Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Saenger-Sethe, Sänger-Sethe, Saenger, Sänger, geb. Sèthe, Sethe, Irma, Irmgard

* 28. Apr. 1876 in Brüssel, † 1958 oder später, vermutlich in New York (NY), Violinistin und Violinlehrerin. Sie war die Tochter von Gérard (1827−1893) und Louise Frédérique Sèthe geb. Seyberth (1847−1923). Beide stammten aus ursprünglich rheinländischen Familien, wobei Gérard Sèthes Familie auf eine lange Tradition zurückblicken konnte. So hatte Heinrich Heine für den Vorfahren Christian Carl Theodor Ludwig Sethe 1819 die Fresco-Sonette an Christian S. verfasst, dessen Zeitgenosse Christian Sethe war Gründer des (heute noch als Stiftung existierenden) „Sethe’schen Fräuleinstifts für unverheiratet gebliebene vaterlose Töchter“ in Aurich. Gérard Sèthe war Textilunternehmer, der in den 1870er Jahren in Brüssel eine Fabrik für Filzprodukte errichtete. Das kulturelle Klima in Irma Sèthes Elternhaus wurde von der Mutter geprägt. Henry van de Velde schreibt in seiner Autobiographie: „Vater Sèthe, ein Industrieller und weitblickender Mann, mochte Künstler nicht. Seine Frau dagegen war eine leidenschaftliche Musikerin, die gern in ihrem Haus junge Virtuosen und Künstler aus dem Kreis der ‚Vingt‘ [eine Gruppe avantgardistischer Künstler] um sich versammelte“ (van de Velde 1962, S. 82).

Irma Sèthe hatte einen Bruder, Walter Sèthe (Lebensdaten unbekannt), sowie zwei Schwestern: Alice Adolphine Sèthe (1869−1944) heiratete den Maler Paul Dubois (1859−1938). Maria Sèthe (1867−1943), die sehr gut Klavier spielte, wurde später die Ehefrau des flämischen Designers Henry van de Velde (1863−1957). Van de Velde fertigte Ende 1894 einen (heute nicht mehr erhaltenen, jedoch durch Bilder bekannten und mutmaßlich im Auftrag Louise Sèthes hergestellten) Geigenschrank für Irma Sèthes Musizierzimmer − das erste größere Möbelstück aus den Händen van de Veldes.

Wie ihre Schwestern wurde auch Irma Sèthe Motiv von der Familie nahestehenden Künstlern. Besonders bekannt ist das Porträt aus der Hand des Malers Théo van Rysselberghe von 1894. Im Konservatorium Brüssel befindet sich zudem eine Statue der Geigerin. Nicht nur Maler, sondern auch Musiker befanden sich im Umkreis der Familie Sèthe, darunter Guillaume Lekeu, der hoch begabte, indes früh verstorbene wallonische Komponist, dessen bekanntestes Werk, die von Eugène Ysaÿe in Auftrag gegebene Violinsonate, später auch von „an intimate friend of Lekeu, Madame Irma Sethe“ (Cobett 1900/01, S. 100) gespielt wurde.

Théo van Rysselberghe, Portret van Irma Sèthe (1894),

Öl, 197 x 114,5 cm; Musée du Petit Palais, Genf.

 

Ihre ersten musikalischen Unterweisungen erhielt Irma Sèthe von der Mutter. Als Fünfjährige wurde sie Schülerin von Ottomar Jokisch (1841−1901), der früher u. a. Trio-Partner der Cellistin Gabrielle Platteau gewesen war. Bereits als Kind bekam sie zwei Monate lang täglichen Unterricht von August Wilhelmj (1845–1908), einem der wichtigsten Schüler Ferdinand Davids. Ein erster Auftritt erfolgte im nordfranzösischen Marchiennes, ebenfalls im Kindesalter spielte sie in Aachen. Eine Karriere als Kindervirtuosin verhinderten offenbar die Eltern.

