Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Pawlowna, Pavlovna, Paulowna, Paulovna,Maria, geb. Romanowa, Romanow, Großherzogin von Sachsen-Weimar-Eisenach

* 4. (15.) Febr. 1786 auf Schloss Gatschina bei St. Petersburg, † 23. Juni 1859 auf Schloss Belvedere bei Weimar, Pianistin, Cembalistin, Harfenistin, Sängerin und Komponistin. Sie war die Tochter des späteren Zarenpaars Paul I. (1754−1801) und Maria Fjodorowna geb. Sophie-Dorothea von Württemberg-Mömpelgard (1759−1828) und damit Großfürstin von Russland. Am 3. Aug. 1804 heiratete sie in St. Petersburg den Erbherzog Carl Friedrich von Sachsen-Weimar-Eisenach (1783−1853), der im Jahre 1828 Großherzog wurde. Das Ehepaar hatte vier Kinder, von denen drei das Erwachsenenalter erreichten: Maria Louise Alexandrine (1808−1877), Maria Louise Augusta Katharina (1811−1890), spätere Königin von Preußen, und Carl Alexander (1818−1901), der 1853 Nachfolger seines Vaters als Großherzog von Sachsen-Weimar-Eisenach wurde.

Entsprechend ihrer umfassenden natur- wie geisteswissenschaftlichen und künstlerischen Ausbildung wurde Maria Pawlowna, die neben Russisch und Französisch Deutsch, Englisch und Italienisch sprach, eine sozial und karitativ engagierte, lebenspraktisch orientierte Landesmutter, die 1821 die erste Sparkasse in Weimar gründete und sich mit ihrem „Patriotischen Institut der Frauenvereine“ landesweit für eine elementare Bildung und Ausbildung insbesondere für Frauen und Kinder engagierte. Vor allem aber war sie lebenslang eine Förderin von Musik, Kunst, Literatur und Wissenschaft. Den sogenannten Musenhof ihrer Vorgängerin Anna Amalia von Sachsen-Weimar-Eisenach führte sie weiter und ließ auf das literarisch geprägte „Goldene Zeitalter“ der Weimarer Klassik das vornehmlich durch Musik geprägte Silberne Zeitalter folgen. Neben Dichtern, Künstlern und Gelehrten zog sie verstärkt MusikerInnen wie Clara und Robert Schumann, Maria Szymanowska, Jenny Lind, Wilhelmine Schröder-Devrient, Johann Nepomuk Hummel, Franz Liszt, Carl Maria von Weber, Niccolò Paganini, Hector Berlioz und Richard Wagner in ihre Residenzstadt.

 

 

Franz Gerhard von Kügelgen, Zar Paul I. mit seiner Familie (1800),

Öl auf Leinwand, 146 x 215 cm, Staatliches Schlossmuseum Pawlowsk,

Maria Pawlowna in der Bildmitte an der Harfe.

 

Als Kind erhielt Maria Pawlowna durch den italienischen Komponisten und Kapellmeister Giuseppe Sarti (1729−1802) und den Harfenisten Lunaire eine überdurchschnittlich intensive Musikausbildung auf Klavier, Cembalo und Harfe; sie sang und komponierte auch. Obwohl sie schon früh den Ruf einer ausgezeichneten Instrumentalistin hatte, war es ihr ein Anliegen, sich auch in Weimar noch musikalisch weiterzubilden. 1810 ernannte sie den Klaviervirtuosen August Eberhard Müller (1767−1817) zum Hofkapellmeister und nahm bei ihm weiteren Unterricht, 1819 wurde sein Amtsnachfolger Johann Nepomuk Hummel (1778−1837) ihr Lehrer, und ab 1831 folgten musikalische Studien bei August Ferdinand Häser (1779−1844).

Obwohl Maria Pawlowna die Hofkapelle aus eigenen Mitteln finanzierte, berief der Großherzog 1840 gegen ihren Wunsch nach Hummels Tod zunächst André Hippolyte Chélard (1789−1861) zum neuen Hofkapellmeister. Parallel dazu wurde 1842 Franz Liszt „Kapellmeister in außerordentlichen Diensten“ und übernahm die Position 1848 schließlich ganz, während Chélard 1852 bei vollem Gehalt beurlaubt wurde. Franz Liszt genoss trotz seiner in Weimar als anstößig wahrgenommenen Verbindung mit der verheirateten Carolyne von Sayn-Wittgenstein die Wertschätzung von Maria Pawlowna. 1849 führte er anlässlich des Geburtstags der Großherzogin Wagners Oper Tannhäuser auf und leitete damit eine neue Ära im damals noch provinziell-konventionellen Weimarer Musikleben ein. Ähnliche Sensation machten die Gastspiele Wagners, Berliozʼ und des Ehepaares Schumann sowie die regelmäßige Anwesenheit von Liszts Schülerinnen und Schülern, die Weimar in den 1850er Jahren zum Brennpunkt neuer Kunstästhetik („Neu-Weimar-Verein“, „Allgemeiner Deutscher Musikverein“) und ab 1869 zu einem der wichtigen Zentren der modernen Klavierausbildung machten. Diese Entwicklungen waren nur möglich, weil Maria Pawlowna stets schützend die Hand über Künstler hielt, auch wenn sie − wie Liszt sozial oder wie Wagner politisch − im kleinstädtischen Weimar zunächst nicht gesellschaftsfähig erschienen.

