Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Hemmings, Florence

Lebensdaten unbekannt, Violoncellistin und Violoncellolehrerin. Über die familiäre Herkunft von Florence Hemmings liegen derzeit keine Informationen vor. Zu ihren Lehrern zählte der Violoncellist Hugo Daubert.

Einer der frühen öffentlichen Auftritte der Musikerin erfolgte Ende Juni bzw. Anfang Juli 1877. Für diese Zeit ist ihre Mitwirkung in einer Matinee von Lindsay Sloper in den Londoner Willis’s Rooms belegt. Zu den weiteren Mitwirkenden zählte ihr Lehrer Hugo Daubert. Der Londoner „Standard“ kommentiert: „A young lady pupil of Herr Daubert, Miss Florence Hemmings, gave a violoncello solo in a manner betokening considerable promise“ (The Standard 5. Juli 1877). In den nächsten Jahren folgten weitere Auftritte in London (Apr. 1879; 15. Febr., 11. Mai, Nov. 1881; 14. Nov., 2. Dez. 1882), Birmingham (Nov. 1881) und Lichfield (Jan. 1883). Anschließend unterbrach die Cellistin für knapp vier Jahre ihre Konzertlaufbahn. Erst Ende des Jahres 1886 setzte sie ihr öffentliches Wirken fort. In der Zwischenzeit hatte die Musikerin am 1885 gegründeten Ladies’ Department des Londoner King’s College eine Stelle als Cellolehrerin angetreten. Unter ihren KollegInnen befanden sich dort auch Emily Shinner, später verh. Liddell (Violine), Lucy Stone (Violine) und Cecilia Gates (Viola). Diese Musikerinnen traten, mit Emily Shinner als Primaria und Namensgeberin, seit Ende des Jahres 1886 als festes Kammermusikensemble öffentlich in Erscheinung. Am 4. (Poplar Town Hall) und 6. Dez. (Omega Hall) 1886 konzertierte das Shinner Quartet in London.

Als eines der ersten ganz aus Frauen bestehenden Streichquartette fand das Ensemble in der Presse reichlich Beachtung. Im Apr. 1887 schreibt die „Musical World“: „A novelty unique of its kind in London, and probably elsewhere, has added a new phase to our musical life in the form of a string quartet composed entirely of ladies. It is gratifying to state that the first performance of the Ladies’ quartet, composed of Miss Emily Shinner, Miss Holliday (vice Miss Lucy Stone, who was unable to appear), Miss Cecilia Gates and Miss Florence Hemmings possessed, besides the charm of the innovation, that of considerable executive merit. […] Miss Florence Hemmings showed unusual proficiency both with the bow and on the fingerboard of the difficult violoncello“ (MusW 1887, S. 277). Auch in den folgenden Jahren erfuhr das Ensemble eine außerordentlich freundliche Aufnahme in der Presse. Die „Musical World“ charakterisiert das Shinner Quartet als „a great attraction, their delightful ensemble-playing being of the highest order. Moreover, each lady is a soloist of great merit, who has mastered every technical impediment“ (MusW 1888, S. 157). In den „Musical News“ heißt es: „There are not too many opportunities, even in London, of hearing such well-balanced ensemble playing as that of the Shinner Quartet“ (Musical News 1893 I, S. 533).

