Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Rieffel, Amalie Wilhelmine Magdalena, Amalia, verh. Wage

* 1822 in Flensburg (damals Dänemark), † 10 Aug. 1877 in Hamburg, Pianistin. Als Tochter des Flensburger Organisten und Komponisten Wilhelm Heinrich Rieffel (1798–1869) erhielt sie ersten Musikunterricht von ihrem Vater, der sie nachdrücklich förderte und, wie die Neue Zeitschrift für Musik pointierte, „sein Leben an diese Tochter gesetzt zu haben behaupten darf“ (NZfM 1837 I, S. 81). In ihrer Heimatstadt trat sie erstmals 1832 öffentlich auf. Vier Jahre später wandten sich Vater und Tochter nach Hamburg, um die junge Musikerin bei Friedrich Wilhelm Grund (1791–1874) und Jakob Schmitt (1799–1853) weiter ausbilden zu lassen. In der Hansestadt spielte sie nicht nur in Privatzirkeln, sondern am 11. Febr. 1837 auch in einem der Philharmonischen Konzerte. Schon zu dieser Zeit glaubte die „Neue Zeitschrift für Musik“, die die Veranstaltung besprach, von Amalia Rieffel behaupten zu können, „daß sie bei ausgezeichneten Anlagen und bereits in hohem Grade vorgeschrittener mechanischer Ausbildung zu nicht geringen Erwartungen berechtigt“ sei (ebd.). In Hamburg traf sie auch erstmals mit Clara Wieck zusammen – die Begegnung verlief allerdings unbefriedigend.

1838 ging Amalie Rieffel zunächst nach London, um sich ab 1839 für ein paar Monate in Kopenhagen aufzuhalten. Dort spielte sie mehrere Konzerte; bei einem lernte sie im Okt. 1839 den Dichter Hans Christian Andersen kennen, der sie und ihren Vater später auch in Flensburg besuchte. In Kopenhagen verkehrte sie zudem mit dem Bildhauer Bertel Thorwaldsen und den Komponisten Niels W. Gade und J. P. E. Hartmann. Von Aug. 1840 bis zum Frühjahr 1842 hielt sie sich, begünstigt durch ein Reisestipendium des dänischen Königs Friedrich VI., in Leipzig auf und machte die Bekanntschaft Felix Mendelssohns und Robert Schumanns. Der in ihren Tagebüchern geradezu angehimmelte Mendelssohn gab ihr die Möglichkeit, in den von ihm geleiteten Gewandhauskonzerten aufzutreten, wo sie im 8. Abonnementkonzert Thalberg, Henselt und Chopin spielte. Die ortsansässige „Allgemeine musikalische Zeitung“ rezensierte den Auftritt der jungen Künstlerin einigermaßen positiv. Ehrenvoll sei Amalie Rieffels lebhafte Anerkennung durch das Publikum gewesen, „welche ihrem Spiele allgemein, besonders nach dem Vortrage des Konzertstücks von Thalberg, zu Theil wurde und mit welcher wir selbst vollkommen übereinstimmen. Vorzügliches Lob verdienen der gleichmässige elastische Anschlag und die schon sehr bedeutende technische Ausbildung der jungen Künstlerin, wogegen ihrem Spiele zur Zeit noch Kraft und Energie, auch dem Vortrage jene Ruhe und Sicherheit fehlt, die freilich nicht durch vollkommenste technische Ausbildung allein, sondern nur durch Zeit und öfteres öffentliches Auftreten erlangt werden kann“ (AmZ 1840, Sp. 1072). Zusammengenommen erscheint die Künstlerin hier zwar als technisch hochversiert, aber noch zu temperamentvoll und unruhig gestaltend. Virtuosenmusik à la Thalberg funktioniere hervorragend, für Chopin allerdings fehle die Reife. Robert Schumann urteilt in der „Neuen Zeitschrift für Musik“ eher zögerlich: „Nach ihrem ersten Auftreten sich einen Schluß auf ihre ganze Kunstfertigkeit zu bilden, würde der jungen Künstlerin wohl selbst am unliebsten sein, so aufmunternd auch der große Beifall für sie gewesen sein muß, den sie namentlich nach dem Stück von Thalberg erhielt. Sie leistet aber bei weitem mehr, wie der Berichterstatter privatim erfahren hat; ihre Fertigkeit ist sehr groß, ihr Vortrag eigenthümlich, oft poetisch, wie sie denn ihre Kunst überhaupt mit ganzer Hingebung verfolgt und mit einem eisernen Willen, der ihr trotz eines beinahe ungestümen Künstlertemperaments eigen geblieben. Von letzterem zeigte sich wohl am meisten in den Etuden [Poëme d’amour von Henselt und Etüde in cis-Moll von Chopin], die sie in unerhörter Schnelligkeit nahm, wobei denn freilich manches verloren ging“ (NZfM 1840 II, S. 208).

