Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Brillon de Jouy, Anne-Louise, geb. Boyvin d’Hardancourt

* 13. Dez. 1744 in Paris, † 5. Dez. 1824 in Villers-sur-mer, Cembalistin, Pianistin, Komponistin, vermutlich auch Glasharmonikaspielerin.

Der Vater Anne-Louises, Louis-Claude Boyvin d’Hardancourt (ca. 1710–1756), hatte die ersten 15 Jahre seines Lebens in Indien verbracht. Die Familie kehrte etwa 1731 nach Paris zurück. Louis-Claude wurde königlicher Finanzbeamter, und es gelang ihm, das Familienvermögen beträchtlich zu vermehren. Die Mutter, Marie-Elizabeth geb. Martin (1723–1785), stammte ebenfalls aus einer angesehenen Pariser Familie. Der Bruder Anne-Louises, Armand-Louis (geb. ca. 1740), sollte ledig bleiben; die Linie Boyvin d’Hardancourt starb bei seinem Tod 1822 aus.

Als Kind erlernte die 1744 geborene Anne-Louise Boyvin d’Hardancourt das Cembalospiel: Ihr Vater besaß laut Nachlassverzeichnis ein Instrument mit einem Umfang von 5 Oktaven („grand ravalement“, Gustafson , S. 299). Es ist denkbar, dass Vater und Tochter bei La Pouplinière verkehrten.

Im Okt. 1763 heiratete Anne-Louise Boyvin d’Hardancourt den 22 Jahre älteren Finanzbeamten („receveur des consignations au Parlement de Paris“; Gustafson, S. 300) Jacques Brillon de Jouy (?–1787). 1764 und 1768 wurden die Töchter Cunégonde († 1831) und Aldegonde († 1799) geboren, die Mme. Brillon de Jouy im Clavierspiel unterwies.

Vom Ende der 1760er Jahre bis zur Revolution bildete der Salon, den Mme. Brillon de Jouy jeden Mittwoch und Samstag auf ihrem Landsitz in Passy abhielt, eine feste Einrichtung. Sie trat hauptsächlich selbst als Musikerin auf und ließ sich an Cembalo und Pianoforte hören. Der Violinist André-Noël Pagin gehörte zum festen Kreis, daneben traten ausländische Musiker, die eine Zeit in Paris weilten, bei ihr auf. Mme. Brillon de Jouy erwarb sich einen ausgezeichneten Ruf als Musikerin, doch gab sie weder öffentlich Konzerte noch wurden ihre eigenen Kompositionen gedruckt. Johann Schobert (op. 6), Luigi Boccherini (op. 5), Ernst Eichner (op. 3) und Henri-Joseph Rigel (op. 7) widmeten der Musikerin Sonaten. Burney berichtet: „Sie ist eine der größten Spielerinnen auf dem Clavicymbel. Dieß Frauenzimmer trägt nicht nur die schweresten Stücke mit grosser Genauigkeit, Geschmack und Gefühl vor, sondern spielt auch vortreflich vom Blatte weg. […] Sie setzt auch; und war so gütig, einige von ihren eignen Sonaten, so wohl auf dem Flügel [Cembalo] als auf dem Fortepiano zu spielen, wobey Herr Pagin sie begleitete. Ihr Fleiß und Talente sind nicht bloß auf den Flügel eingeschränkt; sie spielt verschiedne andre Instrumente, und kennt die Spielart aller gebräuchlichen, welches ihr, wie sie sagte, nöthig wäre, um nicht unnatürliche oder unmögliche Sachen für dieselben zu setzen“ (Burney, S. 25f.).