Später spielte sie Eugène Ysaÿe (1858−1931) vor, dem Hauptexponenten der frankobelgischen Violinschule jener Zeit und einem der weltweit wichtigsten Violinvirtuosen, -komponisten und -lehrer um 1900. Auf dessen Rat hin wurde sie im Sept. 1890 seine Studentin am Brüsseler Konservatorium, wo sie auch Unterricht in Harmonielehre von Gustave Huberti (1843−1910) bekam. Bereits nach acht Monaten erhielt sie als 15-Jährige den ersten Preis am Konservatorium. Sie verließ die Institution schon im Sept. 1891, blieb aber wohl noch für weitere zwei Jahre Schülerin Ysaÿes. Laut Henry Charles Lahee wurde sie „frequently employed as a substitute for Ysaye, as professor, to teach his classes while he was absent on concert tours“ (Lahee 1916, S. 335). Ysaÿe selbst sah sie als besonders bedeutsame Schülerin an. 1893 gab er ihr eine Bleifstiftzeichnung von sich, die von ihm unterschrieben war: „Very affectionate to my best student Irma Sèthe, worthy inheritor of the Vieuxtemps approach“ (aus dem Franz. übersetzt, Block/Lee 2014, S. 199). Damit stellte Ysaÿe seine Schülerin an die Spitze der Brüsseler Geigentradition, gleichsam als legitime Erbin des Gründervaters Henri Vieuxtemps und auch als eigene Nachfolgerin (Ysaÿe war Vieuxtemps- und Wieniawski-Schüler).

Wie eng die Beziehung zwischen Lehrer und Schülerin war, lässt sich heute nicht mehr genau ermitteln, offenbar jedoch ging es über ein sachliches Lehrverhältnis weit hinaus. „Taken under Ysaÿe’s wing, Irma fell in love with him and moved into his house in the fall of 1893 at age seventeen“ (Block/Lee, S. 196). Laut dem Van-de-Velde-Forscher Thomas Föhl war Sèthe die „langjährige Schülerin und zeitweilige Geliebte von Eugène Ysaÿe, dem sie 1894 den Sohn Antoine Marie Eugène Ysaÿe (1894 – 1979) gebar, der vom Vater in seine Familie aufgenommen wurde“ (Föhl, unveröffentlichte Biographie). In zeitgenössischen Biographien Ysaÿes und Sèthes ist dies nicht zu lesen, Antoine M. E. Ysaÿe bezeichnet sich selbst in der Biographie, die er über seinen Vater schrieb, als den Sohn Ysaÿes und dessen Frau Louise. Laut Block/Lee wurde Irma Sèthe Patin von Antoine Ysaÿe.

Während der Studienzeit bei Ysaÿe begann Irma Sèthe mit intensiverer Konzerttätigkeit. Bereits 1891 reiste sie zum ersten Mal nach London und debütierte im Mai in der St. James’s Hall, wo sie einen Teil von Mendelssohns Konzert e-Moll und eine Polonaise von Wieniawski spielte. Von der Kritik wurde sie oft in Verbindung mit ihrem berühmten Lehrer genannt und gelobt. „A young pupil of M. Ysaÿe’s, Mlle. Irma Sethe, played the first movement of Mendelssohn’s violin concerto with remarkable vigour and accuracy; her tone is very rich, and she has adopted many of her master’s most striking characteristics with succes“ (Times 8. Mai 1891). Gegen Ende ihrer Unterrichtszeit spielte Irma Sèthe in Belgien, etwa 1893 u. a. in Couillet (nahe Charleroi) und in Mons (NL Bergen). Auch in späteren Jahren ließ sich die Geigerin in Belgien hören, die Karriere erhielt jedoch schnell einen internationalen Akzent.

