Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Dessauer, Alice, verh. Dessauer-Grun, Dessauer-Grün, Grun

* vermutlich um 1865 in Deutschland, † 23. Febr. 1950 in London, Pianistin und Klavierlehrerin. Zwischen 1882 und 1884 war Alice Dessauer Studentin an der Königlichen Musikschule Würzburg. Am 22. Dez. 1882 wirkte sie in einem Konzert dieser Einrichtung mit und spielte darin Mendelssohns Klavierkonzert Nr. 1 g-Moll op. 25. Im Sept. 1884 wechselte die Pianistin an das Hoch’sche Konservatorium in Frankfurt a. M., wo sie das Studium in der Klavierklasse von Clara Schumann fortführte. Zur gleichen Zeit studierten dort u. a. Ottilie Braunfels, Anna CossmannFanny Davies, Caroline Geisler-Schubert, Amina Goodwin, Olga Neruda und Mathilde Verne. Letztere schreibt in ihren Memoiren über die Kommilitonin: „Alice Dessauer, another pupil present at my first lesson, was then a girl of about my own age, and she played, on that occasion, Chopin’s Polonaise in C sharp minor, also one of Mendelssohn’s Songs without Words. I have never heard, before or since, any pianist with a more exquisite touch; but she was highly nervous and never able to do herself justice in public“ (Verne, S. 34). Weitere zeitgenössische Quellen widerlegen die letzte Äußerung Mathilde Vernes. Schon während des Studiums bemerkt der Direktor des Konservatoriums, Bernhard Scholz, im Jahresbericht 1885/1886, dass Alice Dessauer zu jenen „Zöglingen zählt, die „bereits auswärts mit Erfolg concertirt“ (Jahresbericht des Hoch’schen Conservatoriums 1885/1886, S. 33) hätten. Nicht weniger erfolgreich war ihre Mitwirkung in den öffentlichen Prüfungskonzerten des Konservatoriums. Die Zeitschrift „Der Klavier-Lehrer“ berichtet über eines der Konzerte, das in der Zeit zwischen dem 18. und 22. Mai 1886 stattgefunden hat: „Frau Dr. Clara Schumann stellte aus ihrer Klasse ein reiches und bemerkenswerthes Kontingent. Besonders tüchtige und hervorragende Leistungen waren diejenigen der Damen Alice Dessauer und Katha Widmann und der Herren John Dykes und Leonhard Borwick. […] Die Darbietungen der bisher Genannten, zugleich die vorgeschrittensten der Anstalt, hoben sich beträchtlich über das Niveau des Schülerhaften und trugen in manchen Theilen sogar den Stempel der Künstlerschaft“ (Der Klavier-Lehrer 1886, S. 128). Am 21. Juni 1888 fand Alice Dessauers letzte Prüfung in Frankfurt statt. Sie spielte hierin Robert Schumanns Konzertstück für Klavier und Orchester G-Dur op. 92.

Nach dem Studium reiste die Pianistin nach England. Anfang des Jahres 1889 konzertierte sie mehrmals in Birmingham. Am 19. Jan. 1889 wirkte sie in einem privaten Konzert eines Mr. Bellini mit und hinterließ beim Publikum, so die „Musical Times“, insbesondere durch den Vortrag von Robert Schumanns Faschingsschwank aus Wien op. 26 „a great impression by the fervour, power, and brilliancy of her performance“ (MusT 1889, S. 89f.). Am 25. März des Jahres trat die Pianistin zusammen mit Adelina de Lara, die zu diesem Zeitpunkt noch Schülerin von Clara Schumann war, in dem Midland Institute Lecture Theatre auf. Das gemeinsame Programm enthielt u. a. Schumanns Andante und Variationen B-Dur op. 46. Beiden Musikerinnen bescheinigt ein Korrespondent der „Musical Times“ „technical qualities of a very high order, allied to keen musical sensibility, […] they created great enthusiasm by their playing“ (MusT 1889, S. 220).