Wie Schumann hier berichtet, kannte er Amalie Rieffel auch privat. Vater und Tochter hatten sich ihm zunächst brieflich vorgestellt. Am 6. Aug. 1840 kam es zur ersten persönlichen Begegnung; die Dänen besuchten den noch wenig bekannten Komponisten in seiner Wohnung. In ihren Tagebuchnotizen berichtet Amalie Rieffel, sie sollte dem Komponisten eine nicht näher bezeichnete Ballade – aus späteren Berichten ist zu schließen, dass es sich um Chopins op. 23 g-Moll handelte – vorspielen: „Schumann rief bald nach den ersten Reihen aus: ‚Schön, wirklich sehr schön! Herrlich nuanciert‘“ (Rieffel 1902, S. 5f.), und widerspricht damit allen folgenden Leipziger Rezensionen – nota bene auch seiner eigenen. Seiner Braut schildert Schumann den Besuch wie folgt: „Gestern war auch Rieffel mit seiner Tochter da und scheinen sich sehr auf mich zu stützen. Das Mädchen verwand kein Auge von mir; sie scheint sehr gutmüthig u. will den Winter hier bleiben. Wir wollen uns ihrer annehmen“ (Brief vom 7. Aug. 1840). Ein paar Tage später legt er nach: „Die Rieffel hörte ich gestern, hat mich sehr interssirt. Es griff mich an“ (Brief vom 10. Aug. 1840). Amalie Rieffel wurde Schülerin Schumanns. Dieser ließ sich oft seine Phantasiestücke op. 12 von ihr vorspielen und bemerkte zu Nr. 1 („Des Abends“): „I, das habe ich mir anders gedacht, aber bleiben Sie dabei, so gefällt es mir besser“ (zit. nach Jansen, S. 228, der sich auf einen bisher unveröffentlichten Teil der Rieffelschen Tagebücher bezieht). Mögliche Selbstverherrlichung seitens der Aufzeichnungen der jungen Musikerin in Rechnung gestellt, zeigen doch auch Briefwechsel und Ehetagebücher der Schumanns Roberts Wertschätzung. Postalisch berichtet er, dem Klavierspiel der Rieffel „fehlt wohl noch die Grazie, der feine Ausdruck; auch spielt sie nur wenig Stücke, doch diese gut, eigenthümlich und mit ganzem Interesse“ (Brief vom 21. Aug. 1840), zudem sei sie „ein gemüth- und charaktervolles Mädchen, das sich auch in der Musik so ausspricht“ (Ehetagebücher, S. 17). Bleibender Beweis für Robert Schumanns Sympathie ist die Dedikation seines op. 32 an Amalie Rieffel.

Clara Wieck urteilte weitaus skeptischer. Daran mag nicht nur die problematische Hamburger Begegnung schuld gewesen sein, sondern auch eine gewisse Eifersucht, mit der sie die Beziehung ihres Verlobten zu der jungen Frau beobachtete. Möglicherweise übersensibilisiert kritisiert sie in den Ehetagebüchern sowohl Amalie Rieffels charakterliche Defizite – „sie ist in einer fürchterlich aufgeregten Stimmung immer […] ganz exaltiert“ (Ehetagebücher, S. 32) – als auch pianistische Mängel, die sie als Ausfluss einer extremen Persönlichkeitsstruktur auffasst, nachdrücklich: „So excentrisch ihr Wesen, so auch ihr Spiel. Eine Unruhe ist in dem Spiel, daß Einem Angst und Bange wird. Sie hat ganz bedeutende Fertigkeit, studiert fleißig, das hört man, sie hat auch Ausdruck, wenn einmal ein ruhiger Moment über sie kömmt, was freilich selten, sie eilt aber Alles so, sie fliegt so über die Tasten hinweg, daß auch nicht ein Ton wie der Andere ist, und die Finger eine merkwürdige Ungleichheit im Anschlag bekommen haben. Ich hab ihr dies Alles gesagt, doch glaub ich, sie ist nie zu curieren – wie ihr Inneres beispiellos unruhig ist, so auch jeder ihrer Finger“ (Ehetagebücher, S. 36).