Zentraler Wirkungsort des Ensembles war London. Daneben konzertierten die Musikerinnen aber auch in Birmingham sowie in Tunbridge Wells, Huddersfield, Cheltenham, Southsea, Stow-on-the-Wold und Cardiff. Hinsichtlich ihres Repertoires äußerten sie „the purpose of presenting to their patrons performances of the quartets of the great classic, and the more modern masters“ (Musical News 1897 I, S. 586). Die Programme enthielten u. a. Quartette von Haydn (D-Dur Hob. III:69, C-Dur Hob. III:77 Kaiserquartett, G-Dur Hob. III:81,1), Mozart (C-Dur KV 465 Dissonanzen-Quartett), Beethoven (Nr. 3 D-Dur op. 18 Nr. 3, Nr. 4 c-Moll op. 18 Nr. 4, Nr. 5 A-Dur op. 18 Nr. 5, Nr. 6 B-Dur op. 18 Nr. 6), Schubert (Nr. 13 a-Moll D 804 Rosamunde), Mendelssohn (Nr. 1 Es-Dur op. 12, Nr. 4 e-Moll op. 44 Nr. 2, Nr. 5 Es-Dur op. 44 Nr. 3), Schumann (F-Dur op. 41 Nr. 2), Brahms (a-Moll op. 51 Nr. 2, Nr 3 B-Dur op. 67), Friedrich Gernsheim (Nr. 1 c-Moll op. 25) und Dvořák (Nr. 10 Es-Dur op. 51). Auch Klavierquintette waren im Repertoire enthalten, darunter solche von Dvořák (Nr. 2 A-Dur op. 81) und Brahms (f-Moll op. 34). Als KonzertpartnerInnen wurden mehrfach PianistInnen aus der Schule Clara Schumanns herangezogen, darunter Leonard Borwick, Fanny Davies, Ilona Eibenschütz, Emily Gilloch, Natalie JanothaOlga NerudaMary Wurm und Margaret Wild, außerdem befanden sich unter den MitmusikerInnen die GeigerInnen Marie Soldat-Röger und Johann Kruse sowie die PianistInnen Agnes Miller, Agnes Zimmermann, Annie Fry, Agnes Shinner und Henry Charles Lahee.

Emily Shinner, Lucy Stone und Cecilia Gates ließen sich auch solistisch hören. Zu den Beiträgen der Cellistin zählten u. a. Sonaten von Arcangelo Corelli (d-Moll op. 5 Nr. 8), Benedetto Marcello (F-Dur op. 1 Nr. 1), Luigi Boccherini (A-Dur), Felix Mendelssohn (Nr. 2 D-Dur op. 58) und Anton Rubinstein (Nr. 1 D-Dur op. 18), Schumanns Adagio und Allegro für Violoncello (oder Horn) und Klavier As-Dur op. 70, dessen Stücke im Volkston op. 102 sowie Kompositionen von Schubert.

Offenbar trat die Musikerin auch in anderen Formationen auf. Am 8. Juli 1887 musizierte Florence Hemmings in einem Konzert von William de Manby Sergison in der Prince’s Hall [sic] in London mit Frank Arnold (Violine) und William de Manby Sergison (Klavier) ein Klaviertrio von Niels Wilhelm Gade. Die Zeitung „The Era“ nimmt ihren Auftritt zum Anlass, auf die Besonderheit von Violoncellistinnen zu verweisen: „It is so rare to see a lady violoncellist, that the curiosity of the audience was excited. Miss Hemmings proved herself a thoroughly excellent performer, producing good tone, and her execution was firm and clear“ (The Era 16. Juli 1887). Weitere Auftritte der Cellistin erfolgten in Essex (23. März 1888), London (3. Juli 1888, 1890/1891, 9. März 1893) und Rotherham (Yorkshire, 1892, mit dem Geiger Bromley Booth).

In der Presse wurden ihre Leistungen ausnahmslos positiv rezensiert. Der „Derby Mercury“ attestiert der Violoncellistin „extraordinary command and mastery of all the resources of the instrument, […] fullness of tone,[…] perfect stopping, and […] rapid bowing“ (The Derby Mercury 17. Jan. 1883), die „Western Mail“ lobt ihre „perfect mastery over her instrument, which, by-the-bye, was one of wonderful tone“ (Western Mail 14. Jan. 1887), und auch die „Birmingham Daily Post“ äußert sich beifällig über ihren „full yet mellow tone“, erkennt außerdem „much feeling and refinement“ (Birmingham Daily Post 26. Okt. 1888). Die „Musical World“ bezeichnet Florence Hemmings sogar als „the best lady violoncellist known to us“ (MusW 1890, S. 337).

