Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Pleyel,  Marie (Camille, Camilla) Félicité Denise, geb. Moke

* 4. Sept. 1811 in Paris, † 30. März 1875 in der Brüsseler Gemeinde Saint-Josse-ten-Noode, Pianistin, Klavierprofessorin und Komponistin. Ihre Mutter stammte aus Deutschland, ihr Vater, Professor für Linguistik in Paris, aus Belgien. Ihr älterer Bruder Henri, Historiker und Romanschriftsteller, wirkte als Professor an der Universität in Gent. Früh zeigte sich Marie Pleyels musikalische Begabung, so dass sie bereits ab dem vierten Lebensjahr Klavierunterricht bei Jacques Herz (1794–1880) bekam. Auch Ignaz Moscheles (1794–1870) und später Friedrich Kalkbrenner (1788–1849), bei dem sie ihre musikalische Ausbildung abschloss, zählten zu ihren Lehrern. Kalkbrenner verdankte sie unter anderem die Klarheit ihrer Spielweise: „Elle devint élève de Kalkbrenner, à qui elle fut redevable des parfaites traditions de l’école de Clementi, de l’égalité d’aptitude des deux mains et de la clarté qui, depuis lors, sont au nombre des qualités de son merveilleux talent“ („sie wurde Schülerin von Kalkbrenner, durch den sie sich die Eigenschaften von Clementis Schule gänzlich aneignete, das gleichmäßige Beherrschen beider Hände und die Klarheit des Spiels, Fähigkeiten, die seitdem zu ihrem wundervollen Können zählten“, Fétis 1875, S. 79). Im Alter von knapp 14 Jahren beeindruckte sie in Brüssel mit Kalkbrenners Klavierkonzert Nr. 1 in d-Moll op. 61.

Nach einer kurzzeitigen Verlobung mit Hector Berlioz heiratete sie im Jahre 1831 den 23 Jahre älteren Camille Pleyel (1788–1855), Sohn des österreichischen Komponisten und Klavierfabrikanten Ignaz Pleyel (1757-1831). Aus der Ehe, die nach vier Jahren wieder aufgelöst wurde, ging eine Tochter hervor.

Nach Konzerten in Hamburg und Berlin 1836 zog sich Marie Pleyel zunächst für zwei Jahre aus der Öffentlichkeit zurück, um sich auf ihre musikalische Weiterbildung zu konzentrieren. In den Jahren 1838 bis 1874 bereiste sie viele europäische Städte, in denen sie mit großem Erfolg Konzerte gab. Ihre Reise führte sie, nach einem längeren Aufenthalt in St. Petersburg 1838, nach Leipzig, wo sie Mendelssohn begegnete. In Wien machte sie die Bekanntschaft mit Liszt, mit dem sie gemeinsam konzertierte. Im Anschluss an ihre Wienreise ließ sie sich in Brüssel nieder, um sich erneut musikalischen Studien zu widmen und um ihrem Klavierspiel das Ausmaß an Klangfülle, das sie zuvor bei Thalberg beeindruckt hatte, zu verleihen.

Im Jahre 1845 trat sie in Paris auf, nachdem sie dort zehn Jahre nicht mehr zu hören gewesen war. Sie spielte im Rahmen eines musikalischen Abends im Saal des Klavierfabrikanten Henri Pape. Weitere Konzerte folgten im Théâtre-Italien. Nach einer kurzen Unterbrechung ihrer Konzerttätigkeit aus familiären Gründen wurde sie vom Komittee des Beethovenfestes nach Bonn eingeladen. Im Jahre 1846 setzte sie ihre Konzertreise nach England fort und trat zunächst in Dublin auf. Für das Konzert in London wählte sie Webers Konzertstück in f-Moll op. 79 für Klavier und Orchester, mit dem sowohl Mendelssohn auf seinem ersten Konzert in London im Jahre 1829 als auch Liszt im Jahre 1840 aufgetreten waren. Zwischen den Jahren 1846 und 1855 bereiste sie London insgesamt viermal.

Im Jahre 1848 trat sie ihr Amt als Professorin für Klavier am Brüsseler Konservatorium an, wo sie die „classe pour demoiselles“ unterrichtete. Auch als Klavierlehrerin machte sie sich fortan einen Namen. Liszt betonte ihren besonderen Rang: „Il existe des pianistes très-habiles qui se sont ouvert des routes particulières, et qui obtiennent de brillants succès par les choses qui leur sont familières; mais il n’y a qu’une seule école appropriée à l’art, dans toute son extension: c’est celle de madame Pleyel“ („es gibt sehr geschickte Pianisten, die ganz bestimmte Wege eingeschlagen haben, und mit dem, was ihnen vertraut ist, großen Erfolg erzielen. Aber es gibt nur eine Schule, die sich die Kunst in ihrer ganzen Breite angeeignet hat: nämlich die der Madame Pleyel“, zit. nach Fétis 1875, S. 80). Viele ihrer Schülerinnen beendeten ihr Studium mit einem ersten Preis.

