Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Candeille, Amélie-Julie, Emilie, (verh. Delaroche, verh. Simons, verh. Perié)

* 31. Juli 1767 in Paris, † 4. Febr. 1834 in Paris, Clavierspielerin, Harfenistin, Sängerin, Komponistin und Schauspielerin. Ihr Vater war der Opernkomponist Pierre-Joseph Candeille (1740–1806). Von ihm wurde sie unterrichtet und als Wunderkind präsentiert. Bereits im Alter von fünf Jahren führte sie mit ihrem Vater bei einem Konzert ein Duett auf, bei dem sie sang. Später hatte sie Klavierunterricht bei dem Cembalisten Holaind, Nicolas Séjan d. Ä. und kurze Zeit bei Nicolas-Joseph Hüllmandel (1751–1823). Schon in früher Kindheit organisierte ihr Vater ClavierschülerInnen für seine Tochter. Als sie neun Jahre alt war, stellte er sie in den musikalischen Salons vor. Sie spielte vor Christoph Willibald Gluck, Madeleine-Sophie Arnould und Charlotte-Jeanne de Montesson. „Partout elle obtint un prodigieux succès comme claveciniste“ („Sie errang überall als Cembalistin außerordentlichen Erfolg, Aillaud, 3. Nov. 1923). Bei Madeleine-Sophie Arnould konkurrierte die Neunjährige – zunächst ohne es zu wissen – mit dem jungen Mozart, mit dem sie abwechselnd vorspielte. 1779 gab sie ihr Debut als Sängerin in einem kleinen Theater. Im Alter von 13 Jahren ließ sie sich als Sängerin, Harfenistin, Pianistin und Komponistin vor dem König hören. 1781 – mit 14 Jahren – wurde sie als Kammersängerin bei der königlichen Oper in Paris angestellt. 1782 debütierte sie hier als Opernsängerin in der Oper Iphigénie en Aulide von Gluck. Da sie als Sängerin nicht den erhofften Erfolg erzielte, wandte sie sich wieder stärker dem Clavierspiel zu. Am 15. Aug. 1783 trat sie erstmalig im Concert Spirituel als Pianistin auf mit je einem Konzert von Clementi und Schobert, in den folgenden Jahren auch zunehmend als Interpretin ihrer eigenen Werke. Die Zeitschrift „Mercure“ schrieb über das Konzert der jungen Amélie-Julie Candeille in der Académie royale de musique 1783 auf dem damals neuartigen Hammerklavier, welches aufgrund seines leisen Klanges kaum für Konzertsäle geeignet war: „Cette jeune virtuose est extrêmement bonne musicienne; elle a la main très brillante, l’exécution perlée, beaucoup de goût et de précision; elle a été fort applaudie, quoique cet instrument fasse, en général, peu d’effet au concert“ („Diese junge Virtuosin ist eine außergewöhnlich gute Musikerin; sie verfügt über brillante Fingerfertigkeit, perlenden Anschlag, viel Geschmack und Präzision; sie errang großen Beifall, obwohl dieses Instrument im Allgemeinem im Konzert wenig Effekt machtPougin, S. 365). Über das Programm hinaus spielte sie auf Wunsch des Publikums „des petits airs […] avec tout l’agrément possible“ („kleine Stücke [...] mit allen möglichen Verzierungen, Pierre, S. 189). 1784 präsentierte sie ihr Konzert in D-Dur beim Concert Spirituel, und 1786 führte sie die von ihr komponierte Symphonie Concertante für Clavier, Klarinette, Fagott, Horn und Orchester auf.