Florence Hemmings befand sich von der Gründung bis zur Auflösung des Shinner Quartet kurz nach der Jahrhundertwende in dem Ensemble. Dieses konzertierte bis Anfang der 1890er Jahre in seiner ursprünglichen Besetzung. 1891 übernahm für einige Zeit Agnes Tschetschulin die zweite Geige. Spätestens 1893 überließ sie diese Stelle wieder Lucy Stone. 1897 trat Emily Shinner aus dem Quartett aus, „who will still be heard as soloist at concerts“ (Musical News 1897, S. 586). Ihre Stelle nahm die Joachim-Schülerin Gabriele Wietrowetz ein. Diese hatte zuvor insbesondere als Solistin erfolgreich in Europa konzertiert. Am 16. Nov. 1897 erfolgte im Albert Institute in Windsor das erste Konzert unter der neuen Primaria. Das Programm enthielt Quartette von Mozart und Beethoven. Die „Musical News“ urteilen: „With such a leader, and such experienced players, there could be but one result, and the quartet playing was perfection“ (Musical News 1897, Nov., S. 478). Für die folgenden Jahre lassen sich nur wenige Konzerte des Wietrowetz-Quartet belegen. Anfang Juni 1898 ließen sich die Musikerinnen in London mit Schuberts Quartett Nr. 14 d-Moll D 810 Der Tod und das Mädchen und Brahms Klavierquintett f-Moll op. 34 hören. „The ensemble, so die „Musical News“, „was all that could be desired, and much enthusiasm was evoked by the performance“ (Musical News 1898 I, S. 578). Ebenfalls mit Brahms’ Klavierquintett und dem Streichquartett Es-Dur KV 428 von Mozart präsentierte sich das Quartett in einem eigenen Konzert in der Londoner Steinway Hall im Frühjahr 1899. Anfang Nov. 1901 konzertierten die Musikerinnen möglicherweise letztmalig als Ensemble in der Londoner Bechstein Hall. Das Programm enthielt Schumanns Quartett a-Moll op. 41 Nr. 1 und Mozarts Klavierquartett g-Moll KV 478 (mit Margaret Wild). Gabriele Wietrowetz kehrte wenig später nach Deutschland zurück und nahm zum Studienjahr 1901/1902 eine Lehrtätigkeit an der Königlichen Hochschule für Musik in Berlin auf.

Mit der Auflösung des Ensembles beendete Florence Hemmings offenbar ihre Konzerttätigkeit. Hinweise auf weitere Auftritte der Violoncellistin fehlen. Ein letzter Auftritt lässt sich für den 9. Nov. 1906 belegen. In einem Konzert der Oxford Ladies’ Musical Society spielte die Violoncellistin mit Cecilia Gates, Marie Soldat-Röger und der Pianistin Clare Fry Brahms’ Klavierquartett A-Dur op. 26.

 

Das Shinner-Quartett mit Florence Hemmings als Violoncellistin.

 

LITERATUR

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Derby Mercury 17. Jan. 1883

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Leeds Mercury 13. März 1890

Lloyd’s Weekly Newspaper 22. Mai 1881

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Musical Opinion and Music Trade Review 1894, Juni, S. 560

Musical Standard 1881 I, S. 133; 1882 II, S. 330, 376; 1888 I, S. 148, 321; 1888 II, S. 321, 351 (Suppl.), 415; 1890 II, S. 439, 957, 498 (Suppl.); 1895 I, S. 335; 1897 I, S. 123, 150

MusT 1879, S. 186; 1887, S. 604, 750; 1888, S. 26, 37, 666; 1889, S. 345; 1890, S. 285f., 742; 1899, S. 265

MusW 1880, S. 723; 1881, S. 307, 745; 1886, S. 776; 1887, S. 240, 277, 454, 478; 1888, S. 157, 244, 504, 900; 1890, S. 337, 896

The Organist and Choirmaster. A mid-monthly Musical Journal 1902, Jan., S. 222

Oxford Magazine 1906, 7. Nov., S. ro

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http://www.concertprogrammes.org.uk/html/search/verb/GetRecord/4410, Zugriff am 25. Aug. 2013.

 

Bildnachweis

Ehrlich, S. 77.

 

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