Seit 1777 gehörte der amerikanische Botschafter Benjamin Franklin, der in Passy ein Haus in derselben Straße gemietet hatte, in der sich auch der Landsitz der Brillon de Jouys befand, zum festen Kreis um die Musikerin. Franklin beschreibt die Freundin wie folgt: „a lady of most respectable character and pleasing conversation; mistress of an amiable family in this neighborhood, with which I spend an evening twice a week. She has, among all her elegant accomplishments, that of an excellent musician (zit. nach Hoog, S. 938). Zwischen den beiden entspann sich eine intensive Freundschaft. Etwa 120 Briefe und Billets, in denen Brillon de Jouy den älteren Freund mit Vorliebe mit „mon cher papa“ anredet, sind erhalten.

Nach dem Tode ihres Mannes verkaufte Mme. Brillon de Jouy das Landgut in Passy, das nur eines der zahlreichen Besitztümer des Ehepaares gewesen war. Die Revolutionsjahre verbrachte sie mit ihren Töchtern und deren Familien auf „Belle-Ombre“, einem Schloss in Seine-et-Maine, das dem Ehemann von Aldegonde (Athanase Vialotte) gehörte. Nach 1808 teilte Mme. Brillon de Jouy ihre Zeit zwischen Paris und Villers, wo sie 1824 im Alter von 80 Jahren starb.

Die Verbindung zu Benjamin Franklin initiierte bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts Forschungen zu Anne-Louise Brillon de Jouy, die von der American Philosophical Society im Rahmen der Franklin-Forschungen gefördert wurden. Die Entdeckung der in den 1760er Jahren begründeten Notenbibliothek der Musikerin, bestehend aus etwa 400 Werken, ist von besonderer Bedeutung, da sie die einzige bislang bekannte zusammenhängende französische Sammlung dieser Art darstellt. Die Bibliothek befindet sich heute zum größten Teil in Privatbesitz (abzüglich einiger Werke, welche die Nachkommen 1957 an die American Philosophical Society in Philadelphia verkauften), konnte aber von Bruce Gustafson verfilmt, katalogisiert und ausgewertet werden.

Die darin befindlichen Instrumental- und Vokalkompositionen Mme. Brillon de Jouys zeugen vom Übergang Cembalo – Hammerflügel in Frankreich: Beide Instrumente werden in dieser Zeit noch nebeneinander eingesetzt, ihre musikalischen Eigenheiten dabei noch nicht vollkommen ausgeschöpft. Unter den 88 erhaltenen Werken der Musikerin sind besonders die sechs Werke, die ausdrücklich für mehrere unterschiedliche Tateninstrumente gedacht sind, bemerkenswert. Mme. Brillon de Jouy besaß erwiesenermaßen ein englisches Pianoforte, das ihr Johann Christian Bach aus London geschickt hatte, ein deutsches Pianoforte und ein Cembalo. Zwei ihrer Trios nennen explizit diese Instrumentenkombination. Die Sonaten für ein Tasteninstrument sind in der Regel mit Violin-Accompagnement gedacht. Ihre bekannteste Komposition war sicherlich die Marche des Insurgents für Tasteninstrument, die heute in einer orchestrierten Fassung vorliegt.

 

Von Benjamin Franklin ca. 1765 erbaute Glasharmonika.
Franklin übergab das Instrument an Anne-Louise Brillon de Jouy,
in deren Familie es bis in die 1970er Jahre verblieb.

Das Instrument befindet sich heute im Bakken Museum, Minneapolis.

 

WERKE

 

TASTENINSTRUMENT/ORCHESTER

Marche [des Insurgents] [en La] XII. 1777?

 

CLAVIER SOLO UND MIT ANDEREN INSTRUMENTEN

Sonnata en La mineur par Madame Brillon c. 1775–1785? clavier

Sonatas pour forte Piano [une sonate en Sol] c. 1775–1785? 2 parties: forte-piano, violon

N°3 Sonnata pour le forte piano Et accompagnement de Flute [en Sol] c. 1775–1785? (partie de flûte manquante)

Trio in La min. Per il Forte Piano Violino e Basso. Composte Da Madama Brillon c. 1775–1785?

Trio in Sol min [piano, violon, violoncelle] c. 1775–1785?

