Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Jeppe, Elisabeth (Helene Maria Tina Ottilie)

* 15. Dez. 1868 in Schwerin, † 19. Jan. 1923 ebd., Pianistin und Klavierlehrerin. Als jüngere Tochter des Postschreibers Heinrich Gottlieb Jeppe und seiner Frau Emmy geb. Behrend wuchs Elisabeth Jeppe in Schwerin auf. Ihre Schwester Clara (* um 1860, später verheiratet mit dem Schweriner Musikdirektor Fritz Becker (1839–1903)) ist nicht als Musikerin in Erscheinung getreten.

Die Mutter, eine am Stern’schen Konservatorium in Berlin ausgebildete Sängerin und Pianistin, wandte sich mit der fünfjährigen Elisabeth Jeppe an den Schweriner Hofpianisten August Goltermann (1826–1890), von dem das Mädchen die erste musikalische Ausbildung erhielt. Zusammen mit der jüngsten Tochter – aber ohne Ehemann, von dem sie sich 1875 scheiden ließ, und ohne ihre Tochter Clara – zog Emmy Jeppe im Jahre 1874 nach Berlin, wo die junge Pianistin an der Neuen Akademie der Tonkunst von Theodor Kullak (1818–1882) unterrichtet wurde, zu dessen Schülern unter anderem auch Xaver und Philipp Scharwenka zählten. Von 1878 an wurde die Ausbildung am Stuttgarter Konservatorium für Musik bei dem Liszt-Schüler Dionys Pruckner (1834–1896) und dem Mitbegründer der Einrichtung, Sigmund Lebert (1821–1884), fortgesetzt. Während der Sommermonate befand sich Elisabeth Jeppe fünf Jahre in Folge in Weimar, wo sie Unterricht von Liszt (1811–1886) erhielt. Über diese Ausbildung schreibt ein Korrespondent der „Neuen Zeitschrift für Musik“: „Seinen Schülern widmete der liebenswürdige Meister […]wöchentlich drei Nachmittage […]. In jugendlicher Frische hört, spielt, kritisiert und conversirt der unerschöpfliche Meister, daß man mit einem wahren ‚Goldregen‘ von überaus feinen kritischen Bemerkungen und bisweilen auch sarkastischen Apercus überschüttet und geblendet wird. Letztere Aussagen schlagen oft geradezu bombenmäßig ein, bisweilen wiederum durch ein sanft- und gutmüthiges Wörtchen entsprechend gemildert“ (NZfM 1883, S. 138). Nach Abschluss der Ausbildung in Stuttgart ging Elisabeth Jeppe erneut nach Berlin. Am Klindworth-Scharwenka Konservatorium studierte sie bei Xaver Scharwenka (1850–1924) Klavier. „Sein Einfluß und seine Erfahrung waren der unermüdlich vorwärts strebenden Künstlerin“, wie Anna Morsch schreibt,„von hohem Werth“ (Morsch, S. 174). Während ihres Studiums unternahm die Pianistin im Frühjahr des Jahres 1883 eine Konzertreise nach England. Am 12. Apr. spielte sie neben weiteren Musikern unter der Leitung von Jules Benedict und Wilhelm Ganz im Rahmen einer Jubiläumsfeier der „Society of Friends of Foreigners in Distress“ in den Londoner Williss Rooms.

Ende des Jahres befand sie sich wieder in Berlin. Wie die „Neue Berliner Musikzeitung“ berichtet, trat sie zu dieser Zeit am Klindworth-Scharwenka-Konservatorium innerhalb eines Prüfungskonzerts auf. Darin spielte sie den 2. und 3. Satz aus Beethovens Klavierkonzert Nr. 3 in c-Moll op. 37. Am 30. Apr. 1884 erfolgte ein Auftritt der Künstlerin in der Londoner Steinway Hall, bei dem sie Werke von Anton Rubinstein, Chopin, Schumann, Liszt und Moritz Moszkowsky vortrug. Eine im Jan. 1884 erschienene Anzeige in der „Times London“, in der die Pianistin um SchülerInnen wirbt, lässt vermuten, dass Elisabeth Jeppe ihren Lebensunterhalt in England neben Auftritten auch durch das Erteilen von Unterricht bestritten hat.

1885 scheint sie noch am Klindworth-Scharwenka-Konservatorium eingeschrieben gewesen zu sein. So trat sie am 9. Mai dieses Jahres zusammen mit dem Pianisten José Vianna da Motta in einem Schülerkonzert des Konservatoriums auf und spielte darin das Klavierkonzert Nr. 2 in g-Moll op. 22 von Saint-Saëns. Überaus positiv berichtet ein Rezensent des „Monthly Musical Record“: „The lady astonished her hearers by the power and the beauty of her tone and phrasing“ (Monthly Musical Record 1885, S. 125).

