Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Bigot de Morogues, (Anne) Marie (Catherine Salomé), geb. Kiéné

* 3. März 1786 in Colmar, † 16. Sept. 1820 in Paris, Pianistin und Komponistin. Marie Kiéné war die Tochter eines Musikerehepaares: des Cellisten Joseph Kiéné und seiner Frau, der Pianistin Catherine Leyer (Lebensdaten unbekannt). Ihren ersten Instrumentalunterricht erhielt sie von ihrer Mutter. Im Jahr 1791 zog die Familie nach Neuenburg/Schweiz, wo Marié Kiéné am 9. Juli 1804 den seit vier Jahren hier ansässigen bretonischen Adeligen Paul Bigot de Morogues (17651853) heiratete. Zwei Kinder gingen aus der Ehe hervor, die aber in den Lebensbeschreibungen der Musikerin kaum Erwähnung finden.

Das junge Ehepaar verließ Neuenburg bereits am 21. Juli 1804 und zog nach Wien. Hier nahm Paul Bigot de Morogues die Stelle des Bibliothekars beim Grafen Andrej K. Rasumovskij an. Dieser, seit 1793 Botschafter in Wien, verkehrte mit zahlreichen Musikern, u. a. mit Beethoven. Marie Bigot de Morogues konnte durch ihn rasch Kontakte zur Wiener Musikszene knüpfen. Sie debütierte am 1. Mai 1805 in einem Augartenkonzert, und die „Allgemeine musikalische Zeitung" lobte ihr Clavierspiel, das „entschiedene Vorzüge“ besäße, wie folgt: „Ihr Vortrag ist rein, angemessen und am gehörigen Orte delikat und fein“ (AmZ 1805, Sp. 536).

Im künstlerischen Umfeld Wiens blühte die junge Musikerin auf. Rasch machte sie sich als Virtuosin einen Namen, besonders mit ihren Beethoven-Interpretationen. Immer wieder trat sie in öffentlichen und halböffentlichen Veranstaltungen auf. Dabei gehörten zu ihrem Repertoire nicht nur Werke für Clavier solo, sondern auch Kammermusik. Johann Friedrich Reichardt beispielsweise berichtet 1809 von einem Hauskonzert, bei dem die Pianistin gemeinsam mit dem Violinisten Schuppanzigh musizierte (Brief vom 26. Jan. 1809). Als sie am 20. Febr. 1805 Joseph Haydn eine seiner Kompositionen vorspielte, soll er begeistert ausgerufen haben: „Mein liebes Kind, das ist nicht meine Komposition; das haben Sie komponiert, nicht bloß gespielt“ (Nohl, Haydn Bd. 3, S. 239). Beethoven schenkte ihr das Autograph seiner Sonata Appassionata op. 57Louis-Joseph-Ferdinand Herold widmete der Pianistin später seine Sonate pour le Piano-forté op. 9 und Alexandre-Pierre-François Boëly seine Trente Caprices ou Pièces d’Etudes pour le Piano op. 2 (Beschreibungen beider Werke bei Georges Favre, La Musique française de piano avant 1830, Paris 1953, S. 100f, 105).

Die politischen Ereignisse veranlassten das Ehepaar Bigot de Morogues im Jahr 1809, nach Paris zu ziehen. Schon bald ließ sich die Pianistin auch hier hören, vorwiegend mit Kompositionen Mozarts und Beethovens. Marmontel bezeichnet sie als die einzige Clavierspielerin, die Hélène de Montgeroult das Wasser reichen könne. Ihr Spiel beschrieb er als „incomparable“, expressif“ und „coloré“ („unvergleichlich",„ausdrucksvoll", „farbig", S. 260). Zum Freundeskreis Marie Bigot de Morogues’ zählten u. a. Cherubini, Dussek, Johann Baptist Cramer und Hurel de Lamare. Außerdem gehörte sie wie Hélène de Montgeroult zum Kreis um Pierre Baillot. Mit ihm verband sie das Engagement für die Werke Joh. Seb. Bachs (vgl. den „Reisebrief“ Mendelssohns vom 20. Dez. 1831). Bei Cherubini und Auber nahm sie Unterricht in Harmonielehre und Komposition. In ihrem Salon verkehrten die berühmtesten Künstler ihrer Zeit.

1812 geriet Paul Bigot de Morogues in Wilno in Kriegsgefangenschaft. Er kehrte erst 1817 nach Paris zurück. In der Zwischenzeit lebte seine Frau von Klavierstunden. Ihr Unterricht war so erfolgreich, dass sie schnell eine große Klientel um sich scharen konnte. Die berühmtesten unter ihnen waren Felix Mendelssohn und seine Schwester Fanny (Fanny Hensel), die während ihres Aufenthalts in Paris im Jahr 1816 bei Marie Bigot Unterricht nahmen. Für ihren erstklassigen Ruf als Lehrerin spricht auch die Tatsache, dass Fannys Vater Abraham Mendelssohn noch 1820 von der Pianistin brieflich Ratschläge für seine Tochter einholte (Huber S. 35). Die Tage waren angefüllt mit zahlreichen Verpflichtungen wie Konzerten, Lektionen, Proben und der Erziehung der eigenen Kinder. Die gesundheitliche Konstitution Marie Bigot de Morogues’ allerdings schien diesen Anstrengungen nicht gewachsen: Sie starb mit nur 34 Jahren an einer Lungenentzündung.