Von 1785 bis 1790 war sie Schauspielerin bei der Comédie Française, wo sie im Rahmen der Aufführungen auch Harfe spielte. 1790 wechselte sie zum Theâtre du Palais-Royal. 154 Mal trat sie mit ihrer autobiographisch gefärbten Komödie Catherine, ou La belle fermière auf, zu der sie Text und Musik geschrieben hatte. Auf der Bühne spielte sie die Hauptrolle, sang und begleitete sich auf der Harfe und auf dem Clavier. Ihr Einakter Bathilde, den sie 1793 uraufführte und in dem sie zusammen mit dem Cellisten Baptiste l’aîné ein Duett musizierte, war weniger erfolgreich. Um 1794 verheiratete sie sich mit dem Militärarzt Louis-Nicholas Delaroche. Ihr nächstes Bühnenwerk, La Bayadère, wurde ebenfalls kein Erfolg. Ab 1796 bereiste sie Holland und Belgien, in Theatern und auf Konzerten auftretend. Unter anderem gab sie im Nov. 1796 in Brüssel ein Solo-Konzert sowie ein Konzert gemeinsam mit dem Sänger Pierre-Jean Garat. In Brüssel traf sie den Wagenbauer Jean Simons, den sie 1798 – nach der Scheidung von ihrem ersten Ehemann – heiratete. In den folgenden Jahren zog sie sich aus der Öffentlichkeit zurück und kümmerte sich um die Geschäfte ihres Mannes. 1802 kam es zur Trennung. Sie ging nach Paris zurück und gab dort zehn Jahre lang Clavierunterricht, um sich und ihren Vater zu versorgen. In einer Zeitung annoncierte Julie Candeille: „Zwei Mal in der Woche erteilt Mme Simons Unterricht in ihrem Haus an junge Personen. Nach Übereinkunft mit den Eltern […] ergänzt sie ihre Clavierstunden durch die Grundzüge der Vortragskunst und einige Elemente aus Geschichte und Literatur“ (zit. nach Schweitzer, S. 185). Darüber hinaus publizierte sie Musikalien, Essays und Novellen. Sie komponierte eine komische Oper, Ida, ou L’orpheline de Berlin, die auf der Biographie ihrer Zeitgenossin → Stéphanie du Crest de Genlis basierte, wiederum mit wenig Erfolg. Mehr Erfolg hatte sie mit der Veröffentlichung von leichten kleinen Klavierliedern und Romanzen. Als Napoleon-Gegnerin musste sie während der Hundert Tage nach London fliehen. Auch dort unterrichtete sie und konzertierte u. a. mit Cramer, Viotti und Lafont. 1816 kehrte sie gesundheitlich angeschlagen nach Paris zurück und bekam zusammen mit ihrem Vater von der Regierung eine Pension. Wieder gab sie Clavierunterricht. Sie heiratete 1822 den Maler Hilaire-Henri Périé, nachdem ihr zweiter Mann gestorben war, und begleitete ihn nach Nîmes. 1831 erlitt sie einen Schlaganfall, von dem sie sich nie wieder richtig erholte. 1833 starb ihr dritter Ehemann. Sie kehrte nach Paris zurück, wo sie 1834 starb.

 

WERKE FÜR KLAVIER SOLO

Deux Sonates op. 4, Paris o. J.; Grande Sonate Es-Dur op. 5, Paris [1798]; Grande Sonate op. 6, Paris o. J.; Choix de morceaux détachés faciles et brillants, parmi lesquels se trouve la valse de Mozart, variée et exécutée par l’auteur au Concert Feydeau op. 7, Paris [1798]; Deux Grandes Sonates D, g op. 8, Paris [1798]; Chant religieux avec 8 variations, Paris [1808]; L’enfant fidèle, petite fantaisie à la portée d’une élève de 8 à 10 ans, suivie d’une grande fantaisie avec 6 variations sur un air très connu op. 10, Paris [1809]; 7 Variations sue l’Hymne de la Nativité, thème portugais, Paris [1810]; Fantaisie, Paris [1811]; Morceau de musique funèbre en l’honneur de Grétry [1813]; Nouvelle fantaisie facile et brillante sur une jolie romance de MM. Hoffmann et feu Solié op. 13, Paris um 1821; Grande Fantaisie suivie de variations sur l’air „Trempe ton pain“, Paris o. J.

 

KAMMERMUSIK MIT KLAVIER

Trois Sonates G, C, Es für Kl./Cemb. und V. ad. lib. Op. 1, Paris [1786]; Trio ou nocturne für Klavier, obl. V. und Vc, Paris [1815]

 

LITERATUR

Almanach musical VIII 1738, S. 291f.

CramerMag 1784, S. 31

Tablettes, Gerber 1, Chor/Fay, Gerber 2, Schilling, Michaud, Gaßner, Schla/Bern, Mendel, Fétis, Baker, EitnerQ, Abert, Frank/Altmann, Enciclopedia della Spettacolo Bd. 2, Rom 1954, Riemann 12, New Grove 1, Cohen, Meggett, Honegger, Hixon, GroveW, MGG 2000, New Grove 2001

Stéphanie Félicité Genlis, Memoires inédits de madame la comtesse de Genlis pour servir à l’histoire des dix-huitième siècle, Paris [u. a.] 1826.

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L. Aillaud, „Julie Candeille“, in: Chronique mondaine litteraire & artistique, 27. Okt., 3. Nov., 10. Nov., 24. Nov., 8. Dez., 29. Dez. 1923; 12. Jan. 1924.

Constant Pierre, Histoire du concert spirituel 1725–1790, Paris 1975.

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Claudia Schweitzer, „…ist übrigens als Lehrerinn höchst empfehlungswürdig“. Kulturgeschichte der Clavierlehrerin (Schriftenreihe des Sophie Drinker Instituts 6), Oldenburg 2008.

 

Bildnachweis

Julie Candeille ca. 1810, Stich von Coeuré nach Pierre-Paul Prud’hon, http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/a/a1/Julie_Candeille.jpg/200px-Julie_Candeille.jpg, Zugriff am 2. Jan. 2009.

 

Anja Herold

 

© 2009 Freia Hoffmann