Erste eigene Konzerte erfolgten seit 1886. Am 8. Jan. des Jahres trat Elisabeth Jeppe in Berlin auf, begleitet vom Philharmonischen Orchester unter der Leitung von Xaver Scharwenka. Neben dem Klavierkonzert Nr. 2 f-Moll op. 21 von Chopin spielte sie Schumanns Klavierkonzert a-Moll op. 54, Beethovens Sonate Nr. 17 d-Moll op. 31 sowie weitere Stücke von Chopin und Joachim Raff. Ein ähnliches Programm wählte sie bei ihrem Auftritt am 24. März desselben Jahres, ebenfalls mit dem Philharmonischen Orchester unter der Leitung von Xaver Scharwenka, der hier von einem Rezensenten der „Neuen Zeitschrift für Musik“ noch als ihr Lehrer bezeichnet wird (siehe NZfM 1886, S. 165).

Seit Ende der 1880er Jahre unterrichtete die Künstlerin selbst am Klindworth-Scharwenka-Konservatorium das Fach Klavier. Der Zeitschrift „Signale für die musikalische Welt“ zufolge war sie dort bis zum Jahre 1898 als Dozentin tätig. Ebenfalls Ende der 1880er Jahre wurde sie von der Agentur Gnevkow und Sternberg unter Vertrag genommen. Neben zahlreichen Auftritten in Berlin führten Konzertreisen die Pianistin durch viele Städte. Sie gastierte unter anderem in Königsberg (1888), Leipzig (1889/u. 1896), Hannover (1891), Dresden (1892), Hamburg (1892), Bremen (1892 u. 1896), Prag (1899) und Stettin (1903). Während eines Aufenthalts in ihrer Heimatstadt Schwerin wurde sie am 18. Juni 1889 zur Großherzoglichen Hofpianistin ernannt.

In Berlin veranstaltete sie zusammen mit Xaver Scharwenka zahlreiche Klavierabende und trat außerdem mit dem Geiger Waldemar Julius Meyer in vielen Kammermusikkonzerten auf. Seit Anfang der 1890er arbeitete sie vermehrt auch als Klavierbegleiterin. In den Jahren 1891 und 1892 begleitete sie offenbar die Sängerin Hermine Spieß auf einer Konzertreise, die sie unter anderem nach Hannover, Dresden, Hamburg und Bremen führte.

Sehr häufig brachte Elisabeth Jeppe Werke ihrer Lehrer Liszt und Scharwenka zur Aufführung sowie Kompositionen von Beethoven, Schumann, Saint-Saëns, Rubinstein und Raff. Ein Großteil ihres Repertoires bestand daneben aus Werken Chopins, den Anna Morsch als „Spezialität“ der Künstlerin bezeichnete: „mit ganz besonderer Vorliebe und außerordentlichem Gelingen hat sie sich in die Muse des träumerischen Tondichters versenkt und weiß dem poesieerfüllten Inhalt in feinsinnigster Weise gerecht zu werden“ (Morsch, S. 174).

Die Einschätzung ihrer musikalischen Fähigkeiten durch zeitgenössische Rezensenten fiel, abgesehen von einigen wenigen Ausnahmen, zumeist positiv aus. In der Zeitschrift „Signale“ bescheinigt man ihr eine „virtuose Technik“ sowie „Geschmack und regen musikalischen Sinn“ (Signale 1892, S. 490). Diverse Kritiken enthielten neben Lob zugleich auch Vorschläge zur Verbesserung der musikalischen Vorträge, so auch in der „Neuen Zeitschrift für Musik“: „Frl. Jeppe besitzt für ein academisches Clavierspiel alle Fähigkeiten, welche zu pianistischen Erfolgen berechtigen werden. Die Pianistin muß aber das Ueberhetzen der Tempi vermeiden, unter welchem ihre sehr brillante Technik unklar wird und auch die Auffassung der Composition verloren geht. […Sie]ist sehr talentirt und kann eine bedeutende Pianistin werden, wenn sie sich in ihren Vorträgen bemüht, den Pedalgebrauch einzuschränken, um Klarheit und richtige Vertheilung von Licht und Schatten zu gewinnen“ (NZfM 1895, S. 138). Ähnlich klingt das Urteil eines Rezensenten der „Neuen Berliner Musikzeitung“, der der Pianistin „ein hervorragendes Talent sowohl wie weiterentwickelte Technik und auch Wärme der Empfindung“ bescheinigt. Daneben gibt er jedoch zu bedenken: „Das stürmische Feuer, welches sie häufig noch verführt, über die Grenzen des Maassvollen hinauszugehen, wird sie hoffentlich bald dämpfen lernen, und dann dürfte sie wohl zu den hervorragenden Pianistinnen zählen“ (Bock 1886, S. 13f.). In einer wenige Jahre später in derselben Zeitung erschienenen Rezension heißt es: „Wir wissen kaum eine zweite Künstlerin, die so anmuthig und elegant Klavier zu spielen versteht wie sie, und steigen dem Zuhörer auch bezüglich ihrer Auffassung hin und wieder Meinungsverschiedenheiten auf, so wollen sie nicht viel besagen: neben den bereits erwähnten äußeren Vorzügen, über die Frl. Jeppe verfügt, stehen ihr auch noch so viele künstlerisch werthvolle Eigenschaften zur Seite, dass man ihr Spiel zum mindesten immer interessant finden wird. So manche Stellen in den beiden Konzerten hätten wir etwas männlich und geistig ausgereifter gewünscht“ (Bock 1892, S. 590).