Über Maria Pawlownas musikalische Bildung und Fähigkeiten gibt es einige eindrucksvolle Äußerungen. Ihre − nach eigenem Bekenntnis vollständig unmusikalische − Großmutter, Zarin Katharina II., bemerkt über die Zehnjährige: „Hätten Sie gehört, wie die Großfürstin Maria Klavier spielt und singt, würden Sie in heißen [sic] Tränen ausbrechen [...]. Sie tut es noch besser, als ihre Schwestern Menuett tanzen“ (Stiftung Weimarer Klassik und Kunstsammlungen, S. 426). Und in dem ausführlichen Lexikonartikel in Schillings „Enzyklopädie der gesammten musikalischen Wissenschaften“ heißt es: „Sie ist, steht es uns zu, in dieser Beziehung ein summarisches Urtheil über sie zu fällen, eine im wahren Sinne des Worts vollkommen durch- und ausgebildete Künstlerin. Fertige Klavierspielerin und nicht unbekannt mit noch mehreren anderen Instrumenten, verbindet sie mit überhaupt vieler Anlage zur praktischen Musik die gründlichsten Kenntnisse der Theorie und ein in der That eminentes Talent zur Composition. Auch in den Theilen der Kunst, wo nur Uebung und Erfahrung zu einem Grade von namhafter Fertigkeit führen, steht sie, nicht selten zur hoechsten Ueberraschung mancher Künstler von Beruf, die sie von dieser Seite beobachten zu können das Glück hatten, als Meisterin da. So spielt sie z. B. gleich dem gewandtesten Capellmeister die vollstimmigsten Partituren auf dem Pianoforte, und beherrscht mit Leichtigkeit die Kunst der Instrumentation“ (Schilling).

So wie Maria Pawlowna als Landesmutter nicht öffentlich auftrat, so ließ sie auch ihre Kompositionen (vor allem Lieder und Klaviermusik) nicht veröffentlichen. Sie selbst ist Widmungsträgern zahlreicher Kompositionen, darunter Werke von Johann Nepomuk Hummel, Carl Czerny, Carl Maria von Weber und Franz Liszt. Letzterer widmete ihr sein Lied Die Macht der Musik Searle 302 (1848), bearbeitete ihr Lied Es hat geflammt die ganze Nacht und griff sowohl in seiner Consolation Nr. 4 Searle 172 als auch in seiner Klaviersonate Searle 178 auf eines ihrer Lieder zurück.

 

WERKE FÜR KLAVIER

Variazioni Elementari per Cembalo (um 1800)

Concerto C-Dur für Violine und obligates Cembalo (1795)

 

LITERATUR

Maria Pawlowna, Die frühen Tagebücher der Erbgroßherzogin, in frz. Sprache, hrsg. von Katja Dmitrievna u. Viola Klein, Köln u. a. 2000.

AWM 1841, S. 84; 1845, S. 85

Gathy, Schilling, Gaßner, Cohen

Susan Stern, Women Composers. A Handbook, Metuchen [u. a.] 1978.

Wolfram Huschke, Musik im klassischen und nachklassischen Weimar 1756–1861, Weimar 1982.

Detlef Jena, Maria Pawlowna. Großherzogin an Weimars Musenhof, Regensburg [u. a.] 1999.

Ulrike Müller u. Landeszentrale für politische Bildung Thüringen (Hrsg.), Frauenpersönlichkeiten in Weimar zwischen Nachklassik und Aufbruch in die Moderne, Weimar 1999.

Rita Seifert, Die Huldigung der Künste im Grossherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach, Weimar 2004.

Stiftung Weimarer Klassik und Kunstsammlungen (Hrsg.), „Ihre Kaiserliche Hoheit“. Maria Pawlowna − Zarentochter am Weimarer Hof, Weimar 2004.

Rita Seifert, Privat oder Staat? Maria Pawlowna und die Frauen im Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach, Weimar 2005.

Detlef Jena, Das Weimarer Quartett. Die Fürstinnen Anna Amalia, Louise, Maria Pawlowna, Sophie, Regensburg 2007.

Ulrike Müller, „Maria Pawlowna“, in: Die klugen Frauen von Weimar. Regentinnen, Salondamen, Schriftstellerinnen und Künstlerinnen, hrsg. von ders., Berlin 12007, 22014, S. 90−99.

Tibor Szász, „Liszt’s Sonata in B minor and a Woman Composer’s Fingerprint: The quasi Adagio theme and a Lied by Maria Pavlovna (Romanova)“, in: Journal of the American Liszt-Society 35 (2010), S. 3−27.

Gert-Dieter Ulferts, „Der Hammerflügel der Maria Pawlowna im Weimarer Residenzschloss. Historische und museale Aspekte“, in: Übertönte Geschichten. Musikkultur in Weimar, hrsg. von Hellmut Th. Seemann u. Thorsten Valk (= Jahrbuch der Klassik Stiftung 2011), Göttingen 2011, S. 313−324.

Gabriele Jonté, „Maria Pawlowna, Großherzogin von Sachsen-Weimar-Eisenach“, in: MUGI. Musik und Gender im Internet, http://mugi.hfmt-hamburg.de/A_lexartikel/lexartikel.php?id=pawl1786, Zugriff am 18. Juni 2010.

 

Bildnachweis

Stiftung Weimarer Klassik und Kunstsammlungen, S. 40. 

 

Hanna Bergmann/Kadja Grönke

 

 

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