Für die Jahre 1890 und 1891 lassen sich keine Auftritte Alice Dessauers belegen und auch danach war die Pianistin nur selten zu hören. Anfang des Jahres 1892 befand sie sich in Berlin, wo sie am 6. Febr. ein eigenes Konzert veranstaltete. Im März oder Apr. reiste sie erneut nach England. Es folgten Konzerte in Manchester (25. Apr.) und Bir­mingham (30. Apr.). Letzteres fand in den Edgbaston Assembly Rooms statt und wurde von Mr. und Mrs. Belliss veranstaltet. Es war darauf ausgerichtet, „to bring forward a new artistic star in the person of Fräulein Alice Dessauer, a favourite pupil of Madame Schumann“ (Birmingham Daily Post 2. Mai 1892). Vor drei- bis vierhun­dert Gästen spielte die Pianistin in diesem Konzert zwei Stücke aus Schumanns Album­blät­tern op. 124, eine Nummer aus Mendelssohns Liedern ohne Worte, Beethovens Klaviersonate Nr. 23 f-Moll op. 53 (Appassionata), Chopins Ballade Nr. 3 As-Dur op. 47 sowie (zusammen mit Emily Shinner verh. Liddell) Brahms’ Violin­sonate d-Moll op. 108. Ein Korrespondent der „Birmingham Daily Post“ äußert sich euphorisch über den Auftritt Alice Dessauers: „There is something very Schu­mannesque in her playing, even to the ungainly crouching attitude over the key-board; but, with the man­nerisms of her teacher, the young lady has, fortunately, acquired also her admirable mechanism, her intensity, and much of her tenderness, passion, and fire. […] In her rendering of the two Albumblättes [sic] of Schumann there was all the impulsive dainty grace which might have been expected from the fair performer’s training and traditions. Fräulein Dessauer’s playing is marked by a reserve and free­dom from exaggeration rare in one so young. Her touch is firm and elastic, combining delicacy with power, and her phrasing is always refined and elegant, and often origi­nal. She is not altogether free, however, from certain vagaries of time and reading, which are probably in consonance with German taste, though strange to English audi­ences“ (Birmingham Daily Post 2. Mai 1892).

Hinweise auf weitere Konzerte liegen erst wieder für das Jahr 1898 vor. Offenbar hatte Alice Dessauer nun London als festen Wohnsitz gewählt und ließ sich hier am 21. Febr. 1898 in einem Monday Popular Concert in der St. James’s Hall erstmals öffent­lich hören. Sie spielte an diesem Abend Chopins Nocturne Nr. 1 cis-Moll op. 27, sein Scherzo Nr. 1 h-Moll op. 20 sowie als Zugabe Schumanns Nachtstück in F-Dur op. 23 und machte damit „a favourable impression“ (The Times 22. Febr. 1898). Am 9. Juni des Jahres trat die Musikerin zusammen mit Fanny Davies in einem Wohltätigkeitskon­zert zugunsten der South London District Nursing Association im Stafford-House auf. Am 19. Dez. wirkte sie außerdem in einem von Fanny Davies veranstalteten „Brahms Memorial Concert“ (MusT 1899, S. 31) in London mit.

In den folgenden Jahren trat Alice Dessauer wiederholt zusammen mit ihrer ehemali­gen Kommilitonin Fanny Davies auf. In einem Konzert der Sängerin Beatrice Spencer in der Londoner Steinway Hall am 26. Febr. 1901 spielten beide Robert Schumanns Andante und Variationen B-Dur op. 46. Dieses Werk führten sie auch bei der von Fanny Davies veranstalteten Schumann-Gedenkfeier anlässlich des 100. Geburtstags von Robert Schumann am 8. Juni 1910 in der Queen’s Hall auf sowie in einem weiteren Konzert von Fanny Davies am 18. Juni 1930 in der Wigmore Hall. Nach diesem Kon­zert lassen sich keine weiteren Auftritte Alice Dessauers nachweisen. Seit 1909 wird die Pianistin in der Presse als Alice Dessauer-Grun aufgeführt. Ihr Ehemann war James Grun (1866–1928), ein Klarinettist und Pianist aus Lon­don, der ebenfalls am Hoch’schen Konservatorium studiert hatte.

Alice Dessauer wählte für ihre Auftritte vornehmlich Klavierwerke von Mozart, Beethoven, Mendelssohn (mehrfach spielte sie sein Konzert Nr. 1 g-Moll op. 25), Chopin und Brahms. Einen besonderen Schwerpunkt in ihrem Repertoire bilden daneben Kompositionen Robert Schumanns. In der Presse erhielt sie für ihre Interpretationen positive Resonanz. Als Schülerin Clara Schumanns wurden ihre Vorträge Robert Schumannscher Werke als „as ‚authentic‘ as possible“ (Musical Standard 1910 I, S. 392) erachtet. Anerkennung erfuhr sie auch für ihren Anschlag. Die Londoner „Times“ schreibt: „her touch being delicate and her style refined and by no means too vigorous“ (The Times 22. Febr. 1898). Ähnlich äußert sich ein Rezensent in der Zeit­schrift „Athenæum“: „Mlle. Dessauer was perfectly at ease before the key-board, her execution being irreproachably accurate and her touch pure and sympathetic“ (Athenæum 1898 I, S. 286).