Während eines gemeinsamen Konzerts in Paris im Sept. 1855 trat ihre Tochter als Sängerin auf. Sie verstarb unerwartet im Jan. 1856. Einer viermonatigen Konzertreise durch Frankreich im Apr. desselben Jahres folgten Reisen in die Schweiz, nach Italien und Deutschland. Anfang der 1860er Jahre zeichnet sich ein deutlicher Rückgang ihrer Auftritte ab, die von da an weitgehend in privatem Rahmen stattfanden. Aus gesundheitlichen Gründen gab Marie Pleyel im Jahre 1872 ihre Tätigkeit als Professorin am Brüsseler Konservatorium auf.

Die Konzertkritiken waren insgesamt positiv. Häufig wurde sie mit den großen Virtuosen ihrer Zeit verglichen. So urteilt beispielsweise Marmontel: „Ihr Spiel hat Kalkbrenners Klarheit, Chopins Sensibilität, die durchgeistigte Eleganz von Herz und den hinreißenden Schwung von Liszt“ (zit. nach Schonberg 1963, S. 195). Von „Le Monde musical“ als „un de nos plus grands pianistes“ bezeichnet („einer unserer größten Pianisten“, zit. nach Ellis 1997, S. 375), spielte sie selbst mit Geschlechteridentitäten und unterzeichnete Briefe mit „un ami“.

Einige Rezensionen spiegeln die in der Gesellschaft dieser Zeit vorherrschende geschlechtstypische Wahrnehmung wider: „Ses mains délicates ont acquis la puissance sonore qui semble ne pouvoir appartenir qu’à la force musculaire de l’homme […] c’est un charme irrésistible, une grâce simple et naturelle, une richesse inépuisable de traits fins et délicats […] où la verve et l’énergie tiennent plus de l’homme que de la femme, où le charme, la délicatesse et la grâce rivalisent avec la puissance“ („ihre feinen Hände haben die klangliche Fülle entwickelt, die der Muskelkraft des Mannes vorbehalten scheint […], das ist unwiderstehlicher Charme, einfache und natürliche Anmut, unerschöpflicher Reichtum an feinen und delikaten Linien […], wo Schwung und Kraft eher männlich als weiblich scheinen, wo der Charme, die Feinheit und die Anmut mit der Kraft wetteifern“, RGM 1848, S. 51f.).

Zu ihrem breit gefächerten Repertoire zählten neben dem Klavierkonzert Nr. 1 in g-Moll op. 25 von Mendelssohn, dem Klavierkonzert Nr. 3 in h-Moll op. 89 von Hummel, dem Konzertstück in f-Moll op. 79 von Weber sowie dem Klavierkonzert Nr. 3 in c-Moll von Beethoven Werke von Schubert, Chopin, Prudent, Kalkbrenner, Rossini, Moscheles, Meyerbeer, Liszt, Thalberg, Dreyschock, Litolff und Heller.

Chopin widmete ihr seine Trois Nocturnes op. 9, Kalkbrenner seine Fantaisie et variations sur une mazourka de Chopin op. 120 und Liszt seine Réminiscences de Norma sowie die Tarantelle di bravura d’après la Tarantelle de „La muette de Portici“ d’Auber.

 

WERKE FÜR KLAVIER

Rondo parisien pour piano op. 1; Fantasie über ein Motiv von Weber’s Preciosa, Andante

 

LITERATUR

FM 1856, S. 7

FritzschMW 1871, S. 670

Leipziger Illustrirte Zeitung 1846, S. 204

NZfM 1835 II, S. 120, 180, 196

Le pianiste 1833/34, S. 43

RGM 1839, S. 574; 1845, S. 38, 105f.; 1848, S. 51f.; 1855, S. 299

Signale 1872, S. 459

Katharine Ellis, „Female Pianists and Their Male Critics in Nineteenth-Century Paris, in: Journal of the American Musicological Society 2–3 (1997), S. 353–385.

Therese Ellsworth, „Women Soloists and the Piano Concerto in Nineteenth-Century London, in: Ad Parnassum: A Journal of Eighteenth and Nineteenth Century Instrumental Music 1 (2003), S. 21–49.

Gathy 2, Becker, Schla/Bern, Mendel, Mendel Suppl., Riemann 1, Fétis, Brown Bio, Baker 5, Michel/Lesure Ency Mus, MGG 1, New Grove 1, Grove 5, MGG 2000, New Grove 2001

Eduard Hanslick, Geschichte des Concertwesens in Wien, 2 Bde., Bd. 1, Wien 1869, Repr. Hildesheim [u. a.] 1979.

Paul Raspé, „Marie Pleyel et la classe de piano pour demoiselles“, in: Mélanges d’histoire du Conservatoire royal de Bruxelles 1 (2007), S. 73–132.

Harold C. Schonberg, Die großen Pianisten. Eine Geschichte des Klaviers und der berühmtesten Interpreten von den Anfängen bis zur Gegenwart, Bern [u.a.] 1965.

Jenny Kip, „Mehr Poesie als in zehn Thalbergs. Die Pianistin Marie Pleyel (1811–1875) (= Schriftenreihe des Sophie Drinker Instituts 7), Oldenburg 2010.

 

Bildnachweis

Katherine Kolb Reeve, „Primal Scenes, Smithson, Pleyel, and Liszt in the Eyes of Berlioz, in: 19th-Century Music 3 (1995), S. 233 [Courtesy of the Musées de la ville de Strasbourg].

 

Jenny Kip

 

© 2009 Freia Hoffmann