 

LITERATUR

Brief von Clara Becker geb. Jeppe an den Schweriner Musikhistoriker Hermann Milenz (1877–1943) vom 13. Febr. 1929. Besitz der Landesbibliothek Mecklenburg-Vorpommern.

Anon., Jeppe, Elisabeth, Handschriftlicher biographischer Artikel, Besitz der Landesbibliothek Mecklenburg-Vorpommern.

Herbert A. Peschel, Genealogie der Familie Jeppe, unveröffentlichter Privatbesitz Herbert A. Peschel.

Bock 1883, S. 45; 1886, S. 13f., 180, 388; 1887, S. 46, 77; 1889, S. 327, 370, 376; 1892, S. 551, 590, 606; 1893, S. 75, 553; 1895, S. 438; 1896, S. 418

FritzschMW 1890, S. 372f.; 1896, S. 279

Magazin für die Literatur des Auslandes 1896, Sp. 1552

Monthly Musical Record 1885, S. 125; 1887, S. 21

Musical Standard 1884 I, S. 291

Musikalisches Centralblatt 1883, S. 90, 138, 378

Musikpädagogische Blätter 1900, S. 6

The New York Times 12. Nov. 1899

NZfM 1881, S. 100, 529; 1886 S. 165, 220, 232, 240; 1889, S. 564f.; 1891, S. 505; 1895, S. 138; 1896, S. 246

Die Redenden Künste. Leipziger Konzertsaal. Zeitschrift für Musik und Literatur unter spezieller Berücksichtigung des Leipziger Musiklebens, Bd. 2, 1896, S. 561

Regierungsblatt für Mecklenburg-Schwerin 1889, S. 117

The Times London 1883, 12. Apr.; 1884, 10. Jan.

Zeitschrift der Internationalen Musikgesellschaft 1903, S. 136, 145

Illustriertes Konversationslexikon der Frau, 2 Bde., Bd. 2, Berlin 1900.

Programm-Buch der Concerte der Berliner Philharmonischen Gesellschaft, hrsg. von den Berliner Philharmonikern, Berlin 1886–1896.

Anna Morsch, Deutschlands TonkünstlerinnenBiographische Skizzen aus der Gegenwart, Berlin 1893.

Großherzoglicher Mecklenburg-Schwerinischer Staatskalender, hrsg. von dem Großherzoglichen Statistischen Amt, Schwerin 1908.

Clemens Meyer, Geschichte der Mecklenburg-Schweriner Hofkapelle. Geschichtliche Darstellung der Mecklenburg-Schweriner Hofkapelle von Anfang des 16. Jahrhunderts bis zur Gegenwart, Schwerin 1913.

Hugo Leichtentritt, Das Konservatorium der Musik Klindworth-Scharwenka, Berlin 1881–1931. Festschrift aus Anlass des fünfzigjährigen Bestehens, Berlin 1931.

Carl Lachmund, Mein Leben mit Franz Liszt. Aus dem Tagebuch eines Liszt-Schülers, Eschwege 1970.

Peter Muck, Einhundert Jahre Berliner Philharmonisches Orchester, 3 Bde., Bd. 3: Die Mitglieder des Orchesters, die Programme, die Konzertreisen, Erst- und Uraufführungen, Tutzing 1982.

Alan Walker, Franz Lisz., The final years: 1861–1886, 3 Bde., Bd. 3, New York 1997.

 

Bildnachweis

Künstlerporträt Elisabeth Jeppe. Bildersammlung der Landesbibliothek Mecklenburg-Vorpommern (Schwerin), Bisa 1165.

 

Annkatrin Babbe

 

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