In England wirkte Alice Dessauer nicht nur als Pianistin, sondern vor allem auch als Klavierlehrerin und vertrat als solche die Tradition ihrer ehemaligen Lehrerin. In einem in der „Musical Times“ erschienenen Nachruf heißt es: „Ill-health forced her to give up the idea of a concert career and she settled in this country devoting herself to teaching. She made great demands on her pupils, but those who understood her found her inspiring and she kept alive all that was finest in the Schumann tradition“ (MusT 1950, S. 198). Spätestens 1905 trat Alice Dessauer der Girls’ School Music Union bei. Zusammen mit Fanny Davies stellte sie während der Herbstkonferenz dieser Vereinigung Davies’ Schrift „The Teaching of the Pianoforte“ vor. 1910 wird Alice Dessauer erstmals auch im Rahmen von Veranstaltungen der Londoner Francis Holland School genannt, an der sie vermutlich Klavierunterricht erteilte. Am 5. Dez. 1910 spielte sie hier in einem Schulkonzert Werke von Beetho­ven, Chopin und Brahms. Seit 1911 gehörte Alice Dessauer dem Hauptausschuss dieser Schule an. 1927 veröffentlichte sie My music book − eine Aus­wahl von 24 Musikwerken mit Anmerkungen „on the elements of rhythmic motion“ (Catalog of Copyright Entries 1927, S. 1348).

 

LITERATUR

Brief von Alice Dessauer an Eugenie Schumann 26. Febr. 1887, Zentralbibli­othek Zürich, Signatur Bh 1886/93: 4

Annual Register. A Review of Public Events at Home and Abroad, for the Year 1898 [1899], S. 129

Athenæum 1892 I, S. 351; 1898 I, S. 286; 1901 I, S. 283; 1910 I, S. 714

Birmingham Daily Post 1892, 2. Mai; 1900, 14. Mai

Catalog of Copyright Entries. Musical Compositions 1927 II, S. 1348

Der Klavier-Lehrer 1886, S. 128; 1892, S. 47, 178

The Era [London] 9. Juni 1900

FritzschMW 1882, S. 89f.; 1898, S. 149

Glasgow Herald 22. Febr. 1898

The Graphic [London] 26. Febr. 1898

Jahresbericht des Dr. Hoch’schen Conservatoriums für alle Zweige der Tonkunst zu Frankfurt am Main 1884/1885, S. 5, 22, 28; 1885/1886, S. 5, 14, 18, 21, 23, 25, 27, 33; 1886/1887, S. 5, 13, 16, 18, 21, 29; 1887/1888, S. 11, 21, 28, 31; 1888/1889, S. 9; 1889/1890, S. 9; 1890/1891, S. 9; 1891/1892, S. 9

Journal of Education 1908, S. 625, 692

Magazine of Music 1892, S. 78

The Milwaukee Sentinel 27. März 1892

Musical Herald 1905, S. 330

Musical News 1892 I, S. 463; 1898 I, S. 214

The Musical Standard 1898 I, S. 136; 1900 I, S. 361; 1901 I, S. 155; 1909 I, S. 102; 1910 I, S. 392

MusT 1889, S. 89f., 220; 1899, S. 31; 1909, S. 718; 1910, S. 457; 1950, S. 198

Musikalisches Centralblatt 1884, S. 304

NZfM 1887, S. 348

The New Age 1919, S. 103

The Pall Mall Gazette 1910, S. 62

The School Music Review 1905, S. 120f.; 1911, S. 202; 1912, S. 212; 1914, S. 72

Signale 1892, S. 217

The Times [London] 1898, 22. Febr., 10. Juni; 1900, 1. Juni; 1901, 28. Febr.; 1910, 6. Dez.; 1930, 16., 20. Juni; 1934, 6. Sept.

Heinrich Hanau, Dr. Hoch’s Conservatorium zu Frankfurt am Main. Fest­schrift zur Feier seines fünfundzwanzigjährigen Bestehens (1878–1903), Frankfurt a. M. 1903.

Mathilde Verne, Chords of Remembrance, London 1936.

Hans Erich Pfitzner, Eindrücke und Bilder meines Lebens, Hamburg-Berge­dorf 1947.

Siu-Wan Chair Fang, Clara Schumann as Teacher, Dissertation, University of Illinois 1978.

Raymond Murray Schafer (Hrsg.), Ezra Pound and Music. The Complete Criticism, London 1978.

Claudia de Vries, Die Pianistin Clara Wieck-Schumann. Interpretation im Spannungs­feld von Tradition und Individualität (= Schumann-Forschungen 5), Mainz 1996.

 

Annkatrin Babbe

 

 

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