1870)und Ernst Ferdinand Wenzel 1808–1880). In den Prüfungsprotokollen ist sie von 1862 bis 1863 erwähnt. In den öffentlichen Prüfungen 1862 spielte sie zusammen mit der Londoner Pianistin Mary Elizabeth Walton Hommage à Händel für zwei Klaviere op. 92 von Moscheles stellenweise etwas matt und nicht ganz mit der erforderlichen künstlerischen Sicherheit und Haltung […]. Die Inhaberin des ersten Pianoforte [Marie Hertwig] erschien uns als die bessere Spielerin“ (Signale 1862 S. 264). Am 25. Apr. des folgenden Jahres trug sie als Prüfungsstücke den 2. und 3. Satz des Konzerts e-Moll op. 11 von Chopin vor. Auch hier zeigte sich der Rezensent nicht vollkommen überzeugt: „Der Vortrag dieser Composition verlangt ein noch blühenderes Colorit, eine noch reichere Tonfärbung, als dieser Spielerin augenblicklich zu Gebote steht“ (Signale 1863, S. 351).

Bis zum Jahr 1873 betätigte sich Marie Hertwig überwiegend kammermusikalisch und konzertierte insbesondere in Ostdeutschland (Leipzig, Dresden, Glauchau, Görlitz, Magdeburg, Berlin, Brandenburg, Halberstadt, Gera). Seit 1870 trat sie meist im Rahmen von Konzerten ihres späteren Ehemanns Robert Heckmann (?–1891) als Kammermusikerin in Erscheinung, teilweise jedoch auch als Solistin. Nach der Heirat 1873 übersiedelte sie nach Köln, wo ihr Ehemann seit 1872 als Konzertmeister und Solist tätig war. Bis zum Jahr 1888, mit einer krankheitsbedingten Pause zwischen 1886/1887 und 1888, konzertierte sie, meist im Rahmen des Heckmann-Quartetts, in Mitteldeutschland (Altenburg, Magdeburg, Gernsheim) und insbesondere in Köln und Umgebung (Bonn, Düsseldorf, Aachen). Ein einziger Auftritt führte sie über die Landesgrenze nach Antwerpen, wo sie 1883 bei einem Auftritt des Heckmann-Quartetts mitwirkte. Im Jahr 1890 erlag sie der Influenza, ebenso wie im darauffolgenden Jahr Robert Heckmann.

In Rezensionen findet Marie Hertwig als Kammermusikerin großen Anklang. So schreibt die „Neue Berliner Musikzeitung“ über einen Auftritt mit ihrem späteren Ehemann Robert Heckmann in Berlin 1871: „Rubinstein war durch das B dur-Trio Op. 52, Brahms durch sein Quartett Op. 26 vertreten. Von Kiel kamen zwei Romanzen für Piano und Violine zu Gehör […]. Frl. Hertwig spielte in Berlin zum ersten Male. Die Dame ist eine Specialität, ich kann mich nicht drauf besinnen, jemals eine Pianistin gehört zu haben, die im Bereiche der Kammermusik so völlig heimisch gewesen wäre, wie Frl. Hertwig. Kraft, Sicherheit und Verständigkeit kennzeichnen ihr Spiel“ (FritzschMW 1871, S. 24). An anderer Stelle wird gelobt, dass sie, „ihr Instrument in modern virtuoser Weise beherrschend, ihrem Spiel alle Nuancen zwischen dem Zartweiblichen und Männlichkräftigen zu verleihen weiss und auch in ihrer äusseren Erscheinung nicht jenen Eindruck macht, welcher so oft die Wirkung der Leistungen berühmter Kunstschwestern abschwächt“ (FritzschMW 1870, S. 283).

Das Ehepaar führte am 8. Nov. 1879 erstmals in Bonn die Violinsonate Nr. 1 G-Dur op. 78 von Johannes Brahms auf.

Marie Hertwigs Solorepertoire umfasste Werke von Beethoven, Chopin, Liszt, Ferdinand Heinrich Thieriot, Carl Reinecke, Robert Schumann und Raff. Mit Mitgliedern des Heckmann-Quartetts spielte sie mehrmals das Trio B-Dur von Anton Rubinstein op. 52, das Klavierquartett A-Dur op. 26 von Johannes Brahms sowie das Trio B-Dur op. 92 von Beethoven. Weiterhin kamen Werke von Friedrich Gernsheim, Friedrich Kiel, Haydn, Woldemar Bargiel und Robert Schumann zur Aufführung.

 

LITERATUR

AmZ 1863, Sp. 360; 1871, Sp. 189; 1872, Sp. 293

Bock 1863, S. 7; 1873, S. 71, 180; 1874, S. 37, 94, 116, 131, 164, 356, 412; 1876, S. 203, 406; 1879, S. 103; 1880, S. 55, 103

Deutsches Theater-Album 1863, S. 81

FritzschMW  1870, S. 238, 283, 290; 1871, S. 24, 748, 818, 836

Fürstlich Reuss-plauisches Amts- und Verordnungsblatt auf das Jahr 1842 [1843], S. 6

Musikalisches Centralblatt 1883, S. 453

NZfM 1862 I, S. 138; 1863 I, S. 152; 1864, S. 246; 1867, S. 12; 1870, S. 145; 1871, S. 45, 82, 138, 164, 185f., 234, 1872, S. 306; 1873, S. 37, 113, 534; 1874, S. 38, 181, 250, 476, 541f.; 1875, S. 122; 1876, S. 47, 249, 414, 432, 465, 522, 523; 1877, S. 8, 52, 126, 355, 373; 1880, S. 71; 1883, S. 504f., 546, 574; 1884, S. 208; 1886, S. 92; 1887, S. 37; 1888, S. 120; 1892, S. 8

Signale 1862, S. 264; 1863, S. 351; 1871, S. 613, 633; 1872, S. 198, 883; 1873, S. 315, 472, 515, 526f., 665, 730; 1881, S. 189; 1888, S. 182f.

Mendel

Prüfungsprotokolle des Leipziger Konservatoriums 1849–1862 A, II.1/2, http://www.slub-dresden.de/sammlungen/digitale-sammlungen/werkansicht/cache.off?tx_dlf[id]=17990, Zugriff am 23. März 2012.

Prüfungsprotokolle des Leipziger Konservatoriums 1863–1876 A, II.1/3, http://www.slub-dresden.de/sammlungen/digitale-sammlungen/werkansicht/cache.off?tx_dlf[id]=17991, Zugriff am 23. März 2012.

 

Jannis Wichmann

 

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