In Deutschland trat Irma Sèthe erstmals 1895 auf. In Wiesbaden spielte sie u. a. Max Bruchs 2. Violinkonzert d-Moll op. 44 und gefiel u. a. durch „die vortreffliche, klare und natürliche Darlegung der Bach’schen ‚Sarabande und Gigue‘ für Violine allein“ (NZfM 1895, S. 248). „Mit ihrer ganz bedeutenden Technik, dem sympathischen Tone und der von echtem musikalischen Empfinden zeugenden Art ihres Vortrags wußte die jugendliche Geigerin die Herzen der Hörer sich im Sturme zu erobern“ (ebd.), so die „Neue Zeitschrift für Musik“. Später im Jahr besuchte Irma Sèthe erneut London und spielte wiederum in der St. James’s Hall, aber auch bei zahlreichen anderen Gelegenheiten. Sie blieb bis 1896 auf der Insel und sprang u. a. für die auf dem Kontinent verbliebene Frida Schytte, später verh. von Kaulbach, ein. Schon bei diesem von den Medien gut begleiteten London-Besuch Irma Sèthes wurden ihre Fähigkeiten oft gelobt. Die „Times“: „Her tone ist not only sympathetic, but round and full, her intonation quite immaculate, and she plays with intelligence and real artistic feeling“ (Times 21. Nov. 1895). Derselbe Artikel macht indes auch klar, dass sie sich noch weiter entwickeln würde: „In Mendelssohn’s terribly hackneyed concerto Mdlle. Sethe was not heard to so great advantage as later in a caprice by Ernest Guiraud, possibly in part because of the above-mentioned nervousness. The slow movement was given with a good deal of charm if a trifle too sentimentally, but certain passages in both the first and last movements were none to clearly played“ (ebd.). Der Rezensent des „Musical Standard“ schließt mit der Einordnung: „Indeed, we do not remember to have assisted at the début of a young artist who has given more promise of achieving the very highest position in the ranks of executant artists“ (Musical Standard 1895 II, S. 414). Die „Musical Times“ schreibt: „She must certainly take rank among the foremost of lady violinists“ (MusT 1896, S. 24). Als Irma Sèthe im folgenden Jahr wiederum in London tätig war, schätzt „The Academy“ ihre Begabung ebenfalls hoch ein, macht aber auch auf das Potenzial der Geigerin aufmerksam: „Miss Irma Sethe […] displayed skill; she is, however, at the outset of her artistic career, and many excellent qualities which she possesses have not, as yet, been raised to their highest power“ (Academy 1897, S. 578). In der Folge ließ sich Irma Sèthe an weiteren Orten Englands hören. Nach ihrer Rückkehr auf den Kontinent 1896 musizierte sie in einem Abonnementsconcert in München und in einem eigenen Konzert in Stuttgart.

 

Konzertanzeige, The Times [London] 11. Nov. 1895.

 

Am 31. Juli 1897 heiratete die Geigern im Brüsseler Vorort Uccle (NL Ukkel) Samuel Saenger (1864−1944), einen deutschjüdischen promovierten Publizisten, der u. a. als Lektor für den Verlag S. Fischer arbeitete, die erste deutschsprachige John-Ruskin-Biographie verfasste und später eine diplomatische Karriere einschlug. Peter Spiro, Enkel des Paares, berichtet anekdotisch: „Die Bekanntschaft zwischen Irma Sethe und Dr. Samuel Saenger ergab sich ausgerechnet durch eine Hose. Anläßlich eines Konzerts in London bewohnte Saenger kurz ein Hotelzimmer, in das Irma Sethe als Nachfolgerin bereits eingezogen war. Bei der gemeinsamen Suche nach der Hose stellten beide auch ein gemeinsames leidenschaftliches Interesse an der Musik fest. Und das führte ohne weitere Umwege zur Ehe Irma–Samuel und deren beiden […] Töchtern Elisabeth [1898−1990] und der rund 10 Jahre jüngeren Lella [Magdalene, 1907−1991] (zit. nach Abercron 1990, S. 39). Beide Töchter waren musikalisch begabt und wurden zu Pianistinnen ausgebildet. Mit Ferruccio Busoni und Artur Schnabel erhielten sie dabei jeweils Unterricht von zwei der bedeutsamsten Konzertpianisten jener Zeit. Elisabeth Saenger-Sethe heiratete später Eugen Spiro (1874−1938), einen bedeutenden deutsch-amerikanischen Maler und Graphiker.