Marie Bigot de Morogues war eine in ihrer Zeit hoch geachtete und berühmte Klaviervirtuosin, auch wenn sie keinerlei Konzertreisen unternahm. Sie trat öffentlich, vor allem aber in Salons auf. Sicher waren es neben ihrem ausgezeichneten Spiel auch ihr Wesen und ihre gesellschaftlichen Umgangsformen, die ihr eigenes Heim attraktiv machten. Das Umfeld, in dem sie sich bewegte, hatte zweifellos Einfluss auf ihr Spiel. Mahul beschreibt ihre spielerischen Eigenheiten als eine gelungene Mischung deutscher und französischer Stilelemente: „Au coloris mélancolique et mystérieux qui appartient à l’école allemande elle associa l’élégance sans matière, la finesse des nuances, la convenance des ornemens qui distinguent les virtuoses français“ („Mit der schwermütigen und geheimnisvollen Färbung, die der deutsche Schule eigen sind, verband sie die stofflose Eleganz, die Feinheit der Schattierungen, die Zweckmäßigkeit der Manieren, die die französichen VirtuosInnen auszeichnen"). 

Gleichzeitig fällt an der zeitgenössischen Berichterstattung auf, dass immer wieder die schwache Gesundheit Marie Bigot de Morogues’ betont wird: Der Geschlechtscharakter der Frau, wie er im Denken ihrer Zeit verankert war, ließ zwar künstlerische Begabungen und  – in Grenzen – auch Erfolge zu, forderte aber ebenso seinen Tribut vom Körper der Frau, der für derartige „unweibliche“ Anstrengungen nicht geschaffen schien. Marie Bigot de Morogues war in den Augen ihrer Zeitgenossen eine erstklassige Künstlerin und faszinierende Person, in ihrem Auftreten durchaus damenhaft zurückhaltend, doch als Musikerin wie als Lehrerin eine starke Persönlichkeit. Die Tatsache, dass sie den Anstrengungen einer solchen Berufstätigkeit gesundheitlich nicht gewachsen war, tat diesem Bild keinerlei Abbruch: Im Gegenteil, dies unterstrich es sogar.

 

„Dans cette maison naquit
le 2 mars 1 7 86
Marie Bigot de Morogues, née Kiéné.
Beethoven et Haydn furent les admirateurs fervents
de cette musicienne incomparable
qui prodigua ses conseils à F. Schubert enfant
et enseigna son art à F. Mendelssohn
Elle mourut à Paris en 1820
au printemps de sa vie.“

Inschrift am Geburtshaus Marie Bigot de Morogues’ in Colmar, zit. nach Krumpholtz S. 134

 

KOMPOSITIONEN FÜR KLAVIER

Sonate op. 1, Wien ca. 1806

Andante varié op. 2, Wien ca. 1805 (NA: Körborn 2011)

Rondeau, Paris 1818

Suite d’études, Paris 1817 oder 1818, Neudruck 1992

 

LITERATUR

AmZ 1805, Sp. 242, 469, 536; 1810, Sp. 290

ReichardtBMZ 1805, S. 174

Mahul, Michaud, Hoefer, Mendel, Paul, Fétis, Sitzmann, Ebel, MGG 1, Dufourcq, New Grove 1, Meggett, MGG 2000, New Grove 2001

Johann Friedrich Reichardt, Vertraute Briefe geschrieben auf einer Reise nach Wien und den Österreichischen Staaten zu Ende des Jahres 1808 und zu Anfang 1809, NA von Gustav Gugitz, 2 Bde., München 1915.

L. v. Beethoven, Briefwechsel, GA, Bd. 1, München 1996.

Antoine-François Marmontel, Les Pianistes célèbres. Silhouettes et Médaillons, Paris o. J.

M. Miel, „Biographie (de Madame Bigot)“, in: Revue Musicale 1833, S. 316-318.

Ludwig Nohl, Beethoven’s Leben, 3 Bde., Bd. 1, Wien 1867.

Ludwig Nohl, Haydn, Leipzig ca. 1880.

Eduard Hanslick, Geschichte des Concertwesens in Wien, 2 Bde., Bd. 1, Wien 1869, Repr. Hildesheim [u.a.] 1979.

Charles Krumholtz, „Une Colmarienne oubliée: Marie Bigot de Morogues“, in: La vie en AlsaceRevue mensuelle 1929, S. 127–134 .

Anna Gertrud Huber, Ludwig van Beethoven. Seine Schüler und Interpreten, Wien, Bad Bocklet, Zürich 1953.

Robert Perreau, „Une grande pianiste colmarienne. Marie Kiéné, épouse Bigot de Morogues“, in: Annuaire de Colmar 1962, S.  59–67.

Albert Palm, „La connaissance de l’œuvre de J. S. Bach en France à l’époque préromantique“, in: RM 1966, S. 88–114.

René Müller, Anthologies des compositeurs de musique d'Alsace, Colmar 1970.

Brigitte François-Sappey, „Pierre Marie François de Sales Baillot (1771 - 1842) par lui-même. Etude de sociologie musicale“, in: RMFC 1978, S. 126–211.

 

Claudia Schweitzer

 

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