Clara Wieck referiert damit punktgenau die Eigenschaften an Amalie Rieffels Klaviertechnik, die auch die Presse negativ hervorhob. Letztere unterstreicht anlässlich eines Euterpe-Konzerts 1841 noch einmal ihre anfängliche Einschätzung und schreibt von „seltener technischer Rundung und Sicherheit“ sowie „einer ihr eigen erscheinenden Lebendigkeit des Vortrags, die sie wohl auch bisweilen Einzelnes mit einem Feuer ergreifen läßt, das etwas zu hastig aufflackert, um nicht im Verlauf etwas von seiner Gluth zu verlieren“ (NZfM 1841 I, S. 39). Zudem spiele sie „nicht ganz sauber, und übereilt, im Ganzen aber immer anerkennenswert“ (NZfM 1841 I, S. 90). Am Ende desselben Jahres stellte sich bereits eine gewisse Übersättigung an der Rieffelschen Technik und Programmgestaltung ein, die Pianistin möge „auch Anderes spielen, als Kalkbrenner’sche, Herz’sche Perlschnürchen oder Thalberg’sche Zauberkünste“ (NZfM 1841 II, S. 196).

Nachdem sie Leipzig verlassen hatte, ging Amalie Rieffel auf Konzertreise nach Schweden, Norwegen und abermals nach Dänemark. Ab 1844 wohnte sie für mehrere Jahre im schwedischen Christiania (dem späteren Oslo), wo sie landesfremde Künstler unterstützte und mehrfach vor der königlichen Familie spielte. 1848 konzertierte sie in Lund und besuchte 1849 erneut Leipzig. Im Jahr 1850 heiratete sie den Hamburger Kaufmann F. C. L. Wage, beendete ihr öffentliches Auftreten und wirkte nur noch in privaten Zirkeln.

 

LITERATUR

[Amalie Rieffel,] Aus den Tagebüchern einer Künstlerin, hrsg. von Julius Schlotke, Bremen 1902.

[Amalie Rieffel,] Pro memoria. Dem Wohlwollen gewidmet, o. O., o. J. [Flensburg 1868].

Brief Clara Schumanns an Amalie Rieffel vom 10. Dez. 1840, Heinrich-Heine-Institut Landeshauptstadt Düsseldorf, Nr. 65.2027.

Clara und Robert Schumann, Briefwechsel. Kritische Gesamtausgabe, hrsg. von Eva Weissweiler, 3 Bde., Bd. 3, Basel u. Frankfurt a. M. 2001.

Robert und Clara Schumann, Ehetagebücher 1840–1844, hrsg. von Gerd Nauhaus und Ingrid Bodsch, Bonn u. Frankfurt a. M. 2007.

Paul Ehlers, „Aus den Tagebuchaufzeichnungen einer Künstlerin aus den vierziger Jahren“, in: FritzschMW 1900, S. 179f., 198f., 214f., 226f.

AmZ 1840, Sp. 1072; 1841, Sp. 257

AWM 1843, S. 494

Castelli 1838, S. 116

Fritzsch MW 1877, S. 572

Musical Opinion & Music Trade Review 1886, S. 181

Musical World 1885, S. 796f.

NZfM 1837 I, S. 81; 1838 I, S. 60; 1838 II, S. 192; 1839 II, S. 164; 1840 II, S. 72; S. 207f.; 1841 I, S. 39, 90; 1841 II, S. 196; 1843 II, S. 72; 1844 I, S. 100; 1848 I, S. 48; 1849 I, S. 155

Signale 1855, S. 325; 1877, S. 743

F. Gustav Jansen, Die Davidsbündler. Aus Schumann’s Sturm- und Drangperiode, Leipzig 1883.

Hans Peter Detlefsen, Musikgeschichte der Stadt Flensburg bis zum Jahre 1850, Flensburg 1961.

Birthe Mein, Hans Christian Andersen in Flensburg , in: slesvigland 1986, Nr. 4, S. 100-104, http://www.slesvigland.dk/pdf/1986-04.pdf, Zugriff: 24. März 2010.

Nancy B. Reich, Clara Schumann. Romantik als Schicksal, Reinbek bei Hamburg 21997.

Wolfgang Held, Clara und Robert Schumann. Eine Biographie, Frankfurt a. M., Leipzig 2001.

Monica Steegmann, Clara Schumann, Reinbek bei Hamburg 2001.

Anna Harwell Celenza, Hans Christian Andersen and music. The nightingale revealed, Aldershot 2005.

Wolfgang Seibold, Familie, Freunde, Zeitgenossen. Die Widmungsträger der Schumannschen Werke (Schumann-Studien Sonderband 5), Sinzig 2008.

 

Bildnachweis

Amalie Rieffel, Brustbild, Sammlung Manskopf, http://edocs.ub.uni-frankfurt.de/volltexte/2003/7902017/, Zugriff am 30. Mai 2010.

 

Markus Gärtner

 

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