Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Thalheim, Jenny, geb. Deinhardstein

Geburts- und Sterbedaten unbekannt, aus Wien, Harfenistin. Sie war die Tochter des Wiener Schriftstellers, Literaturkritikers und Dramaturgen Johann Ludwig Deinhardstein (1794−1859) aus dessen erster Ehe mit der Tochter des Oberleutnants Pröger von Thalheim. Ihre musikalische Ausbildung erhielt sie von dem Harfenisten Elias Parish Alvars (1808−1847), der sich ab 1836 dauerhaft in Wien aufhielt. Erste Auftrittsbelege finden sich für das Jahr 1846. Am 6. Jan. des Jahres spielte die Harfenistin in einem Hofkonzert im Königlichen Schloss in Berlin. Am 22. Febr. wirkte sie in einem Wohltätigkeitskonzert zugunsten entlassener Sträflinge in Wien mit und spielte unter anderem Gretchens Gebet vor dem Bilde der Mater dolorosa op. 72 von Parish Alvars. Ende des Jahres 1846 reiste Jenny Thalheim nach Prag und konzertierte als Solistin am Prager Theater, wo sie Zwischenaktmusiken spielte. Ein Rezensent der „Allgemeinen Wiener Musikzeitung“ äußert sich hierüber: „Obwohl sie eine bedeutende Fertigkeit zeigte, und Kenner, welche sie alla camera gehört haben, von ihrem Vortrage sehr befriedigt waren, so sprach ihr Spiel an diesem Abende doch nicht in hohem Grade an. Sie wurde jedoch gerufen, und bei ihrer Liebe für die Kunst steht ihr ohne Zweifel eine ehrenvolle Zukunft bevor“ (AWM 1846, S. 616). Der Gegensatz zwischen dem Auftreten „alla camera“ und im Rahmen eines öffentlichen Konzertes wird im Folgenden aufschlussreich erörtert. Nach Auffassung des Autors eignet sich die Harfe zwar − vor allem aus visuellen Gründen − als Fraueninstrument, jedoch kaum als Konzertinstrument. Deutlich wird sein Ideal einer Musikpraxis, die dem bürgerlichen Frauenideal des 19. Jahrhunderts entspricht und als angemessenen Handlungsraum musizierender Frauen lediglich einen intimen kammermusikalischen Rahmen vorsieht: „Ich kann bei diesem Anlasse nicht umhin, zu bemerken, daß ich mich sehr darüber gewundert habe, warum die Harfe jetzt (wenigstens bei uns) so sehr vom schönen Geschlechte vernachlässigt wird. So wenig ich die Harfe für ein Konzert-Instrument halte und so überflüssig auch ihre Mitwirkung meiner Meinung nach in der Regel beim großen Orchester ist […], so schätzbar ist mir die Harfe alla camera, besonders als Begleiterin des weiblichen Gesanges. Schon die Eitelkeit sollte die Damen zu Gunsten der Harfe einnehmen, denn bei welchem Instrumente hat das schöne Äussere der Spielerin, namentlich der Arme Gelegenheit im vortheilhafterem Lichte zu erscheinen, als bei der Harfe? − Ergo Ihr schönen Pragerinnen, von denen, so viel mir bekannt, höchstens 3−4  dieses Instrument der himmlischen Heerscharen behandeln, lernet Harfe“ (ebd.).

1847 konzertierte Jenny Thalheim erneut in Prag und erntete hierfür „stürmischen Beifall“ (NZfM 1847 I, S. 12). In demselben Jahre meldet die Zeitschrift „Signale für die musikalische Welt“ aus Leipzig: „Fräulein Jenny Thalheim […] ist hier angekommen, hoffentlich werden wir Gelegenheit haben sie öffentlich zu hören; in Berlin und Dresden wurde ihr die Auszeichnung zu Theil, bei Hof zu spielen“ (Signale 1847, S. 62). 1848 musizierte sie in einer Akademie im Theater an der Wien, wo sie eine Phantasie ihres Lehrers über Die Stumme von Portici (Auber) vortrug: „Diese Komposition ist die schwächste, die wir von dem ausgezeichneten Meister je zu hören bekamen, sie scheint invita Minerva entstanden zu sein. Frl. Jenny Thalheim entwickelte im Vortrage derselben viele Fähigkeit und ziemlichen Ausdruck“ (AWM 1848, S. 223).

 

LITERATUR

AmZ 1847, Sp. 13

AWM 1846, S. 616; 1848, S. 223

Bock 1847, S. 34

Die Gegenwart. Politisch-literarisches Tagsblatt, 1847, 9. Mai

NZfM 1847 I, S. 12, 44

Signale 1847, S. 62

Sonntagsblätter [Österreich] 1846, 8. März

Wiener Zeitschrift für Kunst, Literatur, Theater und Mode 1846 I, S. 182

Wurzbach, NDB

Freia Hoffmann u. Volker Timmermann (Hrsg.), Quellentexte zur Geschichte der Instrumentalistin im 19. Jahrhundert, Hildesheim [u.a] 2013.

 

HB/AB

 

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