Weder die Hochzeit noch die Geburt ihrer Tochter Elisabeth im selben Jahr hielten Irma Saenger-Sethe davon ab, ihre Karriere weiter voranzutreiben. So war sie 1897 wieder in Großbritannien tätig, spielte in Manchester, Liverpool, aber auch in London. Dort ließ sie mit der Pianistin Edith Nalborough, einer Schülerin Clara Schumanns, Brahms’ Violinsonate op. 108 hören. In den britischen Medien wurde sie freundlich begrüßt. „Miss Sethe seems even to have improved in breadth and power of tone since she last appeared here, while her execution is as brilliant as ever“ (Daily News 28. Mai 1897).

Nach der Heirat wurde für das Paar, „das zu den ‚Oberen Zehntausend‘ des Deutschen Reiches gehörte“ (Abercron 1990, S. 39), Berlin als ein Lebensmittelpunkt zunehmend wichtig. „‚Der Saenger-Sethe Haushalt (der vor 1914 zwischen Brüssel und Berlin pendelte), war ganz auf Musik eingestellt, und manche der später von Eugen Spiro gezeichneten und gemalten Künstler debutierten nach Ankunft in Berlin mit einem Hauskonzert bei Saengers, ehe sie sich in den Konzertsälen der Öffentlichkeit vorstellten‘“ (Peter Spiro, zit. nach Abercron 1990, S. 40). Auch Irma Saenger-Sethe selbst integrierte sich in das Berliner Kulturleben, freundete sich beispielsweise mit Sophie Herrmann, Ehefrau des Malers und Mitgründers der Berliner Secession Curt Herrmann an.

 

Undat. Photographie von E. Bieber.

Irma Saenger-Sethe, die später auch an der Berliner Musikhochschule Violine lehrte, konzertierte 1898 erstmals mit den Berliner Philharmonikern und spielte neben dem in dieser Phase für sie offenbar schon obligatorischen Mendelssohn-Konzert auch das 3. Violinkonzert h-Moll op. 61 von Camille Saint-Saëns. „Sie zeigte sich nicht nur im Besitz einer sehr ansehnlichen Bogen- und Fingerfertigkeit, eines vollen, abgeklärten Tones, sondern verleugnete auch in Auffassung und Vortrag nicht eine warm pulsirende, kräftige, musikalische Natur“ (Signale 1878, S. 870). Deutlich mehr auf das Geschlecht und Aussehen der Geigerin spielt zum selben Konzert die „Neue Zeitschrift für Musik“ an: „Wie eine Walküre erschien Frau Saenger-Sethe auf dem Podium der Singakademie. Statt Speer und Schild schwingt sie Bogen und Fiedel, aber mit großer Wucht und hinreißendem Feuer. Sie ist mir zwar etwas zu derb, aber sie bleibt doch eine eigenartige Erscheinung. Technik und Intonation sind beinahe frei von Tadel, die ‚Sarabande‘ von Bach wurde stilvoll, die ‚Berceuse‘ von Faure sanft, einschmeichelnd gespielt“ (NZfM 1898, S. 488). 1899 ließ sie sich in Köthen, Mannheim, Hamburg und Magdeburg hören. Aus letztgenannter Stadt beschreibt das „Musikalische Wochenblatt“ durchaus konkret: „Frau Irma Sänger-Sethe aus Brüssel hat viele vorzügliche Eigenschaften: Temperament, schönen Ton (der durch eine anscheinend wunderschöne Geige unterstützt wurde), selbstredend reifste Technik, feine musikalische Auffassung. Sollte ich aber Etwas besonders rühmen, so wäre es die ausserordentlich reine Intonation, die auch in den gewagtesten Doppelgriffen ungetrübt blieb“ (FritzschMW 1899, S. 402). Im selben Jahr trat sie jenseits des Kanals in Glasgow und Leeds auf. Auch nach Prag war sie eingeladen. „Frau Saenger-Sethe, welche als eine schöne, junge Blondine mit ernstem Gesichtsausdruck schon durch ihre reizvolle Erscheinung lebhafte Theilnahme erregt, hat man die [Teresa] Carreno der Geige genannt, da ihr Geigenspiel von hinreißendem Temperamente männlicher Kraft und Energie in Bezug auf machtvolle Leidenschaftlichkeit und Großzügigkeit jenem der genannten Claviervirtuosin ähnelt“ (Prager Tagblatt 16. Apr. 1899). Im Jahr darauf spielte sie in Wiesbaden, wo sie „bei sehr tüchtigem technischen Können imponirenden Ernst und charaktervolles, fast männliches Gepräge“ (NZfM 1900, S. 8) bekundete. Zudem war sie in Stuttgart, Dresden und erneut in Berlin. Die „Signale für die musikalische Welt“ aus Berlin: „In Concerten von Brahms und Bruch (Gmoll), sowie Beethoven’s Gdur-Romanze […] bewährte sich die Dame auf’s Neue als eine ganz vorzüglich gebildete Technikerin und temperamentvolle Musikerin“ (Signale 1900, S. 232). „Der Klavier-Lehrer“ schreibt, im Vergleich mit den Geigern Stanislaus Baciewicz, Willy Burmeister und Jan Kubelik, dazu: „Eine nicht weniger ernste Natur ist Frau Saenger-Sethe; ihr kommt zudem der Reiz einer eigenartigen, temperamentvollen Persönlichkeit zu statten. Wie sie das Brahms-Konzert darstellte, war in hohem Grade fesselnd“ (Der Klavier-Lehrer 1900, S. 50). Berlin entwickelte sich zum Zentrum der eigenen violinistischen Aktivitäten. So spielte sie 1903 und 1904 in der Hauptstadt, im letztgenannten Jahr war sie mit dem Pianisten Moritz Mayer-Mahr tätig. Auch 1905 trat sie in ihrer Wahlheimat auf, spielte mit  Mayer-Mahr einen Beethoven-Abend, später im Jahr in derselben Besetzung ein Programm mit Violinwerken von Beethoven, Schubert und Haydn. Im Jahr zuvor ließ sie sich auch in Posen und Augsburg hören.