Sonate en Trio Pour le Forte Piano, un Violon & un Violoncelle oblige Composé Par Madame Brillon [en Sol] c. 1775–1785?

Quartetto di Cembalo, due Violine e Basso. da. Madama Brillon di Jouy [en Mi bémol] c. 1775–1785?

Ier Recueil Clavecin ou Piano Forte. 15 Sonate Per il Piano forte e Violino Da Madama Brillon c. 1775–1783?

Second Recueil. De Sonates pour Le Piano Forte avec accompagt Par Madame Brillon

Second Recueil De Sonates pour le Clavecin ou le Piano Forte avec accompagt de Violon obligé Composées Par Madame Brillon de Jouÿ c. 1775–1783?

Second Recueil De Sonates Par Madame Brillon Violino [apres les dix sonates du second recueil :] du 3eœuvre

Troisieme Recueil De Sonates pour le Piano Forte avec accompagt Par Madame Brillon c: 1775–1783?

Ier Duetto en ut mineur ... par Madame Brillon c. 1779–1785? 2 parties: clavecin, piano-forte

Duetto en Sol a deux Clavecin par madame Brillon c. 1779–1785? 2 parties: clavecin, piano-forte

3e Duo ... en ut Mineur par Mde Brillon c: 1779–1783? 2 parties de clavier

Duetto [en Si bémol] c. 1775–1785? [partie de cembalo manquante]

Trio a trois Clavecin en ut Mineur c. 1775–1783? 3 parties: piano anglais, piano allemand, clavecin

Trio en ut majeur pour Trois Clavecins Composé Par Madame Brillon c: 1775–1783? 3 parties: piano anglais, piano allemand, clavecin

2d duo de harpe et piano = Sol mineur = Par Madame Brillon c. 1775–1785?

 

LITERATUR

Anne-Louise Brillon de Jouy und Benjamin Franklin, Briefwechsel, im Internet: http://franklinpapers.org/franklin/framedVolumes.jsp?tocvol=28, Zugriff am 14. Juli 2010.

L'année musicale 1911, S. 172f.

Elizabeth Vigée-Lebrun, Souvenirs (1835), hrsg. von Claudine Herrmann, 2 Bde., Bd. 2, Paris 1986.

Gerber 1, Chor/Fay, Sainsbury, Fétis, MGG 1 (Artikel André-Noël Pagin), Cohen, GroveW, MGG 2000, New Grove 2001, RISM AII

Charles Burney, Tagebuch einer musikalischen Reise durch Frankreich und Italien (1770), Hamburg 1772/1773, Repr. Kassel 2003.

Lionel de la Laurencie, „Benjamin Franklin and the claveciniste Brillon de Jouy, in: Musical Quarterly(1923), S. 245–259.

Lionel de la Laurencie, „Les débuts de la musique de chambre en France (fin), in: RM (1934), S. 204–231.

Paul M. Spurlin, „The Founding Father’s Knowledge of French , in: The French Review (1946), S. 120–128.

Gilbert Chinard, „Franklin en France , in: The French Review (1956), S. 281–289.

Morris Bishop, „Franklin in France , in: Daedalus (1957), S. 214–230.

Marie-Jacques Hoog, „La Brillante et le Bonhomme, in: The French Review (1976), S. 938–942.

Claude-Anne Lopez, Le Sceptre et la foudre, Paris 1990.

Bruce Gustafson u. David Fuller, A Catalogue of French Harpsichord Music 1699-1780, Oxford 1990.

Bruce Gustafson, „Madame Brillon et son salon, in: RM (1999), S. 297–332.

Dennis Stillings, „The Bakken: A Library and Museum of Electricity in Life, in: Journal of Scientific Exploration (2001), S. 255–266.

 

Bildnachweis

Bild aus den Collections of the Bakken Library and Museum, Abb. mit freundlicher Erlaubnis des Museums.

 

Claudia Schweitzer

 

© 2010 Freia Hoffmann