Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Stadler, Hermine (von)

Lebensdaten unbekannt, österreichische Pianistin. Nach ihrem Debüt am 12. Dez. 1863 blieb sie bis mindestens 1869 im Wiener Musikleben präsent, häufig im Salon des Klavierfabrikanten Ehrbar, aber auch im Musikvereinssaal konzertierend, zunehmend mit Resonanz auch in der überregionalen Presse. Die „Neue Zeitschrift für Musik“ beschreibt ihr Spiel als „schon jetzt äußerlich wie innerlich fertig. Es erstreckt sich vom gut phrasirten und verständnisvollen Accentuiren reingesanglicher Stellen bis zum Betonen aller harmonisch-rhythmisch-contrapunctischen Einzelmomente und bis zu klarem Hinstellen des musikalischen Gesammtbildes“ (NZfM 1865, S. 306). Die Wiener „Neue Freie Presse“ attestierte ihr „einen elastischen Anschlag, bedeutende Geläufigkeit und einen lebhaften, unaffectirten, nur hin und wieder etwas überstürzenden Vortrag“ und prophezeite: „Sie kann eine der besten Clavierspielerinnen werden eine der hübschesten ist sie bereits“ (Neue Freie Presse 13. Apr. 1865). Etikettierungen wie „sehr niedliche Pianistin“ (Bock 1865, S. 125), „junge, anmuthige Pianistin“ (Neue Freie Presse 14. Jan. 1868), „liebliche Erscheinung“ (Wiener Zeitung 14. Jan. 1868) und „die schmuckste in der Residenz“ (Wiener Zeitung 7. Dez. 1869, S. 830) durchziehen ihre Presse. Die lobende Bemerkung der „Neuen Zeitschrift für Musik“, sie habe „von Beethoven’schem und Anderweitigem, das mehr in die Mannessphäre hineinspielt, diesmal Umgang genommen“ zeigt, dass ihre Wahrnehmung nicht frei war von Erwartungen und Zuschreibungen, die ihre männlichen Kollegen nicht zu berücksichtigen hatten.

Stadlers Klavierrepertoire konzentrierte sich auf Joh. Seb. Bach, Schubert, Schumann, Chopin und Mendelssohn, gelegentlich erweitert durch Kompositionen von Zeitgenossen wie Edmund Kremser, Theodor Kirchner, Ernst Rudorff und Hermann Starcke. Häufig ergänzte sie ihre Programme durch Kammermusik (Mendelssohn: Quartett h-Moll op. 3, Bargiel: Klaviertrio F-Dur op. 6, Robert Schumann: Klaviertrio d-Moll op. 63, Mendelssohn: Violoncellosonate B-Dur op. 45).

Am 4. Dez.1869 veranstaltete Hermine Stadler im Kleinen Redoutensaal ein eigenes Konzert, das in der Presse teilweise unfreundlich kommentiert wurde. Insbesondere das Urteil des Wiener ‚Kritikerpapstes‘ Eduard Hanslick in der „Neuen Freien Presse“ hat die Pianistin möglicherweise von weiteren Auftritten in Wien Abstand nehmen lassen: „Wir haben die anmuthige junge Pianistin schon vor mehreren Jahren nicht allzu schwere Compositionen recht hübsch vortragen gehört. Leider wählte sie diesmal das Allerschwierigste: Chopin’s E-moll-Concert. Fräulein Stadler hatte mit der nothdürftigen Bewältigung der technischen Aufgabe so vollauf zu thun, daß an eine freie, poetische Beseelung des Inhaltes gar nicht zu denken war. Auch den ‚Davidsbündler-Tänzen‘, von Schumann, zeigte sich Fräulein Stadler weder technisch noch geistig gewachsen. Es gehört gewiß schon eine bedeutende Kraft und Fertigkeit dazu, um solche Stücke überhaupt ohne Anstoß durchzuführen; aber wer in Wien als Concertgeber auftritt, muß auf höhere Anforderungen gefaßt sein“ (Neue Freie Presse 8. Dez. 1869).

1870 reiste Hermine Stadler nach Dresden, um sich bei dem Liszt-Schüler und Dirigenten Adolf Blassmann (1823–1891) weiter auszubilden zu lassen. Die „Neue Zeitschrift für Musik“ berichtet im Nov. 1870 von einem Konzert in Halle, wo sie u. a. das Klavierkonzert c-Moll op. 37 von Beethoven aufführte. In der Saison 1877/78 spielte „die Pianistin Stadler aus Wien“ (NZfM 1877, S. 480) in Graz das Konzert in Es-Dur Searle 127 von Liszt, allerdings vor einem Publikum, das nach Ansicht des Rezensenten für den Weimarer Komponisten „noch nicht reif zu sein scheint“ (NZfM 1878, S. 50). Die Leistung der Musikerin fand indes seine volle Zustimmung, diesmal auch unter Anerkennung ‚männlicher‘ Eigenschaften: „Diese Pianistin vereinigt wie Wenige hingebende Auffassung der Tonwerke mit bedeutender Technik und geistreicher Phrasirung. Sie weiß jedem Tondichter seine Individualität abzulauschen und schließlich mit der eigenthümlichen Farbe ihrer subjectiven Empfindung zu beleben. Dabei hat ihre Wiedergabe etwas männlich Ernstes; der Ton zarter Plauderei geht ihr vielleicht ab, was aber ein Verschmähen jeder rein äußerlichen Coketterie im Gefolge trat [sic]; der Anschlag ist reich, voll und kräftig, der Vortrag spezifisch seelischer Tongedichte so tief tiefgefühlt und wahr, daß es den Hörer im Innersten ergreift und fortreißt“ (NZfM 1878, S. 49f.).

Ein weiteres Konzert in Graz war der Kammermusik gewidmet. Neben Solowerken von Adolf Blassmann, Mozart und Schumann-Liszt kamen die Violoncellosonate e-Moll von Brahms und ein Klaviertrio von Richard Sahla zur Aufführung.

Weitere Informationen über den Lebensweg von Hermine Stadler fehlen.

 

LITERATUR

Blätter für Musik, Theater und Kunst 1865, 7. Febr.; 1868, 14. Jan.

Bock 1865, S. 125f.; 1868, S. 31

Die Grenzboten. Zeitschrift für Politik, Literatur und Kunst 1870, S. 459

Neue Freie Presse [Wien] 1865, 13. Apr.; 1866, 17., 25. März; 1868, 14. Jan., 17. Apr.; 1869, 8. Dez.

Neues Fremden-Blatt [Wien] 1869, 8., 16. Dez.

NZfM 1864, S. 217; 1865, S. 165, 305f.; 1866, S. 297; 1867, S. 134; 1868, S. 164, 250; 1869, S. 163, 423, 441f.; 1870, S. 421; 1877, S. 480; 1878, S. 49f., 57

Die Presse [Wien] 1863, 15. Dez.; 1868, 17. Apr.; 1869, 15. Dez.

Recensionen und Mittheilungen über Theater und Musik 1865, S. 93

Das Vaterland [Wien] 1868, 10., 22. Jan.

Wiener Sonn- und Montags-Zeitung 19. Jan. 1868

Wiener Zeitung 1863, 11. Dez.; 1867, 21. Dez.; 1868, 8., 14. Jan., 10. März, 14., 23. Apr.; 1869, 7. Dez.; 1870, 10.Nov.

Eduard Hanslick, Geschichte des Concertwesens in Wien, 2 Bde., Bd. 1, Wien 1869.

 

Freia Hoffmann

 

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