1905 und 1906 hielt sie sich erneut einige Monate auf den Britischen Inseln auf. Auch die dortigen Medien hoben die Energie im Spiel Saenger-Sethes hervor. „Her playing is distinguished by a full, almost manly, and broad tone, unerring technique and intonation“ (Violin Times 1906, S. 66). Der Kritiker der „Strad“ betont zudem den Geschmack der Geigerin: „I have not often heard such individual playing coupled with breadth, fine style, and great delicacy where required, as for instance in pieces by Rameau, Couperin and a Mozart rondo“ (Strad 1905, S. 374). Am 31. Jan. 1906 spielte sie mit der Royal Amateur Orchestra Society ihr bewährtes Mendelssohn-Konzert. In weiteren Londoner Konzerten ließ sie u. a. Brahms’ Violinkonzert hören.

Im Folgejahr nahm sie in Berlin an „Matineen für intime Kammermusik“ (FritzschMW 1907, S. 625) des Pianisten und Komponisten Walther Lampe teil. Mit ihm und dem Violoncellisten Otto Urack bildete sie das „Berliner Kammerspiel-Trio“. „Das Spiel wird vom Temperament des durch und durch musikalischen Pianisten getragen, das wiederum von der Festigkeit und dem Ernste der vortrefflichen Geigerin sehr vortheilhaft gezügelt wird“ (Die Musik 1910/11 I, S. 308). Auch später wirkte sie in Berlin als Kammermusikerin.

Die Breite des Repertoires der Geigerin ist eindrucksvoll. Es umfasste eine Reihe wichtiger Solokonzerte für Violine und Orchester, darunter die beiden Konzerte Joh. Seb. Bachs (a-Moll BWV 1041 und E-Dur BWV 1042), Konzerte Mozarts, aber etwa auch Vieuxtemps’  und Saint-Saёns’. Aus Max Bruchs Œuvre spielte sie nicht nur dessen allgegenwärtiges Violinkonzert Nr. 1 g-Moll op. 26, sondern auch das Violinkonzert Nr. 2 d-Moll op. 44 und die Schottische Fantasie op. 46. Soweit erkennbar, stand Mendelssohns berühmtes Violinkonzert e-Moll op. 64 über Jahrzehnte im Mittelpunkt ihres Repertoires. Dagegen spielte sie das Brahms-Konzert erst in den letzten Jahren ihrer Laufbahn, während von ihr zwar die beiden Violinromanzen, nicht jedoch das Violinkonzert Beethovens öffentlich gespielt wurden. Dies mag zusammenhängen mit einer von ihrem Lehrer übernommenen Geisteshaltung, welche dieses Werk als besonders inhaltsreich und nach interpretatorischer Reife verlangend erachtete. Später schreibt sie an die Familie Ysaÿes: „It is most important that you should know that your father would not play the Beethoven Concerto until he had reached maturity. At the age, I think, of thirty-two“ (zit. nach Ysaÿe, S. 137). Solistische Kammermusik nahm in Irma Saenger-Sethes Repertoire einen breiten Raum ein. Dabei spielte sie Werke vom 17. Jahrhundert bis zur Moderne ihrer Zeit. Wie ihr Lehrer Ysaÿe spielte auch sie Solowerke Bachs, wurde etwa gelobt für die „fine performance of Bach’s sarabande and gigue for violin alone“ (Musical News 1895, S. 433), wobei es sich, sofern beide Sätze aus demselben Werk stammen, nur um Exzerpte aus der Partita Nr. 2 d-Moll BWV 1004 handeln kann. Dass sie daraus, wie ihr Lehrer, auch die so gewichtige Chaconne öffentlich musizierte, ist derzeit nicht zu beweisen, aber durchaus zu vermuten. Auch Arcangelo Corellis heute berühmte La Folia-Variationen (aus der Sonate op. 5 Nr. 12) ließ sie hören. Sonaten von Haydn, Mozart und Beethoven gehörten ebenso zu Irma Saenger-Sethes Repertoire wie Schuberts Rondeau brillant op. 70, Edvard Griegs Sonate G-Dur op. 13 und weitere Geigenwerke des 19. Jahrhunderts. Darunter fanden sich auch populäre Violinstücke  wie Sarasates Zigeunerweisen, Brahms’ Ungarische Tänze, eine Mazurka Alexander Zarzyckis oder die „almost impossible sounding caprice by [Ernest] Guiraud“ (Violin Times 1906, S. 98). Daneben setzte sich Irma Saenger-Sethe offenbar mit sicherem Geschmack auch für Musik von Zeitgenossen ein, angefangen mit der schon früh von ihr gespielten Berceuse Gabriel Faurés oder dem bereits erwähnten Engagement für die Violinsonate Guillaume Lekeus. Im Dez. 1895 spielte sie in London César Francks Violinsonate A-Dur op. 120 und führte damit dieses bedeutende, ihrem Lehrer Eugène Ysaÿe gewidmete Werk knapp ein Jahrzehnt nach der Komposition erstmals in England auf. Der belgische Komponist Émile Mathieu widmete Irma Sèthe ein Violinkonzert, welches diese u. a. in Brüssel mit Erfolg spielte und das 1897 bei Breitkopf & Härtel erschien. Schon früh war Irma Sèthe als Kammermusikerin tätig, spielte u. a. Klaviertrios von Beethoven und Anton Arensky.

Soweit bekannt, beendete Irma Saenger-Sethe ihre Auftritte als Violinistin 1914. Die Gründe für das Karriereende sind nicht bekannt. Die Familie Saenger-Sethe lebte ab diesem Jahr kriegsbedingt ausschließlich in Berlin. Samuel Saenger war schon seit 1908 Redakteur der Berliner „Neuen Rundschau“, die er von 1922 bis 1933 mit herausgab, und für die er beispielsweise einen noch heute sehr bekannten Kommentar zur russischen Revolution 1918 verfasste. Saenger war zudem eine wichtige Figur in der deutschen Diplomatie. So übernahm er schon vor 1914 Aufgaben für den deutschen Botschafter in London, wurde danach für die Botschaften in Stockholm und Kopenhagen tätig, war von 1919 bis 1921 Geschäftsträger des Deutschen Reichs in Prag und blieb bis 1926 für das Auswärtige Amt aktiv. Über die Situation der Familie ab 1933 in Deutschland − Samuel Saenger war Jude − ist wenig bekannt. 1939 wurde Irma Saenger-Sethe per Bekanntmachung die deutsche Staatsangehörigkeit entzogen. Nach Kriegsbeginn emigrierten die Eheleute, zur Finanzierung der Flucht hatten sie die Juwelen Irma Saenger-Sethes verkauft. In Paris trafen sie die Tochter Elisabeth und deren Ehemann Eugen Spiro. Trotz der nahenden deutschen Armee war die Weiterreise zunächst schwierig, da die für Deutsche vorgesehene Einreisequote in die USA ausgeschöpft war. Erst durch den Rückgriff auf die russische Quote − Samuel Saenger war in Riga geboren worden – gelang die Weiterreise.

Ab 1940 lebte die Familie in Los Angeles bzw. Hollywood. Mit der Emigration, einem letztlich nicht selbst erwirkten, sondern durch die Heirat mit einem Juden erzwungenen Schicksal, das nicht zuletzt auch einen sozialen und materiellen Abstieg nach sich zog, hatte Irma Saenger-Sethe offenbar schwer zu kämpfen. So charakterisiert Albrecht Joseph, geschiedener Ehemann Magdalene Saengers, seine Schwiegermutter nicht nur als humorlos, sondern schreibt über sie: „First of all she was not Jewish and she never let anyone forget that. Lela [Magdalene Saenger] was terribly upset one day because, as she said, she had found her mother making a violent scene with old Mr. Saenger, blaming him for having had to leave Europe and for being forced to live now in poverty in a foreign country. Lela said that at the end of this scene Mrs. Saenger actually spat in her husband’s face“ (unveröffentlichtes Porträt über Magdalene Saenger, zit. nach Carl Zuckmayer − Albrecht Joseph Briefwechsel, S. 650). Samuel Saenger starb bereits 1944. Thomas Mann, offenbar einst gut bekannt mit Samuel Saenger, wandte sich 1945 brieflich und wohl unaufgefordert an Irma Saenger-Sethe mit der Bestätigung, dass ihr Mann Jude gewesen sei. Schließlich schreibt Albrecht Joseph 1958 an Carl Zuckmayer: „Meine bisherige Schwiegermutter ist längst klinisch wahnsinnig aber ihre Tochter Elisabeth (früher Malerin Spiro, jetzige Chapiro) lässt sie nicht in eine Anstalt weil ‚man‘ das nicht tut. Zum Glück leben sie alle in New York und ich habe sie seit Jahren nicht gesehn“ (24. Febr. 1958, zit. nach ebd., S. 420).

Undat. Photographie von E. Bieber.

 

LITERATUR

Undat. Brief Irma Sethes an unbekannten Adressaten, Universitätsbibliothek J. C. Senckenberg, Mus. Autogr. I. Sethe

Mail von Olivia Wahnon de Oliveira, Bibliothèque Conservatoire Royal de Bruxelles, 18. Febr. 2016, mit Dank an die Verfasserin.

Thomas Föhl, Unveröffentlichte Biographien der Familie, mit Dank an den Verfasser für die Übermittlung.

The Academy 1895 II, S. 443, 490, 530

L’Art Moderne 1900, S. 286f.

Athenæum 1891 I, S. 615; 1895 II, S. 577, 801, 842f.; 1896 I, S. 127, 289, 354, 456, 486, 692, 787; 1896 II, S. 611, 765, 851; 1897 I, S. 158; 1897 II, S. 222, 234, 388, 461, 533, 605, 757

Belfast News-Letter 1897, 27. Sept., 22., 23., 25. Okt.

The Church Musician 1895, S. 184

Courrier de l’Escaut 1893, 4., 7. Nov.

Daily News [London] 1896, 6., 13. März; 1897, 28. Mai, 28., 30. Okt., 6. Nov.

The Era [London] 1895, 26. Okt., 23. Nov., 14. Dez.; 1896, 15., 29. Febr., 2. Mai, 13. Juni, 19. Dez.; 1897, 13., 20. Febr.

FritzschMW 1895, S. 667; 1899, S. 402; 1910, S. 699

Gazette de Charleroi 9. Jan. 1893

Glasgow Herald 1897, 9. Aug., 17. Dez.

The Graphic [London] 1896, 14. März, 18. Apr.

Le Guide Musical 1897, S. 12, 110, 507

Handelsblad van Antwerpen 6. Febr. 1895

L’Indépendance Belge [Brüssel] 11. Apr. 1893

Ipswich Journal 1896, 21. März, 11. Apr.

Journal de Bruxelles 1891, 3. Juli; 1895, 31. Mai; 1897, 15. Jan.

Der Klavier-Lehrer 1900, S. 50

Leeds Mercury 1896, 24. Jan., 24. Okt.; 1899, 21., 22. März

Liverpool Mercury 1897, 3., 4. Febr.

Lloyd’s Weekly Newspaper [London] 1895, 24. Nov.; 1897, 14. Febr., 30. Mai

The Lute 1897, S. 634

Magazine of Music 1896, S. 94f., 391

La Meuse [Lüttich] 1891, 14. Mai; 1897, 20. März

The Minim 1897, S. 256

Monthly Musical Record 1896, S. 15, 251

Musical News 1891 I, S. 192; 1895 I, S. 383, 433, 481, 505; 1896 I, S. 175, 295, 301, 345, 413, 496; 1896 II, S. 369, 417, 537; 1897 I, S. 154, 270, 421, 520; 1897 II, S. 400, 408

Musical Opinion and Music Trade Review 1895, S. 321; 1896, S. 93, 447, 519, 664; 1897, S. 565

Musical Standard 1891 I, S. 379; 1895 II, S. 289, 339, 389, 401, 414; 1896 I, S. 57, 118, 206, 221, 235, 269, 277, 293, 301, 329, 339, 350; 1896 II, S. 206, 270, 384, 392; 1897 I, S. 73, 91, 108, 122, 189f., 286, 353; 1897 II, S. 285, 298, 317; 1899 I, S. 199, 215; 1906 I, S. 68f., 84, 139, 207f., 215, 241f., 344

Die Musik 1910/11 I, S. 308

MusT 1896, S. 22, 24, 407, 464, 757, 758, 829; 1897, S. 44, 78, 171, 194, 262, 316, 415, 478, 763; 1901, S. 374; 1906, S. 335

Het Nieuws van den Dag. Kleine Courant [Amsterdam] 17. Jan. 1900

NZfM 1895, S. 248; 1896, S. 17; 1898, S. 488, 512; 1900, S. 8, 73, 181; 1904, S. 12, 119, 269, 583, 876; 1905, S. 253, 1064; 1912, S. 131

Prager Tagblatt 1899, 22. Febr., 16. Apr.

Salon-Feuilleton. Wöchentliche Correspodenz für Zeitungen 17. Jan. 1899

Saturday Review of Politics, Literature, Science, and Art 1891, S. 563; 1895, S. 683f.; 1896, S. 473

Signale 1896, S. 23, 324, 468, 551; 1897, S. 875; 1898, S. 488, 870, 983; 1899, S. 316, 356, 595f.; 1900, S. 38, 232, 344, 356; 1901, S. 68; 1902, S. 130; 1904, S. 12, 59, 119, 122

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Bildnachweis

Portrait von Théo van Rysselberghe, https://nl.wikipedia.org/wiki/Portret_van_Irma_S%C3%A8the#/media/File:Theo_Van_Rysselberghe_portrait-of-irma-sethe-1894.jpg, Zugriff am 12. Apr. 2016.

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Hüftbild, Photographie von E. Bieber, Sammlung Manskopf der Universitätsbibliothek Frankfurt a. M., http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/manskopf/content/titleinfo/5541403, Zugriff am 18. Mai 2016.

Ganzufigurbildnis, Photographie von E. Bieber, Sammlung Manskopf der Universitätsbibliothek Frankfurt a. M., http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/manskopf/content/titleinfo/5489721, Zugriff am 18. Mai 2016.

 

Volker Timmermann

 

 

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